Willkommen in der neuen KlassikWoche,

heute mit unappetitlichen Details aus dem Alltag von „El Sistema“, einer Debatte um Grütters Staats-Kohle und einem legendären Treffen mit Hans Werner Henze. 

DAS ENDE VON „EL SISTEMA“ 

José Antonio Abreu  und die Musikschule El Sistema

Vor über einem Jahr habe ich an dieser Stelle bereits über ein Gespräch mit dem Journalisten Geoff Baker berichtet, der seit Jahren über die Geschichte des venezolanischen Musik-Systems „El Sistema“ recherchiert. Seither ist es „ein offenes Geheimnis“ (so wie es bei James Levine ebenfalls immer ein „offenes Geheimnis“ war), dass die Musikschule um ihren Gründer José Antonio Abreu eine ekelhafte Institution war, in der Pädophilie, Demütigungen und selbst Vergewaltigungen junger Musikerinnen gang und gäbe waren. All das offenbart auf erschreckende Weise nun auch ein Artikel der Washington Post, nach dessen Lektüre jeder Intendant, der das Orchester trotz aller „offenen Geheimnisse“ noch eingeladen hat, sich schämen sollte. Spätestens jetzt ist klar: Die vermeintliche Vorzeigeschule „El Sistema“ war für viele junge Musikerinnen und Musiker eine wahre Hölle. Es ist an der Zeit, auch die europäische Abteilung von „El Sistema“ zu befragen, unter ihnen Marshall Marcus oder Maria Majno, die noch immer EU-Steuergelder bekommen, um den Namen eines Systems zu promoten, das offensichtlich vollkommen gegen europäische Werte verstößt? Liebe EU-Kulturpolitiker – könnt Ihr das bitte klären?

WALKÜREN-PODCAST UND KONZERTHAUS COMIC

Aus der Graphic Novel von Felix Pestemer über das 200. Jubiläum des Konzerthauses in Berlin

Ich werde nie vergessen, wie ich mit Englands Loriot, mit Stephen Fry, die Live-Übertragungen für Sky England von den Bayreuther Festspielen übertragen habe. Ein wunderbarer, verrückter Wagnerianer, der nun der Erzähler in einem wunderbaren, verrückten Wagner-Podcast ist, an dem neben der Niederländischen Oper auch die Staatsoper Hannover beteiligt ist. 

Der Podcast „Soft Valkyrie“ erzählt auf den gängigen Streaming-Plattformen die Geschichte von Wagners Oper über Liebe, Inzest und Verrat. Die Produktion von David Kanaga ist unbedingt hörenswert! Dazu passt übrigens, dass der Künstler Felix Pestemer zum 200. Jubiläum des Konzerthauses in Berlin eine Graphic Novel gemalt hat, die nun im Berliner avant-verlag erschienen ist. Der Band bietet Klassik-Neulingen und allen Interessierten einen guten Einstieg in die Geschichte des 1821 eröffneten Baus, kann aber auch Kenner der Historie mit manch kurioser Anekdote überraschen.

WO IST DENN DAS GELD GEBLIEBEN? 

Es hat gedauert, bis die Corona-Krise fast zu Ende war, bis die deutsche Kulturpolitik von Monika–ich-kündige-einfach-mal-alles-an-Grütters so etwas wie passgenaue Konzepte für die Kulturlandschaft aufgelegt hat. Immerhin: 2,5 Milliarden Euro fließen in das neue Kulturpaket, mit dem Veranstalter unterstützt werden sollen, die weiterhin gezwungen sind, vor geringerem Publikum zu spielen (jede verkaufte Karte soll mit 100 Prozent subventioniert werden), und zum anderen Veranstalter, die das Risiko einer Absage auf sich nehmen (da springt der Staat jetzt ein). „Immerhin“, könnte man sagen, „ein positives Zeichen in der aktuellen Aufbruchsstimmung.“ Aber, es wird in Zukunft wohl auch darum gehen, genau hinzusehen, was mit den bisherigen Hilfsgeldern passiert ist. Das, so hört man, passiert gerade bei der Rundfunk Orchester und Chöre gGmbH Berlin (ROC) von Anselm Rose in Berlin. 

