Willkommen in der neuen KlassikWoche,

heute mit dem Finale für Karlsruhes Intendanten Peter Spuhler, einer Debatte über Klassik im Fernsehen und mit aktuellen Updates aus den Festspielstädten.

KARLSRUHE: RAUSWURF VOR DER SOMMERPAUSE 

Damit hat niemand mehr gerechnet: Eigentlich war die Ära von Karlsruhes Intendant Peter Spuhler schon Geschichte. Nach Vorwürfen über cholerische Anfälle, die auch an dieser Stelle schon früh erhoben wurden, sollte sein Vertrag nach der Sommerpause nicht verlängert werden. Nun wurde Spuhler kurz vor der Sommerpause doch noch rausgeworfen. Der Verwaltungsrat habe den 56-Jährigen in einer Sondersitzung mit sofortiger Wirkung abberufen, teilte das baden-württembergische Kunstministerium mit. Die Entscheidung fiel einstimmig. Über die Gründe wird Stillschweigen bewahrt, aber man kann sich denken, dass dieser Schritt etwas mit der Kritik an Spuhlers Führungsstil zu tun hat, ihm wurden „Kontrollzwang, beständiges Misstrauen und cholerische Ausfälle“ vorgeworfen.

Man könnte diese Entscheidung als weiteren Schritt im Kampf gegen Intendanten-Willkür an Theatern verstehen, doch ausgerechnet jetzt berichtet das österreichische Magazin „Profil“ darüber, dass Wutausbrüche, Angst und sexuelle Grenzüberschreitungen auch an kleinen Theatern gang und gäbe seien: „Die Intendantin droht einer jungen Schauspielerin, dass ihr Vertrag nur dann verlängert werde, wenn sie einem Regisseur gefalle, der als cholerisch gilt. Ein älterer Dramaturg versucht eine Nachwuchsschauspielerin in seiner Wohnung zu küssen. Eine Frau muss eine Vergewaltigungsszene spielen; der Regisseur zeigt dem männlichen Hauptdarsteller, wie er ihr an die Brüste greifen muss, damit es möglichst brutal aussieht.“ Es gibt noch viel zu tun! 

KLASSIK IM FERNSEHEN – AUS AKTUELLEM ANLASS

Okay, ich wische mir jetzt den Schaum vom Mund und versuche die Sache noch einmal einigermaßen sachlich zu thematisieren. Vielleicht mit der Fragestellung, wie Klassik im Fernsehen denn aussehen könnte. In den letzten Wochen gab es allerhand, was die Leute beschäftigt hat: Seit einigen Wochen rätselt die Klassik-Gemeinde, ob die siebte Beethoven-Sinfonie von Teodor Currentzis in der großen Beethoven-Europareise auf arte ein Live-Fake aus Griechenland war. Debattiert wird auch das ziemlich verquere Konzept des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, das mit Robin Ticciati die „Alpensinfonie“ von Richard Strauss aufgenommen hat und Reinhold Messner dazu wirres Bergsteiger-Garn stricken ließ. Nun verkündete das ZDF, dass es Thomas Gottschalk als Moderator des OPUS KLASSIK absägt und durch Désirée Nosbusch ersetzt. Ende der Woche sendete das ZDF dann im Hauptprogramm noch das Eröffnungskonzert von „Klassik am Odeonsplatz“ mit den Münchner Philharmonikern und Lorenzo Viotti (der für Valery Gergiev eingesprungen war), hier irritierten sowohl Bildregie als auch das Programm. Viele Gründe, sich noch einmal grundsätzliche Gedanken über die Musik im Fernsehen zu machen.

Ich hatte mir nur kurz Gedanken über die Personal-Rochade beim OPUS gemacht (basierend auf einer inoffiziellen Umfrage auf meinem Insta-Profil, auf dem 18 Prozent die Wahl von Désirée Nosbusch „genial“ fanden und 82 Prozent eher für „na ja“ stimmten). Spannend fand ich die Kommentare auf meiner Facebook-Wall. „Immerhin war Gottschalk noch am nächsten an Beethoven und Co dran, kraft seines Alters“, schmunzelte da einer und ergänzte „Desiree geht jeglicher Humor ab. Warum nicht Sarah Willis? Joana Mallwitz wäre auch eine charmante Moderatorin.“ Ein anderer brachte Christoph Waltz ins Spiel, lustig auch der Vorschlag einer Doppelmoderation von Igor Levit und Walter Steinmeier. Ein anderer kommentierte, dass die Diskussion um Namen nachgeordnet sei, denn „Der OPUS ist wie auch schon sein Vorgänger kein wirklich konsistenter Preis. Die Jury nicht unabhängig, es wird gemauschelt und geschmeichelt und nach Proporz verteilt. Die künstlerische Leistung ist nur ein Teilaspekt bei der Zuteilung. So stinkt der Fisch vom Kopf. Und letztlich schlägt das auch auf die Verleihung und die damit verbundene Sendung durch. Nach dem Scheitern des Echo wurde eine Chance verpasst sich wirklich auf ehrliche Beine zu stellen.

