Moritz Eggert u.a.

Schluss mit lustig?

von Axel Brüggemann

22. Juni 2017

Ein Plädoyer für mehr Leichtigkeit und Selbstbewusstsein in der klassischen Musik.

Hand aufs Herz, so richtig lustig wird es in unserer Welt der ernsten Musik nur selten. Klar, es gibt viel Humor in der Klassik, sehr viel sogar, und man kann auch nicht behaupten, dass alle Kompo­nisten Spaß­bremsen wären. Aber das Lustige wird bei uns in der Regel sofort mit Herzens­lust analy­siert, gedeutet, als Ausdruck für etwas Höheres, Hehres und Mensch­li­ches behauptet. Einfach nur mal lachen oder albern sein, Quatsch machen, einen Gag reißen, scheint uns Klassik-Fuzzis etwas schwer­zu­fallen. Wir ziehen lieber unsere Smokings an, nippen an den Cham­pa­gner­glä­sern, suchen nach der Bedeu­tung des Witzes und tun das Schlimmste, was man mit einem Witz anstellen kann, nachdem man ihn erzählt hat: ihn erklären.

Meine persön­liche Erfah­rung ist diese: Oft fehlt Klas­sik­trei­benden das spie­le­ri­sche Moment. Ein Groß­teil ist so humor­voll wie der Modell­ei­sen­bahn­verein Wanne-Eickel. Eigent­lich absurd, da Musik ja jeden Abend „gespielt“ wird. Ein Bild wird „gemalt“, ein Buch „geschrieben“ – Musik aber inte­griert das „Play-Moment“, das Spie­le­ri­sche, das Expe­ri­men­tieren, das Unbe­fan­gene, das Leichte. Aber davon ist beson­ders in unseren Insti­tu­tionen nur wenig übrig geblieben. Es hat sich eine Form der Dünn­häu­tig­keit breit­ge­macht, Diskus­sionen, Kritik, selbst wort­spie­le­ri­sches Lustig­ma­chen über den Kurs eines Hauses, eines Orches­ters oder einer Auffüh­rung werden in der Regel relativ humorlos erwi­dert. Mehr als einmal habe ich erlebt, wie deutsch­spra­chige Inten­danten Kritik nicht als Vorlage zur launigen Debatte, als Grund­lage des Redens oder als gemein­sames lust­volles und spaßiges Streiten begriffen haben, sondern sofort persön­lich belei­digt waren. Dann haben sie Briefe an Chef­re­dak­teure oder Heraus­geber geschrieben, Schreib­ver­bote gefor­dert, haben Werbungen stor­niert und den lust­vollen Dialog verwei­gert. Ausge­rechnet jene Leute, die Nackte auf die Bühne stellen und ihr Publikum provo­zieren wollen, mögen es nicht, wenn man sie heraus­for­dert. Ausge­rechnet jene Menschen, die auch für die kluge Unter­hal­tung einer Gesell­schaft sorgen sollen, mögen das Unter­hal­tende nicht beson­ders. Diese Gemenge­lage ist alles andere als lustig.

