Die Brat­schis­tin Tabea Zim­mer­mann (Foto oben: © Mar­co Borg­gre­ve) wird mit dem Ernst von Sie­mens Musik­preis 2020 aus­ge­zeich­net. Im CRE­SCEN­DO-Gespräch erzählt sie von ihrer Zusam­men­ar­beit mit zeit­ge­nös­si­schen Kom­po­nis­ten, ihrem ver­än­der­ten Blick auf Beet­ho­ven, und sie übt schar­fe Kri­tik an den patri­ar­cha­li­schen Struk­tu­ren in der Musik.

Tabea Zimmermann erhält den Ernst von Siemens Musikpreis 2020.
(Foto: © Mar­co Borg­gre­ve) 

»Ich bin sehr froh über die Rolle, die mir in der Neuen Musik aufgetragen wurde.«

 

CRESCENDO: Frau Pro­fes­sor Zim­mer­mann, herz­li­che Gra­tu­la­ti­on zu die­sem Preis, der unter ande­rem Ihren Ein­satz für die Neue Musik wür­digt! Beein­dru­ckend ist die Lis­te die­ser Urauf­füh­run­gen. Mit wel­chen Gefüh­len bli­cken Sie auf all die­se Wer­ke zurück, die Sie zu musi­ka­li­schem Leben erweckt haben?
Tabea Zim­mer­mann: Herz­li­chen Dank! Der Preis ist eine gro­ße Freu­de für mich. Ich bin sehr froh über die Rol­le, die mir in der Neu­en Musik auf­ge­tra­gen wur­de. Eine ent­schei­den­de Prä­gung in die­se Rich­tung erfuhr ich bereits an der Musik­schu­le Lahr. Die Leh­rer dort ori­en­tier­ten sich an den Musi­ka­li­schen Haus- und Lebens­re­geln Robert Schu­manns, dass man näm­lich nach und nach alle bedeu­ten­de­ren Wer­ke aller bedeu­ten­den Meis­ter ken­nen­ler­nen müs­se.

Tabea Zimmermann erhält den Ernst von Siemens Musikpreis 2020.»Früh lernte ich auch Musik des 20. Jahrhunderts kennen.«

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So kam ich bereits im Alter von vier Jah­ren mit der Kunst der Fuge in Berüh­rung. Mit fünf Jah­ren spiel­te ich das Streich­quar­tett Mini­max von Paul Hin­de­mith. Und im Quar­tett mit mei­nen Schwes­tern wid­me­ten wir uns Wolf­gang Fort­ner. So lern­te ich früh auch Musik des 20. Jahr­hun­derts ken­nen. Hin­zu kommt, dass die Brat­sche als Nischen­in­stru­ment ohne fest­ge­leg­ten Lite­ra­tur­ka­non eine Offen­heit for­dert. Jeder Brat­scher muss sich selbst sein Betä­ti­gungs­feld suchen.

Der Komponist György Ligeti

Schrieb 1991 sei­ne Brat­schen­so­na­te für Tabea Zim­mer­mann: Györ­gy Lige­ti
(Foto: © Chris­ti­an Brand­stät­ter Ver­lag)

CRESCENDO: Einer der bekann­tes­ten Kom­po­nis­ten, der für Sie schrieb, war Györ­gy Lige­ti. „Bei Tabea Zim­mer­mann war ich der­je­ni­ge, der ein Stück schrei­ben woll­te. Ich habe sie aller­dings dazu gebracht, dass sie frag­te“, erin­nert er sich in einem Inter­view­band mit Eck­hard Roelcke. War es schwie­rig, mit ihm zu arbei­ten?
Tabea Zim­mer­mann: Als Per­son fand ich ihn unglaub­lich fas­zi­nie­rend. Die Arbeit mit ihm gestal­te­te sich wech­sel­voll. Der Ter­min für die Urauf­füh­rung stand bereits fest, da quol­len nach und nach ein­zel­ne Noten­blät­ter aus mei­nem Fax­ge­rät. Als mir das Mate­ri­al voll­stän­dig vor­lag, blie­ben mir gera­de noch sechs Wochen bis zum Kon­zert.