Und zur Übertragung des Konzertes vom Odeonsplatz schrieb jemand: „Die Bildregie und ‑qualität war sehr schräg. Vielleicht mussten sie wegen der Partyzelte über’m Orchester mit den Bildern improvisieren? Die Dirigentenkamera war sehr selten zu sehen, und wenn dann waren die Hände meist unten abgeschnitten. Ausgeleuchtet war dieses Motiv auch nicht wirklich. Vom Programm noch gar nicht zu sprechen. Eieieieieiei.“ Wie gesagt: Es ist vielleicht Zeit für eine ausführlichere Debatte über die Klassik im Fernsehen (wir behalten das mal im Hinterkopf). Als Lektüre für Grundlegendes fügte der letzte Kommentator übrigens noch den Link zu einem Spiegel-Interview mit Theodor W. Adorno hinzu, der bereits 1968 sagte: „Musik im Fernsehen ist Brimborium“ – ach, wäre es heute doch wenigstens noch das!

KRITIK AM KULTURELLEN BREXIT

Wütend ist die britische Mezzosopranistin, Dame Sarah Connolly: Sie glaubt nicht, dass Großbritanniens Kulturminister Oliver Dowden die Nöte der Künstlerinnen und Künstler im Zusammenhang mit dem Brexit ernst nimmt. Es hätte im letzten halben Jahr keine Bewegung bei wichtigen Themen wie Visa und Arbeitserlaubnissen gegeben. Immer öfter würden es britische Musiker schwerer haben, an europäischen Häusern unterzukommen, dabei seien sie gerade auf die 83 Opernhäuser in Deutschland angewiesen – im UK gäbe es nur fünf vergleichbare Häuser, erklärte Connolly, und die Häuser in Europa seien die Basis für eine Karriere. 

ES GEHT LOS: DER FESTSPIELSOMMER 

Ich wurde letzte Woche korrigiert, dass der Festspielsommer natürlich nicht erst mit den Bregenzer Festspielen losgeht und dass er nicht nur aus Salzburg und Bayreuth bestünde – klaro! Wir haben an dieser Stelle ja auch immer wieder über die Festivals in Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern berichtet. Aber gerade bei den „Großen“ wird es jetzt spannend. Die Bayreuther Festspiele haben Gewissheit über die Auslastungszahlen und konnten den Online-Verkauf starten. Das Festspielhaus meldete: „Nur rund zweieinhalb Stunden hat es gedauert, dann waren alle frei verfügbaren Karten im Vorverkauf für die Bayreuther Festspiele vergriffen. Wer jetzt noch Eintrittskarten sucht, der muss hoffen, dass georderte Tickets wieder zurückgegeben werden.

Klassik Viral – ein Podcast von CRESCENDO
Wie schafft man es, sich von Corona nicht unterkriegen zu lassen?
Arnt Cobbers fragt nach. Bei Lina Tur Bonet und Julius Berger.

Wer glücklos bleibt, kann sich auch für den „Fliegenden Holländer“ im Kino entscheiden, die Übertragung am 25. Juli (bei der wir uns im Vorprogramm sehen) ist inzwischen auch fixiert. Ansonsten wird in Bayreuth fleißig geprobt: Man kann Rhein-Nixen im Festspielteich sehen und Hermann Nitschs „Walküren“-Projekt nimmt auch Form an. Kleines Schmankerl am Rande: Bayreuths „Ring“-Wotan, Günther Groissböck, wirbt in Österreichs Boulevard-Zeitung, der „Kronen Zeitung“, für das Wagner Festival „Götterklang trifft Donaugold“ in Tulln. In der YouTube-Übersetzung wird daraus allerdings, dass „Günther Kreuzdirk“ in „Tulm“ „Götterkern trifft Donaugold“ aufführt. Apropos: Nirgends gelten derart klare Sicherheitsstandards wie in Bayreuth, regelmäßige PCR-Tests und Maskenpflicht – das gilt natürlich auch für oft wütend demonstrierende Wotane! Die Salzburger Festspiele kämpfen derweil mit Umbesetzungen durch die Corona-Reisebestimmungen: Das Gustav Mahler Jugendorchester, das ORF Radio-Symphonieorchester Wien und der Wiener Singverein springen für das City of Birmingham Symphony Orchestra (CBSO) und den CBSO Chorus ein.

