Willkommen in der neuen KlassikWoche,

heute geht es direkt aus dem österreichischen Lockdown in die deutsche Vorweihnachtszeit. Außerdem: Ein Regisseur verirrt sich in Afrika, die Klassik sucht ihr Heil in der Vergangenheit und: Die Kultur-Streichungen gehen weiter. 

MEHR MUT, LEMBERG!

Gestern erreichte mich eine Nachricht der Dirigentin Oksana Lyniv. Seit Jahren kümmert sie sich um das Erbe von Franz Xaver Mozart, dem Sohn Wolfgang Amadeus Mozarts, der fast 30 Jahre lang unter anderem bei Familie Baroni-Cavalcabò im heute ukrainischen Lwiw (Lemberg) wohnte und dort auch als Pianist und Komponist wirkte. Zur Eröffnung ihres „Mozart-Festivals“ gab Lyniv eine Skulptur von Franz Xaver Mozart beim Bildhauer Sebastian Schweikert (ein Schüler von Alfred Hrdlicka) in Auftrag: Der Mozart-Sohn ist mit einer viel zu großen Perücke seines Vaters und zwei linken Füßen zu sehen. Gegen die Skulptur regt sich nun Protest: Zu modern, heißt es, sie beeinträchtige das öffentliche Stadtbild, und derartige Kunstwerke gehörten in „geschlossene Räume“.

Inzwischen hat das ukrainische Spießbürgertum sogar eine Petition gegen das Kunstwerk ins Leben gerufen und kämpft offensiv gegen Oksana Lyniv! Dabei zeigt die Dirigentin durch ihren Einsatz für Franz Xaver Mozart die internationale Bedeutung von Kunst, erklärt gerade in Zeiten wachsenden Nationalismus, dass es so etwas wie einen „europäischen Geist“ gibt, ein gemeinsames Verständnis für Mitmenschlichkeit und Humanismus. Schweikerts Skulptur ist kein Affront, sondern ein Denkanstoß für die Bürden der Kunst, ein Zeichen des allzu Menschlichen im Hehren und Schönen. Und genau deshalb ist eine Skulptur auch 230 Jahre nach der Geburt des Mozart-Sohnes so wichtig im Stadtbild, nicht nur von Lemberg: Irritation, Aufforderung zum Nachdenken, Klassik nicht als Tapete, sondern als allgegenwärtige Herausforderung. Oksana Lyniv will nun im Stadtrat für die Skulptur kämpfen. Unterstützung hat sie dafür bereits unter anderen von Arie Hartog (Gerhard-Marcks-Haus), Bildhauer Bernd Altenstein oder dem Präsidenten der Stiftung Mozarteum Johannes Honsig-Erlenburg erhalten – und natürlich auch von mir! Und in den kommenden Tagen hoffentlich auch von anderen europäischen Medien.

LÖWEN IN NÜRNBERG

Peter Konwitschnys Inszenierung von Verdis "Troubadour"

Puh – schwerer Fall. Regisseur Peter Konwitschny wurde während der „Troubadour“-Proben in Nürnberg gefeuert. Er hätte eine Choristin verletzend beleidigt, hieß es aus dem Theater, man wollte die konkrete Beleidigung allerdings nicht zitieren. Das tat der Regisseur einen Tag später dann selber: Die Choristinnen sollten in einer Szene schockiert blicken, weil sie von einer Waffe bedroht wurden. „Eine der Nonnen war eine schwarze Sängerin, Frau M., mit der ich schon lange zusammenarbeite“, sagte Konwitschny, „und die hat sich ganz abgewandt, aus Angst vor der Pistole. Da habe ich unterbrochen und gesagt: ‚Frau M., das ist anders, wenn man in so einer Horrorsituation ist, dann will der Körper weg, aber der Blick bleibt haften, den kriegt man nicht weg.‘ Und dann habe ich einfach gesagt: ‚Das ist wie in Afrika, wenn Ihnen ein Löwe entgegenkommt, dann können Sie auch nicht weggucken.‘ Das war´s.

