Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

einen Monat sind wir nun schon zu Hau­se. Die gute Nach­richt: Die Coro­na-Kur­ve steigt weni­ger (zumin­dest in Öster­reich und Deutsch­land), und über ers­te Locke­run­gen im All­tag wird nach­ge­dacht. Die schlech­te Nach­richt: Für Kul­tur­schaf­fen­de ist ein Ende kaum in Sicht. Den Kul­tur­be­trieb hat es als ers­tes getrof­fen, und er wird wohl auch als letz­ter wie­der nor­ma­li­siert sein. Ein Groß­teil der Som­mer-Ver­an­stal­tun­gen ist bereits abge­sagt, für Bre­genz oder Salz­burg wird es eng. Wer will schon stun­den­lang in einem Thea­ter sit­zen, in dem natür­lich auch gehus­tet wird? Vie­le Künst­ler ver­su­chen, die Aus­zeit noch immer zu nut­zen, indem sie ein­fach wei­ter machen: Musik aus den Wohn­zim­mern, von Bal­ko­nen oder in Streams. Wie lan­ge trägt das alles noch? Und wann gehen wir den Leu­ten mit unse­rem Aktio­nis­mus auf den Geist? Viel­leicht ist es an der Zeit, end­lich nach Zie­len und Visio­nen zu suchen, die auch nach Coro­na Bestand haben. 

KEINE MUSIKKEIN GELD?

Sän­ger Johan­nes Mar­tin Kränz­le hat her­aus­ge­fun­den, wel­ches Haus wel­che Ent­schä­di­gung zahlt.

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Die ein­zel­nen Kul­tur­ein­rich­tun­gen gehen ganz unter­schied­lich mit den Zwangs-Absa­gen um. Das berich­tet unter ande­rem der Mer­kur. Er zitiert eine spon­ta­ne Umfra­ge, die der Sän­ger Johan­nes Mar­tin Kränz­le unter Kol­le­gen vor­ge­nom­men hat: „So zahlt das Münch­ner Volks­thea­ter den Gäs­ten trotz­dem 80Pro­zent der Gage für gestri­che­ne Aben­de. Hun­dert Pro­zent über­wei­sen zum Bei­spiel die Häu­ser in Hof, Müns­ter, Basel, Kopen­ha­gen, Lon­don und das Lan­des­thea­ter Nie­der­bay­ern. Paris zahlt für eine Vor­stel­lung und für die rest­li­chen einer Serie einen Teil­be­trag, Darm­stadt ist mit 50Pro­zent dabei, und das Haus im rei­chen Mona­co belässt es bei Spe­sen und einer klei­nen Abfin­dung.

Ein Auge auf Ber­lin wirft Peter Ueh­ling in der Ber­li­ner Zei­tung und beschreibt, was die Inten­dan­ten Mat­thi­as Schulz, Diet­mar Schwarz und Bar­rie Kos­ky trei­ben. Auch Ueh­ling zieht am Ende das ernüch­tern­de Fazit, dass Kar­ten für den Som­mer der­zeit eher unin­ter­es­sant erschei­nen: „Kar­ten für Ende April und Mai ver­kau­fen sich schlep­pend: Man kann sich nicht so recht vor­stel­len, dass das ten­den­zi­ell zur Coro­na-Risi­ko­grup­pe der Älte­ren gehö­ren­de Opern­pu­bli­kum ohne Zögern wie­der in die enge Bestuh­lung ein­rückt.“

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Eine Auswahl der über 900 Klassiklabels aus der Naxos Music Library

PremiumHören-Playlist der Woche:
#stayathome und hörKlassik Folge2

CRE­SCEN­DO-Redak­teu­rin Ruth Renée Reif hat ihre Play­list für die­se Zei­ten zusam­men­ge­stellt.
Kos­ten­frei und unver­bind­lich in Pre­mi­um­qua­li­tät hören. Wir wol­len Ihnen ein­fach eine Freu­de machen. Hier kön­nen Sie sich regis­trie­ren

