Die Sopra­nis­tin Simo­ne Ker­mes gilt als Para­dies­vo­gel der Klas­sik­sze­ne. Da passt es ganz gut, dass sie musi­ka­lisch aus­lo­tet, was zwi­schen Tugend und Teu­fe­lei alles mög­lich ist. Dass sie dabei Gen­re­gren­zen auf­weicht und Bach und Hän­del mit Led Zep­pe­lin, Lady Gaga und Udo Jür­gens auf ihr neu­es Album packt, beweist nur ein­mal mehr: Im Her­zen ist sie doch ein Punk!

Wol­len Sie nicht mal ein Stück Kuchen essen?“, fragt Simo­ne Ker­mes mit­ten im Gespräch. Sie hat für das Tref­fen in ihrer Woh­nung in Ber­lin-Mit­te eigens ein­ge­kauft, Bie­nen­stich und gedeck­te Apfel­schnit­ten war­ten auf dem Tablett. Es steht auch Kaf­fee auf dem Tisch, nur Sah­ne gibt es kei­ne. Das wäre viel­leicht auch ein biss­chen dick auf­ge­tra­gen. Schließ­lich geht es hier um ein Inter­view zu ihrem jüngs­ten Album. Und nicht um Völ­le­rei. Obschon das zum The­ma pas­sen wür­de.

Die Sopranistin Simone Kermes gilt als Paradiesvogel der Klassikszene.
Sie gilt als Para­dies­vo­gel der Klas­sik­sze­ne: Simo­ne Ker­mes
(Foto oben und Foto: © Dirk Blei­cker)

Infer­no e Para­di­so“ heißt die CD, was sich nicht nur mit „Höl­le und Para­dies“ über­set­zen lässt, son­dern auch mit „Tod­sün­den und Tugen­den“. Es ist nicht so, dass Ker­mes den Men­schen damit die abhan­den­ge­kom­me­ne Got­tes- und Teu­fels­furcht wie­der ein­bläu­en möch­te, sie fin­det auch nicht, „dass Wol­lust eine Sün­de ist. Wir brau­chen sie genau­so, wie wir die Keusch­heit brau­chen“. Das Wich­tigs­te sei doch, und zwar in so ziem­lich allen Lebens­be­rei­chen, „das mitt­le­re Maß zu fin­den“. Wofür man frei­lich auch die Extre­me erfah­ren, die Gren­zen aus­ge­lo­tet haben müs­se. Aber auf Dau­er ist jedes Zuviel eben unge­sund.

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Simo­ne Ker­mes: »Die Men­schen sind nicht von Natur aus gut.«

Als die Sän­ge­rin vor ein paar Jah­ren die Idee zu „Infer­no e Para­di­so“ hat­te – ange­sto­ßen unter ande­rem durch die Ber­li­ner Aus­stel­lung „Hie­ro­ny­mus Bosch Visi­ons Ali­ve“, die Kunst­wer­ke des Renais­sance-Visio­närs als gigan­ti­sche HD-Pro­jek­tio­nen prä­sen­tier­te –, ahn­te sie selbst noch nicht, wie aktu­ell das The­ma in unse­re apo­ka­lyp­tisch gestimm­te Gegen­wart pas­sen wür­de, „mit ‚Fri­days for Future‘ und allem, es passt per­fekt!“, sagt Ker­mes und schiebt gleich hin­ter­her: „Eigent­lich passt es immer, denn die Men­schen sind nun mal nicht von Natur aus gut.“

Den musikalischen Horizont weiten

Neid und Hoch­mut las­sen sich tat­säch­lich über­all aus­ma­chen, auch Träg­heit in Gestalt von Smart­pho­ne-Zom­bies, die kei­ne ech­ten Begeg­nun­gen mehr wol­len. Und was bedeu­tet eine Kon­sum­ge­sell­schaft mit ihrem Über­fluss ande­res als Völ­le­rei? Das Pro­blem: Im Barock, dem erklär­ten Leib- und Magen-Gen­re von Simo­ne Ker­mes, gibt es dazu erstaun­lich wenig Lied­gut und Kom­po­si­tio­nen, schon gar nicht für Sopran, „nur hier und da einen Bass, der irgend­was vom Fres­sen singt“. Also muss­te sie den musi­ka­li­schen Hori­zont etwas wei­ten – bis zu Schla­ger und Pop.

