KlassikWoche 49/2020

Rattles Rück­kehr, Grüt­ters’ Schlaf und Leip­zigs neuer Katholik

von Axel Brüggemann

30. November 2020

Sir Simon Rattle als neuer Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters, Grütters' Schlafprobleme, der neue Thomaskantor Andreas Reize

Will­kommen in der neuen Klas­sik­Woche,

Menschen­massen beim Media Markt, impro­vi­sierte Glüh­wein­stände und geschlos­sene Theater. Manchen Orches­tern gelingt es trotzdem, besinn­lich zu werden, und das ist auch gut so: Musik als Medizin in diesen Tagen. Außerdem: steht offenbar vor der Rück­kehr nach , bekommt einen neuen Thomas­kantor und Bayreuth über 80 Millionen Euro… 

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SIMON RATTLE ZUM BR?

Sir Simon Rattle könnte neuer Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters werden.

Wenn Markus Thiel vom Merkur etwas schreibt, ist das auf jeden Fall: seriös! Und Thiel schreibt, dass der Vertrag zwischen dem BR-Sympho­nie­or­chester und angeb­lich so gut wie unter Dach und Fach sei (das Orchester wäre über Verhand­lungen bereits infor­miert). Ziem­lich schnell kris­tal­li­sierte sich Rattle auch an dieser Stelle als Favorit des Orches­ters heraus (neben ).

Die Gefahr aller­dings ist, dass das Orchester mit dem Ex-Chef der irgendwie ein biss­chen zurück geht statt in die Zukunft – beson­ders charis­ma­tisch, musi­ka­lisch span­nend oder aufre­gend ist diese Perso­nalie auf jeden Fall nicht. Viel­leicht bringt Thiel auch deshalb schon als Nach-Nach­folger ins Spiel.

CORONA-KLASSIK-TICKER I

Das Gewandhausorchester in Leipzig unterwegs zu Altenheimen und Sozialeinrichtungen

Sach­sens Theater sollen bis Ende Februar geschlossen bleiben, in Leipzig fallen unter anderem die Neunte zum Jahres­wechsel im Gewand­haus und das Weih­nachts­ora­to­rium in der Thomas­kirche aus. Das wird an den Vor-Advents-Sams­tagen ab jeweils zehn Uhr in Leipzig und dem Leip­ziger Umland mit dem Bus vor Alters­heime und Sozi­al­ein­rich­tungen fahren und zehn­mi­nü­tige Konzerte geben. „Bei Erfolg planen wir eine Weiter­füh­rung der Aktion im Januar“, verriet Gewand­haus­di­rektor Andreas Schulz mir gestern Morgen bei Klassik Radio.

+++ Auf eine andere Idee sind die gekommen – sie sind in Schau­fenster der Stadt umge­zogen. Man kann beim Flanieren Katha­rina Bach mit Fens­ter­lyrik erleben, ein Gitar­ren­solo von Chris­tian Löber oder Shake­speare-Mono­loge mit Svet­lana Bele­sova.

ANDREAS REIZE NEUER THOMAS­KANTOR 

Der Schweizer Katholik Andreas Reize wird neuer Thomaskantor.

Es ist ein biss­chen, als wäre der neue Papst Frau und Protes­tant. Kollege Claus Fischer vom , viel­leicht einer der größten Orgel- und Kirchen­musik-Experten unter uns Jour­na­listen, freute sich bei Face­book jeden­falls ausge­lassen: „Er ist Schweizer und Katholik.“ Tatsäch­lich ging der Kirchen­mu­siker und Chor­chef Andreas Reize eher als Außen­seiter in das Rennen um die Posi­tion als neuer Thomas­kantor. Aber am 16. Dezember wird der Stadtrat die Perso­nalie nun wohl der Auswahl­kom­mis­sion vorschlagen – und so diese Über­ra­schung besie­geln. Aufgrund von Reizes Refe­renzen und seines Werde­gangs könne in Leipzig nun mögli­cher­weise auch ein histo­risch infor­miertes Bach­or­chester entstehen, hofft Klassik-Kritiker Fischer. 

CORONA-KLASSIK-TICKER II: LESENS­WERT

Drei Artikel haben diese Woche für Aufre­gung gesorgt. Bernd Feuchtner fasst im Tages­spiegel die kata­stro­phale Situa­tion zusammen und erklärt – sehr lesens­wert –, dass von Thea­tern nun beson­derer Mut verlangt wird: „Wenn die Oper im alten Gleis bleibt, geht es ihr wie der Kirche: aus Kultur wird Kultus. Dass das Publikum über­rascht werden will, sieht man am Ballett. Dort gibt es das jüngste Publikum und keine Besu­cher­krise. Nicht obwohl, sondern weil dort der Anteil der Urauf­füh­rungen am höchsten ist.

