La Poème Harmonique

Doppel­bö­dige Kirchen­musik

von Corina Kolbe

19. November 2019

Das französische Alte-Musik-Ensemble Le Poème Harmonique unter Vincent Dumestre feiert sein 20-jähriges Jubiläum mit einem neuen Album sowie Neuauflagen zahlreicher Aufnahmen.

Gregorio Alle­gris Mise­rere war lange von einem Myste­rium umgeben. Um 1630 schrieb er seine A‑cap­pella-Fassung des Bußpsalms 51, den auch und vertonten. Der Vatikan hielt das doppel­chö­rige Werk, das nur in der Karwoche gesungen wurde, bis ins späte 18. Jahr­hun­dert unter Verschluss. Zum 20. Grün­dungs­ju­bi­läum beschäf­tigt sich das fran­zö­si­sche Alte-Musik-Ensemble Le Poème Harmo­nique mit Verzie­rungen und Trans­po­si­tionen, die im Lauf der Zeit hinzu­kamen. Auf dem Album Anamor­fosi widmen sich die Musiker unter der Leitung von außerdem Kompo­nisten aus der Renais­sance und dem Barock, die welt­liche Melo­dien für die Verwen­dung in der Kirche umar­bei­teten. Unter der Maske des Sakralen fanden amou­röse Turbu­lenzen, Schlach­ten­lärm und thea­tra­li­sche Ausein­an­der­set­zungen Einlass in die Gottes­häuser. Im Pianto della Madonna über­trug sein Lamento d’Ari­anna, die Klage der von verlas­senen Ariadne, auf die Jung­frau Maria. Virgilio Alba­nese machte aus Monte­verdis von Liebes­schmerz erfülltem Madrigal Si dolce è’l tormento ein Loblied auf das Märty­rertum: Si dolce è »l martire. Auch , Marco Maraz­zoli und schlugen Brücken zwischen der welt­li­chen und der geist­li­chen Sphäre. Bei Anamor­phosen in der bildenden Kunst sind perspek­ti­visch verzerrte Details nur mit einem Spiegel oder Prisma zu erkennen. Den Schlüssel zu den doppel­bö­digen Kompo­si­tionen liefert hier die Stück­aus­wahl auf dem Album. Le Poème Harmo­nique hat außerdem eine hörens­werte Doppel-CD mit Airs de cour heraus­ge­bracht – Kunst­lieder, die am fran­zö­si­schen Königshof bis zu den frühen Jahren gesungen wurden. Eine Box mit 20 CDs, auf der ältere Aufnahmen zusam­men­ge­stellt sind, rundet das Jubi­lä­ums­an­gebot ab.