KlassikWoche 42/2022

Energie, Kultur und das Posi­tive

von Axel Brüggemann

17. Oktober 2022

Die Grundsatzfragen von Serge Dorny, der seltsame Schnitt bei der Wiedergabe der Opus-Klassik-Gala im ZDF, die Erschießung des ukrainischen Dirigenten Yurii Kerpatenko.

Will­kommen in der neuen Klas­sik­Woche,

Wie neugie­rige, schlaue Füchs­lein schauen wir heute endlich mal wieder auf die Bühne, entlo­cken ganz nebenbei Münchens Opern­in­ten­dant drei Grund­satz­fragen, debat­tieren die Ener­gie­krise in der Kultur – und uns wird ein wenig schlecht beim Moscow Mule im Wiener Konzert­haus. 

Dornys Grund­satz­fragen: Stadt­theater, Ticket-Preise, Jetset

Die Gedanken von Bayerns Staats­in­ten­dant Serge Dorny haben es in sich. Die Krise, sagt er im aktu­ellen Podcast „Alles klar, Klassik?“, sei ein Anlass, grund­sätz­liche Dinge der Klassik auf den Prüf­stand zu stellen und neu zu denken. Dabei macht er konkrete Vorschläge: 1. Neudenken der Ticket­preise: Bei Infla­tion und Ener­gie­krise ist die erste Preis­ka­te­gorie an der Staats­oper nicht mehr so gefragt: „Wir müssen uns über­legen, ob wir das Konzept von Karten­preisen nicht grund­sätz­lich neu denken müssen“, sagt Dorny, „schließ­lich werden wir staat­lich bezu­schusst, und es ist unser Auftrag, Kultur für alle offen zu halten.“

2. Unter­schied­liche Stadt­thea­ter­sys­teme: Es sei nicht nach­voll­ziehbar, dass Deutsch­land alle Theater mit einem ähnli­chen System (Ensemble und Reper­toire) betreibe. „Es wäre viel inter­es­santer, zu schauen, welches System für welches Haus passen würde“, sagt Dorny. Er selber habe sowohl Stagione- als auch Reper­toire-Häuser geführt – und in beiden gäbe es Vor- und Nach­teile. Warum sollte man diese unter­schied­li­chen Modelle an unter­schied­li­chen Orten nicht unter­schied­lich hand­haben? 3. Neudenken des Ensem­ble­thea­ters: 12 Millionen Euro gibt die Baye­ri­sche Staats­oper jähr­lich für Gäste aus. „Viel­leicht sollten wir darüber nach­denken, dem Ensemble wieder eine größere Rolle zu geben“, sagt Dorny und erin­nert daran, dass einst fast exklusiv an der Baye­ri­schen Staats­oper gesungen hat. Corona habe uns gezeigt, dass der „Jetset in der Krise“ sei – könnte man die Oper vor Ort nicht wieder stärker machen? Debatten, die uns in den kommenden Wochen wohl noch beschäf­tigen werden. 

Thea­ter­kin­der­garten Wies­baden

Was ist eigent­lich mit unserem Freund Kai-Uwe Laufen­berg, dem Inten­danten in Wies­baden? Staats­se­kre­tärin Ayse Asar und Kultur­de­zer­nent Axel Imholz wollen sich nun persön­lich um den Theater-Kinder­garten zwischen Kai-Uwe und seinem Geschäfts­führer Holger von Berg kümmern (es kam immer wieder zu öffent­li­chem Zoff zwischen den beiden).

„Die Entwick­lungen der letzten Wochen und Monate haben leider gezeigt, dass die Arbeits­si­tua­tion und das Betriebs­klima deut­lich gestört sind“, heißt es. Nun ist eine Media­tion zwischen Kai-Uwe und Holger geplant – außerdem sollen Beschäf­tigte anonym und digital zur Arbeits­si­tua­tion befragt werden. Eine Schande für das Ansehen eines der schönsten Theater des Landes.

