Woher kommt eigentlich ...

Der Drang, Musik zu auto­ma­ti­sieren?

von Stefan Sell

3. November 2020

Musikautomaten und Musikmaschinen von der Antike bis in die Gegenwart zeugen von dem Verlangen, Musik von selbst spielen zu lassen.

Wer Musik machen will, muss singen oder ein Instru­ment spielen, auf jeden Fall aktiv werden. Was aber, wenn man sich nach „süßem Nichtstun” sehnt, wünscht, alle Töne, Klänge und Melo­dien würden sich von selbst spielen? Viel wird dafür getan, nichts zu tun. In der frühen Antike stellte man einen Kasten aus Holz mit vertikal gespannten Saiten auf. Durch einen Windtrichter brachte der Wind die Saiten zum Klingen. Da damals Äol der Herr­scher der Winde war, nannte man das Instru­ment Äols­harfe. Keine Elek­tronik, kein Compu­ter­pro­gramm, nur das Klingen des Windes, der sich in den Saiten verfing. Noch 1725 widmete Bach dem Wind­gott seine Kantate BWV 205 Der zufrie­den­ge­stellte Aeolus.

»Manche Gefäße sind so beschaffen, dass ein Mönch (=Vogel) singt oder pfeift, wenn man Wasser eingießt.«

Heron aus Alex­an­drien, schil­lernde Persön­lich­keit der Antike, verfasste ein ganzes Buch mit Anlei­tungen zum Bau von Auto­maten, darunter auch auto­ma­ti­schen Musik­in­stru­menten. Dort ist zu lesen, wie man „eine Trom­pete bei Öffnung von Tempel­türen ertönen lassen” kann ohne selbst hinein­blasen zu müssen. Weiter heißt es: „Manche Gefäße sind so beschaffen, dass ein Mönch (=Vogel) singt oder pfeift, wenn man Wasser eingießt.” Im Mittel­alter gab es Glocken­spiele, die mithilfe einer Mechanik Musik machten. In der Renais­sance versuchten sich Kunst­hand­werker als Erfin­dern Musik machender Auto­maten. Töne eines Spinetts ließen sich von Stiften auf drehenden Walzen erzeugen.

Trompeter aus dem Deutschen Museum
Der Trom­peter aus dem Deut­schen Museum in , den Vater und Sohn Kauf­mann in den Jahren 1810 bis 1812 bauten, war wahr­schein­lich durch den aufse­hen­er­re­genden einfa­cheren Trom­pe­ter­au­to­maten des Wiener Auto­ma­ten­bauer Johann Nepomuk Mälzel ange­regt worden.
(Foto: © Deut­sches Museum)

Im Laufe der Zeit entstanden immer verrück­tere und komple­xere Musik­au­to­maten, Mecha­niken mit Steue­rungen durch Noten­rollen und vieles mehr. „Musik­ma­schi­nisten” nannte man ihre Konstruk­teure. Einer von ihnen war Johann Nepomuk Mälzel, Entwickler des Metro­noms, ein Tausend­sassa, der neben Hörrohren für Beet­hoven auch einen Trom­pe­ter­au­to­maten baute. Das genügte ihm nicht, ein ganzes Orchester, das auf Knopf­druck spielte, sollte her. Sein Panhar­mo­nikon, für das er selbst Walzer kompo­nierte, war eine Erst­aus­gabe der späteren Orches­trien. Haydn, Mozart, wie auch Beet­hoven hauchten ihnen ihren Geist ein, verfassten Werke für eine Flötenuhr. Im 18./19. Jahr­hun­dert erlebten die konstru­ierten Maschinen eine wahre Blüte.

»Die Töne der Kauf­man­ni­schen Maschine sind bei weitem schöner, als die der gewöhn­li­chen Tanz-Orchester.«

Perfek­tio­niert hat den Trom­pe­ter­au­to­maten Fried­rich Kauf­mann. Er und sein Sohn waren mit einem Auto­ma­ten­va­rieté auf Tournee. war außer sich vor Freude, als er 1812 in der Allge­meinen Musik Zeitung verlauten ließ: „Durch ihre drei neu erfun­denen Maschinen von der schwie­rigsten und inter­es­san­testen Erfin­dung, von dem schönsten und kunst­ge­rech­testen Ton nehmen sie Kopf und Herz, Gehör und Gesicht gleichsam abwech­selnd in Beschlag.” Er befand sogar: „Die Töne der Kauf­man­ni­schen Maschine sind bei weitem schöner, als die der gewöhn­li­chen Tanz-Orchester.” Weber fand die Töne des Andro­iden so echt, „dass man bestimmt zwei Trom­peter zu hören meint; ja sogar das tiefe a und h, an welchen bisher alle leben­dige Trom­pe­ter­lippen verzwei­felten.”

»Dieser Automat über­trifft hier­innen alle unsere Pfeiffer, die ein solches Instru­ment blasen.«

Ein weiterer Musik­ma­schi­nist war der Fran­zose Jacques de Vaucanson. Ob mecha­ni­sche Ente oder Flöten­spieler, er baute alles. Wert legte auf die Nuancen, ging so weit ins Detail, dass er, „um das Weiche der natür­li­chen Finger nach­zu­ahmen“ die Finger seines berühmten Flöten­spie­lers mit Leder versah. Dieser Android, 1738 erst­mals der Académie Royale des Sciences präsen­tiert, braucht nicht einmal Luft zu holen. Vaucanson war sicher: „Dieser Automat über­trifft hier­innen alle unsere Pfeiffer, die ein solches Instru­ment blasen.”

»Die Maschi­nen­musik ist für mich etwas Heil­loses und Greu­li­ches.«

Über diese der Kunst so fremde Künst­lich­keit sinnierten 1814 Ludwig und Ferdi­nand, zwei musi­ka­lisch bewan­derte Freunde, in der Erzäh­lung Die Auto­mate von E.T.A. Hoff­mann. Was Weber begeis­terte, ließ die beiden verzwei­feln: „Ich bin von all der Maschi­nen­musik ordent­lich durch­ge­walkt und durch­ge­knetet, dass ich es in allen Glie­dern fühle und lange nicht verwinden werde. Die Maschi­nen­musik ist für mich etwas Heil­loses und Greu­li­ches.” Sie wussten, dass aus einem seelen­losen Auto­maten niemals „der voll­kom­mene Ton dringen könne”.

»My Soul is in the Machine.«

Viel­leicht wäre den beiden ein Trost gewesen, zu hören, welche Schöp­fungen der ameri­ka­ni­sche Neutöner aus einem elek­trisch-mecha­ni­schen Klavier heraus­holen konnte. Seine Kompo­si­tionen für das Selbst­spiel­kla­vier („Studies for Player Piano”) gelten für die Klavier­musik des 20. Jahr­hun­dert als absolut einzig­artig. Für Ligeti war es „die beste Musik eines lebenden Kompo­nisten, die größte Entde­ckung seit Webern und Ives, überaus origi­nell, erfreu­lich, konstruktiv und gleich­zeitig emotional”. Hier fand sich wieder, was Ludwig und Ferdi­nand vermissten: „My Soul is in the Machine”, verriet Nancarrow. Künst­lich­keit wurde wieder Kunst.

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Fotos: Kuka-Roboter, ar