Günter Hänssler, Gründer des Labels Profil, über Erfolg, Rückschläge und Aufbruch

CRESCENDO: Alles fing 1919 mit einem kleinen Lied an…

Günter Hänssler: Auf Adlers Flügeln getragen von Anni von Viebahn, ein geistliches Gedicht, das mein Großvater, Friedrich Hänssler, vertonte, das aber keiner drucken wollte. So gründete er in Stuttgart einen Verlag.

Verlagsgründer Friedrich Hänssler, der Großvater von Günter Hänssler
Gründete 1919 in Stuttgart einen Verlag: Friedrich Hänssler,
der Großvater von Günter Hänssler 

Neben eigenen Kompositionen veröffentlichte er Kirchenlieder und Werke jüdischer Komponisten wie Felix Mendelssohn Bartholdy. Nach öffentlichen Diffamierungen wurde der Verlag 1941 verboten.

Friedrich Hänssler, der Vater von Günter hHänssler
Lebte für das Evangelium: Friedrich Hänssler, der Vater von Günter Hänssler 

CRESCENDO: Nur kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erhielt Ihr Großvater 1945 von den Alliierten die Lizenz zur Wiederaufnahme seiner Arbeit.

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Günter Hänssler: Ja, ab 1950 ist mein Vater langsam eingestiegen. Als junger Mann wäre er fast an Tuberkulose gestorben. Bei meinem Großvater war das eine ganz kleine Veranstaltung mit zwei, drei Mitarbeitern. Bei meinem Vater hat sich der Verlag sprunghaft entwickelt…

CRESCENDO: …mit Chor- und Gesangbüchern. Es heißt, der erste Band der Liederbuch-Reihe „Jesu Name“ wurde mehr als eine Million Mal gedruckt.

Günter Hänssler: Die Liederbücher und Helmuth Rilling haben sehr zu dem Erfolg und, wenn Sie so wollen, zu der Marke beigetragen. Rilling war eines Tages in den 1950er-Jahren in den Laden gekommen auf der Suche nach Noten für seinen damals kleinen Gächinger Chor. Großzügig hat ihm mein Vater einen Satz Noten geschenkt. Daraus wurde eine Freundschaft. Mein Vater gründete 1975 mit Laudate ein Plattenlabel für vorrangig sakrale klassische Musik, aus dem später hänssler CLASSIC hervorging. 1976 machte Rilling für ihn die erste Platten-Box mit geistlicher Musik der Bach-Familie, die sich erstaunlich gut verkaufte. Später kamen die Kantaten dazu.

Günter Hänssler und MDR-Hörfunk-Produzent Steffen Lieberwirth mi dem Dirigenten Sir Colin Davis
Günter Hänssler und MDR-Hörfunk-Produzent Steffen Lieberwirth übergaben 2007 Sir Colin Davis, dem Ehrendirigenten der Sächsischen Staatskapelle Dresden, das Album „Edition Staatskapelle Dresden. Vol. 10“.

CRESCENDO: Sie waren damals 15 Jahre alt. Lust aufs Verlagsgeschäft?

Günter Hänssler: Damals auf keinen Fall, obwohl zu Hause interessante Menschen ein- und ausgingen. Vom Ministerpräsidenten Baden-Württembergs Hans Filbinger, dessen Sicherheitsleute vor dem Haus Wache schoben, bis hin zu Charles Colson, dem ehemaligen Berater von Nixon.

CRESCENDO: Der eine stürzte Ende der 1970er-Jahre über seine NS-Vergangenheit, der andere über die Watergate-Affäre.

Günter Hänssler: Meine Eltern und Großeltern haben den Nationalsozialismus radikal abgelehnt. Das hatten sie auch mir vermittelt. Dass die Alliierten zum Aufbau eines funktionierenden Staatswesens im Nachkriegsdeutschland auf Leute zurückgegriffen haben, die intelligent waren und Verwaltungserfahrung hatten, war mir damals noch nicht bewusst. Colson kam für einige Jahre in den Knast und fand dort zum Glauben. Er lud 1979 meinen Vater zu einem „National Prayer Breakfast“ in Washington ein, einem Gebetsfrühstück für Politiker, das dann im baden-württembergischen Landtag, 1981 auch im Bundestag etabliert wurde mit Philipp Jenninger und Hans-Jochen Vogel.