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ÄRGER ÜBER GRÜTTERS

Wäh­rend Inten­dan­ten und Künst­ler nach Lösun­gen suchen, mehrt sich der Unmut über Kul­tur­staats­mi­nis­te­rin Moni­ka Grüt­ters. Sie soll­te in die­sen Tagen viel­leicht lie­ber eng­li­sche Klas­sik-Blogs wie jenen von Nor­man Leb­recht lesen, als die deut­schen Tages­zei­tun­gen. Leb­recht hat Grüt­ters immer­hin auf Platz vier sei­ner „Coro­na-Hel­den“ gesetzt. Gleich hin­ter der Sopra­nis­tin Mil­ly For­rest, die der­zeit frei­wil­lig im Kran­ken­haus arbei­tet. Viel­leicht liegt Leb­rechts Begeis­te­rung an sei­nen man­geln­den Deutsch­kennt­nis­sen. Fakt ist: in Deutsch­land steigt die Kri­tik an Grüt­ters. Spä­tes­tens, nach­dem sie im Spie­gel mit frei­en Künst­lern abge­rech­net hat, die schon vor Coro­na wenig Geld ver­dient haben. Sie wür­den aus „intrinsi­schen Grün­den“ unbe­dingt „ihr Ding“ machen woll­ten, erklär­te Grüt­ters, und das klang für vie­le so, als sei­en ihr die­se Künst­ler egal. Auf jeden Fall bebt es in den sozia­len Medi­en. Grüt­ters wird man­geln­de Empa­thie vor­ge­wor­fen. Wir haben berich­tet, dass die Kul­tur­staats­mi­nis­te­rin sich auch viel lie­ber PR-taug­lich an der Sei­te von Kirill Petren­ko als Schirm­her­rin der Orches­ter-Stif­tung zeigt. Nun wird gefragt: Sind ihr die Klas­sik-Stars lie­ber als das Kul­tur-Pre­ka­ri­at? Immer­hin: Die Orches­ter-Stif­tung hat inzwi­schen über eine Mil­li­on Euro zusam­men­ge­sam­melt, und die Spen­den­ak­ti­on soll fort­ge­setzt wer­den. Wie pro­ble­ma­tisch die real­po­li­ti­sche Arbeit von Moni­ka Grüt­ters ist, hat inzwi­schen auch die SZ auf­ge­schrie­ben: „Die von der Kulturstaats­ministerin Moni­ka Grüt­ters ange­kün­dig­ten unbü­ro­kra­ti­schen Hil­fen für Künst­ler grei­fen nicht immer. Tau­sen­de unter­schrei­ben eine Peti­ti­on für ein bedin­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men“, berich­tet Micha­el Stall­knecht. Und die FAZ schreibt, dass Künst­ler in Hes­sen gebe­ten wer­den, auf Hartz IV aus­zu­wei­chen statt auf Hil­fen zu hof­fen.

RUNDER TISCH FÜR FREIE KÜNSTLER

Die Salz­bur­ger Oster­fest­spie­le waren Anlass für einen Run­den Tisch in Öster­reich.

Etwas stra­te­gi­scher will Öster­reich die Sache ange­hen. Hier soll ein Run­der Tisch nach Lösun­gen für die Zeit nach Coro­na suchen. Wie kön­nen beson­ders frei­be­ruf­li­che Künst­ler in Zukunft bes­ser abge­si­chert wer­den? Die For­de­rung von u.a. Eli­sa­beth Kul­man, Tomasz Konie­cz­ny und Gün­ther Groissböck sind ein­heit­li­che, rechts­kon­for­me, euro­pa­wei­te Rege­lun­gen für die Bezah­lung frei­schaf­fen­der Künst­ler. „Bis dato waren wir Ein­zel­kämp­fer, jetzt aber müs­sen wir den Hebel auf Soli­da­ri­tät umschal­ten“, sagt Tenor Wolf­gang Ablin­ger-Sper­r­ha­cke im Inter­view mit dem „Kurier“. Vie­le Kol­le­gen hät­ten Angst, sich öffent­lich gegen die Will­kür der Ver­an­stal­ter zu posi­tio­nie­ren, obwohl die Kunst­frei­heit ein ver­fas­sungs­recht­li­ches Grund­recht sei. „Uns schwebt eine Art ‚Run­der Tisch‘ vor. In Öster­reich bestehend aus Ver­tre­tern der Bun­des­thea­ter, der Fes­ti­vals, der Agen­tu­ren, der Poli­tik und der Künst­ler.“ Ein Grund der Akti­on: Insti­tu­tio­nen wie die Oster­fest­spie­le in Salz­burg hät­ten sich auf den Para­gra­fen der „höhe­ren Gewalt“ beru­fen – und die frei­en Künst­ler gin­gen leer aus. Sowohl in Deutsch­land, als auch in Öster­reich wird der Ruf nach bedin­gungs­lo­sem Grund­ein­kom­men immer grö­ßer.

