Samir Amarouch, Cathe­ri­ne Lamb und Fran­ce­s­ca Ver­unel­li erhal­ten die Kom­po­nis­ten-För­der­prei­se der Ernst von Sie­mens Musik­stif­tung 2020.

Die För­der­prei­se der Ernst von Sie­mens Musik­stif­tung gehen an drei Kom­po­nis­tIn­nen, die mit ihren Wer­ken an Schnitt­stel­len, Kreu­zungs­punk­ten und Schwel­len agie­ren. Samir Amarouch geht in sei­nen Kom­po­si­tio­nen den zufäl­lig und unbe­ab­sich­tigt auf­tre­ten­den Klän­gen bei der Digi­ta­li­sie­rung von Natur nach. Cathe­ri­ne Lamb unter­sucht in ihren Wer­ken das Zusam­men­wir­ken von Klän­gen der urba­nen Umge­bung, des Publi­kums und der Kom­po­si­ti­on. Und Fran­ce­s­ca Ver­unel­li stellt in ihren Arbei­ten die Fra­ge, wie sich Klän­ge in die Zeit­lich­keit ein­schrei­ben.

Klänge der Natur

Amarouch, Lamb, Verunelli erhalten die Komponisten-Förderpreise der Ernst von Siemens Musikstiftung 2020.

Fin­det in der Natur sei­ne Inspi­ra­ti­on: Samir Amarouch
(Foto und Fotos oben: © Rui Cami­lo / EvS Musik­stif­tung)

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Samir Amarouch lässt sich von der Natur inspi­rie­ren. Wor­an sich sei­ne Fan­ta­sie ent­zün­det, ist das Unver­mö­gen, die Natur digi­tal nach­zu­bil­den. Die Feh­ler die bei die­sem Pro­zess auf­tre­ten, greift er auf für sei­ne kom­po­si­to­ri­sche Arbeit. So die­nen ihm die Lau­te und Klän­ge, die bei der Digi­ta­li­sie­rung von Natur zufäl­lig und unbe­ab­sich­tigt zu hören sind und an etwas Ande­res den­ken las­sen als die ursprüng­li­chen Klän­ge der Natur, als Aus­gangs­ma­te­ri­al.

Vogelstimmen

Samir Amarouch lauscht den Vogelstimmen.

Lauscht dem Gesang der Vögel und Zika­den: Samir Amarouch
(Foto: © Rui Cami­lo / EvS Musik­stif­tung)

Sein Stu­di­um absol­vier­te Amarouch, der zudem aus­ge­bil­de­ter Kon­zert­pia­nist ist, am Con­ser­va­toire natio­nal supé­ri­eur de musi­que et de dan­se in Paris. Für sei­ne Kom­po­si­ti­on Appel für Cem­ba­lo und Elek­tro­nik, die 2017 urauf­ge­führt wur­de, ver­wen­de­te er die Auf­nah­men von Vogel­stim­men, die er mit Hil­fe eines Com­pu­ters bear­bei­te­te.

Wolfsgeheul in den Glissandi

In der im sel­ben Jahr ent­stan­de­nen Kom­po­si­ti­on Ana­lo­gies für 16 Musi­ker ahmen akus­ti­sche Instru­men­te eine digi­ta­li­sier­te Natur nach. Dabei geschah es, dass aus den Glis­san­di von Horn und Fagott plötz­lich Klän­ge zu ver­neh­men waren, die Amarouch an Wolfs­ge­heul erin­ner­ten.

Wie ein Wolfsrudel umkreisen die Orchestergruppen das Quintett

Samir Amarouch lässt sich von der Natur inspirieren und erhält den Komponisten Förderpreis der Siemens Musikstiftung

Erin­nert sich an das ver­trau­te Geheul der Wöl­fe: Samir Amarouch
(Foto: © Rui Cami­lo / EvS Musik­stif­tung)

Er hat­te sich die Glis­san­di zunächst nur im Kopf vor­ge­stellt. Beim Anhö­ren aber nah­men sie eine ihm ver­trau­te Klang­ge­stalt an, und er hör­te Wolfs­ge­sän­ge. Die­ses Klang­er­leb­nis reg­te ihn 2018 zu sei­ner Kom­po­si­ti­on Area für Blä­ser­quin­tett und Orches­ter an. Wie ein Wolfs­ru­del umkrei­sen dar­in die Orches­ter­grup­pen das solis­ti­sche Quin­tett.

Elektronisches Funkeln oder Vogelstimmen

Die Feh­ler, die wäh­rend des Digi­ta­li­sie­rungs­pro­zes­ses pas­sier­ten, kön­ne man als syn­the­ti­sche Klän­ge wahr­neh­men oder als Zika­den, erläu­tert Amarouch. Als elek­tro­ni­sches Fun­keln oder Vogel­stim­men. Als Wei­ßes Rau­schen oder das Atmen eines Tie­res. So neh­men Amarouchs Wer­ke den Zuhö­rer mit auf die Rei­se durch vir­tu­el­le und zugleich rea­le Tier­wel­ten.