Tabea Zimmermann»Ich hatte keine Erfahrung mit den Anforderungen, die György Ligeti an die Bratsche stellte.«

 

Ich war erst Anfang 20 und hat­te kei­ne Erfah­rung mit einem so gro­ßen Meis­ter und den Anfor­de­run­gen, die er an die Brat­sche stell­te. Aller­dings hat­te ich das Gefühl, dass er mich mag, und das war wich­tig für mich, weil ich ohne sei­ne Sym­pa­thie bei sei­nen har­schen Kom­men­ta­ren den Mut ver­lo­ren hät­te. „Ler­nen Sie das noch bes­ser, oder soll ich den Satz kür­zen?“, frag­te er, als ich ihm den drit­ten Satz sei­ner Sona­te vor­spiel­te.

Tabea Zimmermann»Mit jeder Wiederholung wurde mir dieser ungeheure Berg an Schwierigkeiten in diesem Stück bewusster.«

 

CRESCENDO: Das klingt nicht ermu­ti­gend…
Tabea Zim­mer­mann: Ganz schwie­rig wur­de es für mich nach der Urauf­füh­rung. Mit jeder Wie­der­ho­lung wur­de mir die­ser unge­heu­re Berg an Schwie­rig­kei­ten in die­sem Stück bewuss­ter, und es bau­te sich in mir eine immer stär­ke­re Span­nung auf. Bei einem Lige­ti-Fes­ti­val in der Roy­al Fes­ti­val Hall in Lon­don soll­te ich im Gro­ßen Saal vor über 2000 Besu­chern mit der Brat­schen­so­na­te begin­nen. Ich war schreck­lich ner­vös.

Tabea Zimmermann

Wid­met sich mit Hin­ga­be und voll­ende­ter Vir­tuo­si­tät der zeit­ge­nös­si­schen Musik: die Brat­schis­tin Tabea Zim­mer­mann
(Foto: © Rui Cami­lo / EvS Musik­stif­tung) 

Fünf Minu­ten vor mei­nem Auf­tritt klopf­te Lige­ti an mei­ne Gar­de­ro­ben­tür: „Heu­te muss es gut wer­den!“, sag­te er. „Das ist wich­tig für mich.“ Sie kön­nen sich vor­stel­len, was das mit mir gemacht hat, da ich doch ohne­hin schon so viel Angst hat­te. Ich habe an die­sem Abend auch wirk­lich nicht gut gespielt. Nach dem Kon­zert gab es einen Emp­fang. Lige­ti kam auf mich zu und – ich kann es nicht anders sagen – mach­te mich fer­tig. Ich fuhr nach Hau­se, bekam eine Seh­nen­schei­den­ent­zün­dung und konn­te nicht mehr spie­len. Nach 14 Tagen schrieb ich Lige­ti einen Brief. Und dann geschah etwas Wun­der­ba­res. Ich hat­te den Brief noch nicht abge­schickt, da rief er an und bat um Ent­schul­di­gung. So konn­te ich am Ende ein gutes Gesamt­bild von die­ser Arbeit behal­ten.

Tabea Zimmermann»Ligeti sagte stotternd: Zimmermann, wenn Sie so weiterspielen, kriegen Sie noch ein Stück von mir.«

 

CRESCENDO: Lige­ti erzählt, er habe bei Ihnen eine C‑Saite gehört, wie er sie so schön nie in sei­nem Leben gehört habe. Und er habe ursprüng­lich die Idee gehabt, ein Stück nur für die Brat­schen-C-Sai­te zu schrei­ben…
Tabea Zim­mer­mann: Das war auf einem Fes­ti­val jüdi­scher Musik in der Köl­ner Phil­har­mo­nie. Da wur­de Lige­tis Vio­lin­kon­zert urauf­ge­führt, und ich brach­te das Brat­schen­kon­zert des israe­li­schen Kom­po­nis­ten Mark Kopyt­man zur Urauf­füh­rung. Lige­ti kam in der Pau­se in mei­ne Gar­de­ro­be und sag­te auf selt­sam stot­tern­de Wei­se: „Zim­mer­mann, wenn Sie so wei­ter­spie­len, krie­gen Sie noch ein Stück von mir.“