Mit dem Zweiten hören Sie weniger

Man kann sich das nur allzu gut vorstellen, wie es beim Schnitt des Opus Klassik im ZDF-Ü-Wagen gelaufen sein muss. „Huiuiuiui, das ist aber frech“, wird einer gesagt haben, als er Danger Dans Rede für gehört hat: „Abschließen möchte ich diese Laudatio, einfach um Igor eine Freude zu machen, mit einer Nach­richt an alle Anti­se­miten, Rassisten, Anti­fe­mi­nisten und AfD-Sympa­thi­santen vor den Fern­seh­ge­räten: Ihr seid Voll­idioten. Guten Abend.“ Dann wurde viel­leicht gesagt: „Das mit der AfD, das bringt uns Ärger, müssen wir raus­schneiden“, und viel­leicht hat noch ein Prak­ti­kant inter­ve­niert: „Aber so wird die Klassik doch endlich streitbar – das war doch der span­nendste Satz des Abends!“ Und wahr­schein­lich hatte der verant­wort­liche Redak­teur Schiss, weil er Klassik als pure, belang­lose Schlager-Schön­heit versteht und ließ die AfD aus dem Satz strei­chen.

Natür­lich hätte man sich denken können, dass Influ­encer-Pianist Igor Levit sich diese Situa­tion nicht entgehen lässt, und er sofort in die Twitter-Suppe spuckt. Hat er dann auch getan, zu Recht! Das ZDF, statt zu sagen, „stimmt, war doof“, hat sich statt­dessen selbst die Erklä­rung noch fast bei der AfD ausge­liehen: Man sei zwar nicht mit der Maus ausge­rutscht, hätte aber in der Eile einen Schnitt­fehler gemacht. Sorry, wird korri­giert. Ende der Durch­sage. Natür­lich weiß jeder, wie viel Zeit es kostet, zwei Worte aus einem Satz zu schneiden – so etwas passiert selten zufällig! Flüch­tig­keits­fehler? Really? Oder nur die Erfül­lung der Prophe­zeiung von Regis­seur Enrique Sánchez-Lansch, der im Podcast schon vor drei Wochen erklärt hat: „In den Kultur­re­dak­tionen fehlt einfach der Mut.“ 

Es wird kalt in unseren Häusern

Infla­tion und Ener­gie­krise, dazu: neue Tarif­ver­träge und sinkende Zuwen­dungen vom Staat (die Stadt München hat gerade ihren Fünf-Millionen-Zuschuss für die Staats­oper gestri­chen, und auch in Frank­furt muss gekürzt werden). Es wird immer schwerer, Theater- und Orchester-Haus­halte für die kommende Saison aufzu­stellen. Wer früh in Nach­hal­tig­keit und Klima­schutz inves­tiert hat, steht in der Krise besser da. Die Wiener Staats­oper ist ein Beispiel dafür – bereits 2015 wurde mit einem aktiven Ener­gie­ma­nage­ment begonnen. Der Geschäfts­führer der öster­rei­chi­schen Bundes­theater-Holding, (Foto), erklärt im Podcast „Alles klar, Klassik?“: „Wir erwarten zwei Millionen Euro Mehr­kosten durch stei­gende Ener­gie­kosten. Was mich aber mehr sorgt, ist die Frage, wie das Publikum reagiert, wenn das Geld knapp wird. Wenn wir an der Ticket­kasse zehn Prozent verlieren, bedeutet das für die Bundes­theater einen Einnah­me­ver­lust von 5,8 Millionen Euro.“

