Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

ich hof­fe, die Wut der Dresd­ner Opern­ball-Freun­de hat sich etwas gelegt und wir kön­nen die­se Woche wei­ter­ma­chen. Unter ande­rem mit Klas­sik und Coro­na, einer Hollywood-„Zauberflöte“ mit Rolan­do Vil­la­zón – und natür­lich rufen wir dem gro­ßen Nel­lo San­ti nach.

WAS IST

KLASSIK UND CORONA

Das Shang­hai Sym­pho­ny Orches­tra macht in Zei­ten von Coro­na das Wohn­zim­mer zum Kon­zert­haus.

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Das Shang­hai Sym­pho­ny Orches­tra darf im Febru­ar auf­grund des Coro­na­vi­rus’ nicht auf­tre­ten. Aber die Musi­ker haben sich etwas ande­res ein­fal­len las­sen: Sie spie­len zu Hau­se und stel­len ihre Stü­cke ins Netz! Eine schö­ne Ges­te. Das Virus ist nicht nur ein medi­zi­ni­scher, son­dern auch ein öko­no­mi­scher und emo­tio­na­ler Gau. Unter ande­rem haben Orches­ter aus den USA und Euro­pa Tour­ne­en abge­sagt. Letz­te Woche hat das Bos­ton Sym­pho­ny Orches­tra sei­ne Asi­en-Tour­nee mit Andris Nel­sons gecan­celt, nun auch das Natio­nal Sym­pho­ny Orches­tra der USA mit Gia­nandrea Nose­da sei­nen Besuch in Chi­na – unbe­rührt bleibt das Gast­spiel in Tokio. Wie groß die Hys­te­rie ist, haben wir bereits berich­tet: Der Direk­tor der Musik­hoch­schu­le San­ta Ceci­lia in Rom bat asia­ti­sche Stu­den­ten, zu Hau­se zu blei­ben. Zuge­ge­ben: In unse­ren Opern wird ersto­chen, ver­gif­tet und gemor­det – der Viren-Tod ist eher sel­ten: Vio­let­ta Valé­ry aus La tra­via­ta und Mimi aus La Bohè­me sind die viel­leicht pro­mi­nen­tes­ten Lun­gen­kran­ken. Von ihnen zu ler­nen, heißt auch zu ver­ste­hen: Gera­de, wenn es ernst wird, brau­chen Kran­ke Zuspruch. Und ein Land wie Chi­na: Bei­stand.

ZOFF IN ESSEN UND BRAUNSCHWEIG

Der Jour­na­list Ste­fan Keim berich­tet im WDR über Zoff am Thea­ter Essen: „Über die Hälf­te der Beschäf­tig­ten des Thea­ters und der Phil­har­mo­nie Essen ver­lan­gen die Ablö­sung von Geschäfts­füh­rer Ber­ger Berg­mann. Sie wer­fen ihm vor, die Zukunft der Büh­nen zu gefähr­den.“ Keims Ein­schät­zung der Lage ist hier nach­zu­hö­ren. In Braun­schweig strei­tet man der­weil ledig­lich über das Pos­ter zu einer Madame-But­ter­fly-Pro­duk­ti­on: Es zeigt die Flag­ge der auf­ge­hen­den Son­ne, die Japans bru­ta­le Okku­pa­ti­on von Chi­na und Korea 1940 sym­bo­li­siert – Musi­ker der betref­fen­den Län­der for­dern die Inten­danz auf, das Pla­kat nicht zu ver­wen­den.

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EMMERICH PLANT ZAUBERFLÖTE

Nach­dem die „West Side Sto­ry“ von Ste­ven Spiel­berg fast fer­tig gedreht ist, gibt der deut­sche Hol­ly­wood-Regis­seur Roland Emme­rich bekannt, dass er eine „Zau­ber­flö­te“ für das Kino pla­ne – „einen Opern­film für die gan­ze Fami­lie“. Dafür gebe es aus Bay­ern staat­li­che Film­för­der­mit­tel in Höhe von 1,6 Mil­lio­nen Euro. In der Adap­ti­on der Vor­la­ge reist der 17-jäh­ri­ge Tim Wal­ker in die Alpen, um sein Sti­pen­di­um am legen­dä­ren Mozart-Inter­nat anzu­tre­ten. Er ent­deckt ein jahr­hun­der­te­al­tes Por­tal, das ihn in die Welt von Mozarts berühm­tes­ter Oper kata­pul­tiert. Als Dar­stel­ler sei­en Opern-Welt­stars wie Rolan­do Vil­la­zón oder Mor­ris Robin­son mit von der Par­tie. 

DARF’S ETWAS MEHR SEIN?

