Franz Lehár

»Meine Lippen, die küssen so heiß«

von Christa Hasselhorst

3. Dezember 2017

Wer hätte den Titel »Operettenkönig« mehr verdient als Franz Lehár, dessen Melodien sich schlichtweg als unzerstörbar erweisen. In Bad Ischl kann man sich heute noch auf seine Spuren begeben.

Beim 2004 gibt , gerade auf dem Sprung zur Welt­kar­riere, ihr Debüt. Im schul­ter­freien Bustier­kleid, boden­lang mit Schleppe, bordeau­xrot mit Glitzer. Und was singt sie? Meine Lippen, die küssen so heiß, das Publikum ist hin und weg von so viel eroti­scher, lasziver Sinn­lich­keit. Das liegt an der Prot­ago­nistin, klar, aber auch am Text und der einschmei­chelnden, fast etwas schwülen Melodie. Das Lied ist aus der Operette Giuditta, Kompo­nist . Ein Ohrwurm, der auch 70 Jahre nach seiner Urauf­füh­rung – die war 1934 in an eben jener Staats­oper! – nichts an Verfüh­rungs­kraft verloren hatte. Auch bis heute, im Jahr 2017, nicht, und er wird weiter und weiter und weiter gesungen werden.

Anna Netrebko singt Meine Lippen, die küssen so heiß

Wie so viele andere Lieder, die Lehár kompo­nierte. Giuditta war sein letztes großes Werk, da war er schon drei Jahr­zehnte lang einer der Könige der Operette. Mit zahl­rei­chen Welt­erfolgen, von Die lustige Witwe über Der Zare­witsch bis zu Das Land des Lächelns. Viele seiner Lieder wurden zu Hits, die sich jenseits des Werkes verselbst­stän­digten und quer durch alle Schichten gesungen, geflötet, gepfiffen wurden. Auch wenn man Lehár, den Urheber, gar nicht kannte, aber Da geh’ ich zu Maxim (aus der Lustigen Witwe) geben Männer auf feucht-fröh­li­chen Geburts­tags­partys ebenso gerne zum Besten wie Gern hab ich die Frauen geküsst (aus Paga­nini von 1925, heute eher selten gespielt).

Operette und Franz Lehár, das ist untrennbar mitein­ander verschmolzen. 1870 wird der zukünf­tige Star am Operetten-Himmel im unga­ri­schen Komron geboren, der Vater ist Mili­tär­ka­pell­meister. Dadurch lernt der Junge von Kindes­beinen an zahl­reiche musi­ka­li­sche Tradi­tionen kennen. Durchaus ein Wunder­kind, schon mit sechs macht er erste Kompo­si­tionen, mit zwölf Jahren darf er auf das Prager Konser­va­to­rium, bekommt im Haupt­fach Geigen­un­ter­richt bei Anton Benne­witz. Seine Kompo­si­tionen in dieser Zeit erregen Aufmerk­sam­keit und Wohl­wollen von und . Mit einem Diplom in der Tasche verlässt Lehár 18-jährig und wird Kapell­meister in . Nach einem Jahr verlässt er – vertrags­widrig – die Stadt, wech­selt nach Wien zur Mili­tär­ka­pelle eines Infan­terie-Regi­ments. Mit 20 ist er jüngster öster­rei­chisch-unga­ri­scher Kapell­meister der Kaiser­lich-König­li­chen Armee, tingelt damit nach Istrien, Triest und und bleibt dort bis 1902. Diese Jahre im Dienste der Mili­tär­musik beein­flussen, so urteilen Musik­wis­sen­schaftler, den Stil seiner Kompo­si­tionen. Aber noch gilt seine eigent­liche Liebe der Oper, 1896 gibt er seine erste Stil­probe in diesem Genre mit Kukuschka in ab. Ein Erfolg, der jedoch ohne größere Folgen für die erhoffte Karriere als Opern­kom­po­nist bleibt.

