Lassen wir Moni weiter schlafen…

von Axel Brüggemann

7. Dezember 2020

Igor Levits Auftritt im Dannenröder Forst, Rolando Villazóns Statement zu Live-Streams, Streaming-Konzerte mit virtuellen Pausengesprächen

Willkommen in der neuen KlassikWoche,

heute mit einem Pia­nisten, der uns nicht auf die Palme, wohl aber auf die Baum­krone bringt, mit aller­hand erfolg­rei­chen Orchester-Modellen, einem vir­tu­ellen Neu­jahrs-Applaus und einer ganz per­sön­li­chen Rücktrittsforderung. 

ROBIN VON DER DANNENRÖDE

Es ist wieder so ein typi­scher : „Kannste nix gegen sagen, aber irgendwie bleibt ein schaler Bei­geschmack.“ Dieses Mal spielte er ein Stünd­chen-Ständ­chen im Dan­nen­röder Forst – für die Akti­visten, gegen die Rodung, und das alles auf Ein­la­dung von Luisa Neu­bauer und gespon­sert von Green­peace. 18 Funk­laut­spre­cher haben das Kon­zert über­tragen (u.a. den iri­schen Folk­song „Danny Boy“). Aber was machte den Eich­hörn­chen am Ende mehr Angst, die im Hin­ter­grund sägenden Sägen oder die zahl­rei­chen Kame­raver­schlüsse der eigens ange­reisten Pres­se­fo­to­grafen, die Levits neu­esten Scoop in die Welt geschossen haben? 

Der Dan­nen­röder Forst wird wohl fallen, Levits unend­li­ches Gespür für Medi­en­er­eig­nisse und die Sti­li­sie­rung seiner Robin-Hood-Aura sind dagegen ins Kraut geschossen. Letzte Frage: Wo waren eigent­lich Karl Lau­ter­bach und Robert Habeck, um sich in luf­tigen Farn-Kla­motten auf dem Flügel zu räkeln und von Clau­dius Seidl episch besungen zu werden? Wirk­lich inter­es­sant: Die Skepsis auf Levits eigener Insta­gram-Seite wächst – Genie oder Scharlatanerie?

Nachdenken? Innehalten? Klappe halten?

Ich weiß nicht, wie Steffen Men­sching als Inten­dant in Rudol­stadt ist, ich weiß nur, dass er eines jener Bücher geschrieben hat, die mich immer wieder ein­holen: „Scher­manns Augen“ – ein zutiefst mensch­li­cher Roman über das Unmensch­liche aus dem Gulag. Nun hat sich Men­schig als Thea­ter­mann zu Wort gemeldet, kurz gesagt: Er hält nichts vom all­ge­meinen Lamen­tieren, findet es okay, dass die Theater schließen, schließ­lich ginge es jetzt um Men­schen­leben, Kultur sei da zweit­rangig, man solle den Still­stand zur Muße und zur Selbst­be­fra­gung nutzen—ich glaube, ich bin in dieser Sache nicht seiner Mei­nung, aber dar­über muss ich noch nach­denken. Hier sein durchaus streit­barer (und des­halb span­nender) Post.

VOLLKOMMEN VIRTUELL?

Viel­leicht etwas ver­spätet, aber auch hat sich diese Woche in die Debatte um Live-Streams ein­ge­mischt. Es sei oft groß­artig, was da gebracht werde, „aber Kultur kostet ein­fach viel Geld, weil alle Betei­ligten etwas ver­dienen müssen“, sagte der Tenor und Inten­dant der in Salz­burg dem Münchner Merkur. Tat­säch­lich tüf­teln viele der­zeit an Alter­na­tiven. An das Vir­tu­elle glaubt der­weil Jasper Par­rott, der mir eine Mail schrieb und mich auf sein neues Pro­jekt auf­merksam gemacht hat, den „Vir­tual Circle“, auf dem er eine „Erwei­te­rung des Live-Ereig­nisses und keine Alter­na­tive zu ihm“ verspricht. 

Und dann bin ich auf noch ein span­nendes Pro­jekt gestoßen: Auf Digital Con­cert Expe­ri­ence expe­ri­men­tieren unter anderen der Deut­sche Musikrat und das Radi­al­system mit mode­rierten Live-Kon­zerten und – das ist das Beson­dere – der Mög­lich­keit von vir­tu­ellen Pau­sen­ge­sprä­chen. Schade, dass die Auf­ma­chung der Seite eher lust­fremd daher­kommt und mehr ein Wis­sen­schafts-Pro­jekt als einen betö­renden Kon­zert­be­such verspricht. 

