Gidon Kremer

Ein Kunstwerk in Schutz nehmen

von Ruth Renée Reif

26. Februar 2022

Begeistert mit einem kompromisslosen Einsatz für zeitgenössische Komponisten. Gidon Kremer, einer der aufregendsten Geiger der Gegenwart, wird 75 Jahre alt.

ist immer an Neuem inter­es­siert. Seine „musi­ka­li­sche Hand­schrift“ ist unver­wech­selbar und wird von zeit­ge­nös­si­schen Kom­po­nisten geschätzt. Kremer selbst beschreibt es als ein beson­deres Gefühl, „ein Kunst­werk mit der eigenen Inter­pre­ta­tion gleichsam in Schutz zu nehmen“. Es werde so Teil seines Selbst, ohne seinen objek­tiven Wert zu verlieren.

Gidon Kremer spielt Angels of Sorrow für Vio­line, Vio­lon­cello, Kin­der­chor und Kam­mer­or­chester, das 2013 allen Opfern von Gewalt und Willkür widmete.

Bereits in der Sowjet­union spielte Kremer beim Inter­na­tio­nalen Fes­tival für zeit­ge­nös­si­sche Musik in Lenin­grad neben Werken von Eugène-Auguste Ysaÿe und auch alle 12 Teile des Tier­kreis von . Dieser wurde in der Sowjet­union damals nicht gespielt, und Gidon Kremer wollte mit der Erst­auf­füh­rung des Werks „einen Akzent künst­le­ri­scher Frei­heit“ setzen.

Gidon Kremer und Arvo Pärt
Gidon Kremer auf der Probe mit dem Kom­po­nisten Arvo Pärt. 

Kre­mers Enga­ge­ment galt jedoch vor allem seinen Mos­kauer Kol­legen wie Arvo Pärt und . Mit Schnittke sowie dem Litaui­schen Kam­mer­or­chester unter Sau­lius Son­de­ckis und der Gei­gerin Tat­jana Grin­denko begab Kremer sich 1977 auf eine Aus­lands­tournee, die auch durch die Bun­des­re­pu­blik führte. Dabei brachte er mit Schnittke am Kla­vier u.a. Pärts Dop­pel­kon­zert Tabula rasa zur Auf­füh­rung. Eine Auf­nahme des Auf­tritts, der später bei ECM erschien, wurde, wie Kremer sich in seinem auto­bio­gra­fi­schen Band Zwi­schen Welten erin­nert, zur „Kult­platte“.

Die Jugendfreunde Gidon Kremer und Alfred Schnittke
Befreundet seit Jugend­tagen: Gidon Kremer und der 1998 ver­stor­bene Kom­po­nist Alfred Schnittke
Das Foto ist dem Band Über das Leben und die Musik von Alfred Schnittke und Alex­ander Iwaschkin entnommen.

Mit Schnittkes Prä­lu­dium in memo­riam Schosta­ko­witsch erregte Kremer bei seinem New-York-Debüt in der Avery Fisher Hall Auf­merk­sam­keit, zu dem auch und Isaac Stern kamen. Schnittke und Kremer ver­band eine tiefe Freund­schaft, die bereits wäh­rend Kre­mers Aus­bil­dung am Tschai­kowski-Kon­ser­va­to­rium in Moskau begonnen hatte. Schnittke war in der Sowjet­union umstritten. „Die extro­ver­tierten, aggres­siven Töne, hinter denen man das Atmen, die Ver­letz­lich­keit und das tief ver­bor­gene Innen­leben eines indi­vi­du­ellen Künst­lers spürte, wurden a priori als avant­gar­dis­tisch dif­fa­miert“, erläu­tert Kremer.

