Klassik-Woche 19/2019

Hilfe, der Diri­gent ist eine Frau!

von Axel Brüggemann

6. Mai 2019

Will­kommen in der neuen Klassik-Woche,

heute mit viel Frau­en­power, ein biss­chen Öko, mit Zoff in und Freude in Chicago.

WAS IST

WOW: DER DIRI­GENT IST EINE FRAU!

Fest­stel­lung 1: In letzter Zeit wird ziem­lich viel über Diri­gen­tinnen geschrieben. Fest­stel­lung 2: Fast jeder Artikel beginnt damit, dass es eine Sensa­tion sei, dass man nun über eine Diri­gentin schreibt. Egal, ob sie Katha­rina Müllner, Sper­anza Scap­pucci, , oder heißt, die Süddeut­sche scheint es außer­ge­wöhn­lich zu finden, dass die neue Nürn­berger Gene­ral­mu­sik­di­rek­torin eine „Maestra“ ist, und in einem Blog wird nur über die russi­sche Diri­gentin Anna Skryleva geschrieben, weil gerade #femfriday ist.

Okay, wenn ein west­afri­ka­ni­scher Säbel­zahn­tiger eine Symphonie von Miec­zyslaw Wein­berg diri­gieren würde – das wäre echt eine Sensa­tion, aber dass es eine Frau ist – nun ja: warum denn nicht? Können wir das Staunen über Frauen am Pult in Zukunft bitte­schön alten Herren wie über­lassen, der findet, dass „Musik sich so auch besser ansehen lässt“? Und es statt­dessen mit Mirga Grazi­nyte-Tyla, der Chefin des City of Birmingham Orchestra halten, die der Sunday Times erklärte, wie beknackt sie es findet, dass Kritiker schreiben, sie müsse ihren „Mann stehen“. Gut, dass sie ebenso en passent erzählt, es sei wünschens­wert, wenn Orches­ter­mu­siker ihre Kinder mit zu den Proben bringen würden. Und gesund, dass sie beschlossen hat, kommende Saison nicht in Covent Garden zu gastieren, da sie ihre Aufmerk­sam­keit fair zwischen der Musik und ihrem Kind teilen möchte. Noch Fragen? Ach ja: Ihre neue Veröf­fent­li­chung mit den Sympho­nien 2 & 21 von Miec­zyslaw Wein­berg, gemeinsam mit , ihrem Orchester und der , ist nicht nur eine über­fäl­lige Ausgra­bung, sondern auch mit musi­ka­li­scher Größe in Szene gesetzt.

Und da wir gerade dabei sind: Dass Geigerin ein Kinder­sin­fo­nie­or­chester in München gründen will (Aufnah­me­be­din­gungen: Probe­spiel und die Beherr­schung der Lagen 1–3) ist eben­falls keine typisch weib­liche Idee, sondern die gute Idee eines leiden­schaft­li­chen Musik­men­schen.

FACH­KRÄF­TE­MANGEL AN BÜHNEN

Dass Sänger an deut­schen Stadt­thea­tern mit Mindest­löhnen zu kämpfen haben, wurde an dieser Stelle schon oft thema­ti­siert. Ein Grund dafür ist, dass unser Stadt­theater-System für viele junge Stimmen noch immer als Sprung­brett für die große Karriere verstanden wird. Doch nun hat Wiebke Hüster sich für die FAZ mit Hubert Eckart von der Thea­ter­tech­ni­schen Gesell­schaft unter­halten, und der bringt ein voll­kommen neues Thema auf die Tages­ord­nung: Im tech­ni­schen Bereich der Theater drohe ein Fach­kräf­te­mangel. „Hier werden alle ausge­quetscht wie Zitronen“, warnt Eckart und erzählt, dass an vielen Häusern die Leis­tungs­fä­hig­keit längst einge­schränkt sei. Die Veran­stal­tungs­branche würde den Thea­tern ebenso den Rang ablaufen wie große Unter­nehmen. Für 2000 Euro würde man keinen Bühnen­meister mehr bekommen – zumal die Aufgaben komplexer und die Ansprüche höher geworden seien. Umdenken tut not: Flexi­blere Arbeit, höhere Löhne, lang­fris­ti­gere Bindungen, mehr Visionen und eine voll­kommen neue Denke, außerdem dürfen Subven­tionen nicht an Auslas­tungs­zahlen geknüpft werden.

