Mor­gen“ beti­telt die fran­zö­si­sche Sopra­nis­tin Elsa Drei­sig ihr neu­es Album. In die­sem Mor­gen sieht sie auch einen Neu­an­fang. Als Inter­pre­tin möch­te sie star­ke Emo­tio­nen aus­drü­cken. Viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re rei­zen sie dabei am meis­ten.

In ihrer Wahl­hei­mat Ber­lin pas­siert es Elsa Drei­sig immer wie­der, dass sie für eine Rus­sin gehal­ten wird. „Offen­sicht­lich wir­ken mei­ne Gesichts­zü­ge sla­wisch“, scherzt die Sän­ge­rin, die als Toch­ter einer Dänin und eines Fran­zo­sen in Paris zur Welt kam. Das Leben in unter­schied­li­chen Kul­tu­ren hat sie als Mensch und als Künst­le­rin stark geprägt. „Ich war immer stolz dar­auf, zwei Staats­an­ge­hö­rig­kei­ten zu besit­zen“, erzählt sie beim Tee in ihrer Alt­bau­woh­nung im Sze­ne­vier­tel Prenz­lau­er Berg.

»Die Oper war schon immer meine Welt.«

Ich bin häu­fig zu Besuch bei mei­nen Ver­wand­ten in Däne­mark. Die Spra­che spre­che ich von klein auf flie­ßend.“ Durch ihre Mut­ter, eine Opern­sän­ge­rin, kam sie früh mit Musik in Berüh­rung. „Die Oper war schon immer mei­ne Welt. Ich erleb­te auch von Anfang an, was hin­ter der Büh­ne, etwa in der Mas­ke, vor sich ging.“ Eben­so natür­lich erschien es Drei­sig, selbst vor Publi­kum auf­zu­tre­ten. Mit sechs Jah­ren kam sie in den Kin­der­chor der Oper in Lüt­tich, wo ihre Mut­ter enga­giert war. Kurz dar­auf zogen sie nach Lyon, wo sie wei­te­re Erfah­run­gen sam­mel­te.

»Als Sängerin muss man auch Theater spielen und Emotionen zeigen.«

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Ich hat­te nie Angst, vor ande­ren zu sin­gen“, erin­nert sie sich. „Aller­dings muss­te ich erst ler­nen, mich auf der Büh­ne zu bewe­gen. Ich war ein ziem­lich schüch­ter­nes Kind, plötz­lich fühl­te ich mich völ­lig nackt. Als Sän­ge­rin muss man auch Thea­ter spie­len und Emo­tio­nen zei­gen.“ Am schwers­ten sei es ihr als Teen­ager gefal­len, sich von der kind­li­chen Stim­me zu lösen, bekennt sie. „Da ich zu Hau­se oft mit mei­ner Mut­ter sang, hat­te ich die Kin­der­rol­le ver­in­ner­licht. Es war nicht ein­fach, eine lyri­sche Frau­en­stim­me zu ent­wi­ckeln. Man braucht viel Mut, um eine sol­che Stim­me laut aus sich he raus zulas­sen.“ Auch der Schritt von der Chor­sän­ge­rin zur Solis­tin war eine Her­aus­for­de­rung. „Im Kin­der­chor muss alles glatt poliert klin­gen. Der Ein­zel­ne soll sich nicht von der Grup­pe abhe­ben. Erst spä­ter habe ich gelernt, wie es ist, auch weni­ger schön zu sin­gen. Wenn man zum Spaß die Car­men mit Glis­san­do und viel Vibra­to singt, kann das ein komi­sches Gefühl sein.“

Gesangsentdeckung bei den Victoires de la Musique Classique

Hat­te nie Angst, vor ande­ren zu sin­gen: die Sopra­nis­tin Eva Drei­sig
(Foto und alle Fotos von Eva Drei­sig in die­sem Bei­trag: © Simon Fow­ler)

Drei­sigs Talent blieb nicht lan­ge unbe­merkt. Mit 25 gewann sie 2016 den von Pláci­do Dom­in­go gegrün­de­ten Gesangs­wett­be­werb Ope­ra­lia und wur­de als „Gesangs­ent­de­ckung“ bei den Vic­toires de la Musi­que Clas­si­que, der fran­zö­si­schen Ver­si­on der Gram­mys, gefei­ert. Ein Jahr zuvor erhielt sie unter ande­rem den ers­ten Preis beim Wett­be­werb „Neue Stim­men“ der Ber­tels­mann Stif­tung. Inzwi­schen ist sie fes­tes Ensem­ble­mit­glied an der Ber­li­ner Staats­oper Unter den Lin­den.

