KlassikWoche 34/2023

Schluss mit Sommer­pause – endlich wieder Klassik!

von Axel Brüggemann

21. August 2023

Die Sommerfestspiele der Klassik, Bradley Cooper als Leonard Bernstein auf der Leinwand, der Tod der Sopranistin Renata Scotto.

Will­kommen in der neuen Klas­sik­Woche, 

ich hoffe, Sie sind gut über den Sommer gekommen! Es war ja aller­hand los: die Bayreu­ther Fest­spiele mit musi­ka­li­schen Super­la­tiven – mich persön­lich hat beson­ders das Parsifal-Dirigat von begeis­tert (hier ein Inter­view mit ihm), die Salz­burger Fest­spiele hatten ziem­lich viel Routine auf dem Programm und einen offen­sicht­lich ziem­lich ausge­laugten Chris­toph-Marthaler-Falstaff, Bregenz über­zeugte mit einer Spitzen-Auslas­tung, Verona mit einem mega Star-Aufgebot zum Jubi­läum, und Umfrage-Sieger auf meiner neuen Insta-Seite Back­stage­clas­sics waren die künst­le­risch wohl über­zeu­genden Fest­spiele in Aix-en-Provence. Ich freue mich, dass es nun langsam auch an unseren Häusern wieder losgeht und dass wir wieder wöchent­lich über die Klassik-News berichten. Was aber wirk­lich bleiben wird aus dem Sommer, ist die erschre­ckende Nach­richt, dass Diri­gent sein turboaf­fen­tit­ten­geiles Nacki-Bild auf Insta­gram gelöscht hat!!! 

Das Neudenken von Opern-Förder­ver­einen

Zeiten­wende nun auch an der MET in New York: Der legen­däre Förder­verein, die Opera Guild, ist am Ende. 28.000 Mitglieder und 8,1 Millionen Dollar Förder­gelder waren nicht genug. Einer der größten und tradi­ti­ons­reichsten Opern-Vereine gibt auf und hofft, dass die Oper seine Mitar­bei­te­rInnen über­nimmt. Begleit­erschei­nung: Das Tradi­ti­ons­heft Opera News wird einge­stellt. Damit bröckelt einer der größten Felsen der alten Opern­welt. Eine Warnung auch an die alten Opern-Fans in Europa, die noch immer glauben, in der Mehr­heit zu sein und behaupten, die Oper müsse sich nicht verän­dern. Die USA zeigen: Es sind diese Vereine selbst, die keine jungen Mitglieder mehr finden.

Neudenken und Trans­for­ma­tion sind nötig, wenn die „ster­bende Gene­ra­tion“ nicht ein Kultur­erbe hinter­lassen will, mit dem die „Letzte Gene­ra­tion“ nichts anzu­fangen weiß. Auch in Europa mehren sich die Probleme mit den Förder­ver­einen schon lange: An der Wiener Staats­oper hat Inten­dant Bogdan Roščić bereits einen eigenen Förder­verein ins Leben gerufen, und bei den Bayreu­ther Fest­spielen gibt es tradi­tio­nell Zoff zwischen der sehr konser­vativ aufge­stellten Gesell­schaft der Freunde und der Inten­danz von (den Bril­len­streit von Georg von Walden­fels habe ich während der Sommer­pause in dieser kleinen Collage verar­beitet).

Perso­na­lien der Woche

Aufre­gung in Holly­wood: Einige jüdi­sche Stimmen beklagen, dass Schau­spieler als Nicht­jude in einem neuen Film den jüdi­schen Kompo­nisten und Diri­genten verkör­pert. Kritik gibt es auch an der falschen, großen Nase, die Coopers Gesicht „schmückt“ („Jewfa­cing“). Rücken­de­ckung gibt es aller­dings von den Bern­stein-Erben, die sowohl die Beset­zung von Cooper gut finden als auch betonen, dass Leonard Bern­stein nun mal eben „eine sehr schöne, große Nase“ gehabt habe.

und traten beim Lucerne Festival erst­mals gemeinsam auf – und der Schweizer Kritiker Chris­tian Berzins stellte eine Frage, die viele Kolle­gInnen sich nur hinter vorge­hal­tener Hand stellen: „Wer sagt Daniel Baren­boim: ‚Lass gut sein‘?“ Eine zutiefst ehrliche Rezen­sion. Beim nächsten gemein­samen Auftritt der beiden bei den Salz­burger Fest­spielen war dann plötz­lich von einem groß­ar­tigen Konzert zu lesen. Bleibt die Frage: War das Konzert wirk­lich so viel besser, oder haben die öster­rei­chi­schen Rezen­senten sich einfach nur etwas tauber gestellt? +++ Die Siemens-Korrup­ti­ons­af­färe in Öster­reich erreichte nun auch die Bregenzer Fest­spiele. Die Vorwürfe kreisen um den Vize­prä­si­denten der Fest­spiele, um Wilhelm Muzy­czyn. Der Stan­dard fragt, ob beim Erwei­te­rungsbau alles mit rechten Dingen zuge­gangen sei. Muzy­czyn sagt: „Ja.“ 

