Camille Saint- Saëns hinterließ ein gewaltiges Werk, das alle musikalischen Gattungen umfasst. Am 16. Dezember 2021 jährt sich sein Todestag zum 100. Mal. Aber es gab auch eine dunkle Seite in seinem Leben. Wir haben nachgefragt bei dem Komponisten Moritz Eggert. 

Camille Saint- Saëns erfreut heute vor allem mit seiner postum veröffentlichten „Großen zoologischen Fantasie“ Der Karneval der Tiere. Doch sein Werk ist weitaus umfassender und enthält fünf Sinfonien, sinfonische Dichtungen, Chor- und Vokalwerke sowie 16 Opern. Zudem war er Literat, Philosoph, Archäologe und Naturwissenschaftler. Sein Leben hatte jedoch auch eine tragische dunkle Seite, seine Pädophilie.

CRESCENDO: Herr Professor Eggert, dank Ihres verdienstvollen Engagements sind Sie im besten Sinne zum Moralisten der Klassik-Szene geworden. Am 16. Dezember jährt sich Camille Saint-Saëns’ Todestag zum 100. Mal. Er starb in Algier, wohin ihn seine sexuelle Neigung jährlich trieb. Saint-Saëns war pädophil und sah sich selbst wohl auch als Päderast.
Hierzulande wird insbesondere seine Komposition Karneval der Tiere gerne im Kinderkonzert gespielt. Wie stehen Sie dazu: Darf man sein Werk spielen oder nicht? Muss man dazu sagen, was er war, oder soll man es weiter verschweigen?

Moritz Eggert: Ich finde eine „geschichtliche Revision“ grundsätzlich problematisch – denn auch wenn unsere Argumente gegen Saint- Saëns „moralisch“ sind, was machen wir dann grundsätzlich anderes als die Nazis, die bestimmte Komponisten (übrigens mit ähnlicher, von damaliger Perspektive aus ebenfalls „moralisch“ begründeter Argumentation) als „entartet“ und damit als nicht aufführbar erklärten? Die Nazis wollten Geschichte revidieren und bestimmte Namen auslöschen, und dagegen bin ich grundsätzlich, da wir aus einer revidierten Geschichte nichts lernen können.

(Foto: © Astrid Ackermann)

Moritz Eggert: »Ich plädiere nicht für eine ›Korrektur‹ sondern größtmögliche Offenheit.«

Die Kulturgeschichte ist voll von schillernden Gestalten mit Licht- und Schattenseiten. Es gibt viele große und allseits bewunderte Künstlerinnen und Künstler, die auch unsympathische Seiten hatten und deren Werke dennoch geliebt werden. Ich plädiere daher nicht für eine „Korrektur“ sondern größtmögliche Offenheit.

In Axel Brüggemanns Film Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt gibt es eine wunderschöne Szene, in der ein jüdischer Großvater seiner Enkelin die Musik von Wagner zeigt, mit den Worten „das war ein schrecklicher Mann, der wunderschöne Musik geschrieben hat“. So kann die Vermittlung funktionieren – schon ein kleines Kind kann diesen Widerspruch verstehen.

Moritz Eggert: »Wir sollten zukünftigen Generationen ein eigenes Urteil über das Werk von Künstlerinnen und Künstlern der Vergangenheit zutrauen.«

Ich denke, wir sollten zukünftigen Generationen ein eigenes Urteil über das Werk von Künstlerinnen und Künstlern der Vergangenheit zutrauen – sie können trennen zwischen dem Werk und dem, was deren Urheber getan oder gesagt haben, aber nur dann, wenn sie auch um deren Verfehlungen wissen. So finde ich es absolut richtig, wenn man Wagners Antisemitismus wie auch Saint-Saëns’ Pädophilie thematisiert und darüber offen spricht. Das ist Teil der Werkdiskussion, denn teilweise hat das ja auch deren Werk beeinflusst. So parodiert Wagner in den Meistersingern jüdisch-orthodoxe Gesänge, und Lewis Carroll machte die von ihm verehrte damals zehnjährige Alice Liddell zur Hauptfigur von Alice im Wunderland. Ich kann aber diese Werke nicht „ausradieren“ und so tun, als hätten sie keinerlei kulturgeschichtlichen Einfluss gehabt, denn das hatten sie eindeutig.

Moritz Eggert: »Künstlerinnen und Künstler sind nicht grundsätzlich ›bessere‹ Menschen als andere.«

Ganz anders ist der Fall gelagert bei lebenden Personen, die noch zur Verantwortung gezogen werden können und deren Opfer lebendig sind. Würden Saint-Saëns und seine Opfer noch leben und wären seine Verfehlungen bekannt, könnte ich jeden Konzertveranstalter verstehen, der keine Lust auf eine Aufführung des Karnevals der Tiere hat. Das ist dann keine Zensur, sondern einfach verständlicher Unwillen, eine Person, die aktuell Verbrechen begangen hat, zu unterstützen. Da diese Person noch darauf reagieren kann (zum Beispiel mit Reue und Einsicht noch zu Lebzeiten) und sie sich auch zum Beispiel Anzeigen und Strafverfahren stellen muss, sehe ich eine Reaktion dieser Art als berechtigte gesellschaftliche Kritik am Handeln der Täter.