Aber auch andere Theater, Opernhäuser und Orchester werden wohl noch gefragt werden: „Was ist eigentlich mit den Geldern passiert, die Ihr mehr eingenommen habt, obwohl Ihr Euren Laden dicht gemacht habt?“ Viele Institutionen haben zusätzlich zu Subventionen auch Kurzarbeitergeld kassiert und darüber hinaus auch noch gespart, indem sie keine Gelder in laufende Produktionen stecken mussten. Viele Theater stehen finanziell jetzt besser da, als wenn sie gespielt hätten. Das alles in einer Zeit, in der soloselbstständige Künstlerinnen und Künstler grundlegende Existenzängste hatten. Eine Aufarbeitung dieses Zwiespaltes steht noch aus. 

DRESDNER ALLERLEI

An dieser Stelle haben wir die Rolle von Christian Thielemann immer wieder beleuchtet – offen, realistisch und aus verschiedenen Perspektiven. Was in diesen Tagen erstaunt, ist, wie viele Kommentatoren die letzten Jahre still und schweigend beobachtet haben, um nun umso genussvoller nachzutreten. Es zeigt sich, dass die öffentliche Meinung ein merkwürdiges Geschäft mit vielen Fähnlein im Wind ist. Vollkommen ohne Öffentlichkeit hat Thielemann am Donnerstag nach einer Probe zu seiner Staatskapelle gesprochen.

CRESCENDO-Podcast: Hidden Secrets of Classical Music – Folge 5
„Bitte schreiben Sie Musik wie Wagner, nur lauter!”
Detektivgeschichten aus der Welt der Klassik

Emotional und leidenschaftlich sei es zugegangen, heißt es, keine Abrechnung, sondern eine Liebeserklärung in schwierigen Zeiten. Manche Kollegen handeln derzeit Joana Mallwitz als Nachfolgerin, ich halte das noch für Kaffeesatzleserei, ebenso wie die Mär von einer Findungskommission, die angeblich bereits einberufen sei. Kommendes Wochenende sind Thielemann und Kapelle erst einmal gemeinsam auf Tournee, unter anderem in Wien: Ich werde hingehen!

PERSONALIEN DER WOCHE

Wie es in Bayreuth wird: Public Viewing? Publikumsgröße? Kinoübertragungen?… Das weiß derzeit nur Katharina Wagner – wenn überhaupt. Umso spannender für alle Wagnerianer, sich die Zeit mit einem neuen Spielzeug zu vertreiben: Der Nachlass von Richard Wagner im Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth ist ab sofort in einer Online-Datenbank verfügbar. Die Adresse zum Wagner-Glück: www.wagnermuseum.de/sammlung-online. +++ Der Sänger Christian Gerhaher ist mit seiner Bewegung #aufstehenfuerdiekunst endgültig mit seiner Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht gescheitert. Aber, hey: Er singt ja wieder, und das macht er auch wesentlich besser als Politik. Zu sehen ist das derzeit im Stream von Aribert Reimanns Lear“ an der Bayerischen Staatsoper in München auf arte. +++ 

Der Verwaltungsrat des Deutschen Bühnenvereins hat Claudia Schmitz zu seiner neuen Geschäftsführenden Direktorin gewählt. Sie wird ihre Tätigkeit am 1. Januar 2022 aufnehmen und übernimmt damit die Nachfolge von Marc Grandmontagne, der nach fünf Jahren sein Amt aus familiären Gründen abgibt. +++ Sir Peter Jonas war eine Intendanten-Legende an der Bayerischen Staatsoper in München. Dem Deutschlandfunk gefällt eine neue Biografie, die Julia Glesner über ihn verfasst hat. +++ Letzte Woche haben wir über den Austritt von sechs Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus der Bayerischen Akademie der Schönen Künste berichtet – nun erklärt Georg M. Oswald in der Süddeutschen, warum dieser Schritt nötig war und ob er eine Zukunft für die überalterte Institution sieht.