Lesens­wert auch die Gedanken von Maria Ossowski beim BR über die Schlie­ßungen der Kultur­ein­rich­tungen in der Vorweih­nachts­zeit: „Sie mögen es kitschig nennen oder pein­lich-pathe­tisch: aber die Seele vieler Menschen braucht in der Vorweih­nachts­zeit Trost. Trost mit Musik, mit Konzerten, mit Thea­tern, mit Musi­cals, mit Kunst. Kultur hilft, die seelisch heraus­for­derndste Zeit des Jahres gut zu über­stehen.“ Und dann ist da noch – aller­dings hinter der Bezahl­schranke – ein äußerst lesens­werter Text von Peter Lauden­bach in der Süddeut­schen, der sagt: „Der Thea­ter­be­trieb kreist in der Krise nur larmoyant um sich selbst. Damit tut er sich keinen Gefallen.

BAYREUTH BEKOMMT 84,7 MILLIONEN

Das Bayreuther Festspielhaus bekommt für seine Sanierung 84,7 Millionen Euro.

Überall wird gespart – in Bayreuth wird: geklotzt. Der Haus­halts­aus­schuss des Deut­schen Bundes­tages hat in seiner Berei­ni­gungs­sit­zung beschlossen, weitere 84,7 Millionen Euro für die Sanie­rung des Fest­spiel­hauses auf dem Grünen Hügel zur Verfü­gung zu stellen. Katha­rina Wagner hat sich erleich­tert gezeigt. „Es ist eine schöne Nach­richt in schweren Zeiten für die Fest­spiele“, sagte sie der Deut­schen Presse-Agentur am Freitag. „Wir sind sehr dankbar und erleich­tert, dass es nun in großen Schritten mit der Sanie­rung weiter­gehen kann.“ Immerhin, das millio­nen­schwere Klo vor dem Fest­spiel­haus ist ja bereits saniert! 

CORONA KLASSIK-TICKER III

Studie über die Verbreitung von Aerosolen im Orchester der Ludwig-Maximilians-Universität München mit dem Universitätsklinikum Erlangen

Die Verbrei­tung von Aero­solen ist bei Hörnern erstaun­lich gering, bei Quer­flöten hingegen beson­ders hoch. Das hat mein Kumpel aus alten Frei­burger Studi­en­zeiten, Prof. Matthias von der Ludwig-Maxi­mi­lians-Univer­sität  mit dem Univer­si­täts­kli­nikum heraus­ge­funden. Über seine Ergeb­nisse habe ich mich mit ihm unter­halten. +++ Das Konzert­haus in hat es vorge­macht: Es stellt den Saal in Corona-Zeiten kostenlos für Künstler zur Verfü­gung, nun zieht der MDR nach und verschenkt „freie Sende­zeit für freie Künstler“ – bitte mehr davon! +++ Der Bundes­wett­be­werb Gesang findet in Berlin statt. Gut so, schreibt Fredrik Hanssen im Tages­spiegel, ein Hoff­nungs­schimmer für die „ausge­bremste Genera­tion“ wie den 27-jährigen Frederic Jost.

Grüt­ters geh!

Staatsministerin Monika Grütters

So langsam wird es wirk­lich pein­lich. , mona­te­lang abge­taucht, hat jegliche Hilfe für Künst­le­rInnen dem Wirt­schafts­mi­nister über­lassen – aber jetzt ist sie wieder da. Mit einem Inter­view im Feuil­leton-Fach­blatt „BUNTE“. Im Ernst! Und was hat sie zu sagen? Dass SIE (in Buch­staben S‑I-E) derzeit nicht gut schläft. „Mir blutet das Herz, viele Künstler sind verzwei­felt“, sagte Grüt­ters, „da schlafe ich erst­mals in meinem poli­ti­schen Leben wirk­lich schlecht.“ Die Not könne mit staat­li­chen Geldern nur gelin­dert werden, sagte die CDU-Poli­ti­kerin. Das Grund­pro­blem werde jedoch nicht gelöst. Dass Kultur beim Schnüren der Hilfs­pa­kete als nicht system­re­le­vant einge­stuft worden sei, habe sie als „maximal unsen­sibel“ empfunden.