Grundsätzlich verstehe ich die Aufregung nicht, denn für derartige Vorkommnisse sollte es doch längst klare Regel geben (Hatte der Bühnenverein nicht gerade welche vorgeschlagen?): Wenn sich jemand auf Grund seiner Herkunft, Hautfarbe, seines Geschlechts oder seiner sexuellen Orientierung oder Religion von einer Aussage beleidigt fühlt, gilt es das zu akzeptieren. Dafür aber ist es nötig, diese Beleidigung (die dem Gegenüber oft nicht als solche bewusst ist) auch offen zu formulieren. Nach einer Entschuldigung wäre der Fall dann abgeschlossen. In Nürnberg ist die Sache nun eskaliert, weil der Vorfall nicht direkt thematisiert, sondern über Intendant Jens-Daniel Herzog gespielt wurde – und der sah sich zum sofortigen Handeln gezwungen, nicht zum Schlichten. Mehr noch, er nannte die Vertragsauflösung „die einzig mögliche Konsequenz“. Ich bin sicher, es hätte auch eine andere Lösung gegeben, in der Konwitschny verstanden hätte, dass der „alte Kindskopf“ von früher, wie er sich selber gerne nennt, heute ein wenig erwachsen sein sollte. 

EIN BISSCHEN SPASS MUSS SEIN

Zum Glück ist Beethoven zu taub, um Podcasts hören zu können! Der eigentlich ehrenwerte österreichische „Falter“ hat sich in die (hier schon vor Wochen thematisierte) Debatte, ob Beethoven afrikanische Wurzeln hatte, eingeschaltet und – im Ernst – Roberto Blanco eine halbe Stunde lang als „Experten“ eingeladen. Und der quatschte mindestens so viel Unsinn wie Svenja Flaßpöhler bei „Hart aber Fair“. Das Thema ist viel zu spannend für einen Quacksalber! Lieber „Falter“, wie wäre es mit einem echten Experten – oder wenigstens damit, nachts einfach mal ein wenig am Zentralfriedhof nach DNA-Beweisen zu buddeln?

DIE RETRO-KLASSIK

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In der letzten Woche wurde viel darüber geschrieben, dass die Menschen sich gerade in diesen Zeiten gern wieder den Frottee-Pyjama aus Kinderzeiten anziehen, um „Wetten, dass..?“ oder „TV total“ zu schauen und so zu tun, als wären wir noch in der guten alten Zeit. Ein bisschen scheint es diesen Trend in der Klassik ebenfalls zu geben: Letzte Woche habe ich von dem Plácido-Domingo-Zarzuela-Abend an der Wiener Staatsoper geredet, davon, dass eine 30 Jahre alte „Carmen“ von Calixto Bieito als Premiere gefeiert wird (Wer sehen will, wie vier alte weiße Männer Domingo freisprechen, sollte sich diese Horror-Show einmal anschauen.). 

Und wenn man dieser Tage nach München schaut und sieht, wie Simon Rattle mit Magdalena Kožená und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ein bisschen Bach macht, kommt man sich vor wie im Berlin Anfang der 2000er-Jahre. Und wenn man sich dann noch den Trailer zu Steven SpielbergsWest Side Story“ anschaut, denkt man: Warum gibt es eigentlich ein Remake? Sieht doch aus wie in den 50ern, und die Version von 1961 hat doch auch schon für allerhand Tränen gesorgt, allerdings OHNE Leonard Bernstein durch Hollywood-Sound aufzublasen. Hey: Klassik ist eh immer eine Konfrontation mit dem Alten, kann die, bitte, wieder etwas mehr aus unserem Heute stattfinden? Danke! 

CORONA-TICKER

Wiener Staatsoper

Das war’s: Österreich macht dicht! Wahrscheinlich 20 Tage lang Lockdown von heute an. Und Deutschland? Es sieht nicht gut aus auf unseren Intensivstationen, auch bei uns scheinen regionale Lockdowns nicht ausgeschlossen – Sachsen und Bayern haben den Kulturbetrieb bereits heruntergefahren (25 Prozent Auslastung). Und das, obwohl die Auswertung der Luca-App zeigt, dass der Anteil von Ansteckungen im Kulturbereich mit weniger als ein Prozent äußerst gering ist. Und, ja: Die 2G+-Lösung könnte ich persönlich mir in Kultureinrichtungen durchaus vorstellen – allein, um die Kultur am Laufen zu halten! So oder so: Schon jetzt prasselt es überall Absagen, Klangkörper wie das Beethoven Orchester in Bonn müssen Konzerte auf Grund hoher Infektionszahlen im Ensemble streichen. Aber die wirklich Leidtragenden der aktuellen Corona-Situation sind wieder einmal die Soloselbstständigen: Überall auf Facebook ist erneut von Konzertabsagen zu lesen, auch in Bundesländern, in denen Auftritte eigentlich noch möglich wären. Es scheint sich eine Selbstregulierung der Kulturbetriebe anzubahnen. Fakt ist, dass auch die BesucherInnen vorsichtig werden. Allein die Kino-Branche verbuchte in der vorletzten Woche Umsatz-Einbrüche gegenüber der vorvorletzten Woche um 31 Prozent. 