Gemeinsam musikalische Welten schaffen

Amarouch, Lamb, Verunelli erhalten die Komponisten-Förderpreise der Ernst von Siemens Musikstiftung 2020.

Ange­regt von der Fähig­keit des Gehörs, sei­nen eige­nen Klang zu pro­du­zie­ren: Cathe­ri­ne Lamb
(Foto: © Rui Cami­lo / EvS Musik­stif­tung)

Cathe­ri­ne Lamb stützt sich bei ihren Wer­ken auf eine erstaun­li­che Fähig­keit des mensch­li­chen Gehörs. Wie die 2009 ver­stor­be­ne Kom­po­nis­tin und Instal­la­ti­ons­künst­le­rin Maryan­ne Ama­cher fest­stell­te, pro­du­ziert das Gehör jeweils sei­nen eige­nen Klang. Für Lamb bedeu­tet die­se Erkennt­nis, dass der Hörer teil­hat am Werk. Hörer, Musi­ker und Kom­po­nis­ten schaf­fen gemein­sam musi­ka­li­sche Wel­ten.

Im Zusammenspiel mit Geräuschen der Stadt und des Publikums

Catherine Lamb erhielt eine Ausbildung in hindustanischer Musik im indischen Pune.

Stu­dier­te hin­du­sta­ni­sche Musik im indi­schen Pune: Cathe­ri­ne Lamb
(Foto: © Rui Cami­lo / EvS Musik­stif­tung)

Mit ihren Arbei­ten öff­net Lamb einen Hör­raum, der das Publi­kum in einen Zustand der Des- und Neu­ori­en­tie­rung ver­setzt. Ihr Stu­di­um absol­vier­te sie nach einer Aus­bil­dung in hin­du­sta­ni­scher Musik im indi­schen Pune an der Mil­ton Avery School of Fine Arts am Bard Col­le­ge in New York.

Catherine Lamb erhält den Komponisten-Förderpreis der Ernst von Siemens Musikstiftung 2020.

Schafft mit Hörern und Musi­kern gemein­sa­me musi­ka­li­sche Wel­ten: Cathe­ri­ne Lamb
(Foto: © Rui Cami­lo / EvS Musik­stif­tung) 

Pris­ma Inte­ri­us IV ent­stand im Zusam­men­spiel einer Auf­füh­rung mit den Geräu­schen der Stadt und des Publi­kums. Das Stück ist Teil eine Serie für Syn­the­si­zer, Instru­men­te und Stim­men, an der Lamb seit 2017 arbei­tet.

Inneres Prisma

Die urba­ne Klang­land­schaft mit ihren Geräu­schen wie Hun­de­ge­bell oder Sire­nen wird, vom Syn­the­si­zer live gefil­tert, in den Auf­füh­rungs­raum hin­ein­ge­spielt. Mit den Gesprä­chen des Publi­kums tritt sie in eine Inter­ak­ti­on. Und inmit­ten die­ses Klang­raums schafft Lamb sin­gen­de und spie­lend ein „inne­res Pris­ma“.

Francesca Verunelli: Die zeitliche Dauer des Klangs

Amarouch, Lamb, Verunelli erhalten die Komponisten-Förderpreise der Ernst von Siemens Musikstiftung 2020.

Begreift den Klang als Werk­zeug, um sich die Zeit ein­zu­schrei­ben: Fren­ce­s­ca Ver­unel­li
(Foto: © Rui Cami­lo / EvS Musik­stif­tung) 

Fran­ce­s­ca Ver­unel­li begreift den Klang als ein Werk­zeug, um sich in die Zeit ein­zu­schrei­ben. Der zeit­li­chen Dau­er des Klangs kön­ne man sich nicht ent­zie­hen, betont sie. Ver­neh­me man einen Klang, höre man not­wen­di­ger­wei­se auch sei­ne zeit­li­che Form. Die klas­si­sche har­mo­ni­sche Syn­tax stellt für Ver­unel­li ledig­lich einen Weg dar, um die Zeit durch ein Sys­tem von Bezie­hun­gen zu struk­tu­rie­ren. Auch die Fra­ge der Klang­far­ben exis­tie­re nicht außer­halb der Zeit.

Welche Richtung schlägt die Musik aus eigener Kraft ein?

Ver­unel­li absol­vier­te ein Kom­po­si­ti­ons­stu­di­um am Kon­ser­va­to­ri­um „Lui­gi Che­ru­bi­ni“ in Flo­renz. Dem schloss sich ein Kom­po­si­ti­ons­meis­ter­kurs an der Acca­de­mia Nazio­na­le di San­ta Ceci­lia in Rom an. In ihrer Kom­po­si­ti­on Five Songs (Kafka’s Sirens) stellt sie, aus­ge­hend von Kaf­kas Erzäh­lung vom Schwei­gen der Sire­nen, die Fra­ge, was an voka­lem Aus­druck blei­be, wenn kei­ne Per­son mehr sin­ge. Wel­che Rich­tung schla­ge die Musik aus eige­ner Kraft ein.