»Ich bin keine Künstlerin, die unbedingt allen gefallen muss.«

Zu den Rol­len, die ihr schon viel Aner­ken­nung ein­brach­ten, zählt neben Vio­let­ta in Ver­dis La Tra­via­ta und Muset­ta in Puc­ci­nis La Bohè­me auch Pami­na in Mozarts Zau­ber­flö­te. „Die­se Oper lieb­te ich schon als Kind. Damals ach­te­te ich aller­dings weni­ger auf die erwach­se­nen Dar­stel­ler, son­dern auf die drei Kna­ben, die unge­fähr in mei­nem Alter waren“, sagt sie lachend. Als Inter­pre­tin ver­sucht die Sopra­nis­tin star­ke Emo­tio­nen aus­zu­drü­cken. „Wenn ich selbst spü­re, dass in mei­nem Her­zen und in mei­nem Bauch etwas pas­siert, bin ich sicher, dass die Zuschau­er das eben­falls spü­ren. Mir ist bewusst, dass dies auf jeden Ein­zel­nen unter­schied­lich wir­ken kann. Ich bin aber auch kei­ne Künst­le­rin, die unbe­dingt allen gefal­len muss. Wich­tig ist, die eige­ne Per­sön­lich­keit zu bewah­ren.“

»Auf dem Album ‚Morgen‘ unternehmen wir eine innere Reise.«

Für ihr ers­tes Album „Miro­irs“ nahm Drei­sig bekann­te Sopran­par­ti­en aus Opern wie Ros­si­nis Il bar­bie­re di Siviglia, Mozarts Le noz­ze di Figa­ro oder Goun­ods Roméo et Juli­et­te auf. Jetzt erscheint ihre neue CD „Mor­gen“. Gemein­sam mit dem Pia­nis­ten Jona­than Ware prä­sen­tiert sie Lie­der von Richard Strauss, Hen­ri Duparc und Ser­gei Rach­ma­ni­now. „Auf die­sem Album unter­neh­men wir eine inne­re Rei­se.

Nahm mit Elsa Dreisig das Album „Morgen“ auf: der Pianist Jonathan Ware

Nahm mit Elsa Drei­sig das Album „Mor­gen“ auf: der Pia­nist Jona­than Ware

Der Titel hat eine Dop­pel­be­deu­tung, die ich sehr poe­tisch fin­de. Man denkt an den Mor­gen und an den mor­gi­gen Tag, der auch für einen Neu­an­fang steht.“ Drei­sig und Ware wol­len die drei Kom­po­nis­ten mit­ein­an­der in einen Dia­log brin­gen. „Strauss’ Vier letz­te Lie­der pas­sen gut zu Duparcs L’invitation au voya­ge und La vie anté­ri­eu­re. Hin­zu kom­men noch die wun­der­schö­nen Lie­der von Rach­ma­ni­now, die weni­ger bekannt sind.“

Neue Kräfte schöpfen zwischen den Rollen

Eva Dreisig verlangt von einer Opernrolle, dass sie komplex und tiefgründig ist.

Kom­plex und tief­grün­dig muss eine Opern­rol­le für Eva Drei­sig sein

Wie vie­le ande­re Sän­ger­kol­le­gen hat auch Elsa Drei­sig die Erfah­rung gemacht, dass ein Lie­der­abend weit­aus kräf­te­zeh­ren­der ist als so man­che län­ge­re Opern­par­tie. „Ein Lied dau­ert zwar nur drei oder vier Minu­ten. Als Sän­ge­rin ste­he ich aber ganz allein vor dem Publi­kum, das ist sehr inten­siv. Es gibt viel Text zu sin­gen, und man wech­selt rasch zwi­schen ver­schie­de­nen Spra­chen“, sagt sie. „Ich brau­che danach immer ein paar Tage, um mich wie­der zu rege­ne­rie­ren. Die Mez­zo­so­pra­nis­tin Elī­na Garanča sag­te ein­mal, man füh­le sich in Tau­sen­de Puz­zle­tei­le auf­ge­spal­ten. Mir geht es genau­so.“ Lan­ge sei sie eher zu hart zu sich selbst gewe­sen und habe sich oft zu viel zuge­mu­tet, gibt sie zu. Mitt­ler­wei­le ver­ste­he sie, dass es kein Zei­chen für Schwä­che sei, zwi­schen zwei ver­schie­de­nen Rol­len neue Kräf­te schöp­fen zu müs­sen.