Tabea Zimmermann»Der erste Satz von Ligetis Sonate wird tatsächlich nur auf der C‑Saite gespielt.«

 

Als ich den Ver­tre­tern des Schott Ver­la­ges, die an dem Abend auch anwe­send waren, von der Begeg­nung erzähl­te, wink­ten sie ab. Das kön­ne ich ver­ges­sen. Es gebe bereits eine lan­ge Lis­te von Wer­ken, die Lige­ti in Pla­nung habe. Zu mei­ner Freu­de aller­dings ergab es sich doch. Und der ers­te Satz der Sona­te wird tat­säch­lich nur auf der C‑Saite gespielt.

Wolfgang Rihm

Wolf­gang Rihm woll­te ein gesang­li­ches Kon­zert 

CRESCENDO: Wolf­gang Rihm woll­te für sein Zwei­tes Brat­schen­kon­zert eine sang­li­che Linie: „Mei­ne alte Idee des gesang­li­chen Kon­zerts, der ‚Instru­men­tal­kan­ta­te‘ lässt mich nicht los…“ Wie sind Sie die­sem Wunsch begeg­net?
Tabea Zim­mer­mann: Die­ses Gesang­li­che ist die Stär­ke der Brat­sche. Es liegt auch mir beson­ders, weil ich immer ver­su­che, mein Instru­ment sin­gen zu las­sen. Von Rihm kann­te ich bis dahin vor allem die hef­ti­gen und lau­ten Orches­ter­wer­ke sei­ner Früh­zeit. Die­ses sang­li­che Stück über­rasch­te mich.

Der Komponist Michael Jarrell

Wünsch­te sich „eine ande­re Art von Sin­ge­rei“ und woll­te ein­mal Fer­ra­ri fah­ren: Micha­el Jar­rell
(Foto: © C. Daguet Edi­ti­ons Hen­ry Lemoi­ne)

CRESCENDO: Kei­nen kan­ta­blen Klang, son­dern „eine ande­re Art von Sin­ge­rei“ wünsch­te sich Micha­el Jar­rell für sein Brat­schen­kon­zert Emer­gen­ces – Résur­gen­ces. 
Tabea Zim­mer­mann: Da muss­te ich schon vie­le Schich­ten der Par­ti­tur aus­ein­an­der­neh­men, um zwi­schen all den hoch­vir­tuo­sen Aktio­nen noch an Sin­gen den­ken zu kön­nen. Das Stück besitzt vie­le ver­schie­de­ne Far­ben, Facet­ten und kon­tras­tie­ren­de Abschnit­te, in denen auch Humor zum Vor­schein kommt, den man sonst nicht mit der Brat­sche in Ver­bin­dung bringt. Es ist unheim­lich schön gebaut, weil sei­ne vier Sät­ze durch Über­gän­ge ver­bun­den sind, sodass es zu einer musi­ka­li­schen Erzäh­lung wird. Nach dem ers­ten Schock der tech­ni­schen Schwie­rig­kei­ten kam die Freu­de an dem, was dar­in steckt, durch eine Auf­nah­me.

