Klaus Doldinger gehört zu den herausragenden Vertretern der deutschen Jazz-Szene. Am 12. Mai 2021 feiert er seinen 85. Geburtstag. Das Doppelalbum „The First 50 Years of Passport“ enthält einen Querschnitt der vielen musikalischen Wege, die er mit seiner Band erkundete. 

Klaus Doldinger ist einer der vielseitigsten und umtriebigsten Jazzmusiker Deutschlands. Rund 5000 Konzerte absolvierte er mit seiner Band Passport auf allen Kontinenten der Erde. Zudem gilt er als der amerikanischste deutsche Jazzmusiker. Oscar Peterson. Charlie Parker und vor allem Lester Young nannte er einmal in einem Gespräch denn auch als seine entscheidenden Vorbilder: „Die große Palette ihrer künstlerischen Aussage geht mir heute noch ans Herz.“ 

Die Initialzündung – Traumbild vom Land der Freiheit

In Berlin geboren, kam Klaus Doldinger während des Zweiten Weltkrieges mit seinen Eltern nach Wien, von wo aus die Familie vor den russischen Militärs nach Schrobenhausen in Bayern floh. Als dort 1945 amerikanische Soldaten im Dorfgasthaus mit einer Big Band probten, hörte er zum ersten Mal den Sound einer Swing Combo. Diese Begegnung sei wohl „die Initialzündung“ gewesen, meinte er im Rückblick. „Sie schufen mir ein Traumbild vom Land der Freiheit, das prägend wirkte, auch wenn es nicht der Realität entsprach.“

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Schirokko: Klaus Doldinger und seine Band Passport im Jahr 1973

Während Klaus Doldinger Klavier, Klarinette, Harmonielehre und Musiktheorie am Robert-Schuman-Konservatorium in Düsseldorf studierte, jazzte er bereits heimlich im Hot Club an der Düsseldorfer Königsallee auf der Klarinette. Sie war damals sein Lieblingsinstrument, ehe er zum Tenorsaxofon wechselte. 1952 schloss er sich der Amateur-Dixieland-Band The Feetwarmers an, und 1955 gründete er seine erste eigene Gruppe Oscar’s Trio. Den Namen „Oscar“ verpassten ihm seine Musikerkollegen: „Bei den Feetwarmers gab es damals mit mir vier Musiker, die Klaus hießen. Und da ich Oscar Peterson besonders verehrte, haben sie mich einfach Oscar genannt.“

Eine Reise nach New Orleans und bluesiger Jazz

1960 gewann er mit den Feetwarmers als bester deutscher Dixielandband und mit Oscar’s Trio als beste Modern Group das Düsseldorfer Jazzfestival und damit eine Reise nach New Orleans. Irritiert erlebte er auf dieser Reise, wie „Jazzmusiker, die bei uns als Stars gehandelt wurden und Konzertsäle füllten, in schummrigen New Yorker Bars vor drei bis vier besoffenen Gästen spielten“. Doch diese Erlebnisse taten seiner positiven Amerika-Vision keinen Abbruch. Zwei Jahre nach seiner Rückkehr gründete er mit Ingfried Hoffmann an der Orgel, Helmut Kandlberger am Bass und Klaus Weiss an den Drums das Klaus Doldinger Quartett: „Damals war eigentlich Cool Jazz angesagt, und wir kamen daher mit Hammondorgel und bluesigem, schwarz angehauchtem Jazz. Das war ungewöhnlich.“ Umso durchschlagender war der Erfolg. Bereits die erste Schallplatte „Jazz made in Germany“, die Doldinger 1963 mit diesem Quartett herausbrachte, wurde in 20 Ländern veröffentlicht.

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Klaus Doldingers erstes großes Orchesterwerk Jazzconcertino aus dem Jahr 1968

Ende der 1960er-Jahre weitete Klaus Doldinger sein Wirkungsfeld aus, indem er für Spielfilme und Fernsehproduktionen zu arbeiten begann. Er lernte Volker Schlöndorff, Margarethe von Trotta und Hans W. Geißendörfer kennen und schrieb die Musik zu Filmen wie Negresco**** von Klaus Lemke, Baal von Volker Schlöndorff, Bis zur bitteren Neige von Gerd Oswald, Das Boot von Wolfgang Petersen, Ich und Er von Doris Dörrie oder Salz auf unserer Haut von Andrew Birkin. Darüber hinaus dirigierte er 1967 in Düsseldorf die deutsche Erstaufführung der Musicals Hello Dolly und Girl Crazy und komponierte im Auftrag des WDR sein erstes großes Orchesterwerk Jazzconcertino, das 1968 zur Uraufführung gelangte.

Passport – die ideale Form und Synthese aller Erfahrungen

1970 rief Doldinger die Band Motherhood ins Leben, nachdem er das Quartett aufgelöst und sich elektronischen Sounds zugewandt hatte. Doch bereits im Jahr darauf kehrte er zur Verbindung von Jazz, Rock, Blues und Soul zurück und gründete die Gruppe Passport. Sie bedeutete für ihn die Synthese seiner bisherigen Erfahrungen: „Jazzkeller, Konservatorium, viele weltweite Tourneen, multikulturelle Eindrücke, die Arbeit in Studios für Film oder Schallplatten – all das hatte in mir den Wunsch reifen lassen, diese Erfahrungen musikalisch umzusetzen.“ Obwohl die Mitglieder ständig wechselten, sodass, abgesehen von zeitweiligen Gästen, rund 40 verschiedene Musiker der Band angehörten, stellte Passport für Doldinger die ideale Form dar.

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Sahara Sketches: Klaus Doldinger und seine Band Passport

Zum 85. Geburtstag von Klaus Doldinger bringt das Doppelalbum „The First 50 Years of Passport“, das es auch als Box mit zwei LPs und als „Limited Deluxe Edition“ mit zwei CDs und zwei LPs gibt, einen Querschnitt der Bandgeschichte von ihren Anfängen bis in die Gegenwart. Am Beginn steht Uranus, das Titelstück des ersten Albums der Band. Den Abschluss bildet das Stück Sahara Sketches von dem Album „Passport to Marokko“, das nach einem Besuch in Marrakesch entstand. Bereits in den 1960er-Jahren hatte Doldinger mit seinem Quartett eine Reise nach Marokko unternommen: „Ich war fasziniert von diesen Eindrücken, und in der Rückschau meine ich, dass mich diese Tournee auch musikalisch geprägt hat. Jedenfalls blieben starke Erinnerungen, und daher kam ich auf die Idee, nach so vielen Jahren noch einmal dorthin zu fahren und zu schauen, ob mein positives Entsinnen sich wieder bestätigen würde. Und siehe da, genau das ist eingetreten.“ Doldinger ließ sich von den arabischen Klängen inspirieren, und aus der Reise wurde ein musikalisches Projekt, bei dem er neben Saxofon und Klarinette auch die Bambusflöte spielte.

Auftrittstermine und weitere Informationen zu Klaus Doldinger unter: klaus-doldinger.com 

Klaus Doldinger: „The First 50 Years of Passport“ (Warner)

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Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Dr. Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Dr. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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