Ormandy, Szigeti, Laredo & Grumiaux

Große alte Schule versus musi­kan­ti­sche Bril­lanz

von Christoph Schlüren

31. August 2021

Anthologien des Dirigenten Eugene Ormandy und der Geiger Joseph Szigeti, Jaime Laredo und Arthur Grumiaux erinnern an vergessene Komponisten.

Der Nieder­gang des Mediums CD hat einen sehr erfreu­li­chen Neben­ef­fekt: Indem sich teure Neupro­duk­tionen von Orches­ter­werken weniger denn je rentieren, sind die Major Compa­nies dazu über­ge­gangen, umfas­sende Antho­lo­gien legen­därer Musiker heraus­zu­geben, die nicht nur vieles enthalten, was seit Jahr­zehnten und oft seit weit mehr als einem halben Jahr­hun­dert nicht mehr erhält­lich war, sondern uns auch mit dem zeit­ge­nös­si­schen Schaffen einer vergan­genen Epoche vertraut macht, von dem wir oft gar keine Ahnung mehr haben.

Bril­lant, cool und relaxed

Wie schnell doch die Zeit vergeht! Oder wer kennt die Musik von Richard Yardumian, Norman Dello Joio oder Vincent Persi­chetti? Das sind nur einige wert­volle Rari­täten in einer 120-CD-Box bei Sony Clas­sical, die die gesamten Columbia-Aufnahmen des Phil­adel­phia Orchestra unter Eugene Ormandy umfasst. Ormandy, aus stam­mendes und unter harten Bedin­gungen aufge­stie­genes Wunder­kind, erschien vielen als ideal­ty­pisch ameri­ka­ni­sche Diri­gen­ten­er­schei­nung: bril­lant, cool und relaxed, ober­fläch­lich und robust, immer mit perfektem Wohl­klang hantie­rend.

Eugene Omandy am Pult des Philadelphia Orchestra
Eugene Omandy in den späten 1940er-Jahren am Pult des Phil­adel­phia Orchestra am Reyburn Plaza gegen­über des Rathauses von Phil­adel­phia

Kein Orchester in der Welt war so gut bezahlt wie seines, die besten Spieler von überall versam­melten sich um ihn. Er hatte das Orchester 1936 von Stokowski geerbt und hielt es auf höchstem Niveau, zwar ohne den Zauber seines Vorgän­gers, aber mit ener­gi­scher . Am besten war Ormandy in den musi­kan­tisch voran­stür­menden Nummern, immer schmissig und „mit Schma­ckes“, voller Opti­mismus und Vita­lität, dabei offen­kundig mehr der Wiener Welt (Johann Strauß!) zuge­neigt als dem heimi­schen .

„The Complete Legacy“, Eugene Ormandy, The Phil­adel­phia Orchestra (120 CDs, Sony)

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Ein unge­fäl­liger Indi­vi­dua­list

Sony hat jetzt auch auf 17 CDs die kompletten Columbia-Aufnahmen der unga­ri­schen Geiger­le­gende Joseph Szigeti vorge­legt.

Der Geiger Joseph Szigeti
Indi­vi­du­elles Geigen­spiel von Welt­rang: Joseph Szigeti

Beson­ders berühmt ist hier die direkte Zusam­men­ar­beit mit Bartók (weniger bekannt die mit Stra­winsky) am Klavier, und es gibt uner­war­tete Schätze wie das herb darge­bo­tene Violin­kon­zert g‑moll von Bach, Mitschnitte vom Casals Festival in Prades oder Busoni. Erstaun­lich, wie indi­vi­duell damals das Geigen­spiel von Welt­rang war. Ein solcher unge­fäl­liger Indi­vi­dua­list wie Szigeti wäre heute undenkbar.

Joseph Szigeti: „The Complete Columbia Album Collec­tion“ (17 CDs, Sony)

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Voll­endet im intui­tiven musi­ka­li­schen Verständnis

Für mich eine große Freude ist die Samm­lung sämt­li­cher RCA- und Columbia-Aufnahmen (1959–1996, auf 22 CDs) des großen boli­via­nisch-stäm­migen Geigers und Brat­schisten Jaime Laredo (1941 geboren, ist er einer der wenigen Musiker, die es zu Lebzeiten in diese Historic-Galerie schaffen). Laredo kennen die meisten als den Geiger, der es wagte, mit die Sonaten von Bach aufzu­nehmen, und diese Begeg­nung der Gegen­sätze bleibt ein High­light. Doch dann höre man, wie wunderbar makellos und voll­endet im intui­tiven musi­ka­li­schen Verständnis er die E‑Dur-Partita von Bach spielt, wie fein­nervig und kantabel die Konzerte von Mozart (G‑Dur) und Mendels­sohn.

Der Geiger und Bratschist Jaime Laredo
Kulti­viertes Musi­zieren der großen alten Schule: der Geiger und Brat­schist Jaime Laredo
(Foto: © Queen Elisa­beth Compe­ti­tion)

Viele Doku­mente vom Marl­boro Festival präsen­tieren Laredo in der harmo­ni­schen Begeg­nung mit anderen Granden der Epoche, seien es Beet­ho­vens Tripel­kon­zert mit Serkin, Parnas und Alex­ander Schneider, ein hinrei­ßendes Mendels­sohn-Oktett mit Schneider und Stein­hardt, die Mendels­sohn-Quin­tette, Ravel, Brahms, Schön­berg, Korn­gold oder der Cheva­lier de St. George. Laredo steht exem­pla­risch für Geigen­spiel höchster Qualität, selbst­lose Hingabe in der Kammer­musik und natür­lich kulti­viertes Musi­zieren der großen alten Schule.

Jaime Laredo: „The Complete RCA & Columbia Album Collec­tion“ (22 CDs, Sony)

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Mit sattem, konti­nu­ier­li­chem Ton

Der Belgier Arthur Grumiaux war viel berühmter. Nun sind seine kompletten Philips-Aufnahmen erschienen (eine 74-CD-Box bei Decca), also das Vermächtnis, das seinen Ruhm ausmacht. Es ist erstaun­lich, wie bieder und gleich­förmig, aller­dings stets mit wunder­voll sattem, konti­nu­ier­li­chem Ton, er sich ausschließ­lich in Stan­dard­re­per­toire bewegte, das teils über die Jahr­zehnte in drei Versionen doku­men­tiert ist. Hier sind es vor allem die Aufnahmen von Mozart- und Beet­hoven-Sonaten mit der unver­gleich­li­chen Clara Haskil, die nichts von ihrer Aktua­lität verloren haben.

Der Geiger Arthur Grumiaux
Ein Leucht­turm der Tonschön­heit: der Geiger Arthur Grumiaux
(Foto: © Decca)

Bemer­kens­wert sind auch die Streich­trio-Aufnahmen von Haydn, Beet­hoven und Schu­bert (Mozart weniger) des Grumiaux Trio mit Georges Jantzer und Eva Czako, und mit beson­derer Emphase bedachte er die Meis­ter­werke seiner Lands­männer Vieux­temps und Lekeu. Grumiaux mag sich letzt­lich eigent­lich nur für seine Geige inter­es­siert haben. Für viele Geiger bleibt er damit ein Leucht­turm der Tonschön­heit.

Arthur Grumiaux: „Complete Philips Record­ings“ (74 CDs, Decca)

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Fotos: Historical Society of Pennsylvania