Tuomas Pursio

Bach, Schu­mann, Mahler & Wagner

von Roland H. Dippel

6. März 2017

Bach, Schumann, Mahler, Wagner: Alle durchströmten sie die Sachsen-Metropole. Zusammen mit Bassbariton Tuomas Pursio begibt sich unser Autor durch „Hypsig“, den „Kopf der Musik“.

Bach, Schu­mann, Mahler, Wagner: Alle durch­strömten sie die Sachsen-Metro­pole. Zusammen mit Bass­ba­riton Tuomas Pursio begibt sich unser Autor durch „Hypsig“, den „Kopf der Musik“.

In dieser Kultur­lunge Deutsch­lands bin ich sehr glück­lich.“ Das ist ein bedachtes und ehrli­ches Wort des finni­schen Bass­ba­ri­tons . Er sagt „Lunge“ für pulsie­renden Austausch, nicht „Herz“. Zum Gespräch treffen wir uns an der Oper , nur wenige 100 Meter vom größten Kopf­bahnhof Deutsch­lands. Sogar an diesem kalten Janu­artag mit Puder­schnee herrscht hier nach der Vormit­tags­probe reges Getümmel. Direkt vor dem Bühnen­ein­gang starten die Fern­busse in alle Rich­tungen. Ab 4. März wird Tuomas Pursio wieder zum bösen Kaspar in Webers „Frei­schütz“, es ist bereits seine vierte Produk­tion dieses urro­man­ti­schen Iden­ti­fi­ka­ti­ons­stücks mittel­deut­scher Kultur. Im Schatten des neuen Gewand­hauses auf der anderen Seite des Augus­tus­platzes kommt das Gespräch ganz schnell auf den breiten Leip­ziger Musik­strom von Bach zu Wagner über Mahler, Mendels­sohn, Schu­mann, Reger bis in die Gegen­wart Udo Zimmer­manns und Steffen Schlei­er­ma­chers. Von der Fußgän­ger­zone führt der Weg vorbei an der Niko­lai­kirche, Symbol der Wende und für Kirchen­musik bis heute ein aktiver Ort ebenso wie die durch Bach berühm­tere Thomas­kirche. „Dort ist das Grab meines Idols“, sagt der dunkel­haa­rige Sänger mit bemer­kens­wert klarem Deutsch ohne Dialekt­ak­zente, die er in seinen Gesel­len­jahren im Studio der Oper und der Deut­schen Oper am Rhein leicht hätte annehmen können. Und man merkt, wie verwur­zelt er in der Stadt ist, wo er seit 14 Jahren zu den Ensem­ble­säulen gehört – unter , und jetzt Gene­ral­inten­dant . Klar, dass es in unserem fast drei­stün­digen Treffen mehr um Musik und Theater geht als um die überall sicht­baren Geschichts­spuren wie das Forum für Zeit­ge­schichte oder das Museum Runde Ecke zur Stasi-Aufar­bei­tung.

Bachdenkmal in Leipzig

Foto: Andreas Schmidt

Vor dem Bach-Denkmal an der Thomas­kirche setzt Tuomas Pursio eine Linie seiner künst­le­ri­schen Passionen: „Erstens Bach, zwei­tens Wagner und Strauss, drit­tens Verdi und Puccini.“ Eins tritt derzeit leider zurück, zwei steht im Zentrum. An allen wich­tigen Leip­ziger Musi­k­orten – Thomas­kirche, Gewand­haus, Univer­si­täts­mu­siken und vielen anderen – ist Tuomas Pursio aufge­treten. Doch gibt es hier Zäsuren zwischen der ausge­prägten Tradi­tion des oft in der Oper und gleich­zeitig Konzerte spie­lenden Gewand­haus­or­ches­ters und einer ganz stark profi­lierten Sakral­musik. Dabei war Bach der Magnet, der Tuomas Pursio schon ganz früh zur Musik zog. Als Knabe rückte er schnell auf in die Spit­zen­gruppe der „Cantores minores“, dem finni­schen Pendant zum Leip­ziger , und begeg­nete beim Gast­spiel der Kruzianer in 1980 bereits seinem Bass­kol­legen .

„Richard ist Leip­ziger“

Tuomas Pursio vergleicht die räum­liche Weite der Leip­ziger Kanäle, die großen Parks von „Klein Paris“ und das Neuse­en­land rundum mit seiner Heimat­stadt Helsinki. In Leipzig wurde er nach zwei Spiel­zeiten von 2000 bis 2002 am Theater ganz schnell zum beken­nenden Lipsianer: „Erfurt ist wunderbar, doch Leipzig liegt mir als Groß­städter einfach mehr.“ Damals lernte er seine Frau kennen und lieben, sie ist als Musik­leh­rerin die ideale künst­le­ri­sche Wegbe­glei­terin. Und sie kann sich mit ihm darüber freuen, dass derVater von drei Kindern (zwölf, zehn und acht) an der nach dem Riesen­er­folg als boden­stän­diger Traum­mann Mandryka für Strauss’ Arabella immer mehr in das schwere Wagner-Fach hinein­wächst. Familie und Beru­fung beein­flussten natür­lich die Entschei­dung für das Wohn­quar­tier. Jetzt wohnt Familie Pursio in Gohlis, nahe am Rosental-Park, dem idyl­li­schen Schlöss­chen und den beein­dru­ckenden histo­ris­ti­schen Haus­fas­saden, die heute weit­flä­chig strahlen wie vor 1914, als Leipzig die reichste Stadt Deutsch­lands war.

