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Willkommen in der neuen KlassikWoche,

heute mit einem Pianisten, der uns nicht auf die Palme, wohl aber auf die Baumkrone bringt, mit allerhand erfolgreichen Orchester-Modellen, einem virtuellen Neujahrs-Applaus und einer ganz persönlichen Rücktrittsforderung. 

ROBIN VON DER DANNENRÖDE

Es ist wieder so ein typischer Igor Levit: „Kannste nix gegen sagen, aber irgendwie bleibt ein schaler Beigeschmack.“ Dieses Mal spielte er ein Stündchen-Ständchen im Dannenröder Forst – für die Aktivisten, gegen die Rodung, und das alles auf Einladung von Luisa Neubauer und gesponsert von Greenpeace. 18 Funklautsprecher haben das Konzert übertragen (u.a. den irischen Folksong „Danny Boy“). Aber was machte den Eichhörnchen am Ende mehr Angst, die im Hintergrund sägenden Sägen oder die zahlreichen Kameraverschlüsse der eigens angereisten Pressefotografen, die Levits neuesten Scoop in die Welt geschossen haben? 

Der Dannenröder Forst wird wohl fallen, Levits unendliches Gespür für Medienereignisse und die Stilisierung seiner Robin-Hood-Aura sind dagegen ins Kraut geschossen. Letzte Frage: Wo waren eigentlich Karl Lauterbach und Robert Habeck, um sich in luftigen Farn-Klamotten auf dem Flügel zu räkeln und von Claudius Seidl episch besungen zu werden? Wirklich interessant: Die Skepsis auf Levits eigener Instagram-Seite wächst – Genie oder Scharlatanerie?

Nachdenken? Innehalten? Klappe halten?

Ich weiß nicht, wie Steffen Mensching als Intendant in Rudolstadt ist, ich weiß nur, dass er eines jener Bücher geschrieben hat, die mich immer wieder einholen: „Schermanns Augen“ – ein zutiefst menschlicher Roman über das Unmenschliche aus dem Gulag. Nun hat sich Menschig als Theatermann zu Wort gemeldet, kurz gesagt: Er hält nichts vom allgemeinen Lamentieren, findet es okay, dass die Theater schließen, schließlich ginge es jetzt um Menschenleben, Kultur sei da zweitrangig, man solle den Stillstand zur Muße und zur Selbstbefragung nutzen — ich glaube, ich bin in dieser Sache nicht seiner Meinung, aber darüber muss ich noch nachdenken. Hier sein durchaus streitbarer (und deshalb spannender) Post.

VOLLKOMMEN VIRTUELL?

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Vielleicht etwas verspätet, aber auch Rolando Villazón hat sich diese Woche in die Debatte um Live-Streams eingemischt. Es sei oft großartig, was da gebracht werde, „aber Kultur kostet einfach viel Geld, weil alle Beteiligten etwas verdienen müssen“, sagte der Tenor und Intendant der Mozartwoche in Salzburg dem Münchner Merkur. Tatsächlich tüfteln viele derzeit an Alternativen. An das Virtuelle glaubt derweil Jasper Parrott, der mir eine Mail schrieb und mich auf sein neues Projekt aufmerksam gemacht hat, den „Virtual Circle“, auf dem er eine „Erweiterung des Live-Ereignisses und keine Alternative zu ihm“ verspricht. 

Und dann bin ich auf noch ein spannendes Projekt gestoßen: Auf Digital Concert Experience experimentieren unter anderen der Deutsche Musikrat und das Radialsystem mit moderierten Live-Konzerten und – das ist das Besondere – der Möglichkeit von virtuellen Pausengesprächen. Schade, dass die Aufmachung der Seite eher lustfremd daherkommt und mehr ein Wissenschafts-Projekt als einen betörenden Konzertbesuch verspricht. 

Dass Streams keine Entsprechungen zu „normalen“ Aufführungen sein können, haben inzwischen die meisten Orchester begriffen. Mit den Wiener Symphonikern tüftle ich selber an Konzepten: Wir sind mit unseren Wohnzimmerkonzerten (kurze Talks, kurze Stücke – viel Emotionen) in die zweite Staffel gegangen, jeden Freitag, 20:15 Uhr, u.a. mit Omer Meir Wellber, Tobias Wögerer und Marie Jacquot. Hier ein Einblick in unser letztes Konzert. Und, logo: Wer nicht weiß, was gerade läuft, immer einen Klick wert, die neue „Fernsehzeitung für Streams“ von CRESCENDO: FOYER.de ist der Guide durch alle spannenden Klassik-Streams.