In Wien werden die Tempe­ra­turen im Winter gedros­selt und die Klima­an­lagen im Sommer kleiner gestellt, da 60 Prozent der Energie an den Bundes­thea­tern für Wärme ausge­geben wird. Öster­reichs Kultur-Staats­se­kre­tärin hat gerade eine 30 Millionen-Erhö­hung des Kultur­etats ange­kün­digt, Deutsch­land Kultur­staats­se­kre­tärin versprach im Bundestag allein eine Milli­arde Euro für Energie-Kompen­sa­tionen aus alten Corona-Mitteln. Seit 2009 berät Annett Baumast Kultur­in­sti­tu­tionen in Sachen Nach­hal­tig­keit. Sie erkennt derzeit eine große Nach­frage von Seiten der Kultur, verweist aber auch darauf, dass es jetzt um lang­fris­tige Einspa­rungen gehen sollte und nicht um kurze Effekte. Gerade staat­liche Unter­stüt­zung dürfe nicht dazu führen, dass man einfach weiter­mache, sondern dass man umstruk­tu­riere. Über­haupt müsse Nach­hal­tig­keit nicht nur von der Energie gedacht werden, sondern auch von Teil­habe. Auch sie kommt im Podcast „Alles klar, Klassik?“ zu Wort. Lese­tipp zum Thema: Chris­tian Gampert über das Neudenken an unseren Thea­tern in der FAZ und Chris­tiane Peitz über die Kultur in der Ener­gie­krise im Tages­spiegel. Den zwei­wö­chent­li­chen Podcast „Alles klar, Klassik“, können Sie übri­gens für jeden Player kostenlos abon­nieren. 

Mord und Moscow Mule 

Als im Wiener Konzert­haus diri­gierte, konnte man in der Pause gemüt­lich einen Moscow Mule am Buffett bestellen (siehe Foto). Derweil erschwert Putins Krieg die Klassik-Welt immer tiefer. Das Morden macht vor Musi­ke­rInnen und Musi­kern keinen Halt: Der Chef­di­ri­gent der Cherson-Phil­har­monie, Yurii Kerpa­tenko, wurde diese Woche erschossen, durch seine Haustür im ukrai­ni­schen Cherson. Er hatte es offen­sicht­lich abge­lehnt, mit den russi­schen Besat­zern zu koope­rieren. Ukrai­ni­sche Sicher­heits­kräfte haben die Spuren­si­che­rung in diesem Kriegs­ver­bre­chen inzwi­schen aufge­nommen. Noch unbe­stä­tigt, aber durchaus nahe­lie­gend, ist die Twitter-Meldung von Igor Sushko, nach der russi­sche Theater in Moskau aufge­for­dert werden, je 11 Mitar­beiter für Putins Mobil­ma­chung vorzu­schlagen. Putins Krieg ist auch ein Kultur-Krieg.

Weil es sein muss – Ordnung des Diskurses

Mit Teodor Curr­entzis können wir es heute schnell machen: Es gibt keine Reue nirgends – und auch keinen Abstand vom System Putin. Der musi­cAe­terna Choir singt dieses Mal wieder beim Gazprom-Festival in St. Peters­burg, bevor er dann nach Baden-Baden und Dort­mund reist. Am 2. Februar soll Curr­entzis auch beim Concert­ge­bou­wor­kest auftreten. Ich habe letzte Woche die Situa­tion noch einmal visuell aufge­drö­selt (siehe Video oben) … Mehr ist dazu heute eigent­lich nicht zu sagen. Please, don’t mention the war! 

Daumen drücken in Heiden­heim

Die Opern­fest­spiele in Heiden­heim sind eine 60-jährige Erfolgs­ge­schichte: Quali­tativ hoch­wer­tige Opern-Entde­ckungen für ein breites Publikum. 61 Prozent Eigen­de­ckung, 33 Prozent der Ausgaben bleiben in der Stadt – die inter­na­tio­nale Kritik feiert die Fest­spiele, ihre Stadt und Diri­gent beson­ders für Verdi-Trou­vaillen, musi­ka­li­sche Qualität, Leiden­schaft und für Publi­kums­nähe. Dennoch will der Gemein­derat am Dienstag darüber entscheiden, ob die Fest­spiele radikal ausge­bremst werden. Der Zuschuss von knapp 1,2 Millionen Euro steht zur Dispo­si­tion. Corona, Ener­gie­krise und Infla­tion werden ins Feld geführt, um das Budget zu „deckeln“ und der Weiter­ent­wick­lung der Fest­spiele einen Riegel vorzu­schieben (sie machen nur 17 Prozent des städ­ti­schen Kultur­etats aus). Auf meine Nach­frage sagt Inten­dant Marcus Bosch: „Es haben so viele Menschen 12 Jahre lang mit mir so leiden­schaft­lich für die Fest­spiele gear­beitet, für ihre Strahl­kraft in die Stadt hinein und nach außen, für Qualität und Freude – ich hoffe auf die Vernunft der Zahlen und darauf, dass wir uns alle bewusst sind, dass gerade in Krisen­zeiten Inves­ti­tionen in die Kultur Inves­ti­tionen in die Zukunft bedeuten.“ 

