Christa Ludwig

Knie­fall vor einem Lebens­werk

von Anna Mareis

10. Oktober 2018

Würdigung des Lebenswerkes: CRESCENDO TV traf Christa Ludwig kürzlich zum exklusiven Interview. Die 90-jährige Sängerin erzählt aus dem Olymp des klassischen Gesangs.

kann mit quietsch­fi­delen 90 nicht nur auf ein viel bewun­dertes Lebens­werk zurück­bli­cken, sie erlebt auch noch die Ehrungen dafür. Das gibt einem Preis fürs Lebens­werk eine noch viel leben­di­gere, ja fröh­li­chere Note. Schwierig ist es frei­lich, aus Christa Ludwigs Disko­grafie die „Grea­test Hits“ heraus­zu­stellen. Denn wie soll man sich einschränken bei einer Sängerin, die anschei­nend nicht nur keine schlechten Einspie­lungen abge­lie­fert hat, sondern sogar ausschließ­lich gute, ja meist sogar hervor­ra­gende? Christa Ludwig lieh ihren feinen, unge­küns­telten Ton reihen­weise Aufnahmen, die zu Meilen­steinen wurden. Das ist auch zurück­zu­führen auf die Tatsache, dass ihr warmer, geschmei­diger und gleich­mä­ßiger Mezzo mit dem feinen Schmelz von den größten Diri­genten ihrer Zeit geschätzt und geliebt wurde: Otto Klem­perer, , und . So ein unter­schied­li­ches Takt­stock-Quadrum­virat kann nicht falsch liegen.

Die Alles­kön­nerin: Lied

Christa Ludwig war, wenn man so will, eine echte Drei­spar­ten­sän­gerin: glei­cher­maßen in Oper, Orato­rium und Lied zu Hause, was man in solcher Ausge­wo­gen­heit wohl von kaum einer Sängerin sagen kann. Lied war auf Tonträger frei­lich das am wenigsten von ihr bespielte Feld. Ihr Ruhm als Lied­sän­gerin – von live erlebten Lieder­abenden und der bis heute noch tätigen Pädagogin in Meis­ter­kursen abge­sehen – beruht eigent­lich auf einer Einspie­lung: 15 Schu­bert-Lieder, mit (größ­ten­teils) Geoffrey Parsons am Klavier, unter denen Gret­chen am Spinn­rade und Litanei auf das Fest Aller Seelen als Ideal einer gesang­lich noch jugend­li­chen, gleich­zeitig aber reifen Lied­in­ter­pre­ta­tion gelten können. Etwas, was ihr knappe zehn Jahre später mit Irwin Gage (1973/74) oder der Winter­reise mit (1986) viel­leicht nicht mehr so gelang. Das ist wohl die Crux im Lied­ge­sang: Bevor­zugt man verständ­nis­lose Schön­heit oder verständ­nis­volle Uneben­mä­ßig­keit?

Christa Ludwig selber schwankt: „Ein Sänger muss den Text ja erst mal begreifen, die Musik begreifen, bis er es wieder­geben kann. Ein Lied muss reflek­tiert gesungen sein – dabei muss man sich total iden­ti­fi­zieren mit dem Text. Und dann muss der Text, das Wort, die Silbe, auch noch so gesungen werden, dass sie auch aussagt, was sie aussagen soll. Das ist ein langer Prozess, ein ewiges Lernen. Und wird man älter, verän­dert sich der eigene Blick auf Musik und für die Inter­pre­ta­tion. Meine Mutter hat mir gesagt: ‚Ich hoffe, dass du dir die Stimme so lange behältst, bis du weißt, um was es sich handelt.‘ Das Beste wäre frei­lich wenn man den Inhalt versteht und man es noch gut singen kann. Beides ist wichtig. Obwohl ich sagen muss, dass mir der Fischer-Dieskau, zum Beispiel, als er noch sehr jung war, wie ein Engel vom Himmel erschien. Mit so einer Naivität und schönen Stimme – wunderbar. Dann kam die Zeit, als er sehr manie­riert war. Und dann die Zeit, als er schon krank war und sehr abge­nommen hatte. Die Stimme war nicht mehr seine jugend­fri­sche Stimme. Aber der Ausdruck, der war einfach fabel­haft! Über­haupt nicht mehr manie­riert.“