singt Gern hab’ ich die Frau’n geküsst

Er wird Vertrags­kom­po­nist im Thea­ter an der Wien und sorgt dort 1902 mit den ersten zwei Operetten Wiener Frauen und Der Rastlbinder endlich für Aufsehen. Der ganz große Coup gelingt ihm dann 1905 (Urauf­füh­rung in Wien) mit Die lustige Witwe, mit den Hits Lippen schweigen, flüstern’s Geigen und Vilja, ach Vilja, du Wald­mäg­de­lein. Sie kata­pul­tiert ihn in den Operetten-Olymp. Von da an geht es Stück auf Stück, Der Graf von (Wien, 1909), Fras­quita (Wien, 1922), Paga­nini (Wien, 1925), heute zwar kaum noch im Reper­toire, aber Gern hab’ ich die Frau’n geküsst hat sich als Dauer­brenner-Schmalz-Hit verselbst­stän­digt. In , in den 1920er-Jahren das wirbelnde Epizen­trum der Operette schlechthin, reüs­siert der k. u. k. Kompo­nist 1927 mit Der Zare­witsch, das herz­er­wei­chende Tränen­drüsen-Lied Es steht ein Soldat am Wolgastrand fehlt bis heute in keinem Wunsch­kon­zert. Genauso erging es dem Herz-Schmerz-Song Dein ist mein ganzes Herz (aus Das Land des Lächelns, Urauf­füh­rung 1929 in Berlin), den haben selbst im 21. Jahr­hun­dert berühmte Star­te­nöre wie Plácido Domingo oder gerne im Reper­toire, das Lied verfügt immer noch über enormes Testo­steron-Poten­zial und gilt als Herzens­bre­cher-Hit, mitrei­ßend und einschmei­chelnd wie viele seiner Lieder.

Richard Tauber singt Dein ist mein ganzes Herz

Damit wären wir bei Richard Tauber. Der öster­rei­chi­sche Tenor mit dem beson­deren Schmelz im Timbre galt damals als „König des Belcanto“. Seinem Freund schrieb Lehár zahl­reiche maßge­schnei­derte Tenor-Partien auf den Leib, entwi­ckelte für ihn den Stil der „lyri­schen“ Operette als Gegenpol zur in Berlin boomenden „Revue“-Operette. Tauber wurde mit Dein ist mein ganzes Herz über Nacht welt­be­rühmt, und damit avan­cierte Lehárs Land des Lächelns zum Welt­erfolg. Der Operet­ten­kom­po­nist verdiente gut, so gut, dass er sich neben einem

Domizil in Wien auch bald ein Haus in im leis­tete. Damals der Inbe­griff für Sommer­fri­sche, oben­drein berühmt durch Kaiser Franz Josef und seine Gattin Elisa­beth. Das Paar hatte sich in Bad Ischl verlobt; während sie später rastlos die Welt bereiste, schätzte er Bad Ischl – die „Kaiser­villa“ ist bis heute zu bestaunen – als sommer­li­chen Rück­zugsort und für die Jagd. Lehár erwarb 1910 eine geräu­mige Villa direkt am Ufer der Traun. Mehr als 30 Werke verfasste er hier, notierte: „In Ischl hatte ich immer die besten Einfälle.“ Wenn er aus dem Fenster schaute, sah er vis-à-vis auf der Espla­nade Spazier­gänger prome­nieren, genoss viel­leicht seinen Kleinen Braunen beim Zauner. Die ehema­lige k. u. k. Hofkon­di­torei lockt bis heute als Torten-Para­dies, von dort genießt man über das tief­grüne Wasser hinweg den Blick auf die Lehár-Villa.