WENN MUSIK ANKOMMT

Wo bleibt das Gute? Hier! Eine Studie zeigt, dass die Orchester in Baden-Württemberg mit ihren Vermittlungsangeboten (u.a. die Württembergische Philharmonie Reutlingen, das Philharmonische Orchester Heidelberg sowie das Württembergischen Kammerorchesters Heilbronn) in ihrer Arbeit konsequent ein neues Publikum erreichen und erschließen. Angesiedelt am Institut für Kulturmanagement der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg hat das Forschungsprojekt festgestellt, dass mehr als zwei Drittel der Befragten bereits Vermittlungsangebote der beteiligten Orchester genutzt haben und mit den bereits genutzten Vermittlungsangeboten mehrheitlich zufrieden oder sehr zufrieden waren. In Bezug auf Gestaltung künftiger Angebote wünschen sich die Beteiligten unter anderem mehr Einblick in die Organisation des Orchesters sowie mehr digitale Angebote, etwa das Programmheft als App. Mehr zu den Ergebnissen dieser Studie hier

DER KLASSIK-CORONA-TICKER

Die Orgelpfeifen der Elbphilharmonie. Der Lockdown wird dazu benützt, sie zu putzen.

Es gibt unterschiedliche Arten, mit dem Lockdown umzugehen: Das Konzerthaus Berlin macht es vor und verschenkt den leerstehenden Raum an Künstler. Der Ruf der Elbphilharmonie wurde in der Corona-Zeit nicht besser: enttäuschte Künstler, Veranstalter und Ensembles wurden mit Forderungen konfrontiert – und auch den neuerlichen Lockdown nutzt man nun wenig kreativ zum Putzen: Die 4.765 Orgelpfeifen werden gesäubert und gewartet. +++ Das traditionelle Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker wird ohne Vor-Ort-Publikum stattfinden. Der ORF gibt bekannt: „Erstmals wird der von Millionen Menschen in mehr als 90 Ländern weltweit gesehene kulturelle Großevent interaktiv zugänglich sein. Im Rahmen einer Kooperation mit dem Grazer Unternehmen Poet Audio […] wird am Ende beider Konzertteile Live-Applaus von Tausenden Zuseherinnen und Zusehern generiert und im Musikverein eingespielt.“ Aber wer sorgt für das rhythmische Klatschen, wenn Riccardo Muti den Radetzky-Marsch dirigiert? 

+++ Mein neuer Freund Nikolaus Bachler von der Bayerischen Staatsoper hat den Abschlussbericht zum Pilotprojekt ‚Probeweiser Betrieb der Bayerischen Staatsoper mit erhöhter Zuschaueranzahl’ an die zuständigen Stellen übergeben: „Unter den gegebenen Bedingungen des Pilotprojekts (7‑Tage-Inzidenz überwiegend zwischen 35 und 100 je 100.000 Einwohner) konnte keine erhöhte Infektionswahrscheinlichkeit für das Publikum festgestellt werden“, teilte die Staatsoper unter Berufung auf zahlreiche Experten mit. Das sollte der Politik mit ihrer MediaMarkt-Öffnung ernsthaft zu denken geben.

PERSONALIEN DER WOCHE

Machen gemeinsame Sache: Rammstein-Sänger Till Lindemann und der Geiger David Garrett