CRESCENDO: Soviel ich weiß, sind auch Gregor Gysi, Günther Beckstein und Otto Schily zum Frühstücken und Beten nach Amerika gereist. Schily war zu Gast beim Justizminister John Ashcroft aus der Administration Bushs.

Günter Hänssler: Ja, erstaunlich. Politiker mit unterschiedlichen politischen Sichtweisen fühlen sich in gemeinsamen christlichen Werten verbunden.

CRESCENDO: Zur Einweihung des neuen Hänssler-Verlagshauses in Holzgerlingen 2000 kam Avi Primor, der langjährige Botschafter Israels in Deutschland.

Günter Hänssler: Ein sehr guter Freund meines Vaters. Mein Vater hatte viele Bücher zum Thema Israel herausgebracht, zum Teil im Auftrag des israelischen Außenministeriums.

CRESCENDO: Zu diesem Zeitpunkt waren auch Sie längst Teil des Familienunternehmens. Was hatte Sie zum Umdenken gebracht?

Günter Hänssler: Aufgewachsen bin ich mit Bach, aber in der Pubertät wollte ich Led Zeppelin hören. Immer wenn ein Fest gefeiert wurde, bin ich aufgetreten. Heute singe ich im Gospel-Chor meiner Kirche. Außerdem studierte ich Betriebswirtschaftslehre, dazu einige Semester Philosophie. Ich sah, dass mein Vater – ein exzellenter Pianist und Musikwissenschaftler – viel von Musik verstand, aber sich mit dem Vertrieb schwertat. Also bin ich noch als Student mit dem Täschle herumgezogen und habe erste Vertriebsstrukturen aufgebaut. Das wurde besonders wichtig, als mein Vater in die Bach-Projekte einstieg, den „teuersten Waldspaziergang seines Lebens“, wie er sagt.

Helmuth Rilling, der für Hänssler die erste Plattenbox mit geistlicher Musik der Bach-Familie aufnahm
Nahm 1976 für Friedrich Hänssler die erste Plattenbox mit geistlicher Musik der Bach-Familie auf: Helmuth Rilling

Beim Spaziergang hatten mein Vater und Helmuth Rilling ausgemacht, bis 1985 die Aufnahmen von Bachs Kantatenwerk fertigzustellen – über 200 Kantaten auf 100 Langspielplatten. Was auch geschah und wofür sie mit dem „Grand Prix du Disque“ geehrt wurden. 1989 schafften wir es, mit Rilling einen Exklusivvertrag abzuschließen. Unser erstes Projekt auf dieser Basis war die Messa per Rossini, an der Verdi und zwölf weitere Komponisten mitgewirkt haben. Die hat sich verkauft wie verrückt. 35.000 Stück! Traumzahlen.

CRESCENDO: Einen weiteren Rekord feierten Sie mit der „Edition Bachakademie“, das erhaltene Werk Johann Sebastian Bachs auf 172 CDs mit Helmuth Rilling. Dann aber kam der Zusammenbruch.

Günter Hänssler: Der neue Firmensitz in Holzgerlingen wurde teurer als geplant. Die moderne, computergesteuerte Kommissionierungsanlage funktionierte nicht wie gewünscht. Zudem ging in den USA ein großer Musikkunde in die Insolvenz. 2002 wurde der Verlag von der Stiftung Christliche Medien (SCM) übernommen. Für mich und meinen Vater war das sehr schwierig.

CRESCENDO: Auch Sie waren betroffen.

Günter Hänssler: Das war ein Schnitt in meinem Leben. Vorher hatte ich zwei Sekretärinnen und eine Assistentin. Von heute auf morgen musste ich die Pakete wieder selber auf die Post tragen. Da waren nicht wenige Verletzungen dabei. Wenn man sich nicht dauerhaft frei davon macht, raubt man sich Lebensqualität. Wie heißt es so schön: Wer keine Täler sah, schätzt der die Höhe?

CRESCENDO: 2003 gründeten Sie in Neuhausen die Profil Medien GmbH.