Das Weiterleben elektronischer Zeitlichkeit

Francesca Verunelli erhält den Komponisten-Förderpreis der Ernst von Siemens Musikstiftung 2020.

Forscht nach, was von Elek­tro­nik bleibt ohne elek­tro­ni­sche Klän­ge: Fran­ce­s­ca Ver­unel­li 
(Foto: © Rui Cami­lo / EvS Musik­stif­tung)

In der Kom­po­si­ti­on Man Sit­ting at the Pia­no für Flö­te, Kla­vier und Elek­tro­nik, die 2017 bei den Donau­eschin­ger Musik­ta­gen urauf­ge­führt wur­de, geht es für Ver­unel­li um die Fra­ge, was die Elek­tro­nik ohne irgend­wel­che elek­tro­ni­schen Klän­ge sei. Sie habe der Elek­tro­nik all ihre Klän­ge abstrei­fen wol­len, um nur ihre zeit­li­che Essenz zu behal­ten, erläu­tert sie. Was blei­ben soll­te, ist eine elek­tro­ni­sche Zeit­lich­keit, die in klas­si­schen Klän­gen wei­ter­lebt.

Extremes Tempo lenkt das Augenmerk auf die Zeit

Sowohl das Kla­vier als auch die Flö­ten wer­den auf klas­si­sche Wei­se gespielt. Das Augen­merk soll­te völ­lig auf die Zeit gerich­tet sein. Die Flö­te spielt dich­te mikro­to­na­le Akkor­de. Wäh­rend auf­grund des extre­men Tem­pos des Kla­vier­spiels der Ein­druck ent­steht, als mische sich das Kla­vier in die Har­mo­nien der Flö­te.

Flüchtige harmonische Wahrnehmung

Francesca Verunelli erhält den Komponisten-Förderpreis der Ernst von Siemens Musikstiftung 2020.

Ver­setzt den Zuhö­rer in eine  sich stän­dig wan­deln­de Posi­ti­on: Fran­ce­s­ca Ver­unel­li
(Foto: © Rui Cami­lo / EvS Musik­stif­tung)

Zugleich ermög­licht die extre­me Geschwin­dig­keit eine flüch­ti­ge har­mo­ni­sche Wahr­neh­mung. Als Zuhö­rer befin­det man sich dadurch in einer sich stän­dig wan­deln­den Posi­ti­on. In der har­mo­ni­schen Wahr­neh­mung lässt das Unbe­stimmt­hei­ten und Zwei­deu­tig­kei­ten auf­tau­chen. Das Werk ist Teil eines Zyklus. Beim Klang­fo­rum Wien kam im Febru­ar 2020 der drit­te Teil Wo.man Sit­ting at the Pia­no II zur Urauf­füh­rung.

Weiterwirken der Ideen des Visionärs John Cage

Zu erle­ben ist in den Arbei­ten aller drei Preis­trä­ge­rIn­nen ein wun­der­ba­res Wei­ter­wir­ken der Ideen des Visio­närs John Cage. Er war es, der mit dem Ora­kel­buch I Ging dem Zufall im Kom­po­si­ti­ons­pro­zess Raum gab. Er war es, der, ange­regt von Robert Rau­schen­bergs Wei­ßen Bil­dern, mit sei­nem Stück 4’ 33’’ Ver­kehrs­ge­räu­sche, den Wind und das Gemur­mel des Publi­kums zur Kom­po­si­ti­on wer­den ließ. Und er war es, der sich in sei­ner Aus­ein­an­der­set­zung mit Beet­ho­ven, Satie und Webern auf die Sei­te von Satie und Webern schlug und die Zeit anstel­le der Har­mo­nik als struk­tur­bil­den­des Ele­ment der Musik her­vor­hob.

Aktu­el­le Auf­füh­rungs­ter­mi­ne des Kom­po­nis­ten Samir Amarouch: www.samir-amarouch.com
Der Kom­po­nis­tin Cathe­ri­ne Lamb: https://sacredrealism.org/catlamb/
Und der Kom­po­nis­tin Fran­ce­s­ca Ver­unel­li: www.francescaverunelli.com

Den Ernst von Sie­mens Musik­preis 2020 erhielt Tabea Zim­mer­mann Ein Gespräch mit ihr fin­den Sie auf crescendo.de

Alle Preis­trä­ge­rIn­nen wer­den am 11. Mai 2020 im Münch­ner Prinz­re­gen­ten­thea­ter bei einem Fest­akt geehrt. Das Ensem­ble Reso­nanz spielt Ana­lo­gies von Samir Amarouch, eine über­ar­bei­te­te Fas­sung von Color resi­dua von Cathe­ri­ne Lamb und einen Aus­zug aus Cine­mao­lio von Fran­ce­s­ca Ver­unel­li. Tabea Zim­mer­mann spielt auf der Brat­sche Wer­ke von Lucia­no Berio, Györ­gy Kur­tág und Ben­ja­min Brit­ten.
Die Preis­ver­lei­hung wird im Video-Live­stream auf www.evs-musikstiftung.ch und auf www.br-klassik.de über­tra­gen.

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Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

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