Willkommen in der neuen KlassikWoche,

dieses Mal mit einem emotionalen Aufruf weltberühmter Sängerinnen und Sänger, mit allerhand Klassik-Aussteigern und mit einem ernüchternden Blick auf die Bayreuther Festspiele.

#BRINGBACKTHECULTURE

Das Sänger-Ehepaar Gabriela Scherer und Michael Volle hat die Nase voll! Als die beiden gehört haben, wie viele ihrer Kollegen durch die Corona-Krise in massive Schieflage geraten sind, haben sie – nach einer spontanen Idee im Badezimmer – gehandelt. Sie haben ihre Kollegen aufgerufen, unter dem Hashtag #BINGBACKTHECULTURE von ihrer Situation zu berichten. Am Wochenende haben sie eine Zusammenfassung der Statements veröffentlicht: Barbara Frittoli, Camilla Nylund, Michael Volle, Günther Groissböck, Massimo Giordano, Riccardo Zanellato und viele andere erklären, warum sie sich von der Politik im Stich gelassen fühlen. Ein Aufruf, der klar macht: Vieles muss sich in Zukunft ändern. Man kann nur hoffen, dass Monika Grütters diese private Notaktion nicht auch wieder für ihre Ego-PR kapert, sondern endlich zu verstehen beginnt: Solo-Selbstständige stehen noch immer im Regen! Auch dass der Betrieb langsam wieder anläuft, bedeutet nicht, dass es für alle bergauf geht: Während Anna Netrebko von Dresden über Verona bis Grafenegg – und eigentlich bei jeder Gebrauchtwagenhaus-Eröffnung, die ORF III filmt, auftreten kann, sitzen viele sehr gute Sänger ohne ihre Prominenz noch immer zu Hause. In Wahrheit profitieren derzeit nur sehr wenige Künstler und sehr wenige Zuschauer von den „leichten Öffnungen“. Es ist an der Zeit, sich grundlegende Gedanken über die Finanzierung der Kultur, über Verträge mit freischaffenden Künstlern und die Arbeitsbedingungen an den Theatern zu machen. Thomas Steinfeld hat in der Süddeutschen Zeitung schon mal einen Anfang der Debatte gelegt. Die Sunday Times in Singapur hat leider eine sehr ernüchternde Umfrage veröffentlicht: Welche Berufe sind relevant, welche nicht? Hier das Ergebnis – bleibt stark!   

BRATWURST STATT BAYREUTH

Was für ein Chaos! An dieser Stelle haben wir letzte Woche gemeldet, dass die Bayreuther Festspiele eventuell ein Gala-Konzert zur traditionellen Eröffnung am 25. Juli planen – mit Christian Thielemann als Dirigenten. Auf Nachfrage verschiedener Zeitungen bestätigte Bayreuth den Plan auch, verwies aber auf eine Konferenz, bei der eine endgültige Entscheidung gefällt werden sollte. Die gibt es jetzt: Bayreuth plant kein Konzert am 25.! Warum – das ist unklar: Sicherheitsbedenken? Keine Gagen? Oder einfach Faulheit? Während die Salzburger Festspiele ein ausgeklügeltes Notprogramm aufgestellt haben, scheint Bayreuth hauptsächlich mit sich selber beschäftigt zu sein.

Noch-Geschäftsführer Holger von Berg hat dabei offensichtlich im Sinn, kurz vor seinem Abgang (Es herrschten Spannungen zwischen ihm und Katharina Wagner.) langfristig eingeschlagene Eckpfeiler zu demontieren. Nutzt er das Machtvakuum der Festspiele, um die von Wagner aufgebaute Bürgernähe, den multimedialen Auftritt der Festspiele und die BF-Medien als ausgeklügelte und visionäre Rechte-Verwalterin zu ignorieren?

Immerhin haben sich die Festspiele bei der Besetzung der Verwaltungsrats-Spitze mit Bayerns ehemaligem Finanzminister Georg Freiherr von Waldenfels auf Kontinuität verständigt. Höchste Zeit für eine baldige Genesung und Rückkehr von Katharina Wagner. Erst in diesen Zeiten wird klar, wie mutig einige ihrer Entscheidungen waren, nicht alles „so wie immer“ zu machen und die Festspiele nicht nur programmatisch, sondern auch medial und strategisch modern zu positionieren. Ach so, der designierte „Ring“-Regisseur Valentin Schwarz, dessen Tetralogie auf 2022 verschoben wurde, wird kommendes Jahr ein „Ring“-Projekt in Stuttgart machen. Auch ein merkwürdiger Seitenschritt. Während das Festspielhaus am 25. nun geschlossen bleibt und die Stadt Bayreuth ein eher maues Kulturprogramm angekündigt hat, lassen die Schlachter sich das Feiern nicht verbieten: am 25. Juli wird in ganz Franken der Tag der fränkischen Bratwurst gefeiert! 