Tabea Zimmermann»Bei Michael Jarrell entsteht eine Art Ballspiel zwischen Solo und Orchester, und das klingt fantastisch.«

 

Fas­zi­nie­rend klan­gen vor allem die Kor­re­spon­den­zen zwi­schen der Solo­stim­me und dem Orches­ter. Das beherrsch­te Jar­rell auf vir­tuo­se Wei­se, sodass man als Hörer gleich beim ers­ten Mal und ohne Vor­kennt­nis­se ver­steht und gefan­gen ist. Die Solo-Brat­sche springt quer über das Griff­brett und muss ein­zel­ne ganz hohe Töne tref­fen, die kurz danach vom Schlag­zeug, der Flö­te oder einem ande­ren Instru­ment wie­der­holt wer­den. Es ent­steht eine Art Ball­spiel zwi­schen Solo und Orches­ter, und das klingt fan­tas­tisch. Aller­dings ist es wahn­sin­nig schwer zu spie­len. Als ich Jar­rell frag­te, ob er das nicht hät­te etwas ein­fa­cher schrei­ben kön­nen, erwi­der­te er mit einem sehr net­ten Kom­pli­ment: „Wenn ich ein­mal Fer­ra­ri fah­ren kann, dann will ich das auch.“

Enno Poppe

Enno Pop­pe hat­te für sein Brat­schen­kon­zert Filz die Vor­stel­lung eines dyna­mi­schen Klangs. 
(Foto: © Harald Hoff­mann)

CRESCENDO: Enno Pop­pe wie­der­um, um ein letz­tes Bei­spiel zu nen­nen, hat­te für sein Brat­schen­kon­zert Filz die Vor­stel­lung eines dyna­mi­schen Klangs, eines wech­sel­ba­ren Pro­zes­ses der Töne. Stellt jede neue Kom­po­si­ti­on Sie und Ihr Instru­ment vor neue Her­aus­for­de­run­gen?
Tabea Zim­mer­mann: Ja, ins­be­son­de­re jene von Ihnen genann­ten, die tat­säch­lich neue Klang­schöp­fun­gen dar­stell­ten. Enno Pop­pes Schreib­wei­se des kon­ti­nu­ier­li­chen In-Bewe­gung-Seins hat etwas sehr Beson­de­res. Es gibt in dem Stück kei­nen ein­zi­gen Klang, der dort ver­harrt, wo er beginnt.

Tabea Zimmermann»Alle Versuche, bei Poppe eine Sicherheit auf dem Griffbrett zu erlangen, muss man aufgeben.«

 

Ent­we­der man rutscht in eine Note rein oder von einer weg, und man fühlt sich wie ein Akro­bat unter der Zir­kus­kup­pel, der stän­dig von einem Punkt zum ande­ren fliegt, wäh­rend des Flu­ges aber wei­te­re Punk­te genau tref­fen muss. Das erfor­dert eine völ­lig ande­re Spiel­tech­nik. Alle Ver­su­che, die man unter­nimmt, um eine Sicher­heit auf dem Griff­brett zu erlan­gen, muss man auf­ge­ben. Die­se Klang­vor­stel­lung lässt sich nur über das Gehör steu­ern.

Tabea Zimmermann»Wenn man Beethoven von der Neuen Musik aus in den Blick nimmt, versteht man ihn viel besser.«

 

CRESCENDO: Nun spie­len Sie Neue Musik und klas­si­sche Musik. Im Augen­blick errei­che ich Sie auf der BTHVN Woche in Bonn. Wenn Sie die Stre­cke in umge­kehr­ter Rich­tung zurück­le­gen: Wie viel von der Neu­en Musik ist bereits bei Beet­ho­ven ange­legt?
Tabea Zim­mer­mann: Die­se Bezie­hung besteht für mich. Auf­grund mei­ner Erfah­run­gen mit der Neu­en Musik höre und spie­le ich Beet­ho­ven heu­te anders. Ich sehe ihn weni­ger als Fort­füh­rung der Klas­sik, aus der er kam und deren Kom­po­si­ti­ons­tech­ni­ken er stu­dier­te. Er war sei­ner Zeit so weit vor­aus, hat in sei­nen Par­ti­tu­ren Neu­es aus­pro­biert und sich gegen die Kon­ven­tio­nen auf­ge­lehnt. Wenn man ihn von der Neu­en Musik aus in den Blick nimmt, ver­steht man ihn viel bes­ser und traut sich, die Akzen­te anders zu set­zen, als wenn man von Hum­mel oder einem ande­ren Zeit­ge­nos­sen auf ihn schaut.