Netrebkos Sommer­loch-News

hat das Sommer­loch quasi im Allein­gang gefüllt: Erst sorgte sie für Schlag­zeilen, da sie die MET und ihren Inten­danten (trotz einer bereits gezahlten Abfin­dung) verklagte (die Klage­schrift liegt uns vor). Netrebko fordert 360.000 Dollar Scha­den­er­satz für entgan­gene Einnahmen aus Auftritten und Proben. Außerdem gibt sie an, die MET habe ihr „schwere seeli­sche Qualen und emotio­nales Leid“ zuge­fügt, darunter Depres­sionen, Demü­ti­gungen und Stress. Da sind die Veran­stalter in Prag besser wegge­kommen. Hier hat Netrebko ein geplantes Konzert angeb­lich selber abge­sagt, nachdem die tsche­chi­sche Regie­rung von einem Auftritt der Austro-Russin abge­raten hatte (mit Rück­sicht auf die ukrai­ni­sche Botschaft). In diesem Fall habe man sich „beid­seitig“ für die Absage entschieden und Netrebko würde keine Klage einrei­chen, erklärte ihr Manage­ment. Die russi­sche Prawda berich­tete derweil, dass Netrebko in Russ­land bereits wieder Auftritts­mög­lich­keiten sondiere (dazu gab es von der Sängerin bislang aber keinen Kommentar). In China trat die Sängerin kürz­lich mit russi­schem Reper­toire auf. Ach ja, und dann war da auch noch die Farce um die Proteste gegen die Sängerin in Baden-Baden, denen Pro-Netrebko-Fans angeb­lich den Hitler­gruß entge­gen­ge­streckt haben. Früher sorgte die Sängerin in der Oper für Aufhor­chen, heute ist ihr Eier­tanz selber zur tragi­schen Operette geworden.

Perso­na­lien der Woche II

Kay Voges wird neuer Inten­dant in Köln (er verlässt das Wiener Volks­theater), und von Köln zieht Stefan Bach­mann ans Wiener Burg­theater. Aber war die Vergabe in Köln eigent­lich trans­pa­rent genug? Nein, sagt Doro­thea Marcus bei Nacht­kritik. +++ Auf Face­book werden erste Bilder von veröf­fent­licht, die ihn in Frei­heit zeigen. Der ehema­lige Rektor der Münchner Musik­hoch­schule wurde wegen sexu­eller Über­griffe zu einer Haft­strafe von zwei Jahren und neun Monaten verur­teilt. Er hatte seine Haft nach vielen Verschie­bungen im Februar 2022 ange­treten.

Nachdem Stéphane Lissner als Chef des Opern­hauses in Neapel durch den Ex-Chef der RAI, Carlo Fuortes, ersetzt wurde, klagte Lissner gegen diese Entschei­dung, die wohl auf die neue italie­ni­sche Rechts­re­gie­rung zurück­zu­führen ist. +++ Die große Sängerin Renata Scotto ist tot – sie prägte eine ganze Opern-Gene­ra­tion durch ihre Stimme und Bühnen­prä­senz. Die Trauer in der Klassik-Welt war groß. +++ Die goldenen Wagner-Figuren wurden aus dem Bayreu­ther Fest­spiel-Park entwendet. Auf meiner neuen Insta-Seite Back­stage­clas­sics mit tägli­chen Klassik-News (gern mal abon­nieren) haben die Lese­rInnen bestimmt, wer der Dieb sein könnte: Fünf Prozent tippten auf die Leute vom Jean-Paul-Museum, 20 Prozent auf Albe­rich Ólafur Sigur­darson, 32 Prozent auf und 42 Prozent auf Georg von Walden­fels

Und wo bleibt das Posi­tive, Herr Brüg­ge­mann?

Ja, wo zum Teufel bleibt es nur? Viel­leicht ja hier: Wir hatten an dieser Stelle über den Musik­in­stru­men­ten­klau in Passau berichtet (es wurden unter anderem Block­flöten entwendet). Nun fand die Polizei die Täter (die Instru­mente waren bei einer Frau versteckt) und wurden der Schule inzwi­schen zurück­ge­geben. Und dann bin ich noch über ein Konzert gestol­pert, das letzte Woche vor dem Dom in Köln statt­ge­funden hat: Die Band Brings und das Beet­ho­ven­or­chester Bonn unter haben die Leute begeis­tert. – So beweist man den Menschen vor Ort, warum Orchester wichtig für eine Region sind. Ach ja, und dann noch in eigener Sache: Am 23. August um 23:40 Uhr wird mein Film Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt im BR-Fern­sehen wieder­holt und steht danach für zwei weitere Wochen in der ARD-Media­thek zur Verfü­gung. Wenn Sie Lust haben, schauen Sie doch mal rein.

Schön, dass Sie wieder da sind, halten Sie die Ohren steif! 

Ihr

brueggemann@​crescendo.​de

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