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EINFACH MAL WAS ANDERES MACHEN

Wir leben in Zeiten andauernder Veränderungen – und Corona scheint diesen Effekt zu verschärfen. Auch professionelle Künstler machen sich derzeit grundlegend Gedanken über ihre Zukunft. Der Dirigent Daniel Harding hat der Financial Times erklärt, dass er sein Sabbatical, das er genutzt hat, um als Pilot zu arbeiten, vielleicht verlängern wird: „Nach 25 Jahren des Dirigierens musste ich mal eine Pause machen: lesen, denken – und perspektivisch wollte ich immer beides machen: Musik und die Fliegerei. Und die Air France gibt mir die Chance – es gibt da eine Tradition von Piloten, die an Kunst und Sport interessiert sind.“ Berührend auch das Gespräch, das die Sopranistin Laura Aikin mit Hannah Schmidt von Van geführt hat. Die Sängerin hat in der Corona-Krise bei Rewe Regale eingeräumt und dabei Erfahrungen gesammelt, die tief sitzen: „Es herrschte Chaos. Die Firma, über die ich dort eingesetzt war – CMB GmbH –, sagte uns, wir sollten vor allem schnell, schnell, schnell arbeiten. Auf der anderen Seite wollte Rewe natürlich, dass alles super ordentlich eingeräumt ist. Und dazwischen die vielen Leute, die einkaufen wollten und manchmal auch Beratung brauchten. (…) Das war wie mein tägliches Fitnessstudio, ich habe sogar tatsächlich abgenommen. Aber irgendwann kamen auch die Schmerzen. Ich habe schon sehr früh, bevor es verpflichtend wurde, eine Maske getragen, was alles erschwert hat: Wenn ich viel laufen, heben, tragen musste, wurde mir schwindelig und der Blutdruck ging sehr hoch. Irgendwann haben dann auch meine Knie angefangen zu leiden. Deshalb höre ich jetzt, nach dreieinhalb Monaten, dort auf – aus gesundheitlichen Gründen.“  

DER ANFANG VOM ENDE: NDR CHOR

Spätestens, wenn es darum geht, die Corona-Milliarden wieder einzusparen, wird der Rotstift die Kultur wohl in besonderem Maße treffen. Welche Bedeutung die Musik bei Politik und in der Öffentlichkeit hat, stellen wir in diesen Tagen bedrückend fest. Schon jetzt geht es – still und leise – großen Etablissements an den Kragen: Dem NDR Chor droht die „kalte Abwicklung“.  Der Plan sieht vor, die Ensemblemitglieder aus ihren Festanstellungen zu werfen. Das berichtet die Seite Orchesterland. Der Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung Gerald Mertens fragt in dieser Situation vollkommen zu Recht nach dem Sinn einer Gebührenerhöhung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: „Natürlich wissen wir um den Finanzdruck, den die zu geringe Gebührenanpassung auch beim NDR erzeugt. Der Sender hat aber einen Kulturauftrag, den auch der Chor seit Jahrzehnten vorbildlich erfüllt. Statt erneut als erstes bei den Künstlern zu kürzen, sollte der NDR vielmehr seine Produktionsstrukturen anpassen.“ Fakt ist, Corona zeigt uns derzeit die Schwachstellen unserer Gesellschaft: Paketzentren, Seniorenheime, Schlachtbetriebe – und eben: die Kultur, die strukturell nicht durch Corona, sondern schon vorher politisch demontiert wurde. Jetzt droht die große Abrissbirne. 

Personalien der Woche

Dirigent Riccardo Muti hat die Wiener Philharmoniker im Musikverein dirigiert und fühlte sich bemüßigt, sich an das Publikum zu wenden. Der Standard berichtet über seine „Belehrungen“: „Seine Mahnung an die Politik, in Zeiten der wirtschaftlichen Krise nicht auf die Kultur zu vergessen, erntete ebenso Applaus wie die Feststellung, ein Orchester sei die Urform der Demokratie. Die Empfehlung, man solle nicht zu viel Mund-Nasen-Schutz tragen, um genügend Sauerstoff zu bekommen, untermauerte er, indem er selbst als Einziger im Saal darauf verzichtete.“ Tja.

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+++Immer wieder hat Welt-Journalist Manuel Brug uns mit seinem Blog „Brugs Klassiker“ provoziert, herausgefordert, erfreut – nun ist er abgeschaltet. „Die Webseite ist nicht mehr verfügbar“ heißt es. Ich habe Manuel bereits letzte Woche gefragt – „ein technisches Problem“, hat er geantwortet. Das besteht nun allerdings seit zwei Wochen. Hey, „Welt„, was ist los bei Euch? +++ Es ist schon erschreckend: Obwohl es einen Haftbefehl gibt und die Schuld sexueller Übergriffe erwiesen ist, ist der Ex-Chef der Musikhochschule München, Siegfried Mauser, noch immer nicht im Knast: ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Behörden in Österreich und Deutschland.

AUF DIE OHREN

Die Einordnung der Situation bei den Salzburger Osterfestspielen durch Sarah Wedl-Wilson sorgte letzte Woche für große Nervosität. Hier noch einmal das ausführliche Gespräch mit der Leiterin der Hochschule für Musik Hanns Eisler, in dem es auch um ihre Kindheit in England, um die musikalische Ausbildung in Deutschland und – natürlich – um Perspektiven der Gegenwart geht. Übrigens, in der gleichen Serie können Sie auch ein ausführliches Gespräch mit Michael Volle hören.

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr 

Axel Brüggemann

brueggemann@crescendo.de

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