Der Dirigent Robin Ticciati im Gespräch über seine neue Heimat Berlin, italienische Familienwurzeln und die Leidenschaft für französische Musik.

Die üppi­ge Locken­pracht ist nicht das Ein­zi­ge, was Robin Tic­cia­ti mit Simon Ratt­le ver­bin­det. Bei­de stam­men aus Eng­land, sind inter­na­tio­nal gefrag­te Diri­gen­ten und kön­nen auch Schlag­zeug spie­len. Doch wäh­rend sich Ratt­le kürz­lich von den Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­kern nach Lon­don ver­ab­schie­det hat, ist Tic­cia­ti, seit Herbst 2017 Chef­di­ri­gent des Deut­schen Sym­pho­nie-­Or­ches­ters Ber­lin, erst jetzt rich­tig in der Stadt ange­kom­men.

Bis zum letz­ten Som­mer bin ich viel gepen­delt, es war auch mei­ne Abschieds­sai­son als Chef des Scot­tish Cham­ber Orches­tra in Edin­burgh“, sagt er. „Jetzt kann ich mich end­lich ganz auf mein neu­es Orches­ter kon­zen­trie­ren, sei­nen Klang for­men. Mir geht es immer dar­um, nach der inne­ren Wahr­heit in der Musik zu suchen.“

Im Sze­ne­vier­tel Prenz­lau­er Berg wohnt er bereits seit zwei Jah­ren. „Ich bin neu­gie­rig auf alles, was Ber­lin kul­tu­rell zu bie­ten hat“, ver­rät er, wäh­rend er sich grü­nen Tee bestellt. „Auch in Lon­don, wo ich auf­ge­wach­sen bin, ist das Ange­bot groß. Doch hier scheint es mir, als hät­ten die Men­schen einen noch direk­te­ren Zugang zur Kul­tur. So, als gehö­re sie phy­sisch zum All­tag dazu.“

Alles, was man tut, ist das Ergeb­nis von Arbeit und Pas­si­on“

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Als Diri­gent hat es Tic­cia­ti mit 35 Jah­ren bereits weit gebracht. Orches­ter wie die Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker, das Sym­pho­nie­or­ches­ter des Baye­ri­schen Rund­funks und das Lon­don Sym­pho­ny Orches­tra luden ihn ein, außer­dem gas­tier­te er an der Mai­län­der Sca­la, bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len und im Roy­al Ope­ra House in Lon­don. Seit 2014 ist er in sei­ner Hei­mat Musik­di­rek­tor der Glyn­de­bourne Fes­ti­val Ope­ra. „Das Wich­tigs­te ist, sei­nen eige­nen Über­zeu­gun­gen treu zu blei­ben“, meint er. „Alles, was man tut, ist das Ergeb­nis von Arbeit und Pas­si­on.“

Mit dem DSO geht Tic­cia­ti aus­gie­big sei­ner Lei­den­schaft für fran­zö­si­sche Kom­po­nis­ten des spä­ten 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­derts nach. Beim Label Linn erschien gera­de ein Album mit Mau­rice Ravels Zwei­ter Orches­ter­sui­te zu Daph­nis et Chloë, den Val­ses nobles et sen­ti­men­ta­les sowie der sin­fo­ni­schen Dich­tung Aux étoi­les und Lie­dern von Hen­ri Duparc, inter­pre­tiert von der tsche­chi­schen Mez­zo­so­pra­nis­tin Mag­da­le­na Kožená. „Sie ver­leiht den Stü­cken eine beson­de­re emo­tio­na­le Fär­bung, das gefällt mir sehr.“ Auf Tic­cia­tis Debüt-CD mit sei­nem Ber­li­ner Orches­ter hat­te die Ehe­frau von Simon Ratt­le bereits Ari­et­tes oubliées von Clau­de Debus­sy gesun­gen. „Ich ver­su­che mit den Musi­kern immer tie­fer in das fran­zö­si­sche Reper­toire vor­zu­drin­gen. An Ravels Val­ses lie­be ich die­se Fin-de-Siè­cle-Atmo­sphä­re“, schwärmt er. „Ich sehe hell erleuch­te­te Pari­ser Stra­ßen vor mir. Das ist für mich ein biss­chen wie Oper.“