„Richard ist Leip­ziger“, so setzt die Messe­stadt Wagner auf Augen­höhe mit Bach. Wagners Geburts­haus am steht nicht mehr, doch der Verein Leip­ziger Noten­spur und die aktive Orts­gruppe des Richard-Wagner-Verbands balan­cieren die beiden Meister im Gleich­ge­wicht der Kräfte. Und auf Plakaten wirbt das Porträt des vor einem Jahr verstor­benen und hier vergöt­terten Gewand­haus­ka­pell­meis­ters Kurt Masur für das Mendels­sohn-Haus.

„Erfurt ist wunderbar, doch Leipzig liegt mir als Groß­städter einfach mehr“

Bassbariton Tuomas Pursio im Gespräch

Foto: Kirsten Nijhof

Über den Markt­platz mit dem Renais­sance-Rathaus und den Messeh­öfen rundum flanieren wir durch die Ausgeh­meile Barfuß­gäss­chen zwischen Markt und dem schönen Schau­spiel­haus, dort sitzen zu jeder Jahres­zeit Trend­setter und Touristen. Ziel ist das Café-Restau­rant „Zum Arabi­schen Coffe Baum“, eines der ältesten Kaffee­häuser Mittel­eu­ropas und heute eine Filiale des Stadt­ge­schicht­li­chen Museums. Hier huldigte Bach mit der „Kaffee-Kantate“ dem kolo­nialen Mode­ge­tränk, hier schar­wen­zelte Kurfürst August der Starke um die schöne Wirtin Johanna Elisa­beth Neumann. Und auch hier geht es um die Musik. Tuomas Pursio ist glück­lich über die vielen gebro­chenen Charak­tere, die er an der Oper Leipzig und als in seiner Heimat beliebter Gast an der Oper Helsinki verkör­pern darf: Mephisto – gleich gegen­über von Goethes Origi­nal­schau­platz Auer­bachs Keller–, den diabo­li­schen Nick Shadow und nach seinem Rollen­debüt als Prophet Joch­a­naan an der Oper folgt „Salome“ in Leipzig. Bach wird für ihn weiterhin zu kurz kommen, aber dafür gibt es satte Aufgaben bei den Wagner-Tagen jedes Jahr im Mai. Damit lässt sich gut leben in Leipzig.

Tipps, Infos & Adressen

Altes Rathaus in Leipzig am Abend

Foto: Andreas Schmidt

Musik & Kunst

Bis Juni 2017: In den Gewand­haus-Konzerten mit dem neuen Kapell­meister und des Sinfo­nie­or­ches­ters unter gibt es fast jede Woche High­lights. Die Oper Leipzig prunkt ab 20. Mai mit Charles Gounods Histo­ri­en­fetzer Cinq-Mars, Wagners komplettem Ring und dem Bach­fest, einem der glanz­vollsten Barock­fes­ti­vals welt­weit. Auch die Nähe zu , , , machen Leipzig zum idealen Kultur­ur­laubsort. Das Bach Museum ist didak­tisch bestens gelungen, das Krea­tiv­quar­tier Leip­ziger Westen zeigt aller­neu­este Kunst in frischen Präsen­ta­tionen. Die Leip­ziger Buch­messe bietet einen unüber­treff­baren Crash­kurs für Gegen­warts­li­te­ratur.

Essen & Trinken

Ein Tradi­ti­ons­lokal ist die Gosen­schenke in Leipzig-Gohlis, dort sieht man auch regel­mäßig Künstler wie Roland Seiff­arth, Lehár-Experte und früher Chef­di­ri­gent der Musi­ka­li­schen Komödie.
Mencke­straße 5, 04155 Leipzig
www​.gosen​schenke​.de

Das Café-Restau­rant Zum Arabi­schen Coffe Baum lohnt immer den Besuch.
Kleine Flei­scher­gasse 4, 04109 Leipzig
www​.coffe​-baum​.de

Eine pulsie­rende Alter­na­tive zur Flanier­meile Karl-Lieb­knecht-Straße in der Südstadt ist die Karl-Heine-Straße im west­li­chen Stadt­teil Plag­witz.

Über­nachten

Für Musik- und Kultur­lieb­haber empfohlen sei das in unmit­tel­barer von Wagners Geburts­platz gele­gene Hotel Marriott. Doppel­zimmer ab 126 Euro.
Am Halli­schen Tor 1, 04109 Leipzig
www​.marriott​.de

Gleich zwischen Oper und Niko­lai­kirche befindet sich das Victor’s Resi­denz-Hotel als idealer Starter für alle Kultur­ziele. Doppel­zimmer ab 81 Euro.
Geor­gi­ring 13, 04103 Leipzig
www​.victors​.de

Fotos: Michael Bader