Und wo bleibt das Gute? Viel­leicht hier: Mehr Geld für die vier Lan­des­thea­ter und drei Lan­des­or­ches­ter in NRW. Nach einer ers­ten Auf­sto­ckung der Mit­tel um rund 2,3 Mil­lio­nen Euro im Jahr 2018 erhal­ten die Burg­hof­büh­ne Dins­la­ken, das Lan­des­thea­ter Det­mold, das West­fä­li­sche Lan­des­thea­ter Cas­trop-Rau­xel und das Rhei­ni­sche Lan­des­thea­ter Neuss sowie die Neue Phil­har­mo­nie West­fa­len in Reck­ling­hau­sen, die Nord­west­deut­sche Phil­har­mo­nie in Her­ford und die Phil­har­mo­nie Süd­west­fa­len in Sie­gen-Hil­chen­bach noch ein­mal rund 1,6 Mil­lio­nen mehr. Immer­hin! 

KONZERT-TRAUMA 

Der Diri­gent Bran­don Keith Brown schreibt einen span­nen­den Essay dar­über, war­um sich Dun­kel­häu­ti­ge noch immer schwer damit tun, klas­si­sche Kon­zer­te zu besu­chen: „Klas­sik-Kon­zer­te sind mit einem ras­sis­tisch kon­no­tier­ten Trau­ma besetzt. Des­halb gehen wir nicht hin. War­um Geld aus­ge­ben, um unbe­weg­lich wie ein Stein dazu­sit­zen, still, ein­ge­pfercht zwi­schen Wei­ßen, die uns da nicht haben wol­len? Klingt nicht nach einem ent­spann­ten Sams­tag­abend, oder?“ Bran­don Brown wünscht sich, dass wir die­ses Trau­ma über­win­den – und plä­diert dafür, dass Wei­ße die Scheu der Schwar­zen ver­ste­hen und die Zukunft der Klas­sik viel­fäl­ti­ger ist. Span­nen­de Lek­tü­re.

WAS WAR

Aus­schnitt aus einem Bild des Künst­lers Erik Born: Es zeigt das Revers Putins mit einem Hajo-Frey-Orden (Detail unten) und wur­de für den Ver­ein Auf­wind Kin­der- und Jugend­fonds Dres­den ver­stei­gert.

BALL-NACHLESE

Sel­ten gab es wüten­de­re und jubeln­de­re Leser­brie­fe, als über unse­re Bericht­erstat­tung zum Sem­per­Opern­ball und Hans-Jochaim Frey. Was nach­denk­lich stimmt: Kri­ti­ker, die mir alles Mög­li­che vor­war­fen, blie­ben in der Regel anonym, haben sich zum Teil extra für ihre Beschimp­fun­gen fal­sche E‑Mail-Adres­sen zuge­legt. Wer Ant­wort und Bele­ge für sei­ne Zwei­fel bekam, schrieb mir zurück, dass mei­ne Ant­wort bewei­se, dass ich getrof­fen sei. Ver­ste­he die Trol­le, wer wol­le! Sicher ist: Das Dresd­ner-Ball-Umfeld ope­riert mit merk­wür­di­gen Metho­den. Immer­hin: Unse­re Bericht­erstat­tung beflü­gel­te sowohl den Spie­gel, als auch die öffent­li­che Dis­kus­si­on: Obwohl die Rund­funk­rä­te des MDR vie­le Fra­gen hat­ten, ent­schied sich der Sen­der letzt­lich doch, eine hal­be Mil­li­on (!) für die Über­tra­gung aus­zu­ge­ben – und ver­lor dafür kräf­tig an Quo­te. Kein Wun­der, denn Roland Kai­ser eröff­ne­te den Ball mit den Wor­ten, dass man nun end­lich mal fei­ern wol­le, mach­te selbst Judith Rakers zur Kron­zeu­gin (sie drückt uns die Dau­men), erwähn­te die Preis­ver­ga­be an Ägyp­tens Prä­si­dent Al-Sisi mit kei­nem Wort und gefiel sich sel­ber in der Opfer-Rol­le – wie kann man der Ball-Gesell­schaft nur in die Sup­pe spu­cken? Ach so: Wer sich über mei­nen Text der letz­ten Woche auf­ge­regt hat, der soll­te doch mal den lus­tigs­ten Text, der zum Ball erschie­nen ist, von Mar­tin Mor­gen­stern lesen. Viel Spaß! 

