Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

heute unter anderem mit der Aufmerksamkeitsökonomie eines Igor Levit, einem Preis für Anna Netrebko und vielen zerdepperten Musikinstrumenten.

WAS IST

Igor Levit: Omnipräsent und … eine Offenbarung oder einfach nur nervig?

LEVITS AUFMERKSAMKEITSÖKONOMIE

Ich muss zugeben: Zuweilen gibt es Texte, die man am liebsten selbst geschrieben hätte. Hartmut Welscher hat so einen Artikel nun für sein VAN-Magazin verfasst. Beruhigend, dass nicht nur ich mir die Frage stelle, warum Igor Levit, obwohl er ein genialer Pianist ist und ich die meisten seiner politischen Meinungen teile, irgendwie nervt. Welscher kennt Levit noch aus Studientagen in Hannover und gibt sich selber und mir in einem sehr ausgeruhten Text Antworten, ohne dabei Schaum vor dem Mund zu haben. Auch auf die Frage, warum das deutsche Feuilleton bei Levits Binsen wie „Ich mag Fragen mehr als Antworten“, „Ich verändere mich die ganze Zeit“ oder „Beethovens Musik erzählt von uns Menschen“ ausflippt. Es geht um die „Ökonomie der Aufmerksamkeit“, darum, dass Levit den Markt der Pop-Intellektuellen bedient und darum, dass viele einfach nur von Levits Follower- und Like-Kreislauf profitieren wollen. „Levit hat erkannt“, schreibt Welscher, „dass der beste Weg, sich Beachtung zu verschaffen, der ist, das Bedürfnis anderer nach Beachtung zu bedienen.“ Unbedingt lesenswert.    

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DAS WUNDER NETREBKO

Anna Netrebko ist ein Phänomen! Weiß Gott, warum sie sich so ziemlich alles erlauben kann und dabei keinen Skandal entfacht. Egal, ob sie sich mit einer Handtaschen-Handgranate in Weißrussland fotografiert, ob sie ihren Mann andauernd mit auf die Bühnen der Welt schleppt oder ihr Kind zum Insta-Star macht. Netrebko überschreitet jedes Tabu – und niemand schreit auf. Aufschluss könnte die Begründung des schwedischen Polar-Preises geben, mit dem Netrebko nun ausgezeichnet wird. „Es reicht nicht aus, eine virtuose Sängerin zu sein“, heißt es da. „Bei der Oper als Kunstform geht es auch darum, die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu ziehen. Niemand in der Moderne kann das besser als die Opern-Diva Anna Netrebko.“ 2019 entbrannte ein Streit um Netrebko wegen eines Blackfacing-Skandals in „Aida“. Kein Problem: Die MET engagiert sie erneut in dieser Rolle (außerdem auf dem Programm: ein neuer „Don Giovanni“, „Dead Man Walking“ und Stars wie Marcelo Álvarez, Jamie Barton und Piotr Beczała.   

IT‘S KAPUTT

Ein Alptraum: das zerstörte Instrument

Nach einer Aufnahme in Berlin wollte die Pianistin Angela Hewitt ihr Instrument weiter verschiffen. Es handelte sich um den weltweit einzigen F278 Fazioli-Konzertflügel mit vier Pedalen. Schätzwert rund 200.000 Dollar. Dummerweise ist den Klavierträgern das Instrument hingefallen, und der Eisenrahmen wurde beschädigt. „It‘s kaputt“ schrieb Hewitt voller Schreck auf Facebook – auf weitere Kommentare verzichtete sie, bis die Sache mit der Versicherung geregelt ist. Und dann war da noch der Kontrabassist Tihomir Hojsak, dessen Instrument von Turkish Airlines quasi „hingerichtet“ wurde, als es aus vier Metern Höhe auf den Gepäckwagen geworfen wurde und zerbrach. Please: Handle with care!      

PLANUNGS-FRAGEN AN KOMISCHER OPER UND IN FRANKFURT

Die Komische Oper soll saniert werden – unter anderem mit einem Neubau. Zuvor muss aber geklärt werden, wem das 14,6 Mio-Areal, auf dem gebaut werden soll, eigentlich gehört. Darüber wird derzeit vor Gericht gestritten. Frederik Hanssen berichtet im Tagesspiegel: „Vor 20 Jahren hat der Senat die Filet-Fläche zwischen Unter den Linden und Behrenstraße an die „Lindengalerie“-Projektgesellschaft verkauft. Nachdem allerdings bis zum Frühjahr 2014 kein Bauantrag vorlag, trat das Land von dem Vertrag zurück. Was der inzwischen unter das Dach des Immobilienunternehmens IVG geschlüpfte Käufer natürlich nicht hinnehmen wollte.“ In zwei Wochen soll ein Urteil gefällt werden – Sicherheit besteht aber auch dann nicht. Der Streit kann in die nächste Instanz gehen. Zoff auch in Frankfurt: Für 900 Mio. Euro sollen die maroden Städtischen Bühnen neu gebaut werden. Es müsse unbedingt gehandelt werden, das Haus im Zentrum der Stadt gebaut werden – und zwar so schnell wie möglich, sagt Michael Guntersdorf, Chef der städtischen Stabsstelle nun in der Frankfurter Rundschau.  