GRETAS GRÜNE KLASSIK

Bei einem Gast­spiel der in fallen – Achtung! – rund  700 Tonnen CO2 an. Was würde Greta Thun­berg nur dazu sagen? Ihre Mutter, Malena Ernman, ist eine bekannte Sängerin, stand mit und auf der Bühne und nahm 2009 für am Euro­vi­sion Song Contest teil. Nun hat sie ein Buch über Greta und ihre Familie geschrieben (Szenen aus dem Herzen). Darin erzählt sie von Gretas Autismus und der besten Therapie: dem Kampf für eine bessere Umwelt. Gretas Mutter nimmt nur noch Enga­ge­ments an, wenn sie dafür nicht fliegen muss, und auch das Helsing­borg Konser­thus will in Zukunft auf Flüge verzichten. In haben Musiker der Staats­ka­pelle das ökolo­gi­sche Orchester des Wandels gegründet, und die Albert Konzerte in beraten andere Veran­stalter, um klima­neu­trale Konzerte durch­zu­führen. Greta bewegt also auch die Klassik.

WAS WAR

Der Gasteig in München – Streit um Reno­vie­rungen.

BLANKE NERVEN IN MÜNCHEN

Beim Neubau des Münchner Konzert­hauses wollte man es auf keinen Fall wie bei der machen und verpflich­tete mit dem Schuh­schachtel-Akus­tiker Tateo Naka­jima einen Rivalen der Wein­berg-Archi­tektur. Was aber die Restau­rie­rung des Gasteigs betrifft, zeichnet sich allmäh­lich eine Pein­lich­keit ab, die Elbphil­har­monie, Flug­hafen BER und 21 vereint: Gerade ist das Archi­tek­tur­büro Auer und Weber von seiner Bewer­bung zurück­ge­treten. Das Büro, das auch den Neubau des Haupt­bahn­hofes in München betreute, erklärte: „Nach Sich­tung und Bewer­tung der neuen Verfah­rens­be­din­gungen (…) haben wir uns entschlossen, am Verhand­lungs­ver­fahren nicht weiter teil­zu­nehmen.“ Stein des Anstoßes: Das Urhe­ber­recht der Entwurfs­ver­fasser von einst, der Archi­tek­ten­ge­mein­schaft Raue, Rollen­hagen und Linde­mann, ist so umfang­reich, dass es aktu­ellen Archi­tekten viel zu wenig Spiel­raum für Neues lässt. Ein Vertrags-Erbe, das die Politik schnellst­mög­lich aus dem Wege räumen sollte, um die best­mög­liche Akustik in München zu fördern.

HOFF­NUNG UND FRIEDE IN DEN USA

Die Zahlen sind ernüch­ternd, die MET kämpft unter Inten­dant weiterhin um Publikum und Spon­soren und liegt noch immer im juris­ti­schen Clinch mit Ex-Chef James Levine. Um so größer die Hoff­nung auf den neuen Musik-Chef . Asso­ciated Press nennt ihn bereits die „Mighty Mouse“, die die MET retten soll, er selber ist nach einem Jahr beschei­dener: „Ich verstehe mich nicht als Retter“, sagt er, „aber viel­leicht war ich wirk­lich die rich­tige Person zur rich­tigen Zeit.“ (über die Zukunfts­stimmen an der MET ein lesens­werter Artikel über die Gewinner der National Council Audi­tions in derNew York Times).

Wochen­lang hat uns auch hier der Streik des beschäf­tigt – es war der längste der Geschichte des Ensem­bles. Nun ist er beendet. Man hat sich auf einen Fünf-Jahres-Vertrag geei­nigt, der einen Lohn­an­stieg um satte 14 Prozent vorsieht – zukünftig wird ein Musiker in Chicago 162.000 Euro pro Jahr verdienen.