Tabea Zimmermann»Einige von Beethovens Werken bleiben mir allerdings ein Rätsel.«

 

Eini­ge sei­ner Wer­ke blei­ben mir aller­dings ein Rät­sel. Mit Begeis­te­rung ver­fol­ge ich, wie er mit klei­nen Ele­men­ten ein gro­ßes neu­es Ele­ment ent­wi­ckelt, wie er aus einer Schluss­flos­kel ein gan­zes The­ma gestal­tet und wie er mit Humor und wit­zi­gen Über­ra­schun­gen han­tiert, indem er eine Erwar­tung auf­baut und dann nicht bedient. Aber mit der Gro­ßen Fuge kann ich bis heu­te nichts anfan­gen. Die Mas­se an lau­ten, for­tis­si­mo geschrie­be­nen star­ken Punk­tie­run­gen löst bei mir nach kur­zer Zeit geis­ti­ge Erschöp­fung aus.

Widmet sich mit Engagement dem Unterrichten: Tabea Zimmermann

Enga­giert auch im Unter­rich­ten und seit 2002 Pro­fes­so­rin an der Hoch­schu­le für Musik „Hanns Eis­ler“ in Ber­lin: Tabea Zim­mer­mann
(Foto: © Rui Cami­lo / EvS Musik­stif­tung) 

CRESCENDO: Sie sind auch enga­giert im Unter­rich­ten, zunächst in Saar­brü­cken und Frank­furt. Und seit 2002 haben Sie eine Pro­fes­sur an der Hoch­schu­le für Musik „Hanns Eis­ler“ in Ber­lin. Wie beur­tei­len Sie die Bereit­schaft der jun­gen Musi­ker, sich mit zeit­ge­nös­si­scher Musik zu befas­sen?
Tabea Zim­mer­mann: Das ist für mich als Leh­re­rin eine schwie­ri­ge Fra­ge. Denn obwohl ich selbst viel zeit­ge­nös­si­sche Musik spie­le, kom­me ich mit mei­nen Stu­den­ten kaum dazu, mich damit zu beschäf­ti­gen. Wenn man ein Instru­ment stu­diert, muss man erst durch die gesam­te Musik­ge­schich­te, bis man im Heu­te ankommt. Ich fän­de es auch nicht rich­tig, einem Stu­die­ren­den Auf­ga­ben zu stel­len, für deren Bewäl­ti­gung ihm noch die Bau­stei­ne feh­len.

Tabea Zimmermann

Möch­te ihren Schü­lern Denk­wei­sen und Metho­de ver­mit­teln, mit denen sie noch lan­ge selbst wei­ter­ar­bei­ten kön­nen: Tabea Zim­mer­mann
(Foto: © Rui Cami­lo / EvS Musik­stif­tung) 

Zugleich sehe ich mei­ne Ver­ant­wor­tung, den jun­gen Men­schen die zeit­ge­nös­si­sche Musik nahe zu brin­gen. Ich kämp­fe da mit mir selbst. Was ich mich bemü­he, mei­nen Stu­die­ren­den mit­zu­ge­ben, ist die Ein­stel­lung, dass Musi­ker zu sein bedeu­tet, immer wei­ter zu suchen und zu ler­nen. Ich möch­te ihnen Denk­wei­sen und Metho­de ver­mit­teln, mit denen sie noch lan­ge selbst wei­ter­ar­bei­ten kön­nen. Es geht mir nicht um das bes­te Hand­werks­zeug für ein Pro­be­spiel. Und wenn es gut läuft, suchen vie­le auch gar nicht den Weg in das nächst­bes­te Orches­ter, son­dern hal­ten sich eine gan­ze Zeit­lang frei­be­ruf­lich über Was­ser, um wert­vol­le Erfah­run­gen zu sam­meln.