WAS WAR

Mehr als notdürftig ersetzt: das Örtchen für die Bayreuther Notdurft

DOCH WIEDER PINKELN IN BAYREUTH

Ein Leser lieferte einen Nachtrag zu unserer Meldung vor einigen Wochen, dass das Mehrzweck-Gebäude inklusive Buchhandlung und Toilette neben dem Bayreuther Festspielhaus aufgrund einer Kostenexplosion nicht weitergebaut würde. Nun geht es doch los: Der Rohbau steht bereits. Der Bauausschuss habe „mit Magengrummeln“ die Mehrkosten von 130.000 Euro mitgetragen. Erleichterung in doppeltem Sinn auf dem Grünen Hügel.  

STREIT IN ESSEN ESKALIERT

Letzte Woche haben wir über Zwist am Theater Essen berichtet – und der spitzt sich nun zu, wie Stefan Laurin in der Welt berichtet: „Mehr als 400 Mitarbeiter der Theater und Philharmonie Essen haben sich mit einem Brief an Oberbürgermeister Thomas Kufen gewandt. Die zum größten Teil im Aalto-Musiktheater Beschäftigten erheben schwere Vorwürfe gegen den TuP-Geschäftsführer Berger Bergmann und fordern seine Entlassung. In dem Schreiben von Ende Januar ist von einer ‚Atmosphäre der Angst und Bedrohung‘ die Rede, langjährige Mitarbeiter mit hoher Fachkompetenz würden ‚willkürlich und unbegründet aus dem Unternehmen gedrängt und versetzt‘. Auch führe Bergmanns Sparpolitik zu erheblichen ‚Einschränkungen in der künstlerischen Arbeit und Qualität aller Sparten‘.“

TABEA ZIMMERMANN GRÜNDET STIFTUNG 

Die Bratschistin Tabea Zimmermann hat meiner Kollegin Ruth Renée Reif verraten, dass sie mit der Prämie für den Ernst von Siemens Musikpreis eine Stiftung gründen will: „Die formale Gründung ist noch nicht erfolgt“, sagt Zimmermann in der CRESCENDO-Ausgabe, die am Freitag erscheint: „Mit dem Rechtsanwalt arbeite ich an der Satzung. Ich komme aus einem einfachen familiären Umfeld. Meine Eltern verfügten nicht über die Möglichkeiten, ihren Kindern eine so teure Beschäftigung wie das Musizieren zu finanzieren. Durch Förderungen der öffentlichen Hand, private Stiftungen und Preisgelder bekam ich Unterstützung. So ist es mein Wunsch, etwas von dem, wovon ich selbst profitiert habe, an die Gesellschaft zurückzugeben.“ Das ganze Interview lesen Sie vorab hier

PERSONALIEN DER WOCHE

Endlich ist die Entscheidung gefallen: der 34-jährige Stephan Zilias wird neuer Generalmusikdirektor an der Staatsoper Hannover. +++ Für wilde Spekulationen besuchen wir gern die Seite des Kollegen Norman Lebrecht, der sich diese Woche sicher ist: Manfred Honeck wird nach Chicago oder New York gehen, und für Pittsburgh bringt er unter anderem Pablo Heras-Casado und Mark Elder ins Spiel – und alle anderen, die mit dem Orchester auftreten. +++  Wir haben immer wieder über den Zoff in Luzern berichtet und wurden ebenso regelmäßig von Luzern aufgeklärt, dass nichts dran sei am Streit zwischen Intendant Michael Haefliger, Stiftungsratspräsident Hubert Achermann und Academy-Leiter Dominik Deuber. Nun, nachdem die Sache in die Luft geflogen ist, gibt der neue Präsident Markus Hongler ein Interview in der Luzerner Zeitung und übt sich in Schadensbegrenzung: Dass in den neuen Vertrag mit Haefliger eine Kündigungsklausel eingefügt wurde, erklärt er mit „zeitgemäßer Corporate Governance“. Für Außenstehende wirken diese verkrampft abgegriffenen Erklärungen aus Luzern mittlerweile irgendwie merkwürdig. Gutes Krisenmanagement sieht anders aus. +++ Kampfansage von Omer Meir Wellber in Richtung von Daniel Barenboim: Dem Jewish Chronicle sagte der jüngere der beiden Dirigenten: „Es gibt einen kleinen Unterschied zwischen Barenboim und mir, der eigentlich riesig ist: Meine Mutter lebt noch in Israel, und wenn die Armee ruft, werde ich folgen.

In diesem Sinne – halten Sie die Ohren steif.

Ihr

Axel Brüggemann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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