Immer wieder Mozart als humor­vollen Menschen­ver­steher

Über­haupt scheinen Spaß, Leich­tig­keit und Ironie, scheinen Witz, Humor und im weitesten Sinne Unter­hal­tung das Weih­wasser für unsere teuf­li­sche Klassik-Szene zu sein. etwa, den ich als Kompo­nisten und Menschen sehr schätze, ist zwar durchaus erfolg­reich mit seinen schmun­zelnden, zum Teil bitterbös-sati­ri­schen Werken – aber wenn es Spitz auf Knopf kommt (etwa bei der Eröff­nung der , die ja eigent­lich ein Freu­den­fest sein sollte), dann scheinen die Verant­wort­li­chen der Klas­sik­in­sti­tu­tionen eben doch eher die ernst­haften „Marmor­scheißer“, wie Mozart einst die kaiser­li­chen Auftrag­geber nannte, vorzu­ziehen. Dann muss mal wieder Beet­ho­vens Neunte ran, dann muss Brahms beson­ders gewichtig donnern, dann muss mit philo­so­phisch abgrün­digem Musik­wissen die Noten­land­schaft als spitz­weg­hafte Spaß­bremse durch­schreiten. Jemand wie Eggert, der das Publikum durch kluges Spiel und bösen Spaß begeis­tert, hat es aus uner­find­li­chen Gründen bei weiten Teilen der Inten­danten noch immer schwer. Und auch bei einem Teil des Publi­kums. Eggerts Kolumne über das Verhältnis von Neuer und Alter Musik an unseren Opern­häu­sern auf CRESCENDO​.DE sorgte sofort für einen Shit­s­torm – der ihn und mich viel­leicht amüsiert hat, der in Wahr­heit aber alles andere als witzig war.

Es scheint ein wenig, als müsse die heutige Klassik ihren Mythos der „ernsten Musik“ unter allen Umständen behaupten, als hätte sie Angst, humor­voll, leicht oder zynisch zu werden. Sie will mindes­tens so weihe­voll wie erscheinen, so seelen­su­chend wie klingen und glaubt, nur ernst genommen zu werden, wenn sie so grum­melig wie Beet­hoven, so puri­ta­nisch wie Brahms und so welt­ver­bes­sernd wie Wagner daher­kommt. Manchmal wird all das zumin­dest unfrei­willig komisch, wenn mal wieder ein Diri­gent, der Millionen von Staats­gel­dern abkas­siert, von seinem Auftrag pala­vert, von der Größe der Kunst – und man das Gefühl hat, dass der Preis für einen Liter Milch ihm weit­ge­hend unbe­kannt ist. Aber wer Spaß oder Humor vermit­teln will, der tut gut daran, sich nicht im Elfen­bein­turm abzu­schotten, er muss auf der Straße ebenso zu Hause sein wie in den Höhen der Kunst. Mit anderen Worten: Dem Parkett unserer Konzert­häuser fehlt oft die Street Credi­bi­lity. Dabei versteht es jeder gute Humo­rist und Künstler, das Allge­mein­gül­tige im Profanen zu finden. Das Absur­deste an der ganzen Sache ist, dass für viele als Legi­ti­ma­tion immer wieder ein Kompo­nist wie Mozart herhalten muss: als Beweis des Witzes, des Unkon­ven­tio­nellen, des humor­vollen Menschen­ver­ste­hers. Dabei verwette ich all meine Ohren dafür, dass einer wie er es in unserer neuen Klas­sik­welt noch schwerer haben würde als zu seiner Zeit.

Feigen­blätter und humor­lose Augen­wi­scherei

Warum ist das so? Es gibt sicher­lich viele Gründe für die allge­meine Unlo­cker­heit der klas­si­schen Musik. Wesent­lich ist, glaube ich, dass sie noch immer in der Nische steht, dass sie – auch auf Grund der immensen Subven­tionen – noch immer in einer Vertei­di­gungs­hal­tung steckt, dass sie unter enormem Legi­ti­ma­ti­ons­druck steht und kurz gesagt: voller Komplexe steckt. Die Klassik wirkt wie eine Büste, die Angst davor hat, zu zerspringen, wenn sie sich bewegt. Aber Humor gedeiht am schlech­testen in einem Umfeld dauer­haften Drucks: Klas­sik­la­bels, die in der Regel gegen­über ihren Eigen­tü­mern, den großen, multi­na­tio­nalen Unter­hal­tungs­kon­zernen, immer wieder an Wachs­tums­raten, Inno­va­ti­ons­geist oder modernen Marke­ting­trends gemessen werden. Theater und Konzert­häuser, die immer wieder mit Haus­halts­de­batten konfron­tiert sind und längst in einer Zwick­mühle stecken. Auf der einen Seite sollen sie die expe­ri­men­tellen Kraft­zen­tren der Gesell­schaft sein, subven­tio­nierte Expe­ri­men­tier­felder, aber am Ende schauen sich die Stadt- und Landes­po­li­tiker eben doch die Auslas­tungs­zahlen an, um über weitere Subven­tionen zu entscheiden. Das hat fatale Folgen: Ange­boten wird, was die Leute eh schon kennen, man geht mit dem Opern-Abc, mit Aida, Bohème und Carmen lieber auf Nummer sicher, wirk­liche Expe­ri­mente und Spie­le­reien bleiben in der Regel Feigen­blätter.

