Anthologien des Dirigenten Eugene Ormandy und der Geiger Joseph Szigeti, Jaime Laredo und Arthur Grumiaux erinnern an vergessene Komponisten. 

Der Niedergang des Mediums CD hat einen sehr erfreulichen Nebeneffekt: Indem sich teure Neuproduktionen von Orchesterwerken weniger denn je rentieren, sind die Major Companies dazu übergegangen, umfassende Anthologien legendärer Musiker herauszugeben, die nicht nur vieles enthalten, was seit Jahrzehnten und oft seit weit mehr als einem halben Jahrhundert nicht mehr erhältlich war, sondern uns auch mit dem zeitgenössischen Schaffen einer vergangenen Epoche vertraut macht, von dem wir oft gar keine Ahnung mehr haben.

Brillant, cool und relaxed

Wie schnell doch die Zeit vergeht! Oder wer kennt die Musik von Richard Yardumian, Norman Dello Joio oder Vincent Persichetti? Das sind nur einige wertvolle Raritäten in einer 120-CD-Box bei Sony Classical, die die gesamten Columbia-Aufnahmen des Philadelphia Orchestra unter Eugene Ormandy umfasst. Ormandy, aus Ungarn stammendes und unter harten Bedingungen aufgestiegenes Wunderkind, erschien vielen als idealtypisch amerikanische Dirigentenerscheinung: brillant, cool und relaxed, oberflächlich und robust, immer mit perfektem Wohlklang hantierend. 

Eugene Omandy am Pult des Philadelphia Orchestra
Eugene Omandy in den späten 1940er-Jahren am Pult des Philadelphia Orchestra am Reyburn Plaza gegenüber des Rathauses von Philadelphia

Kein Orchester in der Welt war so gut bezahlt wie seines, die besten Spieler von überall versammelten sich um ihn. Er hatte das Orchester 1936 von Stokowski geerbt und hielt es auf höchstem Niveau, zwar ohne den Zauber seines Vorgängers, aber mit energischer Konstanz. Am besten war Ormandy in den musikantisch voranstürmenden Nummern, immer schmissig und „mit Schmackes“, voller Optimismus und Vitalität, dabei offenkundig mehr der Wiener Welt (Johann Strauß!) zugeneigt als dem heimischen Budapest.

The Complete Legacy“, Eugene Ormandy, The Philadelphia Orchestra (120 CDs, Sony)

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Ein ungefälliger Individualist

Sony hat jetzt auch auf 17 CDs die kompletten Columbia-Aufnahmen der ungarischen Geigerlegende Joseph Szigeti vorgelegt. 

Der Geiger Joseph Szigeti
Individuelles Geigenspiel von Weltrang: Joseph Szigeti

Besonders berühmt ist hier die direkte Zusammenarbeit mit Bartók (weniger bekannt die mit Strawinsky) am Klavier, und es gibt unerwartete Schätze wie das herb dargebotene Violinkonzert g‑moll von Bach, Mitschnitte vom Casals Festival in Prades oder Busoni. Erstaunlich, wie individuell damals das Geigenspiel von Weltrang war. Ein solcher ungefälliger Individualist wie Szigeti wäre heute undenkbar.

Joseph Szigeti: „The Complete Columbia Album Collection“ (17 CDs, Sony)

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Vollendet im intuitiven musikalischen Verständnis

Für mich eine große Freude ist die Sammlung sämtlicher RCA- und Columbia-Aufnahmen (1959–1996, auf 22 CDs) des großen bolivianisch-stämmigen Geigers und Bratschisten Jaime Laredo (1941 geboren, ist er einer der wenigen Musiker, die es zu Lebzeiten in diese Historic-Galerie schaffen). Laredo kennen die meisten als den Geiger, der es wagte, mit Glenn Gould die Sonaten von Bach aufzunehmen, und diese Begegnung der Gegensätze bleibt ein Highlight. Doch dann höre man, wie wunderbar makellos und vollendet im intuitiven musikalischen Verständnis er die E‑Dur-Partita von Bach spielt, wie feinnervig und kantabel die Konzerte von Mozart (G‑Dur) und Mendelssohn. 

Der Geiger und Bratschist Jaime Laredo
Kultiviertes Musizieren der großen alten Schule: der Geiger und Bratschist Jaime Laredo
(Foto: © Queen Elisabeth Competition)

Viele Dokumente vom Marlboro Festival präsentieren Laredo in der harmonischen Begegnung mit anderen Granden der Epoche, seien es Beethovens Tripelkonzert mit Serkin, Parnas und Alexander Schneider, ein hinreißendes Mendelssohn-Oktett mit Schneider und Steinhardt, die Mendelssohn-Quintette, Ravel, Brahms, Schönberg, Korngold oder der Chevalier de St. George. Laredo steht exemplarisch für Geigenspiel höchster Qualität, selbstlose Hingabe in der Kammermusik und natürlich kultiviertes Musizieren der großen alten Schule.

Jaime Laredo: „The Complete RCA & Columbia Album Collection“ (22 CDs, Sony)

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Mit sattem, kontinuierlichem Ton

Der Belgier Arthur Grumiaux war viel berühmter. Nun sind seine kompletten Philips-Aufnahmen erschienen (eine 74-CD-Box bei Decca), also das Vermächtnis, das seinen Ruhm ausmacht. Es ist erstaunlich, wie bieder und gleichförmig, allerdings stets mit wundervoll sattem, kontinuierlichem Ton, er sich ausschließlich in Standardrepertoire bewegte, das teils über die Jahrzehnte in drei Versionen dokumentiert ist. Hier sind es vor allem die Aufnahmen von Mozart- und Beethoven-Sonaten mit der unvergleichlichen Clara Haskil, die nichts von ihrer Aktualität verloren haben. 

Der Geiger Arthur Grumiaux
Ein Leuchtturm der Tonschönheit: der Geiger Arthur Grumiaux
(Foto: © Decca)

Bemerkenswert sind auch die Streichtrio-Aufnahmen von Haydn, Beethoven und Schubert (Mozart weniger) des Grumiaux Trio mit Georges Jantzer und Eva Czako, und mit besonderer Emphase bedachte er die Meisterwerke seiner Landsmänner Vieuxtemps und Lekeu. Grumiaux mag sich letztlich eigentlich nur für seine Geige interessiert haben. Für viele Geiger bleibt er damit ein Leuchtturm der Tonschönheit.

Arthur Grumiaux: „Complete Philips Recordings“ (74 CDs, Decca)

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Fotos: Historical Society of Pennsylvania

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