Schwarze Tenöre

Keine Angst vorm schwarzen Mann!

von Ruth Renée Reif

12. Juli 2021

Schwarze Tenöre auf den Konzert- und Opernbühnen – noch immer eine Seltenheit

Die west­liche klas­si­sche Musik ist elitär und weiß. Diesen Eindruck gewinnt, wer in den Annalen hiesiger Opern­häuser blät­tert. Tatsäch­lich aber ist dies nur der Schein, den Inten­danten und Veran­stalter erwe­cken, indem sie ausschließ­lich weiße Künstler enga­gieren. Die christ­li­chen Missio­nare vermochten mit ihren primi­tiven Liedern und dem Harmo­nium die Musik­kul­turen der Afri­kaner zu zerstören. Die Musi­ka­lität aber kann man Menschen weder rauben noch zerstören. Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis den Skla­ven­fa­mi­lien auch beein­dru­ckende Opern­te­nöre entsprossen.

Thomas Hayes singt Du bist die Ruh’, das nach Fried­rich Rück­erts Gedicht kompo­nierte.

Einer der ersten, der mit Arien­abenden hervor­trat, um der Welt zu zeigen, dass Farbige ebenso klas­si­sche Musik singen können, war der 1823 in Phil­adel­phia gebo­rene Tenor Thomas Bowers. „The Colored Mario“ wurde er aufgrund der wunder­vollen Kraft und Schön­heit seiner Stimme in Anleh­nung an den italie­ni­schen Tenor Giovanni Matteo Mario genannt. Als der erste afro­ame­ri­ka­ni­sche klas­si­sche Sänger, der inter­na­tio­nale Bekannt­heit erlangte, gilt der Tenor Roland Hayes, der 1887 als Sohn ehema­liger Sklaven zur Welt kam. Seine Konzert­tournee, die er 1920 unter finan­zi­ellen Schwie­rig­keiten mit dem Pianisten Lawrence Benjamin Brown nach unter­nahm, wurde so erfolg­reich, dass er in der Wigmore Hall auftreten konnte und sogar eine Einla­dung zu einem Auftritt vor King George V. und Queen Mary im Buck­ingham Palast erhielt.

George Shirley
Sang über ein Jahr­zehnt drama­ti­sche Partien auf der Bühne der Metro­po­litan Opera: George Shirley

Auch der Sprung auf die Bühne der Metro­po­litan Opera blieb nicht aus. Als erster afro­ame­ri­ka­ni­scher Tenor, der Haupt­rollen an dem berühmten Haus erhielt, wird George Shirley ange­sehen. Über ein Jahr­zehnt sang er lyri­sche ebenso wie drama­ti­sche Partien in Opern von Mozart, Verdi, Puccini, Strauss und Wagner. Als Sprung­brett hatten ihm die unter dem Inten­danten Rudolf Bing ab 1954 jähr­lich an der Metro­po­litan Opera veran­stal­teten Gesangs­wett­be­werbe gedient. Der Tenor Vinson Cole gewann 1977 den Wett­be­werb. Er sang im Laufe seiner Karriere u.a. an der Oper von San Fran­cisco, der Pariser Natio­nal­oper, der Mailänder Scala sowie an Opern­häu­sern in , und bei den Salz­burger Fest­spielen. Der Bass-Bariton Thomas Stimmel zitiert ihn in seiner Diplom­ar­beit Apart­heid im klas­si­schen Gesang zur Frage, warum Inten­danten ein Problem hätten, schwarze Männer als Helden und Lieb­haber zu besetzen, mit einer Beschrei­bung der Angst vor der roman­ti­schen Paarung schwarzer Mann – weiße Frau.

Derek Lee Ragin singt die Arie Rompo i lacci aus der Oper Flavio von

Der neue Zugang von Regis­seuren zur Barock­oper und zeit­ge­nös­si­sche Werke bieten schwarzen Coun­ter­te­nören zuneh­mend ein Betä­ti­gungs­feld. Derek Lee Ragin etwa, der für den Sound­track von Gérard Corbeaus Film Fari­nelli seine Stimme lieh, trat in Glucks ed Euri­dice sowie in Ligetis Le Grand Macabre bei den Salz­burger Fest­spielen auf. Auch John Holiday (Titel­foto des Beitrags), der im Dezember 2021 sein Debüt an der Metro­po­litan Opera gibt, hat sein Reper­toire auf barocke und zeit­ge­nös­si­sche Werke ausge­richtet. Serge Kakudji aus der Demo­kra­ti­schen Repu­blik Kongo sang an der König­li­chen Oper in , der Natio­nal­oper von Mont­pel­lier und am Teatro Real in Partien von Monte­verdi, Händel, Gluck und Cavalli und wirkte 2014 an der Urauf­füh­rung des von ihm mitkon­zi­pierten Projekts Coup fatal bei den mit.

Noah Stewart
Noah Stewart und Julia Bullock in Insze­nie­rung von Henry Purcells Opern­frag­ment The Indian Queen am Teatro Real in Madrid
Zu sehen unter: foyer​.de
(Foto: © Lavier de Real, Teatro Real)

Bahn­bre­chend war 2013 Peter Sellars’ Insze­nie­rung von Henry Purcells Frag­ment The Indian Queen mit Noah Stewart als Don Pedro de Alva­rado am Teatro Real. Geschafft hat es auch Lawrence Brownlee. Nach seinem Debüt an der Metro­po­litan Opera 2007 und Auftritten in Wien, , Berlin, Madrid und wurde er 2014 mit und zu den „Drei Tenören“ gezählt, die „ein neues Zeit­alter der hohen Männer­stimmen“ reprä­sen­tieren. 2021 gehörte er zu den Mitwir­kenden von Thomas Hamp­sons Projekt A Cele­bra­tion of Black Music.

Russell Thomas als Idomeneo
Russell Thomas als Idomeneo an der Seite von Ying Fang als Ilia in Peter Sellars Insze­nie­rung bei den Salz­burger Fest­spielen 2019
(Foto: © Ruth Walz / )

Als einer der gefrag­testen Sänger seiner Genera­tion wird gegen­wärtig Russell Thomas gehan­delt, der bereits an der Deut­schen Oper Berlin, an der Oper und bei den Salz­burger Fest­spielen zu erleben war. Seit Januar 2021 ist er Artist in Resi­dence der Los Angeles Opera. In der Spiel­zeit 202324 soll diese Resi­denz mit der Urauf­füh­rung einer Oper, die Joel Thompson über Thomas’ Leben kompo­niert, ihren krönenden Abschluss finden.

>

Mehr zu den Großen Tenören unter: CRESCENDO.DE 

Mehr zum Mythos vom hohen C unter: CRESCENDO.DE

Fotos: Shervin Lainez