Song gewordene Wollust

Sie ist bei Udo Jür­gens fün­dig gewor­den: Aber bit­te mit Sah­ne. Der Klas­si­ker über die Kalo­rien­schlach­ten der fide­len Wit­wen in der Kon­di­to­rei. Hat in Led Zep­pe­lins Stair­way to Hea­ven, die­sem Kult­song ihrer Jugend, die Geschich­te einer hoch­mü­ti­gen Lady ent­deckt, die glaubt, sich alles kau­fen zu kön­nen mit Gold und Geld. Und Poker­face von Lady Gaga ist die Song gewor­de­ne Wol­lust, „da geht es ja nur um schwei­ni­sche Sachen“, lacht Ker­mes. „I’ll get him hot, show him what I’ve got …“

Die Sopranistin Simone Kermes hat mit dem Komponisten und Pianisten Jarkko Riihimäki Barockversionen aus Popsongs gezaubert.
Hat mit Jark­ko Riihi­mä­ki Barock­ver­sio­nen aus Pop­songs gezau­bert: Simo­ne Ker­mes
(Foto: © Dirk Blei­cker)

Mal ganz abge­se­hen davon, dass sie mit ihrer Poker­face-Ver­si­on end­lich ein­ge­löst hat, was ihr schon seit Jah­ren als Label ange­hef­tet wird: Sie sei die „Lady Gaga der Klas­sik“. Aus den moder­nen Lie­dern hat Ker­mes zusam­men mit dem fin­ni­schen, in Ber­lin leben­den Kom­po­nis­ten Jark­ko Riihi­mä­ki Barock­ver­sio­nen gezau­bert. Stings Fiel­ds of Gold klingt wie ein Stück aus dem 16. Jahr­hun­dert. Aus Stair­way to Hea­ven wird eine Pas­sa­ca­glia, die von Hen­ry Pur­cell stam­men könn­te. Der Kolo­ra­turs­o­pra­nis­tin geht es um mehr als modi­sches Cross­over. Hier wer­den auch Wech­sel­wir­kun­gen und Ver­wandt­schaf­ten in Har­mo­nik und Rhyth­mik quer durch die Jahr­hun­der­te hör­bar. „Bands wie Emer­son, Lake und Pal­mer zum Bei­spiel haben noch klas­sisch stu­diert“, erzählt Ker­mes „davon ist viel in ihre Musik ein­ge­flos­sen.“

Simo­ne Ker­mes: »Mit Hän­del hat­te ich jedes Mal Erfolg.«

Dem gegen­über ste­hen auf „Infer­no e Para­di­so“ die alten Tugend­meis­ter. Johann Sebas­ti­an Bach mit sei­nem demü­ti­gen Erbar­me dich, mein Gott, Gio­van­ni Bonon­ci­ni, der in M’incateni e se mi scio­g­li die Mild­tä­tig­keit des Hei­li­gen Niko­laus preist, Georg Fried­rich Hän­del, des­sen Arie Tu del Ciel mini­stro elet­to aus dem Ora­to­ri­um Il Trion­fo del Tem­po e del Disin­gan­no von bemer­kens­wer­ter Keusch­heit kün­det.

Spirituell verbunden

Klar, Hän­del darf bei Ker­mes nie feh­len. Sie hat ein­mal gesagt, sie füh­le sich dem Kom­po­nis­ten aus Hal­le an der Saa­le „spi­ri­tu­ell ver­bun­den“, und wenn man sie dar­auf anspricht, bestä­tigt sie die­se See­len­ver­wandt­schaft ernst, mit gro­ßem Nach­druck und frei von Eso­te­rik: „Hän­del hat mei­ner Stim­me immer gut­ge­tan, mit ihm hat­te ich jedes Mal Erfolg.“ Schon mit 13 Jah­ren, in Leip­zig beim Weih­nachts­kon­zert im Gewand­haus, wo sie ihre ers­te Arie sang. Spä­ter hat sie mit Hän­del die Eig­nungs­prü­fung fürs Stu­di­um geschafft, zahl­rei­che Wett­be­wer­be gewon­nen, ihr ers­tes Enga­ge­ment bekom­men.

Die Sopranistin Simone Kermes wurde in New York als Reinkarnation der Francesca Cuzzoni, der Muse Händels, bezeichnet.
Reinkar­na­ti­on der Fran­ce­s­ca Cuz­zo­ni: Simo­ne Ker­mes
(Foto: © Dirk Blei­cker)

In New York haben sie gesagt, ich sei die Reinkar­na­ti­on der Fran­ce­s­ca Cuz­zo­ni“, erzählt Ker­mes und lacht dabei. Jener Hän­del-Muse also, für die er Par­tien wie die Cleo­pa­tra und Rode­lin­da kom­po­nier­te. Sie sagt noch, dass sie eigent­lich ein beschei­de­ner Mensch sei, das müs­se man ihr glau­ben. Aber Lascia ch’io pia­n­ga, das sin­ge sie nun ein­mal Welt­spit­ze. Was für Jür­gen Drews Ein Bett im Korn­feld und für Hele­ne Fischer Atem­los sei, das sei für sie die­se Arie.