Sympto­ma­tisch war eine Pres­se­mit­tei­lung, welche die Deut­sche Orches­ter­ver­ei­ni­gung vor einigen Wochen heraus­ge­geben hat. Sie sprach von einer „Trend­wende“ in der klas­si­schen Musik. Das Haupt­ar­gu­ment kam in den letzten zehn Jahren in fast allen Berichten der Orches­ter­ver­ei­ni­gung oder des Bühnen­ver­eins vor: Deut­sche Orchester und Theater würden mehr Publikum locken als die Spiele der Fußball­bun­des­liga. Das hört sich gut an. Ist aber am Ende eine voll­kommen pein­liche Einord­nung. Während in der Bundes­liga 18 Vereine pro Saison Spiele gegen­ein­ander austragen, es also genau 306 Fußball­mat­ches pro Jahr gibt, stehen dem weit über 100 Opern­häuser und Orchester gegen­über, die fast jeden Tag im Jahr ihr Publikum locken. Logisch, dass sie mehr, ja, viel­mehr Publikum haben als die Stadien der Ersten Liga (und übri­gens auch immer hatten)! Was die Orches­ter­ver­ei­ni­gung nicht sagt, ist, dass der Fußball natür­lich wirt­schaft­lich erfolg­rei­cher ist als die Klassik und dass er, wenn man die Zweite und Dritte Liga, die Regio­nal­ligen, die Spiele der Jugend­mann­schaften und vor allen Dingen die Fern­seh­zu­schauer dazu­rechnet, natür­lich ein Tausend­fa­ches an Zuschauern hat. Was ich mit diesem Beispiel sagen will: Die Klassik will so unge­heuer modern klingen, größer, als sie ist, und betreibt dabei ganz humor­lose Augen­wi­scherei. So sehen Minder­wer­tig­keits­kom­plexe aus. Pres­se­mit­tei­lungen wie diese wirken auf den nicht mit der Klassik beschäf­tigten Leser wie die letzten Menschen von Atlantis, denen das Wasser bis zum Hals steht und die aus voller Kehle singen: „Wir gehen nicht unter!“ Das hat schon etwas Lustiges.

Inzes­tuös und fernab der realen Welt

Warum, bitte schön, argu­men­tiert die Orches­ter­ver­ei­ni­gung nicht anders? Etwa so: Orchester und Opern­häuser sind Orte, die sich eine Gesell­schaft leistet, und dafür schaffen sie etwas Groß­ar­tiges: Sie expe­ri­men­tieren, sie suchen den Sound­track unserer Gegen­wart, sie bewahren das kultu­relle Erbe unseres Landes und schreiben es fort, sie treten in lust­vollen Dialog mit Jugend­li­chen, sie begeis­tern jeden Abend ein Publikum, das in ihrer Musik immer auch die Werte des Mensch­seins, des Mitein­an­ders sucht.