Tabea Zimmermann erhält den Ernst von Siemens Musikpreis 2020.»Zum Glück haben wir in Deutschland in den öffentlichen Stadttheatern und städtischen Orchestern noch subventionierte Kultur.«

 

CRESCENDO: Sehen Sie die Chan­ce, dass zeit­ge­nös­si­sche Musik in den Kanon all­ge­mei­ner Kon­zert­pro­gram­me Ein­gang fin­det?
Tabea Zim­mer­mann: Wir müs­sen unter­schei­den zwi­schen öffent­lich sub­ven­tio­nier­ten und pri­va­ten Ver­an­stal­tern, die mehr auf den Gewinn zie­len. Da sehen Sie, wer zum Risi­ko bereit ist. Das schlech­tes­te Bei­spiel für mich ist die Kon­zert­di­rek­ti­on Adler in Ber­lin. Als ich mit mei­nem Arcan­to-Quar­tett von ihr enga­giert wur­de, und wir ein Bar­tók-Streich­quar­tett aufs Pro­gramm set­zen woll­ten, hieß es, das könn­ten wir tun, wenn wir die Gema-Gebüh­ren selbst bezahl­ten.

Empört über Veranstalter, die die Kosten für die Neue Musik an die Interpreten weitergeben: Tabea Zimmermann

Empört über einen Ver­an­stal­ter, der die Kos­ten für zeit­ge­nös­si­sche Musik an die Künst­ler wei­ter­gibt: Tabea Zim­mer­mann 
(Foto: © Rui Cami­lo / EvS Musik­stif­tung) 

Das habe ich noch bei kei­nem Ver­an­stal­ter je erlebt, dass er die Kos­ten für zeit­ge­nös­si­sche Musik an die Künst­ler wei­ter­reicht. Zum Glück haben wir in Deutsch­land in den öffent­li­chen Stadt­thea­tern und städ­ti­schen Orches­tern noch sub­ven­tio­nier­te Kul­tur. Und ich wün­sche mir, dass die­se Ein­rich­tun­gen ihre Auf­ga­be auch wei­ter­hin dar­in sehen, die gesam­te Band­brei­te der Musik zu ermög­li­chen.

Stephan Cahen nimmt den Echo-Klassik entgegen für das Album von Tabea Zimmermann

Ste­phan Cahen von Myri­os Clas­sics bei der Über­nah­me des Echo-Klas­sik 2014 für das Album von Tabea Zim­mer­mann

CRESCENDO: Der Markt für Ton­trä­ger befin­det sich seit Jah­ren im Umbruch. Sie haben rund 50 CDs auf­ge­nom­men, aller­dings zu wei­ten Tei­len mit Wer­ken, die zum ers­ten Mal ein­ge­spielt wur­den. Damit kommt ihnen ein beson­de­rer Wert zu. Aber wel­che Bedeu­tung mes­sen Sie der CD zu?
Tabea Zim­mer­mann: Als Künst­le­rin fin­de ich Auf­nah­men wich­tig. Das detail­lier­te Bear­bei­ten und das Abhö­ren im Stu­dio, gefolgt von Über­le­gun­gen, was man ver­bes­sern kann, sind ein wich­ti­ger Teil der Beschäf­ti­gung mit einer Kom­po­si­ti­on.

Spielt zeitgenössische Musik und das klassische Repertoire: Tabea Zimmermann

Freut sich nach der Mühe einer Urauf­füh­rung, das Ergeb­nis auf einer CD doku­men­tiert zu sehen: Tabea Zim­mer­mann
(Foto: © Mar­co Borg­gre­ve) 

Ich arbei­te mit dem klei­nen Label Myri­os Clas­sics von Ste­phan Cahen zusam­men. Es steht für eine her­aus­ra­gen­de Qua­li­tät, und nach der Mühe einer Urauf­füh­rung freut es mich, das Ergeb­nis doku­men­tiert zu sehen. Ansons­ten sind CDs Lieb­ha­ber-Pro­duk­te. Kei­ne hat sich so oft ver­kauft, dass ich damit etwas ver­dient hät­te.