Orches­ter­lieder

Im Schilfbe­reich zwischen Lied und Orato­rium sind die Orches­ter­lieder zu Hause, in denen Ludwig eben­falls bril­lierte. Vier Lieder von der Erde sind uns mit Christa Ludwig erhalten: einmal mit Leonard Bern­stein und (1972). Aus dem darauf­fol­genden Jahr mit Karajan und wieder René Kollo. Davor kam frei­lich schon eine der ganz großen, klas­si­schen Mahler-Aufnahmen des letzten Jahr­hun­derts, unter Otto Klem­perer mit (1964/66). Vermut­lich werden mehr Hörer mit diesem letz­teren Lied von der Erde aufge­wachsen sein als mit irgend­einer anderen Version. Erst seit Kurzem, aus dem Archiv der aufer­standen, kann man Christa Ludwig, und Waldemar Kmentt (1967) bewun­dern. Über­haupt: Mahler liegt ihr. Des jungen wilden Zubin Mehtas Zweite Symphonie ist nicht zuletzt der Sänger wegen – einer reifen und doch engel­glei­chen Ludwig und Ileana Cotrubas – noch heute die Refe­renz. Was für ein Röschen rot! Das kris­tall­klare O Mensch in Bern­steins zweiter Aufnahme der Dritten hat immer noch seinen Gänse­h­aut­faktor. Ihre Kinder­to­ten­lieder und Rück­ert­lieder mit Karajan haben nichts von ihrer Herr­lich­keit verloren. Ihre frühe Aufnahme der Brahms’schen Alt-Rhap­sodie, Wagners Wesen­donck-Lieder, Beet­ho­vens Abscheu­li­cher! und fünf Orches­ter­lieder Mahlers unter Klem­perer sind seit über einem halben Jahr­hun­dert Vorzei­ge­auf­nahmen.

Orato­rium

Ob Haydns Schöp­fung, Beet­ho­vens Missa Solemnis (jeweils mit Karajan, Gundula Jano­witz, Fritz Wunder­lich und ) oder Bach – Christa Ludwig ist immer mit von der Partie in Aufnahmen, die Genera­tionen geprägt haben. Geschmä­cker ändern sich und frei­lich ist Karl Rich­ters Weih­nachts­ora­to­rium (wieder sind Jano­witz und Wunder­lich mit von der Partie) nicht auf neuestem, histo­risch infor­miertem Forschungs­stand. Gleich­wohl ist es bis heute der Weih­nachts­stan­dard für jeden, der mit dieser hoch­mu­si­ka­li­schen Aufnahme in Kontakt gekommen ist. Selbst Klem­pe­rers Matthäus-Passion trotzt aufgrund der Sänger­be­set­zung weiterhin beharr­lich jedem Zeit­geist – insbe­son­dere in der anglo­ame­ri­ka­ni­schen Welt.

Oper

Schließ­lich war ihre ganz große Domäne aber die Oper. Und gleich 1956 kam mit dem von produ­zierten Rosen­ka­va­lier eine Aufnahme heraus, auf der das Trio Schwarz­kop­f/Lud­wi­g/­Stich-Randall Maßstäbe setzte. Von da an hagelte es Spit­zen­auf­nahmen und „instant clas­sics“. Die Frau ohne Schatten (1964) – „Frau Ludwig ist (…) gelöst und sinn­lich (…) heftig und intensiv. Einen ganzen Abend lang wurde Wohl­klang und faszi­nie­rende Expan­sion, Sicher­heit sowie eine Art legere Konzen­tra­tion geboten, die (…) dem Hörer das Gefühl gibt, hier sei einer Sängerin das Schwie­rige spie­lend leicht geworden.“ (Karl Löbl im Express, nach der Première an der ).

Blau­barts Burg unter István Kertész, gesungen mit ihrem dama­ligen Mann, Walter Berry (1965). David Hurwitz, der Christa Ludwig 2008 den MIDEM Clas­sical Life­time Achie­ve­ment Award über­reichte, erin­nert an ihre Leonore in Klem­pe­rers Fidelio und die manchmal über­se­hene Aufnahme des Rosen­ka­va­liers unter Bern­stein, in der Ludwig die Rolle der Marschallin über­nimmt und wo sie „Schwarz­kopfs sorg­fäl­tige Text­be­hand­lung mit einem gänz­lich natür­li­chen, unma­nie­rierten Vortrag vereint“.

Beste Zweite Geige aller Zeiten

Viel­leicht ist das Maß für wahr­lich große Musiker nicht so sehr, wie sie im Rampen­licht scheinen, sondern wie sie gerade auch in vermeint­li­chen Neben­rollen strahlen können und sich ganz der Musik und nicht nur ihrem Ego widmen. Es kann kein Zufall sein, dass die große Christa Ludwig gerade da entzückt und betört, wo sie quasi nur die Beilage zu sein scheint: als Elvira in Klem­pe­rers Don Giovanni, als Kundry in Soltis Parsifal, als Szuki neben Mirella Frenis Butterfly unter Karajan, als Adal­gisa neben ’ Norma, gar als Zweite Dame in Klem­pe­rers Zauber­flöte. Als Old Lady in Bern­steins Candide, wo die damals immerhin schon 61-Jährige mit herz­er­fri­schendem Humor und perfekter Aussprache in fünf, sechs Spra­chen singt. Und nicht zuletzt als Bran­gäne neben Birgit ­Nils­sons Isolde in Karl Böhms wegwei­sendem, über­ra­gend gutem Tristan von 1966. Das sind unver­gleich­liche und beglü­ckende Momente, die uns heute noch Freude en masse schenken. Selbst der Verleih des Lebens­werk-Preises kann hier unserer Dank­bar­keit nur bedingt Ausdruck verleihen.