PERSONALIEN DER WOCHE

Nun hat John Wil­liams ja gera­de mit Anne-Sophie Mut­ter bei der Deut­schen Gram­mo­phon auf­ge­nom­men – aber die Sony woll­te dem Film­kom­po­nis­ten auch zum 88. Geburts­tag gra­tu­lie­ren und tat das auf Face­book mit einem Bild und einem Spo­ti­fy-Link. Aller­dings nicht zum Mann des ET-Sound­tracks, son­dern zum Gitar­ren­spie­ler John Wil­liams. Über zwei Stun­den war der Feh­ler online, und sorg­te für Spott. Der schöns­te Kom­men­tar: „Wenn Sony Chef Bog­dan Roščić an der Wie­ner Staats­oper ist, wird das zum Glück nicht mehr pas­sie­ren.“ +++  Peter Uhlig berich­tet in der Ber­li­ner Zei­tung, dass Kirill Petren­ko das Edu­ca­ti­on-Pro­gramm der Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker wei­ter­füh­ren will: „Wenn Kirill Petren­ko in sei­nem ers­ten Edu­ca­ti­on-Pro­jekt vor allem mit jun­gen Sän­ge­rin­nen und Kara­jan-Aka­de­mis­ten arbei­tet und ledig­lich den aus soge­nann­ten ‚Pro­blem­be­zir­ken‘ rekru­tier­ten Kin­der­chor der Phil­har­mo­ni­ker, die ‚Vokal­hel­den‘, als klas­si­sche Edu­ca­ti­on-Ziel­grup­pe ein­be­zieht, erteilt er den Ver­schla­gen­hei­ten kapi­ta­lis­ti­scher Men­schen­lie­be immer­hin eine Absa­ge.“ +++ Eli­et­te von Kara­jan, die 80-jäh­ri­ge Wit­we des legen­dä­ren Diri­gen­ten, hat sich im Janu­ar aus der Stif­tung Her­bert von Kara­jan Oster­fest­spie­le Salz­burg zurück­ge­zo­gen und die Vor­stand­sa­gen­den an ihre bei­den Töch­ter Isa­bel und Ara­bel Kara­jan über­ge­ben. Eli­et­te bleibt aber wei­ter­hin Ehren­prä­si­den­tin der Stif­tung, hieß es am Diens­tag. +++ Nun also auch Spa­ni­en: Der mit Sex-Vor­wür­fen belas­te­te Diri­gent Charles Dutoit wur­de nun auch in Spa­ni­en aus­ge­la­den – die Filar­mó­ni­ca de Gran Cana­ria hat ein Kon­zert mit ihm als Gast­di­ri­gen­ten gestri­chen. +++ Volks­mu­sik als Teil der Musik – Musi­kan­ten­tum at its best: dafür stand Rudi Pietsch – er ist nun mit 68 Jah­ren ver­stor­ben.

ZUM TOD VON MIRELLA FRENI UND NELLO SANTI

Ein typi­scher Nel­lo San­ti-Satz ging so: Er schau­te ins Zür­cher Opern­or­ches­ter, visier­te einen Musi­ker und sag­te: „Sie spie­len jeden Tag schlech­ter, und heu­te spie­len Sie schon wie über­mor­gen.“ Nel­lo San­ti war gefürch­tet dafür, dass er einen Schlag­zeu­ger eine gan­ze Ouver­tü­re Solo spie­len ließ – aber jeder wuss­te auch, so schnell der Maes­tro in die Luft ging, so schnell war er auch wie­der am Boden – und Freund sei­ner Orches­ter. Was beein­druck­te: Egal, wel­ches Stück – San­ti hat­te ein foto­gra­fi­sches Gedächt­nis, diri­gier­te alles aus dem Kopf, und wenn ein Sän­ger mal durch­ein­an­der kam, flüs­ter­te er dem Orches­ter auch ohne Noten die Takt­zahl zu, bei der man wei­ter­mach­te. Nun ist Nel­lo San­ti im Alter von 88 Jah­ren gestor­ben – die Engel im Him­mel müs­sen zit­tern und kön­nen sich freu­en.

Ges­tern Abend dann die Nach­richt, dass auch Mirel­la Fre­ni ver­stor­ben ist – mit 84 Jah­ren im ita­lie­ni­schen Mode­na, jenem Ort, in dem auch Lucia­no Pava­rot­ti gebo­ren wur­de und gestor­ben ist, in dem die bei­den gemein­sam in den Kin­der­gar­ten gegan­gen sind, bevor sie in der legen­dä­ren Karajan-„Bohème“ Opern­ge­schich­te geschrie­ben haben. Aber Mirel­la Fre­ni war Künst­le­rin eige­ner Grö­ße (auch wenn ziem­lich jeder Nach­ruf, dum­mer­wei­se auch die­ser, sie als Dop­pel­pack mit Pava­rot­ti ver­ab­schie­det): so vie­le Rol­len, die sie geprägt hat, mit ihrem kla­ren Sopran, der Anmut ihrer Stim­me, unter ande­rem übri­gens auch mit Nel­lo San­ti am Zür­cher Opern­haus, wo sie bis ins hohe Alter (immer wie­der an der Sei­te ihres Man­nes Nico­lai Ghi­au­rov) auf­ge­tre­ten ist. Mirel­la Fre­ni war dar­über hin­aus eine her­zens­war­me, humor­vol­le und hin­ge­bungs­vol­le Gesangs­leh­re­rin.

Hal­ten Sie den­noch die Ohren steif

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@crescendo.de

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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