Der eigenen Intuition vertrauen

Die Künst­le­rin, die selbst die Fin­ger vom Kuchen lässt, ist eben ehr­lich über­zeugt von dem, was sie macht. Ers­tens zu Recht, denn sie zählt zu den Stim­men ihres Fachs. Und zwei­tens steht dahin­ter auch ein Lern­pro­zess – näm­lich der eige­nen Intui­ti­on zu ver­trau­en. Sie erin­nert sich etwa an eine Insze­nie­rung, Goun­ods Roméo et Juli­et­te, die sich von Pro­ben­be­ginn an selt­sam für sie anfühl­te, irgend­wie nicht pas­send. Aber sie lern­te ihren Part und dach­te sich: Zäh­ne zusam­men­bei­ßen. Über Nacht bekam sie dann Fie­ber und einen roten Hals, obwohl sie sich nicht erkäl­tet hat­te. „Mein Kör­per hat mich gestoppt – und das war genau rich­tig.“

Simo­ne Ker­mes: »Man muss 100 Pro­zent authen­tisch blei­ben, mit allen Macken.«

Ker­mes eilen ja alle mög­li­chen Rufe vor­aus. Als Para­dies­vo­gel des Betriebs, als schril­le Diva auf Pla­teau­schu­hen. Was stimmt, ist, dass sie auf­fällt, aber eben nicht nur äußer­lich. Zuletzt war das zum Bei­spiel bei der Opern­ga­la der Aids­stif­tung in Ber­lin zu beob­ach­ten, wo sie einen Hauch von erfri­schen­der Punk-Atti­tü­de ins etwas hüftstei­fe Neben­ein­an­der der ver­sam­mel­ten Sän­ger-Pro­mi­nenz trug, noch bevor sie über­haupt den Mund zur Arie Son qual nave ch’agitata von Ric­car­do Bro­schi geöff­net hat­te. Ker­mes hat sich auch gewei­gert, den Schmuck eines nam­haf­ten Spon­sors zu tra­gen, weil sie ihre eige­nen, aus Vene­dig stam­men­den Acces­soires nicht able­gen woll­te. Dafür durf­te sie dann nicht mit aufs Grup­pen­bild. Ihr doch egal: „Man muss 100 Pro­zent authen­tisch blei­ben, mit allen Macken – dann nimmt das Publi­kum einen an.“

Selbst ist die Sängerin

Ker­mes strahlt ein­fach ein gesun­des Selbst­be­wusst­sein aus in einem Betrieb, in dem zu vie­le ihre Mei­nung nicht sagen. „Gera­de die Jun­gen las­sen sich alles gefal­len, weil sie ihre Jobs behal­ten oder das nächs­te Enga­ge­ment bekom­men wol­len.“ Ihr Mot­to lau­tet mitt­ler­wei­le: „Selbst ist die Sän­ge­rin.“ Im Früh­jahr 2019 hat sie ihr ers­tes eige­nes Kon­zert ver­an­stal­tet, einen Hän­del-Abend, natür­lich, im Ber­li­ner Kam­mer­mu­sik­saal. Sie muss­te sich um alles selbst küm­mern. End­lich, scherzt sie, sei ihr dabei mal ihre ers­te Aus­bil­dung zugu­te­ge­kom­men: als Fach­ar­bei­te­rin für Schreib­tech­nik. Ker­mes buch­te Licht­pa­ke­te, ver­han­del­te die Gagen der Musi­ker, ver­teil­te Fly­er und ließ Pla­ka­te kle­ben. Alles auf eige­nes finan­zi­el­les Risi­ko. Ihre Freun­de erklär­ten sie für ver­rückt und pro­phe­zei­ten die kra­chen­de Plei­te. Am Ende lag die Aus­las­tung bei 80 Pro­zent – und die Künst­le­rin war mal wie­der um eine groß­ar­ti­ge Erfah­rung rei­cher.

Simo­ne Ker­mes: »Ich möch­te im Leben immer weni­ger Kom­pro­mis­se machen.«

Ihre Band, die Amici Vene­zia­ni, ist ihre musi­ka­li­sche Fami­lie. Auch da kön­nen Pop und Barock von­ein­an­der ler­nen: „Udo Lin­den­berg hat ja auch nicht ohne Grund sei­ne Panik-Fami­lie“, sagt Ker­mes. „Letzt­end­lich brauchst du Leu­te, die hin­ter dir ste­hen und wirk­lich ehr­lich zu dir sind.“ Was das betrifft, hat sie genü­gend schlech­te Erfah­run­gen gemacht. Mit Mana­gern, von denen sie sich nicht rich­tig ver­tre­ten fühl­te. Mit Leu­ten, die sie aus­ge­nutzt haben. Das ändert nichts dar­an, dass sie sich ihre Offen­her­zig­keit bewah­ren will. Aber Simo­ne Ker­mes betont auch: „Ich möch­te im Leben immer weni­ger Kom­pro­mis­se machen.“ Klingt aus ihrem Mund ein­deu­tig wie eine Tugend.

Cover das Albums "Inferno e Paradiso" von Simone Kermes

Infer­no e Para­di­so“, Simo­ne Ker­mes, Amici Vene­zia­ni (Sony)
Zu bezie­hen u.a. bei: www.jpc.de
Und anzu­hö­ren in der NML

Als Dank, dass Sie auch ange­sichts der Coro­na-Kri­se an die Musik glau­ben, kön­nen Sie die­ses Album bis Ende Mai 2020 kos­ten­frei in der NML hören. Regis­trie­ren Sie sich unter: CRESCENDO.DE

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