Seit April hat es wieder geöffnet, das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth – neben dem Festspielhaus am Grünen Hügel die zweite musikalische Instanz in der fränkischen Metropole.

„Wow!“ – das hört man am häufigsten, wenn die Besucher den Innenraum betreten. Nach sechs Jahren Sanierung und Restaurierung hat das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth im April seine Pforten wieder geöffnet. Das hat in der fränkischen Kleinstadt, die sonst nur zu den Bayreuther Festspielen voller Touristen ist, für viel Trubel gesorgt: Es gab im Vorfeld eine halbjährige Vortragsreihe zu Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth, die das Opernhaus 1748 erbauen ließ, eine Tagung zu Johann Adolf Hasse, mit dessen Oper Artaserse das Haus damals und nun (wieder-)eröffnet wurde, und die Residenztage Bayreuth, die mit Führungen erste Einblicke gaben.

Aber es ist ja auch ein Kleinod, das in Bayreuth für knapp 30 Millionen wieder auf Vordermann gebracht wurde. Das Markgräfliche Opernhaus zählt europaweit zu den wenigen erhaltenen und größten Opernhäusern aus dem 18. Jahrhundert. Jedes Detail im Haus scheint höfisches Wettrüsten durch Kunstbeflissenheit widerzuspiegeln: mit goldenem Blattwerk umwundene Säulen, ein prächtiges Deckengemälde, illusionistische Malereien und Verzierungen, soweit das Auge reicht. Für Richard Wagner war das zu viel des Guten. Auf der Suche nach einer geeigneten Spielstätte für seine Festspielidee begutachtete er auch dieses Opernhaus, hielt es aber für untauglich.

„Mit goldenem Blattwerk umwundene Säulen, ein prächtiges Deckengemälde, illusionistische Malereien und Verzierungen“

Dabei hatte Markgräfin Wilhelmine, die Schwester von Friedrich dem Großen, keinen Geringeren als den Theaterarchitekten Giuseppe Galli-Bibiena, der zuvor für den Wiener Kaiserhof tätig gewesen war, für die Errichtung dieses Prachtbaus nach Bayreuth geholt. Bis zu 30 Restauratoren waren in den letzten Jahren am Werk, um dem Haus seine ursprüngliche Farbigkeit zurückzugeben, denn die Holzbalustraden im Logenhaus waren bei Restaurierungen im 20. Jahrhundert dunkel überpinselt worden. Die Bühnenkulissen von Bibiena wurden originalgetreu nachgebildet. Somit wird die einstige illusionistische Tiefenwirkung des Bühnenbilds von der Aufführung 1748 heute wieder erfahrbar.

ANZEIGE

Während des regulären Museumsbetriebs stehen in den Sommermonaten nun Opernaufführungen und Konzerte auf dem Programm, unter anderem vom Straßburger Konservatorium, das zeigt, wie tanzbar Orchestermusik von Bach und Händel sein kann, und vom Theater Pilsen, das Monteverdis Orfeo in Szene setzt. Man darf gespannt sein, wie in Zukunft inszenierungs­ästhetisch und technisch mit dem Raum umgegangen wird. Die Artaserse-Aufführung der Theaterakademie August Everding München, mit der das Haus eröffnet wurde, versuchte einen Spagat zwischen Dekonstruktion und Anlehnung an historisches Erbe. Das Produktionsteam erarbeitete ein Pasticcio aus Artaserse und einzelnen Stücken aus Hasses Ezio und Argenore, Wilhelmines eigens komponierter Oper, sowie Ausschnitten aus Wilhelmines Briefen.

Ein festes Ensemble wird es im Markgräflichen Opernhaus allerdings nie geben. Schließlich steht das Haus auf der Liste der UNESCO-Weltkulturerbestätten. Die Originalsubstanz des vollständig aus Holz und Leinwand bestehenden Logenhauses muss bewahrt werden und würde einen regen Spielbetrieb allein schon klimatisch nicht ertragen. Die Bühnentechnik wäre dazu durchaus in der Lage. Nach Wilhelmines Tod verfiel die barocke Bühnenmaschinerie, wurde ausgebaut und entsorgt. Seither ist die Bühne mit moderner Technik ausgestattet, auch wenn etwa Scheinwerfer im Zuschauerraum nur behutsam angebracht werden dürfen – keinesfalls mit Schrauben. Letztlich ist und bleibt das Markgräfliche Opernhaus eben doch ein Museum – ein Hingucker ist es aber in jedem Fall.

MARKGRÄFLICHES OPERNHAUS BAYREUTH
Öffnungszeiten April – September: 9 – 18 Uhr,
Oktober – März: 10 – 16 Uhr
Tel.: +49-(0)921-75 96 90 | sgvbayreuth@bsv.bayern.de
www.bayreuth-wilhelmine.de

Jasmin Goll
Jasmin Goll hat Musiktheaterwissenschaft in Bayreuth studiert und arbeitet zurzeit am Forschungsinstitut für Musiktheater der Uni Bayreuth. Ihr Steckenpferd ist das Musiktheater, insbesondere die Oper. Derzeit ist sie in ein Forschungsprojekt zum Musiktheater zur Zeit des Nationalsozialismus eingebunden und beschäftigt sich mit Frauenbildern auf der Bühne. Seit einem Praktikum bei crescendo 2016 schreibt sie für das Magazin. Foto: Maxim Zimmermann, Andy Koch und Tim Schmude

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here