Der Schweizer Julien Chavaz wurde vom Stadtrat der Landeshauptstadt Magdeburg zum neuen Generalintendanten des Vierspartenhauses gewählt. Damit tritt der 38-Jährige zur Spielzeit 2022/2023 die Nachfolge von Karen Stone an, die nunmehr in der elften Spielzeit die Geschicke des Theaters Magdeburg mit Erfolg leitet. +++ Rammstein-Rocker Till Lindemann und Geiger David Garrett (Foto) machen mit dem Song „Alle Tage ist kein Sonntag“ gemeinsame Sache – und kombinieren Schlager, Rock und Klassik. Veröffentlicht wird am 11. Dezember, und, ganz ehrlich: Das klingt so sehr nach Crash, dass es durchaus gut werden könnte. +++ Die kulturpolitische Sprecherin der CDU, Elisabeth Motschmann, hat 40 Millionen Euro Bundesgelder für die Sanierung des Konzerthauses Die Glocke in Bremen beim Bund freigemacht – und bekommt dafür in ihrer (und meiner) Heimat einen auf den Deckel. Müsse man das Geld nicht für notleidende Künstler ausgeben? Ich habe Motschmann angerufen: „Es ist gerade in dieser Zeit wichtig“, sagt sie, „sowohl die akute Not von Künstlerinnen und Künstlern, aber auch von Ensembles und Veranstaltern zu lindern. Gleichzeitig müssen wir aber auch antizyklisch in die Zukunft großer kultureller Leuchttürme wie die Bayreuther Festspiele oder die Glocke in Bremen investieren. Machen wir das jetzt nicht, wird es irgendwann vielleicht zu spät sein.“ +++ Die Architekten Kilian Kada und Gerhard Wittfeld haben im Tagesspiegel neue Einblicke in die Zukunft der Komischen Oper in Berlin gegeben. +++ Der ehemalige Chef des Wiener Staatsopernballetts, Manuel Lengris, geht an die Mailänder Scala zu seinem früheren Chef, Intendant Dominique Meyer. +++ Gibt es eigentlich ein Haus, das derzeit keinen digitalen Adventskalender betreibt? Umso schöner, dass es auch die selbstgebastelte Variante gibt: Der Sänger Rafael Fingerlos hat seine Seite eigentlich für Familienmitglieder und Freunde „gebastelt“ und betreibt – vielleicht auch deshalb – einen der natürlichsten, erfrischendsten und unaffektiertesten Adventskalender. +++ Am 13. Dezember überträgt arte die Lohengrin-Premiere der Staatsoper Unter den Linden – in der Titelrolle Roberto Alagna. Ich habe mit ihm über sein neues Album und über sein Debüt gesprochen

UND SONST, HERR BRÜGGEMANN?

Ich weiß, man sollte sich an Dingen nicht festbeißen. Aber, um es mit den Worten unserer Kulturstaatssekretärin zu sagen, es lässt mich einfach nicht mehr schlafen. Was? Na, sie: Monika Grütters. Ich lese von wichtigen Aktionen, wie jener des Dirigenten Hansjörg Albrecht und der Sänger Wolfgang Ablinger-Sperrhacke und Christian Gerhaher, die derzeit juristisch versuchen, sich gegen die Schließung von Kulturinstitutionen aufzubäumen. Gut so! Das erlaubt unser Rechtsstaat. Und, selbst wenn die Aussicht auf Erfolg gering ist, ist es wichtig, dass Menschen und Künstler rechtliche Schritte gehen und die Lage prüfen lassen. Ich frage mich allerdings, warum wir ein anderes demokratisches Mittel nicht viel klarer nutzen: Das öffentliche Misstrauen gegen einen Volksvertreter auszusprechen. Warum gibt es so wenige Stimmen, die den Rücktritt von Monika Grütters fordern? Weil ihre Rolle längst egal geworden ist? Weil sie selber es geschafft hat, ihre Wichtigkeit zu demontieren? Könnte sein! Aber ist der öffentliche Druck auf Politiker zuweilen nicht auch ein legitimes und zutiefst demokratisches Mittel? Vielleicht stehe ich mit dieser Überzeugung ja allein da. Aber als ich Monika Grütters neulich im Morgenmagazin gesehen habe, konnte man schon ein wenig Mitleid mit ihr bekommen, dass die arme und offensichtlich amtsmüde und handlungsunfähige Frau ihr Amt noch immer jeden Tag ausfüllen muss. Gönnen wir ihr doch eine Pause und ihr Recht auf gesunden Schlaf.

Okay – wir wollen nicht in Moll enden. Kommen wir noch zu etwas ganz anderem: Liebe Hundehalter und Musik-Liebhaber, dieser Text der Süddeutschen ist ein Muss für Euch – vielleicht doch mehr Reggae als Rheingold?

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr 

Axel Brüggemann

[email protected]

P.S.: Ich weiß nicht, wie die Kollegen so schnell über dieses 1000-Seiten Buch schreiben können, ich lese noch, glaube aber, es ist ziemlich genial!

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