Gerade in der klas­si­schen Musik gibt es inzwi­schen unglaub­lich viel Anbie­de­rung an den vermeint­li­chen Publi­kums­ge­schmack: Mal werden Mozart, Haydn und Co. als „Popstars ihrer Zeit“ verkauft (was Quatsch ist!). Mal wird behauptet, dass Klassik leicht zugängig sei und keine Grenzen kenne, dann wieder wird sie mit den Mitteln modernster PR auf Hoch­glanz gebürstet und als schil­lernde Hülle unter die Leute gebracht, oder PR-Agenten, die selber noch aus dem Mittel­alter kommen, glauben, dass Medien wie Twitter oder Face­book der Weis­heit letzter Schluss seien, und merken dabei gar nicht, wie pein­lich ihre Aktionen auf Leute wirken, die mit diesen Medien tatsäch­lich jeden Tag umgehen. Ja, ein biss­chen ist es mit dem Humor in der Klassik so, dass er inzes­tuös ist, dass er fernab der realen Welt statt­findet – eine Freak­show, die so ernst ist, dass sie für andere kaum einla­dend wirkt.

Witze, die nicht zünden

Am besten war all das in der mehrere Millionen Euro schweren Werbe­kam­pagne der Elbphil­har­monie zu sehen: Sowohl die geschrie­bene als auch die visu­elle Sprache der Kampagne war eine gigan­ti­sche Anbie­de­rung an eine junge Genera­tion, die da ange­spro­chen werden sollte, deren Ton aber nur imitiert und nicht verkör­pert wurde. Ähnli­ches sehen wir oft, wenn Klassik im Fern­sehen statt­findet, entweder wenn uns alles, was wir zu sehen bekommen, in einem Glit­ter­kleid als „groß­artig“, „genial“ oder „fulmi­nant“ verkauft wird, so als ob der Fern­seh­zu­schauer nicht selber hören könnte, dass natür­lich nie alles perfekt ist. So, als läge das Groß­ar­tige der Klassik nicht im Spiel, in seinen Fehlern und geschei­terten Expe­ri­menten. Oder wenn Leute wie den schon mit einer Warnung beginnen, dass nun wahr­schein­lich viele abschalten, weil jetzt ja Klassik gesendet würde. Das ist weder wahr noch lustig. Und schlimmer noch: Klas­sik­fans werden durch so etwas vergrault und neues Publikum nicht ange­spro­chen. All das erin­nert an , an Humor­ein­lagen, über die nur der Erfinder selber lachen kann. Ich bin fest davon über­zeugt, dass der Wahn der Klassik, beson­ders jung oder beson­ders lustig wirken zu wollen, am Ende mehr Zuhörer kostet, als dass er neue bringt.

Ist also jede Hoff­nung auf Humor in der klas­si­schen Musik verloren? Natür­lich nicht! Denn da sind ja noch die Künstler. Und die meisten von ihnen sind – auch, wenn sie oft als das mora­li­sche Gewissen des Abend­landes verkauft werden – am Ende eben ganz normale Menschen: lustig, schlag­fertig, selbst­kri­tisch und leiden­schaft­lich. Künstler, die durchaus Humor und Ironie verkör­pern. Die sich über jede Möglich­keit, auch ohne ihr Instru­ment in der Öffent­lich­keit „spielen“ zu dürfen, freuen. Die es genießen, ohne Formate, ohne Erwar­tungen, ohne Spaß­re­geln einfach nur sie selbst zu sein: Menschen, die ein Leben lang mit der Musik verbringen, die sich nicht darum kümmern, was andere zu diesem Weg sagen – weil dieser Weg für sie der einzige ist, den sie gehen wollen. Künstler, die selbst­be­wusst sind. Es ist dieses allzu Mensch­liche, es sind die Musiker selber, in denen der Humor und die Leich­tig­keit der klas­si­schen Musik jeden Abend strahlt. Viel­leicht ist es an der Zeit, den Spot mal wieder auf sie zu richten, auf die Musik an sich. Denn sie ist viel spaßiger als der Betrieb, der sie in seiner gesamten Spaß­lo­sig­keit als Geisel der Minder­wer­tig­keit gefangen hält.

Fotos: privat