Dass Streams keine Ent­spre­chungen zu „nor­malen“ Auf­füh­rungen sein können, haben inzwi­schen die meisten Orchester begriffen. Mit den Wiener Sym­pho­ni­kern tüftle ich selber an Kon­zepten: Wir sind mit unseren Wohn­zim­mer­kon­zerten (kurze Talks, kurze Stücke – viel Emo­tionen) in die zweite Staffel gegangen, jeden Freitag, 20:15 Uhr, u.a. mit , Tobias Wögerer und . Hier ein Ein­blick in unser letztes Kon­zert. Und, logo: Wer nicht weiß, was gerade läuft, immer einen Klick wert, die neue „Fern­seh­zei­tung für Streams“ von CRE­SCENDO: FOYER​.de ist der Guide durch alle span­nenden Klassik-Streams.

WENN MUSIK ANKOMMT

Wo bleibt das Gute? Hier! Eine Studie zeigt, dass die Orchester in mit ihren Ver­mitt­lungs­an­ge­boten (u.a. die Würt­tem­ber­gi­sche Phil­har­monie , das Phil­har­mo­ni­sche Orchester sowie das Würt­tem­ber­gi­schen Kam­mer­or­ches­ters Heil­bronn) in ihrer Arbeit kon­se­quent ein neues Publikum errei­chen und erschließen. Ange­sie­delt am Institut für Kul­tur­ma­nage­ment der Päd­ago­gi­schen Hoch­schule hat das For­schungs­pro­jekt fest­ge­stellt, dass mehr als zwei Drittel der Befragten bereits Ver­mitt­lungs­an­ge­bote der betei­ligten Orchester genutzt haben und mit den bereits genutzten Ver­mitt­lungs­an­ge­boten mehr­heit­lich zufrieden oder sehr zufrieden waren. In Bezug auf Gestal­tung künf­tiger Ange­bote wün­schen sich die Betei­ligten unter anderem mehr Ein­blick in die Orga­ni­sa­tion des Orches­ters sowie mehr digi­tale Ange­bote, etwa das Pro­gramm­heft als App. Mehr zu den Ergeb­nissen dieser Studie hier

DER KLASSIK-CORONA-TICKER

Die Orgelpfeifen der Elbphilharmonie. Der Lockdown wird dazu benützt, sie zu putzen.

Es gibt unter­schied­liche Arten, mit dem Lock­down umzu­gehen: Das Kon­zert­haus macht es vor und ver­schenkt den leer­ste­henden Raum an Künstler. Der Ruf der wurde in der Corona-Zeit nicht besser: ent­täuschte Künstler, Ver­an­stalter und Ensem­bles wurden mit For­de­rungen kon­fron­tiert – und auch den neu­er­li­chen Lock­down nutzt man nun wenig kreativ zum Putzen: Die 4.765 Orgel­pfeifen werden gesäu­bert und gewartet. +++ Das tra­di­tio­nelle Neu­jahrs­kon­zert der wird ohne Vor-Ort-Publikum statt­finden. Der ORF gibt bekannt: „Erst­mals wird der von Mil­lionen Men­schen in mehr als 90 Län­dern welt­weit gese­hene kul­tu­relle Gro­ße­vent inter­aktiv zugäng­lich sein. Im Rahmen einer Koope­ra­tion mit dem Grazer Unter­nehmen Poet Audio […] wird am Ende beider Kon­zert­teile Live-Applaus von Tau­senden Zuse­he­rinnen und Zuse­hern gene­riert und im Musik­verein ein­ge­spielt.“ Aber wer sorgt für das rhyth­mi­sche Klat­schen, wenn den Radetzky-Marsch dirigiert? 

+++ Mein neuer Freund Niko­laus Bachler von der Baye­ri­schen Staats­oper hat den Abschluss­be­richt zum Pilot­pro­jekt ‚Pro­be­weiser Betrieb der Baye­ri­schen Staats­oper mit erhöhter Zuschau­er­an­zahl’ an die zustän­digen Stellen über­geben: „Unter den gege­benen Bedin­gungen des Pilot­pro­jekts (7‑Tage-Inzi­denz über­wie­gend zwi­schen 35 und 100 je 100.000 Ein­wohner) konnte keine erhöhte Infek­ti­ons­wahr­schein­lich­keit für das Publikum fest­ge­stellt werden“, teilte die Staats­oper unter Beru­fung auf zahl­reiche Experten mit. Das sollte der Politik mit ihrer Media­Markt-Öff­nung ernst­haft zu denken geben.

PERSONALIEN DER WOCHE

Machen gemeinsame Sache: Rammstein-Sänger Till Lindemann und der Geiger David Garrett