UND WO BLEIBT DAS POSITIVE, HERR BRÜGGEMANN?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Für mich ganz persönlich: dass es endlich wieder losgeht. So wie die Künstlerinnen und Künstler war das letzte Jahr auch für uns Moderatorinnen und Moderatoren nicht immer ganz leicht – meine erste Reise führt mich nun nach Brixen: Das neue Festival, die Brixen Classics, eröffnen hier im wunderschönen Südtirol meine ganz persönliche Klassik-Saison. Dabei vom 13. bis 20. Juni sind bei Konzerten zwischen Wein und Kulinarik die wunderbare Camilla Nylund, der Oboist Albrecht Mayer und – eingesprungen für Piotr Beczała – der Tenor Juan Diego Flórez. Vielleicht sehen wir uns ja in Brixen, wenn der Klassik-Sommer endlich beginnt? Und noch etwas Positives habe ich: In meinen alten Aufnahmen habe ich eines der inspirierendsten Gespräche gefunden, die ich in meiner Karriere geführt habe. Ein Interview mit Hans Werner Henze. Ich habe es mal auf Hörlänge zusammengeschnitten und lege es Ihnen mit großem Schmunzeln ans Ohr.

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

AXEL BRÜGGEMANN

[email protected]

P.S.: Ich habe in der letzten Woche derart viele Leserbriefe bekommen, dass mir zum ersten Mal die Zeit gefehlt hat, alle zu beantworten – ausgerechnet jene, die „nur Mal loben wollten“, sind zu kurz gekommen. Keine Sorge: Antwort kommt noch, aber an dieser Stelle schon Mal kollektiv: Danke für Ihre Treue! 

1 COMMENT

  1. Auch wenn man bei dem Thema zur Zeit keine Differenzierungen hören möchte, möchte ich doch nach der Lektüre des Kommentars der „Washington Post“ einwerfen, dass der übermittelte faktische Gehalt der Vorwürfe keineswegs Brüggemanns Konklusion impliziert dass „El Sistema“ eine „ekelhafte Institution“ ist. 

    Dies wäre der Fall, wenn dieses Programm in die Welt gesetzt worden wäre, um Kinder zu missbrauchen. Dies scheint aber nicht der Fall zu sein. Es handelt sich um ein im Ansatz durchaus ehrenwertes Programm, das durch das abscheuliche Fehlverhalten einzelner Lehrer in Verruf geraten ist. Genausowenig wie der Missbrauch von Kindern durch katholische Prieser dazu führen sollte, die katholische Kirche allgemein als Verbrecherorganisation zu bezeichnen, mit der man niemals irgendetwas zu tun haben darf, scheint eine hysterische Reaktion im Falle von „El Sistema“ angebraucht.

    Der Grundgedanke Kinder aus den Slums zur klassischen Musik heranzuführen scheint mir noch immer lobenswert zu sein, und die Erfolge sind mehr als beachtenswert. Brüggemanns übertriebene Wortwahl suggeriert (etwas überspitzt formuliert), man könne nun Dudamel in „Los Angeles“ als Schwerverbrecher festnehmen, da er doch weltweit das täuschende harmlose Gesicht einer Schwerverbrecherorganisation ist. Dudamel ist für mich ein zu sehr gehypter mittelmäßiger Dirigent, aber mehr nicht (natürlich kann ich für sein Verhalten nicht die Hand ins Feuer legen, aber ich gehe mal von einer Unschuldsvermutung aus, die auch für viele andere in „El Sistema“ gelten sollte).

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