CORONA UND NICHT-CORONA-NEWS

Begrüßt jeden Tag die Poli­zei: Pio­tr Bec­zała in pol­ni­scher Qua­ran­tä­ne

In Chi­ca­go ver­zich­tet Musik­di­rek­tor Ric­car­do Muti im Zuge der Coro­na-Kri­se auf 25 Pro­zent sei­nes Loh­nes. +++ Auch die Elb­phil­har­mo­nie hat einen Hilfs­fonds gegrün­det: Freie Musi­ker sol­len damit für Kon­zert­aus­fäl­le ent­schä­digt wer­den. +++ Tenor Pio­tr Bec­zała ist gemein­sam mit sei­ner Frau förm­lich aus New York in sein Land­haus in Süd­po­len geflo­hen, wo er bis ges­tern täg­lich Besuch von der Poli­zei bekam: So lan­ge dau­er­te die Zwangs-Qua­ran­tä­ne. +++ Gut aus­ge­gan­gen ist ein Coro­na-Test für Tenor Micha­el Scha­de und Fami­lie – bei ihm kam der Hus­ten in der Wie­ner Qua­ran­tä­ne. Eini­ge Tage spä­ter: Fehl­alarm, und sofort wur­de der gute Wein geöff­net! +++  Nicht nur freie Künst­ler sind der­zeit in Not, son­dern auch vie­le Agen­tu­ren, die von den Auf­trit­ten ihrer Künst­ler leben, und Musik­jour­na­lis­ten. Für die Frei­en gibt es nichts mehr zu berich­ten, und die Fes­ten lei­den, da ihre Blät­ter und Medi­en zu kämp­fen haben – beson­ders schwer hat das bereits die Sei­te Bach­track zu spü­ren bekom­men, die ihren Shop schlie­ßen muss­te. +++ Til­man Dost wird neu­er Inten­dant der Münch­ner Sym­pho­ni­ker. Damit löst der stu­dier­te Kul­tur­ma­na­ger und Musi­ker Annet­te Josef in die­ser Posi­ti­on ab.

MÜNCHNER WAHRHEITEN UND ANDERE REAKTIONEN

Nach­dem der Bari­ton Gün­ther Groissböck den vor­sich­ti­gen poli­ti­schen Umgang mit Coro­na kri­tisch hin­ter­fragt hat­te und ich den Shit­s­torm auf sei­nen Sei­ten für gerecht­fer­tigt befand, bekam ich – eben­falls zu Recht! – vie­le Leser­brie­fe. Fakt ist: Natür­lich ist es legi­tim, die Linie der Regie­rung (eigent­lich aller demo­kra­ti­schen Regie­run­gen) zu hin­ter­fra­gen. Und die­ses Recht hat natür­lich auch Gün­ther Groissböck. Ich will es ihm nicht neh­men, auch wenn ich noch immer ande­rer Mei­nung bin. Viel­leicht gehört die Tugend der Ent­schul­di­gung und der Selbst­kri­tik in die­sen Tagen zu unse­rem Leben. Was mich der­weil wirk­lich befrem­det, ist der neue Natio­na­lis­mus, der sich breit macht: Poli­ti­ker, die sagen, kein Land wür­de so schnell und effi­zi­ent han­deln wie das eige­ne, der schnel­le Fin­ger­zeig auf ande­re Län­der und das öffent­li­che, natio­na­le Gegen­ein­an­der, das offen­sicht­lich im gemein­sa­men Mit­ein­an­der zu Hau­se auf­blüht. Aber das ist ein ande­res The­ma.

Thea­ter-Tier Bach­ler hat angeb­lich jedem frei­ge­stellt, ob er auf­tritt.

Eben­falls inter­es­sant waren die Mails und Anru­fe, die ich aus der Baye­ri­schen Staats­oper und dem Baye­ri­schen Staats­bal­lett bekom­men habe. Leu­te, die an den Pro­ben zu „7 Deaths of Maria Cal­las“ betei­ligt waren, haben mir berich­tet, dass Niko­laus Bach­ler – anders als andern­orts behaup­tet – nie­man­den zu Pro­ben gezwun­gen hät­te. Im Gegen­teil: Eini­ge Ange­stell­te der Oper hät­ten die Situa­ti­on aus­ge­nutzt, um eige­ne Inter­es­sen durch­zu­set­zen. Bach­ler habe allen Betei­lig­ten ver­spro­chen, sie zu bezah­len, auch wenn sie nicht pro­ben oder auf­tre­ten woll­ten. „Was soll­te er auch davon haben, die Leu­te zu zwin­gen“, frag­te einer der Betei­lig­ten, die mich ange­ru­fen haben. „Bach­ler braucht sich nichts mehr zu bewei­sen. Er ist ein Thea­ter-Tier und glaubt an die Kunst: Er ist Risi­ko­grup­pe und trotz­dem der Ers­te im Haus und der Letz­te, der geht.“ Das Staats­bal­lett stell­te der­weil fest, dass die Poli­zei tat­säch­lich eine Kon­trol­le durch­ge­führt, aber nicht die Pro­ben ver­bo­ten habe. Es wur­de ledig­lich der Ablauf des frei­wil­li­gen Trai­nings über­prüft. Inzwi­schen ruht auch an der Baye­ri­schen Staats­oper der Betrieb.        