Lehár-Villa in Bad Ischl
Die Villa von Franz Lehár im öster­rei­chi­schen Bad Ischl

Man sollte sich Zeit nehmen für einen Besuch, das Haus am Lehár-Kai 8 ist große Oper! Es wurde samt Inventar der Stadt Ischl vermacht. Der Operetten-König verfügte testa­men­ta­risch: „Aus der Villa ist ein Lehár-Museum zu bilden und in gutem Zustand zu erhalten.“ Alles ist so belassen, als käme der Maestro der leichten Muse gleich die Treppe herun­ter­spa­ziert. Eine nost­al­gi­sche Zeit­reise in die Glanz­zeit der Operette, in eine Welt von gestern, sie gibt Einblick in Intimes eines großen Künst­lers. Bald wird dem Besu­cher leicht schwindlig. Das liegt weniger an Lehárs Ohrwür­mern, die in Dauer­schleife sanft im Hinter­grund ertönen. Sondern vor allem daran, dass alle Stock­werke, Räume, Trep­pen­flure bis auf den kleinsten Fleck voll­ge­stopft sind. Mit vielen wert­vollen Kunst­werken, mit Souve­nirs, Geschenken, auch von Vereh­rern, Memo­ra­bilia, aber auch Nippes.

Salon der Lehár-Villa in Bad Ischl
Franz Lehár im Salon seiner Villa in Bad Ischl

Der Künstler und seine Ehefrau Sophie schienen gera­dezu manisch zu sammeln, so ist eine wilde Mélange aus Stilen und Epochen vereint, Gotik, Renais­sance, Barock, Rokoko und Bieder­meier. Sein Lieb­lings­ge­mälde, so wird bei der Führung erklärt, „Der trun­kene Silen“, soll ein van Dyck sein, im Spei­se­zimmer hängt Land­schafts­ma­lerei neben hollän­di­scher Blumen­ma­lerei, Porzel­lan­teller von Meißen, Sèvres und Alt-Wien zieren die Wände. Das Arbeits­zimmer im ersten Stock ist eine Gemäl­de­ga­lerie unter­schied­lichster Zeiten und Stile, auf dem Schreib­tisch prangen zwei Empire-Bron­ze­leuchter, auf einem weiteren Tisch eine Gallé-Vase. Unver­än­dert ist auch Lehárs Ster­be­zimmer mit holz­ge­schnitztem Bett, Kamin, zahl­rei­chen Bildern und Fotos etli­cher Künstler mit hand­schrift­li­chen Huldi­gungen an Lehár sowie ein Brief von .

Zwei Tage nach Lehárs Tod am 24. Oktober 1948 in Bad Ischl schrieb die Wiener Arbeiter-Zeitung: „Vom Walzer­ka­pell­meis­ter­könig der Habs­bur­ger­mon­ar­chie ist er der große, den Verfall über­tö­nende, ihn nicht zur Kenntnis nehmende Unter­hal­tungs­mu­si­kant der bürger­li­chen Welt geworden, der poli­ti­sche Systeme, Kunst­formen und Thea­ter­krisen lächelnd über­dau­erte – und Beifall, Lorbeer und Tantiemen unter jedem Régime zu häufte.“ Eine Anspie­lung auf Lehárs oft kriti­sierte Nähe zum NS-Régime – Die lustige Witwe galt als Hitlers Favorit. Da Lehár als „arischer“ Künstler unan­fechtbar war, seine Ehefrau aber Jüdin, gab es für beide eine „Sonder­ge­neh­mi­gung“. Gleich­zeitig arbei­tete Lehár mit etli­chen jüdi­schen Libret­tisten, das Libretto für Das Land des Lächelns stammte vom Juden Fritz Löhner-Beda, der 1942 in Ausch­witz starb und für den sich Lehár „nicht einsetzte“ (Woll­heim-Archiv).

Lehár starb wenige Tage nach der Ernen­nung zum Ehren­bürger von Bad Ischl und wurde dort auch begraben. An Richard Tauber, der im Londoner Exil beer­digt wurde, erin­nert dort ein Gedenk­stein. Zwei Freunde, im Tod fast wieder vereint. Unsterb­lich geworden ist jeder auf seine Art.

Fotos: Museum der Stadt Bad Ischl