Perso­na­lien der Woche

Der Sänger Simon Estes war wahr­schein­lich einer der besten Joch­a­naane über­haupt. In einer Rede in Iowa, hat er nun die Geschichte seines Groß­va­ters erzählt, eines Sklaven, der für 500 Dollars verkauft wurde. Estes redete über seine Karriere, die zunächst nur in Europa möglich war, weil in den USA keine Sänger mit dunkler Haut­farbe erwünscht waren. „Ich glaube, ich werde den Tag der endgül­tigen Gleich­heit nicht mehr erleben – aber wir müssen dafür kämpfen und dürfen nicht aufgeben.“ +++ Hübscher Tweet von Diri­gent Corne­lius Meister, der selber bemerkt, er sei nicht der Urheber dieser Idee, würde sie aber befür­worten: „Warum ändern unsere Handy-Hersteller den ‚Flug­modus’ nicht einfach in ‚Konzert­modus‘“ – das würde die Bedeu­tung der Musik gegen­über dem Fliegen durchaus heben. +++ Die New Yorker Phil­har­monie im Lincoln Center ist für ihre mise­rable Akustik bekannt: Nun wird der Konzert­saal komplett neu gestaltet: Die völlig entkernte und dann neu gestal­tete Konzert­halle hat nur noch Platz für 2200 Besu­cher statt 2738, die Bühne ist fast acht Meter nach vorne verlegt, um das Orchester näher ans Publikum zu bringen. 

Und wo bleibt das Posi­tive, Herr Brüg­ge­mann?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Viel­leicht ist es ja schon ganz nahe, denn inzwi­schen hat die neue Saison wirk­lich fast überall begonnen. Eine neue Spiel­zeit mit neuer Musik, mit Konzerten und Opern – und auch wir hier im News­letter nehmen uns vor, ab sofort wieder mehr um das zu kreisen, was AUF der Bühne statt­findet. Heute mit einem Blick nach Wien, wo sein Inten­danten-Regie-Debüt mit dem Schlauen Füchs­lein gegeben hat. In der Ausweich­spiel­stätte ließ er Kompo­nist Janáček selber seine Oper bestaunen und – so wie die Pres­se­agentur es schrieb – die „Bühnen­ma­schi­nerie glühen“. Für den Stan­dard war es ein Abend, als wolle Herheim sagen: „Oper kann uns in eine spezi­elle Sphäre heben. Sie ist der unver­zicht­bare magi­sche Ort geis­tiger Frei­heit, in dem alles möglich ist, auch in einem Ausweich­quar­tier wie der Halle E des Muse­ums­quar­tiers.“ Während­dessen hat der Inten­dant des Liceu in Barce­lona, Valentí Oviedo, seit der Corona-Pandemie an einem neuen, digi­talen Angebot getüf­telt, das sich an den Wünschen seines Publi­kums ausrichtet. „Liceu+LIVE“ beginnt am 5. November mit einer Auffüh­rung von Il trova­tore. Für ein 60-Euro-Abo (30 Euro für Abon­nenten) gibt es fünf Live-Opern der aktu­ellen und der nächsten Saison. Ich persön­lich glaube ja: Oper in Gänze gehört auf die Bühne, der Stream verdient eine voll­kommen eigene Programm-Planung.

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

[email protected]​crescendo.​de