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AUF UNSEREN BÜHNEN

Nachdem letzte Woche bereits Detlev Glanerts Urauf­füh­rung von Oceane an der Deut­schen Oper in Berlin beju­belt wurde, feierte die Haupt­stadt gestern an der Komi­schen Oper erneut eine Urauf­füh­rung: stellte seine Musik zu M – eine Stadt sucht einen Mörder vor, die von persön­lich in Szene gesetzt wurde. Kinder spielen in diesem Remake des Fritz Lang-Klas­si­kers über einen Kinder­mörder die Erwach­se­nen­rollen unter Silikon-Masken. Ein gespens­ti­sches Groß­stadt-Panop­tikum. Für Premie­ren­kri­tiken ist es noch zu früh, aber der hat bereits die Gene­ral­probe besucht und geju­belt. +++ Clemens Haustein bespricht in der FAZ die Urauf­füh­rung der Holo­caust-Oper Die Wohl­ge­sinnten nach Jona­than Littell in Antwerpen. Kompo­nist Hèctor Parra versucht das lite­ra­ri­sche Epos zu ordnen. „Eine Musik von nerv­tö­tender Geschwät­zig­keit (und darin sich ironi­scher­weise nah an der Roman­vor­lage bewe­gend), von kitschiger Lust am opulenten Klang, ange­füllt mit musi­ka­li­schen Gemein­plätzen“, befindet Haustein, der die Regie von lobt, die dieses Mal kein Blut-Schweiß- und Sperma-Theater ist, sondern das Allge­meine in der epischen Gewalt findet. Bald ist diese Insze­nie­rung auch am Nürn­berger Staats­theater zu sehen.

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PERSO­NA­LIEN DER WOCHE

Die Inter­na­tional Opera Awards wurden vergeben. Hier die wich­tigsten Preis­träger: Bester Diri­gent – , bestes Haus – Opera Vlaan­deren, beste Sängerin – , bester Sänger – Charles Castro­novo, Preis fürs Lebens­werk – . +++ Japans neuer Kaiser Naru­hito ist begeis­terter Brat­schist: „Die Viola sticht nicht heraus“, schrieb er einmal in einem Booklet, „aber die Harmonie wird ohne dieses Instru­ment einsam. Die Brat­sche ist für mich ein Freund geworden, durch den ich viele Menschen treffen durfte.“ Lustig, dass Bären­reiter sofort mit dem neuen Kaiser wirbt. +++ hat sein Team für das Theater an der allmäh­lich zusammen. Nachdem wir vorletzte Woche berichtet haben, dass Carolin Wiel­pütz Betriebs­di­rek­torin wird, steht nun fest, dass auch Peter Heilker, neuden­kender und enga­gierter Opern­di­rektor in , ihm nach Wien folgt.

WAS LOHNT

Weil das, was lohnt bereits am Anfang geschrieben wurde, nämlich die Wein­berg-Aufnahmen mit Mirga Grazi­nyte-Tyla, hier heute einfach Mal nur etwas Schönes zum Ende. In meiner Face­book-Time­line ist ein Film wieder hoch­ge­schwemmt, der einfach wunderbar ist: In der Kantine in einer engli­schen Schule bekommen die Kinder Besuch von einigen Opern­sän­gern. Was dann passiert, beweist die Unmit­tel­bar­keit, das Staunen, das Erschre­cken und die Freude an der Musik

Und falls Sie am Mitt­woch noch nichts vorhaben und zufällig in München sind: Die CRESCENDO-Lounge findet dieses Mal beim Konzert „Volks­lied Reloaded“ statt. und Quadro Nuevo hauchen der Kunst­form neues, multi­kul­tu­relles Leben ein. Gemeinsam mit dem nehmen die fünf Virtuosen die alten Weisen als Start­rampe für krea­tive Höhen­flüge und waghal­sige Impro­vi­sa­tionen. Mit dem CRESCENDO-Ticket gibt es eine Back­stage-Führung, anschlie­ßend ist im Garten­saal Zeit für den Austausch.

In diesem Sinne, halten Sie die Ohren steif.

Ihr,