Sophy Roberts

Trost in den Weiten Sibi­riens

von Ruth Renée Reif

5. November 2020

Sophy Roberts reist auf der Suche nach vergessenen Klavieren durch Sibirien und bringt eine Fülle an Geschichten aus den unendlichen Weiten.

„Ich unter­nahm Abste­cher in Terri­to­rien, von denen ich nicht annahm, dass mich Klaviere dahin führen würden, reiste von meinem Heim in aus weiter und weiter auf der Jagd nach einem Instru­ment, das ich nicht einmal spiele“, beschreibt Sophy Roberts ihre Fahrten durch Sibi­rien in eigenem Erstaunen darüber, wie sehr ihr Vorhaben sie packt. Ein deut­scher Freund im Orchon-Tal gab ihr die Idee ein. „Wir müssen eines der verges­senen Klaviere für sie finden“, flüs­terte er ihr nach einem Konzert der mongo­li­schen Pianistin Odgerel Sampil­norow auf einem modernen, aber maroden Yamaha-Stutz­flügel zu.

Eisenbahnstation in Irkutsk
Blick auf den nächt­li­chen Bahnhof von Irkutsk, das im 19. Jahr­hun­dert als Paris Sibi­riens galt
(Alle Fotos des Beitrags: Michael Turek)

Damit begann Roberts’ drei­jäh­rige Suche und ihre wach­sende Begeis­te­rung für das Land, seine Menschen und ihre Geschichten. Auf aben­teu­er­li­chen Wegen kamen Klaviere in die Weiten Sibi­riens.

Sophy Roberts und Michael Turek unterwegs in der Transsibirischen Eisenbahn
Die Autorin Sophy Roberts und der Foto­graf Michael Turek in der Trans­si­bi­ri­schen Eisen­bahn

Roberts sichtet Zoll­pa­piere im staat­li­chen russi­schen Mari­ne­ar­chiv von und stößt auf ein Clavichord, das im 18. Jahr­hun­dert auf Schlitten, Booten und Pferden quer durch Sibi­rien geschafft wurde. Ihr Buch berührt viele Aspekte. Es ist eine Musik­ge­schichte, eine Sozial- und Wirt­schafts­ge­schichte, aber auch eine poli­ti­sche Geschichte, die an dunkle Vergan­gen­heiten erin­nert. Von der Straf­exi­lie­rung im 17. Jahr­hun­dert über die Verban­nung bis zu den sowje­ti­schen Gulags spannt sich der Bogen.

Leonid Kaloshin
Leonid Kalo­schin war Flug­na­vi­gator bei der Aero­flot, ehe er im Altai das spiri­tu­elle Herz Russ­lands entdeckte. Wie er dazu kam, Klaviere in den Altai zu schaffen, erzählt Sophy Roberts in ihrem Buch.

Eine Fülle an Wissen und Erleb­nissen breitet Roberts aus. Jeder, den sie trifft, weiß etwas zu erzählen. Sie folgt den Spuren und kommt von einem zum anderen. Als sie in Tomsk einen Klavier­stimmer befragt, bringt dieser sie zur Tomsker Musik­schule, wo sie wiederum von einer Klavier­leh­rerin erfährt, die einen Bech­stein-Flügel zu Hause hat. Der Flügel kam während des Zweiten Welt­kriegs für einen Sack Kartof­feln in den Ort. Überall im Land verstreut findet Roberts Klaviere. In verschla­fenen Dörfern erzeugen sie nach wie vor Musik.

Ein Klavier im sibirischen Chaberowsk
Ein Klavier von Lépold Stürz­wage im Haus der Familie des Phil­an­thropen Chidirow in Chaba­rowsk

„Wie solche Instru­mente über­haupt in diese verschneite Wildnis kamen, das sind Geschichten über die innere Stärke von Gouver­neuren, Verbannten und Aben­teu­rern“, resü­miert sie. „Dass sie über­lebt haben, ist Zeugnis des Bedürf­nisses nach Trost im mensch­li­chen Geist.“