Tabea Zimmermann»Ich säge gerne an allen Stühlen von allen Chefdirigenten, vor allem wenn sie auch noch Intendanten sind.«

 

CRESCENDO: Ent­schie­den haben Sie sich gegen die patri­ar­cha­li­schen Struk­tu­ren in der Musik aus­ge­spro­chen. „Musik und Macht pas­sen nicht zusam­men“, beton­ten Sie. Ist die­ser herr­schen­de Diri­gent ein über­kom­me­nes Erbe aus dem 19. Jahr­hun­dert?
Tabea Zim­mer­mann: Das wür­de ich so sehen. Ich säge ger­ne an allen Stüh­len von allen Chef­di­ri­gen­ten, vor allem wenn sie auch noch Inten­dan­ten sind. Die­ses Dop­pel­mo­dell, dass eine Per­son für die musi­ka­li­schen und per­so­nel­len Fra­gen zustän­dig ist, fin­de ich beson­ders schlimm.

Tabea Zimmermann»Ich würde es begrüßen, wenn Dirigenten ausschließlich für die künstlerische Arbeit unter Vertrag genommen werden

 

Ich wür­de es begrü­ßen, wenn Diri­gen­ten und hof­fent­lich auch mehr Diri­gen­tin­nen aus­schließ­lich für die künst­le­ri­sche Arbeit unter Ver­trag genom­men wer­den und zwar für einen begrenz­ten Zeit­raum. Es ist durch­aus nichts dage­gen ein­zu­wen­den, wenn ein älte­rer Musi­ker sich als Diri­gent ein­brin­gen will. Als Gast­di­ri­gent kann er für ein Orches­ter eine Berei­che­rung sein. Aber als Chef­di­ri­gen­ten muss man 80-Jäh­ri­ge nicht mehr ver­pflich­ten.

Das Ensemble Resonanz, bei dem Tabea Zimmermann Composer in Residence war

Demo­kra­tisch orga­ni­siert und ein Vor­bild: das Ensem­ble Reso­nanz 
(Foto: © Tobi­as Schult)

CRESCENDO: For­ma­tio­nen der Neu­en Musik wie das Ensem­ble Modern oder das Ensem­ble Reso­nanz sind demo­kra­tisch orga­ni­siert. Kön­nen sie ein Vor­bild abge­ben?
Tabea Zim­mer­mann: Abso­lut. Dar­um arbei­te ich so ger­ne mit ihnen. Die bei­den Jah­re als Artist in Resi­dence beim Ensem­ble Reso­nanz waren für mich eine wun­der­ba­re Zeit. Ich konn­te erle­ben, dass es die­se idea­lis­ti­schen Men­schen tat­säch­lich gibt, die sich bei lei­der immer noch schlech­ter Bezah­lung für eine fan­tas­ti­sche Qua­li­tät enga­gie­ren und einen Rie­sen­auf­wand betrei­ben, um Ent­schei­dun­gen auf demo­kra­ti­schem Weg her­bei­zu­füh­ren und ihre Insti­tu­ti­on frei von Macht­ver­hält­nis­sen zu hal­ten. Das Ensem­ble agiert wie ein Koope­ra­tiv, und es ist so schön, die­se leben­di­ge Form zu sehen.