Musik beglei­tet den Bri­ten mit ita­lie­ni­schen Wur­zeln seit sei­ner Kind­heit. Sein Vater, ein Rechts­an­walt, spielt aus Lei­den­schaft Cel­lo, die Mut­ter Brat­sche. „Bei uns zu Hau­se wur­de eigent­lich immer musi­ziert“, erin­nert er sich. Als Gei­ger, Pia­nist und Schlag­zeu­ger aus­ge­bil­det, nahm Tic­cia­ti schon mit 15 Jah­ren den Diri­gen­ten­stab in die Hand. „Dadurch woll­te ich der Musik noch näher­kom­men“, bekennt er. „Als Diri­gent kann man mit einer Ges­te den Klang eines gan­zen Orches­ters ver­än­dern. Man muss in der Lage sein, sei­nen Kör­per wie ein Tän­zer unter Kon­trol­le zu hal­ten. In gewis­ser Wei­se ist der Kör­per also ein Instru­ment.“

Man muss in der Lage sein, sei­nen Kör­per wie ein Tän­zer unter Kon­trol­le zu hal­ten“

Der in Rom gebo­re­ne Groß­va­ter war Kom­po­nist und Arran­geur. „Als ich in der Stadt zum ers­ten Mal mit dem Orches­tra dell’Accademia Nazio­na­le di San­ta Ceci­lia auf­trat, kamen nach dem Kon­zert sechs Namens­vet­tern auf mich zu und strahl­ten mich an. Das war ein beson­de­res Erleb­nis! Auch wenn mei­ne Eltern Bri­ten sind, steckt die ita­lie­ni­sche Kul­tur irgend­wie in mir.“

Von sei­nen Men­to­ren Colin Davis und Simon Ratt­le geför­dert, trat Tic­cia­ti 2005 als jüngs­ter Diri­gent mit der von Clau­dio Abba­do gegrün­de­ten Filar­mo­ni­ca del­la Sca­la auf. Spä­ter diri­gier­te er an dem Opern­haus Ben­ja­min Brit­tens Oper Peter Gri­mes. „Das Tem­pe­ra­ment der Musi­ker hat mich sofort ange­spro­chen. Brit­ten klingt plötz­lich ein biss­chen nach Gia­co­mo Puc­ci­ni.“ Für Abba­do, von 1968 bis 1986 Musik­di­rek­tor des Opern­hau­ses und spä­ter Vor­gän­ger Ratt­les bei den Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­kern, emp­fin­det Tic­cia­ti gro­ße Bewun­de­rung. „Sei­ne Art zu diri­gie­ren hat­te vor allem gegen Ende sei­nes Lebens etwas sehr Spi­ri­tu­el­les. Sei­ne Bewe­gun­gen waren flie­ßend und schön anzu­se­hen. Er besaß die Gabe, Orches­ter dazu zu brin­gen, für ihn ihr Bes­tes zu geben.“

Unter Lei­tung Tic­cia­tis führ­te das Deut­sche Sym­pho­nie-Orches­ter im Sep­tem­ber beim Musik­fest Ber­lin mit Gesangs­so­lis­ten und dem Ber­li­ner Rund­funk­chor neben Debus­sys Büh­nen­mu­sik zu Le mar­ty­re de Saint Sébas­ti­en auch eine von Abba­do zusam­men­ge­stell­te Sui­te aus Richard Wag­ners Oper Par­si­fal für Chor und Orches­ter auf. Wer­ke von Fau­ré, Ber­li­oz und Mozart ste­hen auf dem Pro­gramm, wenn Tic­cia­ti im kom­men­den Janu­ar in der Phil­har­mo­nie zum fünf­ten Todes­tag des gro­ßen Diri­gen­ten ans Pult des Cham­ber Orches­tra of Euro­pe tre­ten wird.
Mit dem DSO wid­met er sich in die­ser Sai­son unter ande­rem auch Hän­dels Mes­si­as, Brahms-Sin­fo­ni­en oder zeit­ge­nös­si­schen Stü­cken, dar­un­ter eine Urauf­füh­rung von Ari­bert Rei­mann. „Mit dem Orches­ter will ich in Ber­lin Teil des gro­ßen Gan­zen, des kul­tu­rel­len Sturms sein“, so Tic­cia­ti. Mit sei­nen Musi­kern ist er außer­dem auf Tour­ne­en im In- und Aus­land zu erle­ben, etwa in Köln, Lud­wigs­ha­fen, Luga­no und Lyon.

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Corina Kolbe
In Berlins Konzertsälen und Opernhäusern ist die freie Musikjournalistin Corina Kolbe seit Jahren zu Hause. Von der Hauptstadt aus steuert die studierte Romanistin oft Richtung Süden, um über Aufführungen in historischen Theatern ihrer zweiten Heimat Italien oder Klassikfestivals in den Schweizer Alpen zu berichten. Ausführliche Interviews mit Künstlern vor und hinter der Bühne runden ihr Portfolio ab.

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