DER NETZ-WAHNSINN 

So lang­sam wer­den alle ein wenig ver­rückt, glau­be ich. Und: Die Coro­na-Zeit lässt die Men­schen in ihren wahr­haf­ti­gen Cha­rak­ter-Extre­men erschei­nen: natür­lich auch die Künst­ler. Jene, die kei­ne Ruhe ken­nen und strea­men und tal­ken und sin­gen, was das Zeug hält. Jene, die ein­fach jeden Gedan­ken mit­tei­len, der ihnen durch den Kopf schießt. Und jene, die sich still und lei­se zurück­zie­hen. Und jene, die es (wie Anne-Sophie Mut­ter schaf­fen, auch in die­sen Zei­ten das Augen­merk auf ande­re Kri­sen­her­de wie die tür­kisch-grie­chi­sche Gren­ze und die dort aus­har­ren­den Kin­der zu rich­ten. Immer­hin: Wir Jour­na­lis­ten pro­fi­tie­ren von all dem, unse­re Tele­fo­ne ste­hen nicht still – sel­ten gab es so vie­le der­art ent­spann­te Gesprä­che mit Sän­gern, Diri­gen­ten oder Regis­seu­ren wie in die­sen Tagen. 

Eines der lus­tigs­ten Coro­na-Vide­os: Tenor Ste­fan Vin­ke über­rascht sehr humor­voll, indem er den „Bi-Ba-But­zel­mann“ singt.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Aber ich kann Streams aus Wohn­zim­mern lang­sam nicht mehr sehen, eben­so­we­nig wie Orches­ter, die ein­zeln als Gan­zes spie­len. Neu­lich habe ich auf Face­book die Wor­te einer Sän­ge­rin gele­sen, die unge­fähr so gin­gen: „Ey, Opern­häu­ser, die Ihr unse­re Auf­füh­run­gen nun kos­ten­los streamt – Euch ist schon klar, dass wir nichts davon abbe­kom­men, oder? War­um macht ihr unse­re Kunst so bil­lig?“ Tat­säch­lich ist die Ent­wer­tung von Opern- und Kon­zert­auf­zeich­nun­gen in vol­lem Gan­ge. Kein Hol­ly­wood-Regis­seur käme auf die Idee, sei­ne Fil­me kos­ten­los ins Netz zu stel­len. Und weder Spo­ti­fy, noch Ama­zon oder Net­flix ver­zich­ten auf Geld. War­um also tut die Klas­sik genau das und zer­stört dadurch ihren eh labi­len Markt? Was die gro­ßen Häu­ser machen, ist unfair gegen­über jenen, die Klas­sik gegen Geld anbie­ten (und damit auch die Künst­ler zah­len), etwa takt1, fide­lio oder der Strea­ming­dienst ida­gio, der neu­er­dings auch Künst­ler­ge­sprä­che führt. Mit Hol­ger Nolt­ze von takt1 habe ich mich unter­hal­ten: er sucht – gemein­sam mit Häu­sern – nach Mög­lich­kei­ten neu­er Rück­flüs­se von Streams auch für Künst­ler.

Auch das Fern­se­hen ist der­zeit noch merk­wür­dig ein­falls­los, redu­ziert ein­fach die Anzahl der Betei­lig­ten bei sei­nen Auf­zeich­nun­gen: Kam­mer- oder Haus­mu­sik statt sin­fo­ni­sche Streams. Ein High­light der Coro­na-Streams war in die­ser Situa­ti­on sicher­lich die Leip­zi­ger Johan­nes-Pas­si­on zu Kar­frei­tag. Acht Musi­ker musi­zier­ten in Leip­zig zusam­men mit der glo­ba­len Bach-Fami­lie vir­tu­ell im Netz. So konn­te trotz der Coro­na-Pan­de­mie eine unun­ter­bro­che­ne und über 170-jäh­ri­ge Tra­di­ti­on Leip­zi­ger Pas­si­ons­kon­zer­te fort­ge­setzt wer­den. +++ Das lus­tigs­te Video der Woche ver­dan­ken wir dem Tenor Ste­fan Vin­ke auf Face­book (ja, der Mann ist wirk­lich lus­tig!). Wäh­rend sei­ne Kolleg*innen tal­ken und strea­men und sich in ver­meint­lich bes­te Sze­ne set­zen, hat der Bay­reuth-Sieg­fried sehr lan­ge für sei­ne klei­ne Ein­la­ge geübt: er singt bei sich zu Hau­se den „Bi-Ba-But­zel­mann“ in genia­ler Cho­reo­gra­phie!

In die­sem Sin­ne

hal­ten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de

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