Günter Hänssler: Das war leicht und schwer zugleich. Ein ehemaliger Geschäftspartner, lange Chef im einstigen Bertelsmann Club und nun in einem kleinen Verlag, sprach mich an. Der Verlag schrieb Verluste, hatte aber einen interessanten Katalog. Das Label war also zu groß, um es sterben zu lassen, und zu klein, um profitabel zu sein. Da bin ich eingestiegen mit meinen Kontakten zu Künstlern, Vertrieben und der Presse. Es war ein sehr großes, persönliches Risiko, die ersten zehn Jahre waren sehr anstrengend.

Günter Hänssler
Günter Hänssler: Ich suche die magischen Momente der klassischen Musik.

CRESCENDO: Angetrieben hatte Ihren Vater immer der Wunsch, „dass das Evangelium von Jesus Christus gelesen, gesehen, gehört, gesungen, gemailt und gechattet wird“. Was war es bei Ihnen?

Günter Hänssler: In seinem christlichen Verlag konnte er seinen Glauben zum Beruf machen. Mit Profil wollte ich ein Klassik-Label etablieren. Ich wusste: Nur ein Label mit eindeutigem Wiedererkennungseffekt hat eine Chance auf dem CD-Markt. Ein freundlicher Mensch von der Presse sagte über mich, ich sei der Sternstundensammler. Ich suche die „magischen Momente“ der klassischen Musik, unvergessene Konzerterlebnisse. Es sind oft Live-Mitschnitte. Da ist noch mehr Adrenalin drin. Viel Zeit verbringe ich in den Archiven der Rundfunkanstalten, beiße mich durch die Bestände oder setze meine „Trüffelsucher“ an, ehemalige Mitarbeiter von ARD-Anstalten oder von Plattenfirmen.
So brachte ich eine Günter-Wand-Edition heraus, entdeckte ein Quartett von Swjatoslaw Richters Vater, der komponierte und vom russischen Geheimdienst erschossen wurde, gebe Editionen der Staatskapelle Dresden und der Semperoper heraus, u. a. mit Christian Thielemann, Bernard Haitink, Sir Colin Davis. Trotz berühmter Namen frage ich mich bei jeder Aufnahme: Ist Substanz da?

CRESCENDO: 22 CDs allein umfasst Ihre aktuelle Tschaikowsky-Edition, mit russischen Aufnahmen der 1930er- bis 1950er-Jahre aus dem Bolschoi-Theater. Half da auch die politische Situation, der Fall des Eisernen Vorhangs?

Günter Hänssler: Weniger. Es ist hauptsächlich das gute Netzwerk, das man sich in all den Jahren aufgebaut hat.
Auch für die Dino Lipatti Collection. Die wurde ein Hit, das hätte ich ihr so nicht zugetraut. EMI hatte schließlich vor Jahren einiges veröffentlicht.

CRESCENDO: Über Zahlen wird in der Branche so ungern gesprochen. Was ist ein Hit?

Günter Hänssler: Für die Kollegen kann ich das nicht sagen, aber wenn Sie nicht mindestens 1000 CDs absetzen, dann sollten Sie erst gar nicht anfangen. Bis etwa 4000 CDs verkauft man oft. Fünfstellige Zahlen sind Sonderphänomene. Heute ganz wichtig: das Streaming- und Download-Geschäft. Musik wird immer konsumiert werden. Der eine braucht den Raum, Bruckner in exzellenter Klangqualität. Dem anderen reicht die Opernarie mal schnell vom Smartphone aus über Spotify.

Günter Hänssler mit dem MDR-Hörfunk-Produzenten Steffen Lieberwirth und Ulrike Hessler, der Intendantin der Semperoper
Günter Hänssler und MDR-Hörfunk-Produzent Steffen Lieberwirth stellten 2011 mit der Intendantin der Semperoper Ulrike Hessler Vol 2 der „Semperoper-Edition“ vor, auf der auch der Rundfunk-Mitschnitt der Fidelio-Festaufführung zur Einweihung des Hauses 1948 zu hören ist.

CRESCENDO: Wissen Sie nun, was sich verkauft?

Günter Hänssler: Man lernt es abzuschätzen, kann aber auch danebenliegen. Es macht keinen Sinn, dass man ein „special interest product“ im kniehohen Stapel bei Dussmann oder Beck platziert. Wenn wir mit der Staatskapelle Die chinesische Flöte von Ernst Toch machen, dann weiß ich, dass das kein Renner wird. Mit Thielemann und Bruckners Achter Sinfonie gleicht sich das wieder aus.