Doch auch im Westen war es für Kremer nicht immer leicht, neuen Werken die ihnen gebüh­rende Gel­tung zu ver­schaffen. 1984 brachte er in Berlin Schnittkes Vio­lin­kon­zert, das dieser für ihn geschrieben hatte, zur Urauf­füh­rung. Das Kon­zert hatte eine Beson­der­heit: „Es ver­langt vom Solisten in der ‚Cadenza Visuale‘ nicht nur die übli­chen vir­tuosen Pas­sagen, poly­phon-kon­tra­punk­ti­sche Exer­zi­tien, son­dern die Iden­ti­fi­ka­tion mit der Person eines Vir­tuosen, der gegen die Masse (das Orchester) ankämpft: Einer gegen alle.“ Zweimal wid­mete Kremer bei dem von ihm 1991 im öster­rei­chi­schen gegrün­deten Kam­mer­musik-Fes­tival Schnittke ein Son­der­kon­zert. Und zum 100. Jubi­läum der Car­negie Hall brachte er mit dem Cleve­land Orchestra unter Schnittkes fünftes Con­certo grosso zur Uraufführung.

Aus­schnitt aus einem Kon­zert der unter . Gidon Kremer spielt das Geigen-Solo im Vio­lin­kon­zert In tempus prae­sens von .

Zunächst als „fernen Klang im Kon­zert­saal“ lernte Kremer in Moskau die Werke Sofia Gubai­du­linas kennen. „Selten habe ich bei einer Künst­lerin eine solche innere Kraft gefühlt und zugleich das starke Bedürfnis ver­spürt, ihrer Inspi­ra­tion zu folgen“, beschreibt er seinen Eindruck.

Die Komponistin Sofia Gubaidulina mit Gidon Kremer
Gidon Kremer und Sofia Gubai­du­lina 1988 in Boston
Das Bild ist der Bio­grafie Sofia Gubai­du­linas von Michael Kurtz entnommen.

1981 brachte Kremer im Rahmen der mit dem ORF-Sym­pho­nie­or­chester unter Leif Seger­stam das Vio­lin­kon­zert Offer­to­rium zur Urauf­füh­rung, das sie ihm gewidmet hatte. Um das Werk auch auf­nehmen zu können, musste er, wie er schreibt, der DG erst ein Ulti­matum stellen. Das Album mit Hom­mage à T.S. Eliot als zweitem Stück, das Gubai­du­lina nach dem Besuch in Locken­haus kom­po­niert hatte, stieß auf ein begeis­tertes Echo und wurde mit zahl­rei­chen Preisen ausgezeichnet.

Gidon Kremer spielt mit seiner das Adagio aus Mie­c­zysław Wein­bergs Sin­fo­ni­etta Nummer zwei op. 74

Zu Beginn des 21. Jahr­hun­derts setzte sich Kremer mit all seiner Vir­tuo­sität für die Wie­der­ent­de­ckung Mie­c­zysław Wein­bergs ein. Wein­berg wurde in die Tra­gö­dien des 20. Jahr­hun­derts hin­ein­ge­rissen. Die Aus­ein­an­der­set­zung mit seiner jüdi­schen Her­kunft und dem damit ver­bun­denen Leid bildet das Leit­thema seines Schaf­fens. Und er besaß die mora­li­sche Kraft, stets den Moment der Hoff­nung auf­recht­zu­halten. Kremer lernte ihn bereits wäh­rend seines Stu­diums am Kon­ser­va­to­rium in Moskau. Doch ver­mochte er damals nicht, ihn und sein Werk einzuschätzen.

Mitt­ler­weile hat er mit seinem 1979 gegrün­deten Streich­or­chester Kre­me­rata Bal­tica, das Musiker aus allen drei bal­ti­schen Staaten zusam­men­führt, Wein­bergs Kam­mer­sin­fo­nien sowie die Cello-Prä­lu­dien in eigenen Tran­skrip­tionen für Geige auf­ge­nommen. Zur 100. Wie­der­kehrt von Wein­bergs Geburtstag 2019 brachte er beim Kam­mer­mu­sik­fes­tival Locken­haus, inspi­riert vom in Moskau lebenden Regis­seur , der nicht aus Russ­land aus­reisen durfte, dem Kom­po­nisten eine audio­vi­su­elle Hom­mage dar. Und 2022 ver­öf­fent­lichte er ein Album mit Wein­bergs drei Vio­lin­so­naten aus den Jahren 1964, 1967 und 1979 heraus. Mehr dazu unter CRE​SCENDO​.DE.

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Auftrittstermine und weitere Informationen zu Gidon Kremer unter: www.gidonkremer.net

Fotos: Kristijonas Kucinskas