Viele Künst­le­rInnen, die seit März 2020 nicht schlafen können, haben dagegen wohl eher das Handeln der Kultur­staats­mi­nis­terin Monika Grüt­ters im letzten halben Jahr als „maximal unsen­sibel“ einge­stuft. In Zeiten, da Kamin­ge­spräche am Telefon geführt werden, zitiere ich aus zweien dieser Gespräche mit hoch­ran­gigen Bundes-Kultur­po­li­ti­kern. Beide sagten über­ein­stim­mend, dass schon lange über Grüt­ters Auswechs­lung debat­tiert werde, allein die anste­hende Bundes­tags­wahl – und die damit verbun­denen Negativ-Schlag­zeilen – würden diesen Schritt verhin­dern. Viel­leicht schläft die Kultur­staats­mi­nis­terin ja auch auf Grund ihrer Nach-Wahl-Perspek­tiven etwas schlechter (die Fleder­maus, die sie auf dem Bild trägt, hat übri­gens nichts mit Corona zu tun, sondern war Sinn­bild für die Verzö­ge­rung des Einheits­denk­mals).

PERSO­NA­LIEN DER WOCHE

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Wer jemals besucht hat, weiß, dass diese Frau voll­kommen in sich ruht, eine Karriere, in der sie einfach alles richtig gemacht hat. Und so kann sie nun auch glaub­haft und besonnen mahnen wie in der Süddeut­schen, wo sie die Musik als Lebens­mittel, ja als Medizin beschrieb: „Wir alle wissen, dass die Gesund­heit das höchste Gut des Menschen ist. Aber gleich danach kommt die Kultur, kommen Musik, Lite­ratur und Malerei, kommen Theater, Gale­rien und Museen, kommt das Lebens­mittel, das für uns alle unver­zichtbar sein sollte. Möge die Miss­ach­tung mit der Pandemie ein Ende haben.

+++ Neuer Präsi­dent des Deut­schen Bühnen­ver­eins und damit Nach­folger von wird Hamburgs Kultur­se­nator Carsten Brosda. Mit Blick auf die demnächst sicher­lich anste­hende Frage nach dem Kultur­etat und der finan­zi­ellen Zukunft der Bühnen sagte er dem Deutsch­land­funk: „Geschichten sind die Art und Weise, wie wir Sinn erleben.“ Wenn man das vermittle, falle alles andere leichter: „Inso­fern muss das immer der erste Schritt sein: vom Inhalt­li­chen her kommen und dann die konkreten struk­tu­rellen Themen angehen. +++ Die Doku­men­tar­fil­merin Wiebke Pöpel feiert in ihrem Film „My Way“ zu dessen 85. Geburtstag – sehens­wert! +++ Die Wiener Zeitung nennt es etwas reiße­risch „Reality Doku“, gemeint ist ein TV-Fünf­teiler mit : „‚Riccardo Muti Academy‘ heißt die von Timvi­sion produ­zierte Reality-Doku, die ab 11. Dezember ausge­strahlt wird. Zwei Wochen lang haben Video­ka­meras den Maestro bei den Proben mit seinem Jugend­or­chester Luigi Cheru­bini sowie bei der Wahl von vier jungen Diri­genten für die Italian Opera Academy gefilmt, die Muti 2015 in seinem Wohnort, der Adria-Stadt , gegründet hat.“ +++ Die werden das Neujahrs­kon­zert im Zweifel auch ohne Publikum aufnehmen.

UND SONST, HERR BRÜG­GE­MANN?

War das eine äußerst span­nende Woche, vor allem auf Grund des im letzten News­letter nur kurz ange­ris­senen Themas, wer inzwi­schen eigent­lich die Macht im Klassik-Betrieb hat. Ich durfte auf unter­schied­li­chen Ebenen erleben, wie jene, die noch meinen, mächtig zu sein, ihre Macht nutzen, wenn sie und ihre Wege plötz­lich in Frage gestellt werden. Keine Angst: Wir bleiben aufrichtig, auch gegen den Wind und freuen uns auf eine Fort­set­zung dieses Themas – zunächst einmal in infor­mellen Debatten, und bald sicher­lich auch konstruktiv im öffent­li­chen Meinungs­aus­tausch. Was wir alle, gerade in dieser Zeit, nicht vergessen sollten: Unser Klassik-Boot ist ziem­lich klein. Aber das darf nicht bedeuten, dass wir in lang­wei­ligem Oppor­tu­nismus an einem Strang ziehen müssen. Im Gegen­teil, unsere span­nenden und würdigen Debatten über Gegen­wart und Zukunft der Musik können eben­falls begeis­tern und für die Musik werben. Am Ende arbeiten wir alle für unsere Leiden­schaft – für die Musik. Umso mehr freuen mich die vielen Zuschriften auf jeden News­letter. Neben aller­hand wunder­baren Worten (danke!) haben mich dieses Mal auch einige wache Augen korri­giert (eben­falls: danke!): Verse­hent­lich habe ich letzte Woche Alex­ander Shelley zum amtie­renden Chef­di­ri­genten der gemacht – wie konnte ich nur? Mea culpa, lieber Kahchun Wong

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

[email protected]​crescendo.​de