Christian Thielemann
Christian Thielemann mit seiner Aufnahme am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden 

CRESCENDO: Ist es dann Thielemann, der zieht?

Günter Hänssler: Christian Thielemann ist ein toller Musiker. Ich fühle mich im höchsten Maße geehrt, mit ihm veröffentlichen zu dürfen. Aber auch er verkauft Strauss, Wagner, Bruckner besser als ein Pfitzner Klavierkonzert. Was hilft: Thielemann ist in Dresden, in Salzburg bei den Osterfestspielen und in Bayreuth. Das ergibt Synergien für die Öffentlichkeitsarbeit.

CRESCENDO: Ihre Bruckner 18-CD-Box kam in Japan in die Charts. Warum ausgerechnet dort?

Günter Hänssler: Es bleibt eine Kunst, die Mentalität eines Musikhörers richtig einzuschätzen. In Japan besonders. Beim Vertrieb muss man den Benimm-Codex sehr genau kennen. Japaner lieben Mahler und Bruckner. Mit dem Vokalwerk Bachs waren wir in Japan nicht so erfolgreich wie in Korea, wo es 20 Millionen Christen und eine große Chortradition gibt.

Friedrich Hänssler
Verstarb am 7. Mai 2019 im Alter von 92 Jahren: Friedrich Hänssler

CRESCENDO: Im September 2015 trafen Sie eine große Entscheidung.

Günter Hänssler: Um es genau zu sagen: am 30. August 2015 um 24 Uhr. Ich habe das Label hänssler CLASSIC zurückerworben bzw. die Rechte, Marke, Bestände und Pflichten. Beide Labels behalten ihre Programmphilosophie. Mein 91-jähriger Vater war sehr glücklich.

Günter Hänssler mit seinen Auszeichnungen
Günter Hänssler und seine Auszeichnungen. 2018 kam noch ein OPUS KLASSIK dazu: Legends-Edition mit dem Klavierwerk Vsevolod Zaderatskys wurde als Editorische Leistung des Jahres ausgezeichnet.

CRESCENDO: Bilanz von 30 Jahren im Musikgeschäft: 17 ECHOS, 13 Grammy-Nominierungen und mehr als 800 CDs.

Günter Hänssler: Noch ist das Jahr 2018 nicht zu Ende, und wir hatten bereits 98 Veröffentlichungen! Ich freue mich auf die Bach-Aufnahmen mit den vom Spiritus Rector Kussmaul geprägten historisch informierten Berliner Philharmonikern, den Berliner Barocksolisten sowie Frank Peter Zimmermann. Auf die nächsten Veröffentlichungen mit der Staatskapelle Dresden und Werken von Strauss und Bruckner unter Christian Thielemann, auf die Choralmotetten der Bach-Familie mit Frieder Bernius und hoffe, dass das Projekt mit Händels Concerti grossi op. 3 mit den Berliner Barock Solisten unter Reinhard Goebel klappt.

Weitere Informationen: www.haensslerprofil.de

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Teresa Pieschacón Raphael
„Bis zum Lorbeer versteig' ich mich nicht. G'fallen sollen meine Sachen!“ (J. N. Nestroy) findet Teresa Pieschacón Raphael. Sie hält es mit J. Pulitzers Devise: „Schreibe kurz – und sie werden es lesen. Schreibe klar – und sie werden es verstehen. Schreibe bildhaft – und sie werden es im Gedächtnis behalten.“ In Bogotá wuchs sie auf, in Tübingen und Wien studierte die Enkelin des Komponisten Günter Raphael (1903–1960) Musikwissenschaft und Philosophie und verfiel dem Journalismus. Sie lebt heute als freie Musik- und Kulturpublizistin in München. Ihre Reportagen, Interviews und Konzertprogrammhefte erscheinen in unterschiedlichsten Medien: vom ARTE Magazin bis zur Vogue, von Brigitte bis zur Wirtschaftswoche, vom Dortmunder Konzerthaus bis zu den Salzburger Festspielen… und seit über zehn Jahren bei crescendo.

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