»Dass Frauen angeblich keinen eigenen Willen haben und manipulierbar sind, geistert noch heute in den Köpfen mancher Männer herum.«

Nicht nur musi­ka­lisch, son­dern auch vom Inhalt her könn­ten vie­le Lie­der und Opern aus frü­he­ren Jahr­hun­der­ten das Publi­kum nach wie vor fes­seln, meint sie. „Die The­men sind wei­ter­hin aktu­ell. Gera­de stu­die­re ich die Rol­le der Fior­di­li­gi in Mozarts Così fan tut­te ein. Dass Frau­en angeb­lich kei­nen eige­nen Wil­len haben und mani­pu­lier­bar sind, geis­tert noch heu­te in den Köp­fen man­cher Män­ner her­um. Wir haben also wei­ter­hin ein biss­chen damit zu kämp­fen.“ An den Cha­rak­te­ren, die sie auf der Büh­ne ver­kör­pert, inter­es­siert Drei­sig vor allem die Viel­schich­tig­keit. „Wenn ich eine Frau­en­rol­le inter­pre­tie­re, muss sie kom­plex und tief­grün­dig sein. Wenn jemand nur ent­we­der ganz glück­lich oder ganz trau­rig ist, wirkt das auf mich nicht echt. Das Leben ist kom­plex, und in der Oper soll­te man nichts ver­flacht dar­stel­len.“

»Als Künstlerin will ich wissen, wo ich als Mensch in der Gesellschaft stehe.«

Wäh­rend Drei­sig Tee nach­schenkt, erklärt sie, dass sie sich als Sän­ge­rin aus vie­len ver­schie­de­nen Rich­tun­gen inspi­rie­ren lässt. Sie lese viel und gehe auch gern ins Kino. „Als Künst­le­rin will ich wis­sen, wo ich als Mensch in der Gesell­schaft ste­he“, meint sie. Dazu gehö­re für sie auch, über Kli­ma­wan­del und Umwelt­schutz nach­zu­den­ken. Lan­ge Zeit habe sie kaput­te Gegen­stän­de acht­los weg­ge­wor­fen. Inzwi­schen sei es ihr aber wich­tig, unnö­ti­gen Müll zu ver­mei­den und so weit wie mög­lich auf Plas­tik­ver­pa­ckun­gen zu ver­zich­ten. „Zu 100 Pro­zent wird man das aller­dings kaum schaf­fen. Ich möch­te des­halb von vorn­her­ein kei­ne extre­me Hal­tung anneh­men, son­dern einen rea­lis­ti­schen Mit­tel­weg fin­den.“

»Man kann einiges im Alltag verändern, ohne die Freude am Leben zu verlieren.«

Auch Flug­rei­sen ste­hen bei ihr auf dem Prüf­stand. Um ihren öko­lo­gi­schen Fuß­ab­druck zu ver­rin­gern, mag die Sän­ge­rin nicht mehr für eini­ge weni­ge Kon­zer­te den Kon­ti­nent wech­seln. Bei Tour­ne­en, etwa nach Asi­en, will sie künf­tig mög­lichst einen gan­zen Monat ein­pla­nen und mit Zug oder Schiff von Ort zu Ort fah­ren. Auch bei pri­va­ten Rei­sen plant sie, auf die Bahn aus­zu­wei­chen. „Ganz so ein­fach wird das nicht wer­den. Mein Freund lebt in Paris, das ist weit ent­fernt von Ber­lin. Ich bin aber sicher, dass ich eine gute Lösung fin­den wer­de. Man kann eini­ges im All­tag ver­än­dern, ohne die Freu­de am Leben zu ver­lie­ren.“

Richard Strauss, Ser­gei Rach­ma­ni­now, Hen­ri Duparc: „Mor­gen“, Elsa Drei­sig, Jona­than Ware (Era­to)

Zu bezie­hen u.a. bei: www.jpc.de

CRE­SCEN­DO-Abon­nen­ten kön­nen das Album kos­ten­frei in der NML anhö­ren: www.nml.com

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Corina Kolbe
In Berlins Konzertsälen und Opernhäusern ist die freie Musikjournalistin Corina Kolbe seit Jahren zu Hause. Von der Hauptstadt aus steuert die studierte Romanistin oft Richtung Süden, um über Aufführungen in historischen Theatern ihrer zweiten Heimat Italien oder Klassikfestivals in den Schweizer Alpen zu berichten. Ausführliche Interviews mit Künstlern vor und hinter der Bühne runden ihr Portfolio ab.

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