GO“ FÜR MÜNCHENS KONZERTSAAL

Der Haushaltsausschuss des Bayerischen Landtags hat grünes Licht für weitere Planungen des „Konzerthaus München“ gegeben. Als Standort wurde das Werksviertel direkt am Münchner Ostbahnhof ausgewählt. Der Große Saal mit bis zu 1.900 Sitzplätzen wird die neue Heimat für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Und dessen Chef, Sir Simon Rattle, schickte sofort eine Jubel-Videobotschaft. Dass die Planung durch den Bau an der Münchner Isarphilharmonie (das Interims-Zuhause der Münchner Philharmoniker) gestoppt werden könnte, war kein Grund zur Sorge. Georg Randlkofer, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Neues Konzerthaus München, sagte dem BR: „Die Isarphilharmonie ist ein Provisorium, schon von den Baumaterialien her. Sie wird zehn Jahre lang benötigt und dann muss man eine Übergangslösung finden.

PERSONALIEN DER WOCHE

Am 10. Juli hatte im Passionsspielhaus Erl „Das Rheingold“ Premiere (siehe Foto), der Auftakt zum „Ring“ von Sängerin und Regisseurin Brigitte Fassbaender. Vorab erklärte sie dem Merkur auf die Frage, wie lange sie nachgedacht habe, bevor sie den „Ring“ annahm: „Gar nicht. ‚Danke! Ein Traum geht in Erfüllung!‘ Das war meine Reaktion. Ich war dann nur überrascht, dass ich mir das zugetraut habe. Den „Ring“ empfinde ich als Krönung und Abrundung meines Regie-Lebens – auch wenn es noch viele andere Projekte in den kommenden Jahren für mich zu tun gibt. Aber wenn ich den hinter mir habe, dann kann ich langsam zur Ruhe kommen.“ +++ Was die Geigerin Lisa Batiashvili in einem hörenswerten Feature im SWR über den Musiker als politischen Geist sagt, könnte man auch als Totalangriff auf den Pianisten Igor Levit verstehen: Jeder Mensch habe seine Gründe, sich politisch auszudrücken, und sie finde, das sollte nicht dafür da sein, den eigenen Namen berühmter zu machen. Künstler und Künstlerinnen sollten schauen, eine eigene Sprache zu sprechen – auch in der Politik.

Die Marseillaise gehört zu den berühmtesten Melodien der Welt. Warum ist ihr Urheber nirgendwo vermerkt? Und was hat Serge Gainsbourg mit dem Fall zu tun? Hören Sie die aktuelle Episode von Hidden Secrets of Classical Music auf CRESCENDO.de

+++ Vor einigen Wochen hatten wir an dieser Stelle bereits über das Karriereende von Elisabeth Kulman berichtet, nun sprach sie mit dem BR und sagte: „Es ist extrem wichtig, dass man herausfindet: Was brauche ich, was tut mir gut, wo kann ich mich wohlfühlen?“ Großen Respekt bekam sie dafür im Netz, auch von Kolleginnen wie Marlis Petersen, die Kulman würdigte und bestätigte, wie wichtig es sei, im Einklang mit sich selber zu leben. +++ Nürnbergs Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz erwartet ein Kind. Das wurde vom Staatstheater Nürnberg bestätigt. Deswegen wird die 35-jährige international gefragte Dirigentin vermutlich von September bis Anfang Januar eine berufliche Pause einlegen.

UND WO BLEIBT DAS POSITIVE, HERR BRÜGGEMANN?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Dieses Mal kann ich mich endlich mal zurücklehnen und wieder mal Clemens Nicol die Arbeit überlassen. In seinem legendären Format „Das Verhör“ für den BR versucht er, Lisa Batiashvili dingfest zu machen – ob das Geigen sie nicht manchmal langweile. Ansehen!

Ach, und dann noch ein Lesetipp, der uns zu denken geben sollte. Ausgerechnet im „Neuen Deutschland“ macht sich Kevin Clarke Gedanken über die Frage, wem die Kultur gehört – gerade Frankreich mit seinen Privatmäzenen ist ihm dabei ein Dorn im Auge.

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüggemann   

Fotos: dpa, Marcus Schlaf / BR, Screenshot Facebook, bloomimages für cukrowicz nachbaur architekten zt gmbh (auch Titel), Xiomara Bender/Tiroler Festspiele Erl

1 COMMENT

  1. Naja, was „legendär“ ist, ist wohl auch eine Geschmacksfrage. Ich finde Clemens Nicol brutal unsympathisch und die befragten Künstler scheinen das ähnlich zu empfinden, so dass in den kurzen Videos eigentlich immer eine beklemmende Atmosphäre herrscht. Selbst wenn mich der Künstler interessiert, kann ich das fast nie zu Ende schauen, so peinlich ist das Ganze. Nicols Vorgänger hatte zwar keine Ahnung von klassischer Musik, war aber recht sympatisch. Und damas hatte man die Verhörsituation auch etwas entspannter interpretiert, so dass sich der befragte Mensch auch geöffnet hat (und das ist doch wohl der eigentliche Sinn eines Interviews). Damals habe ich „Das Verhör“ gerne aus youtube geschaut. Jetzt: Ein weiteres Beispiel für die Unerträglichkeit der Medien.

LEAVE A REPLY

Please enter your comment!
Please enter your name here