Oder anders gesagt: Wenn man heute, in diesem Moment, Verbrechen begeht, dürfen große künstlerische Leistungen nicht als Entschuldigung dafür herhalten. Leider ist dies immer wieder der Fall, weil Menschen sich von Ruhm und Macht blenden oder einschüchtern lassen. Künstlerinnen und Künstler sind nicht grundsätzlich „bessere“ Menschen als andere, und sollten daher auch genauso wie andere Menschen behandelt werden. 

(Foto-Quelle: Bibliothèque nationale de France, Département Musique)

Mehr zu Moritz Eggert und zu Aufführungsterminen seiner Werke unter: www.moritzeggert.de

Ein Porträt von Camille Saint-Saëns zum Anhören unter: CRESCENDO.DE

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Das „flüchtige Ereignis“ in CRESCENDO anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion zum Dr. phil. 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

3 COMMENTS

  1. Vielen Dank für den wichtigen und differenzierten Beitrag!

    Ich möchte drei Anmerkungen dazu schreiben – mir ist bewußt, dass man in der Kürze des Artikels nicht alles besprechen kann, und dass dies eine Musikzeitschrift ist, die Details sind aber doch wichtig.

    Erstens:

    Bei Pädosexualität, Homosexualität o.ä. muss man zwischen Neigung und Ausleben dieser Neigung unterscheiden. Die Neigung ist nach heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht zu ändern, dafür kann die Person nichts. Die Person kann aber durchaus selbst entscheiden, ob sie diese Neigung in die Tat umsetzen will oder nicht, und auch wie sie diese Umsetzung gestalten will. Homosexualität war damals verpönt, heute ist man weiter, und auch das Ausleben (sofern freiwillig und gleichberechtigt zwischen zwei sexuellen Mündigen) gehört zur Normalität. Das Ausleben von Pädosexualität ist heute als Kindesmissbrauch noch strenger verboten als damals. 

    Die Fragestellung sollte also nicht lauten, ob man die Werke wegen der pädophilen Neigung verbieten sollte – sondern ob man die Werke wegen des Kindesmissbrauchs verbieten sollte. 

    Nur wegen einer (nicht ausgelebten) Neigung sollte keiner diskriminiert werden. 

    Zweitens:

    Ich verstehe, dass das Thema einen Anlass braucht, um in den Medien diskutiert zu werden. Der Artikel ist wichtig. Dennoch ist es längerfristig schwierig, wenn man Werke eines Komponisten anlässlich eines Jubiläums verstärkt spielt (Vermischung von Werk und Person) und gleichzeitig dafür plädiert, Werk und Person zu trennen (damit man diese Werke guten Gewissens spielen kann). 

    Speziell beim Karneval der Tiere im Kinderkonzert geht es im Übrigen gewöhnlicherweise nicht darum, wer dieses Werk komponiert hat. Da ist tatsächlich das Werk vom Komponisten getrennt, und da würde man auch nicht über Sexleben des Komponisten sprechen. 

    Drittens:

    Das Problem ist, dass man oft erst dann offen über Verfehlung großer (aber auch kleiner) Künstler reden kann (darf), nachdem sie gestorben sind oder wenigstens schon lange in Rente und nicht mehr aktiv künstlerisch tätig sind. Das hat auch juristische Gründe, denn auch Täter haben Rechte. Dann heißt es aber, dass die Person ja schon tot ist oder alt ist, und die Verfehlungen dann keine Rolle mehr spielen sollten, es sei ja so lange her.

    Das ist de facto ein Freifahrtschein, wenn man während der Lebzeiten nicht reden darf, man nach dem Tod zwar reden darf aber das Erkenntnis keine Auswirkung mehr haben soll.

    Ich persönlich tue mich schwer, wenn Menschen, die grundsätzlich gegen sexuelle Gewalt sind, vielleicht auch gegen einen lebenden Täter im medial bekannten Fall positionieren, aber ansonsten doch lebende Missbraucher- und Vergewaltigerkünstler loben, unterstützen oder decken – meistens aus Unwissen über ihre Verfehlungen, aber teilweise auch, weil das ihre Freunde sind und sie gerne unwissend gelassen werden möchten.

    • Durch die Beschäftigung mit Marcel Proust bin ich darauf gestoßen. Der Proust-Biograf William C. Carter bringt in seinem Buch „Proust in Love“ Camille Saint-Saёns in Beziehung zu André Gide. Und Gide, der ebenfalls eine Vielzahl an Afrikareisen unternahm, bekannte sich ja zu seiner Pädophilie, die er u.a. in Algier lebte und auch in seinen Texten verarbeitete. So bin ich der Frage weiter nachgegangen.
      Am überzeugendsten und besten recherchiert empfinde ich die Dissertation „On Colonial Textuality and Difference: Musical Encounters with French Colonialism in Nineteenth-Century Algeria” von Kristy Barbacane. Sie behandelt das Thema umfassend und bringt vor allem den Aspekt des Kolonialismus mit ein. So beschreibt sie das Leben, das für französische Touristen in Algerien zur Kolonialzeit möglich war, um sich dann den Aufenthalten von Camille Saint-Saёns in Algier zu widmen. Sie erläutert das Pseudonym, das er sich gab, schreibt über die Erpresserbriefe und geht ausführlich auf seine Pädophilie ein. Dabei setzt sie sich auch mit jenen Biografen auseinander, die das Thema anders sehen. Ihre Dissertation ist im Internet verfügbar.
      Ruth Renée Reif

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