Der Schweizer Julien Chavaz wurde vom Stadtrat der Lan­des­haupt­stadt zum neuen Gene­ral­inten­danten des Vier­spar­ten­hauses gewählt. Damit tritt der 38-Jäh­rige zur Spiel­zeit 2022/2023 die Nach­folge von Karen Stone an, die nun­mehr in der elften Spiel­zeit die Geschicke des Thea­ters Mag­de­burg mit Erfolg leitet. +++ Ramm­stein-Rocker Till Lin­de­mann und Geiger (Foto) machen mit dem Song „Alle Tage ist kein Sonntag“ gemein­same Sache – und kom­bi­nieren Schlager, Rock und Klassik. Ver­öf­fent­licht wird am 11. Dezember, und, ganz ehr­lich: Das klingt so sehr nach Crash, dass es durchaus gut werden könnte. +++ Die kul­tur­po­li­ti­sche Spre­cherin der CDU, Eli­sa­beth Mot­sch­mann, hat 40 Mil­lionen Euro Bun­des­gelder für die Sanie­rung des Kon­zert­hauses Die Glocke in beim Bund frei­ge­macht – und bekommt dafür in ihrer (und meiner) Heimat einen auf den Deckel. Müsse man das Geld nicht für not­lei­dende Künstler aus­geben? Ich habe Mot­sch­mann ange­rufen: „Es ist gerade in dieser Zeit wichtig“, sagt sie, „sowohl die akute Not von Künst­le­rinnen und Künst­lern, aber auch von Ensem­bles und Ver­an­stal­tern zu lin­dern. Gleich­zeitig müssen wir aber auch anti­zy­klisch in die Zukunft großer kul­tu­reller Leucht­türme wie die oder die Glocke in Bremen inves­tieren. Machen wir das jetzt nicht, wird es irgend­wann viel­leicht zu spät sein.“ +++ Die Archi­tekten Kilian Kada und Ger­hard Witt­feld haben im Tages­spiegel neue Ein­blicke in die Zukunft der Komi­schen Oper in Berlin gegeben. +++ Der ehe­ma­lige Chef des Wiener Staats­opern­bal­letts, Manuel Len­gris, geht an die Mai­länder Scala zu seinem frü­heren Chef, Inten­dant Domi­nique Meyer. +++ Gibt es eigent­lich ein Haus, das der­zeit keinen digi­talen Advents­ka­lender betreibt? Umso schöner, dass es auch die selbst­ge­bas­telte Vari­ante gibt: Der Sänger Rafael Fin­gerlos hat seine Seite eigent­lich für Fami­li­en­mit­glieder und Freunde „gebas­telt“ und betreibt – viel­leicht auch des­halb – einen der natür­lichsten, erfri­schendsten und unaf­fek­tier­testen Advents­ka­lender. +++ Am 13. Dezember über­trägt die Lohen­grin-Pre­mière der Staats­oper Unter den Linden – in der Titel­rolle . Ich habe mit ihm über sein neues Album und über sein Debüt gespro­chen

UND SONST, HERR BRÜGGEMANN?

Ich weiß, man sollte sich an Dingen nicht fest­beißen. Aber, um es mit den Worten unserer Kul­tur­staats­se­kre­tärin zu sagen, es lässt mich ein­fach nicht mehr schlafen. Was? Na, sie: Monika Grüt­ters. Ich lese von wich­tigen Aktionen, wie jener des Diri­genten Hans­jörg Albrecht und der Sänger und Chris­tian Ger­haher, die der­zeit juris­tisch ver­su­chen, sich gegen die Schlie­ßung von Kul­tur­in­sti­tu­tionen auf­zu­bäumen. Gut so! Das erlaubt unser Rechts­staat. Und, selbst wenn die Aus­sicht auf Erfolg gering ist, ist es wichtig, dass Men­schen und Künstler recht­liche Schritte gehen und die Lage prüfen lassen. Ich frage mich aller­dings, warum wir ein anderes demo­kra­ti­sches Mittel nicht viel klarer nutzen: Das öffent­liche Miss­trauen gegen einen Volks­ver­treter aus­zu­spre­chen. Warum gibt es so wenige Stimmen, die den Rück­tritt von Monika Grüt­ters for­dern? Weil ihre Rolle längst egal geworden ist? Weil sie selber es geschafft hat, ihre Wich­tig­keit zu demon­tieren? Könnte sein! Aber ist der öffent­liche Druck auf Poli­tiker zuweilen nicht auch ein legi­times und zutiefst demo­kra­ti­sches Mittel? Viel­leicht stehe ich mit dieser Über­zeu­gung ja allein da. Aber als ich Monika Grüt­ters neu­lich im Mor­gen­ma­gazin gesehen habe, konnte man schon ein wenig Mit­leid mit ihr bekommen, dass die arme und offen­sicht­lich amts­müde und hand­lungs­un­fä­hige Frau ihr Amt noch immer jeden Tag aus­füllen muss. Gönnen wir ihr doch eine Pause und ihr Recht auf gesunden Schlaf.

Okay – wir wollen nicht in Moll enden. Kommen wir noch zu etwas ganz anderem: Liebe Hun­de­halter und Musik-Lieb­haber, dieser Text der Süd­deut­schen ist ein Muss für Euch – viel­leicht doch mehr Reggae als Rhein­gold?

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr 

[email protected]​crescendo.​de

P.S.: Ich weiß nicht, wie die Kol­legen so schnell über dieses 1000-Seiten Buch schreiben können, ich lese noch, glaube aber, es ist ziem­lich genial!