Tabea Zimmermann»Von Probe zu Probe nehme ich mich weiter zurück.«

 

CRESCENDO: Wie gehen Sie vor, wenn Sie Auf­füh­run­gen lei­ten?
Tabea Zim­mer­mann: Wich­tig ist für mich, dass ich das als Mit­spie­le­rin tue. Durch eine gemein­sa­me Spiel­erfah­rung, einen gemein­sa­men rhyth­mi­schen Puls und ein gemein­sa­mes Atmen ste­he ich zu den ande­ren Musi­kern in einer Ver­bin­dung, die das gegen­sei­ti­ge Auf­neh­men von Impul­sen ermög­licht. Ich bie­te mei­ne Sicht an. Aber ich stel­le sie auch zur Dis­kus­si­on und grei­fe Anre­gun­gen auf. Und von Pro­be zu Pro­be neh­me ich mich wei­ter zurück, sodass beim Kon­zert der Ein­druck ent­steht, die Grup­pe spielt von allein.

Tabea Zimmermann erhält den Ernst von Siemens Musikpreis 2020.»Es ist mein Wunsch, etwas von dem, wovon ich selbst profitiert habe, an die Gesellschaft zurückzugeben.«

 

CRESCENDO: In einem Rund­funk-Inter­view sag­ten Sie, dass Sie erwä­gen, mit dem Preis­geld eine Stif­tung ins Leben zu rufen…
Tabea Zim­mer­mann: Die for­ma­le Grün­dung ist noch nicht erfolgt. Mit dem Rechts­an­walt arbei­te ich an der Sat­zung. Ich kom­me aus einem ein­fa­chen fami­liä­ren Umfeld. Mei­ne Eltern ver­füg­ten nicht über die Mög­lich­kei­ten, ihren Kin­dern eine so teu­re Beschäf­ti­gung wie das Musi­zie­ren zu finan­zie­ren. Durch För­de­run­gen der öffent­li­chen Hand, pri­va­ten Stif­tun­gen und Preis­gel­dern bekam ich Unter­stüt­zung. So ist es mein Wunsch, etwas von dem, wovon ich selbst pro­fi­tiert habe, an die Gesell­schaft zurück­zu­ge­ben.

Tabea Zimmermann neues AlbumHec­tor Ber­li­oz: „Harold in Ita­li­en“, Sté­pha­ne Degout, Tabea Zim­mer­mann, Les Siè­cles, François-Xavier Roth (har­mo­nia mun­di) www.jpc.de

Tabea Zimmermann: Schumann-Widmann-AlbumRobert Schu­mann. Jörg Wid­mann: „Es war ein­mal“, Jörg Wid­mann, Tabea Zim­mer­mann, Dénes Vár­jon (myri­os clas­sics) www.jpc.de
Mehr zu dem Album: crescendo.de und crescendo.de

Tabea Zimmermann: Romance oubliée

Hans Sitt, Alex­an­der Gla­sunow, Hen­ri Wie­niaw­ski, Fritz Kreis­ler u.a.: „Romance oubliée“, Tabea Zim­mer­mann, Tho­mas Hop­pe (myri­os clas­sics) www.jpc.de

Leser und Abon­nen­ten von CRESCENDO kön­nen die Alben kos­ten­frei in der NML hören: crescendo.de/premiumhören 
Mehr Infor­ma­tio­nen in der CRE­SCEN­DO-Aus­ga­be 02/2020 auf Sei­te 40/41

Mehr zu den Preis­trä­gern 2020 der Ernst von Sie­mens Musik­stif­tung: crescendo.de
Alle Preis­trä­ge­rIn­nen wer­den am 11. Mai 2020 im Münch­ner Prinz­re­gen­ten­thea­ter bei einem Fest­akt geehrt. Das Ensem­ble Reso­nanz spielt Ana­lo­gies von Samir Amarouch, eine über­ar­bei­te­te Fas­sung von Color resi­dua von Cathe­ri­ne Lamb und einen Aus­zug aus Cine­mao­lio von Fran­ce­s­ca Ver­unel­li. Tabea Zim­mer­mann spielt auf der Brat­sche Wer­ke von Lucia­no Berio, Györ­gy Kur­tág und Ben­ja­min Brit­ten.
Die Preis­ver­lei­hung wird im Video-Live­stream auf www.evs-musikstiftung.ch und auf www.br-klassik.de über­tra­gen.

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Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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