Die AFP meldete, dass die „Branchenauslastung“ im Kulturbereich bereits Anfang November bei lediglich 40 Prozent lag. Und, ja, es wird zu Recht politisches Versagen angeklagt, gleichzeitig haben wir es aber auch – man kann es drehen und wenden, wie man will – mit einem kollektiven Versagen der Einzelnen zu tun. Der Anteil der Ungeimpften auf den Intensivstationen ist verhältnismäßig hoch. Es nervt so langsam einfach nur noch, es ist so unendlich anstrengend – und: Auf der Strecke bleiben schon wieder dieselben Menschen wie in den vorigen Lockdowns. Wir brauchen schnellstmöglich eine funktionierende kulturpolitische Lobby! Die Musik kann und muss weiterspielen.

SCHWARZBUCH DER KLASSIK

Letzte Woche habe ich an dieser Stelle das „Schwarzbuch der Klassik“ begonnen. Die Philharmonie in Nürnberg, die nicht gebaut wird, Einsparungen in den Kultur-Haushalten der Städte und Gemeinden – ich habe Sie gebeten, mir zu schreiben, wo an der Klassik gekürzt wird. Alles wird ins „Schwarzbuch der Kultur-Streichungen“ aufgenommen.

Diese Woche schrieb mir eine Leserin: Die Konzertreihe Klosterkonzerte im Karmeliterkloster Frankfurt am Main (Alte Musik von Renaissance bis Spätbarock) bangt um ihre Förderung. Seit vielen Jahren konnte die Agentur Allegra von Thomas Rainer diese Reihe mit je fünf jährlichen Konzerten durchführen, seit Corona muss sie um die Förderung kämpfen und hofft auf finanzielle Unterstützung. Wie die möglich ist: hier mehr

PERSONALIEN DER WOCHE

Daphne Evangelatos

Der venezolanische Schriftsteller Eduardo Casanova Sucre, Gründungsmitglied von „El Sistemaerhebt Klage gegen das Musik-System von José Antonio Abreu: El Sistema sei eine böswillige Propaganda-Einrichtung gewesen, sagte Casanova Sucre. Etwas spät, könnte man sagen, aber Dirigenten wie Gustavo Dudamel ist bislang nicht einmal das über die Lippen gekommen, trotz all der Vorwürfe und entlarvten Missbrauchsfälle. +++ Daniel Barenboim sagt Auftritte aufgrund eines Rückenleidens ab. Betroffen auch seine Klavierabende in Wien, wo er am 1. Januar das Neujahrskonzert dirigieren soll. Die English National Opera hat gemeinsam mit Netflix die Serie „Tiger King“ als Oper für die Kurzvideoplattform TikTok in Szene gesetzt: Musikalisch gibt es Musik aus „Carmen“ zu hören, gesungen von einem 40 Personen starken Chor und einem Streichorchester. 

Der estnische Komponist Arvo Pärt ist mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. +++ Der Musikwissenschaftler, Regisseur, Intendant, Kritiker und Impresario Peter P. Pachl ist im Alter von 68 Jahren unerwartet verstorben. +++ Die griechische Mezzosopranistin und Gesangsprofessorin Daphne Evangelatos ist im Alter von 69 Jahren gestorben. 

UND WO BLEIBT DAS POSITIVE, HERR BRÜGGEMANN?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Vielleicht da, dass unser Newsletter inzwischen schon fast schamlos mit „Copy Paste“ abgetippt wird: Hier das Original der „Pornografen der Klassik“ und seine Fälschung. Und dann, natürlich, lieber Johannes Martin Kränzle, muss ich Ihnen sagen, dass ich neulich an Sie gedacht habe: Ich saß mit einem schönen Rotwein vor meinem Beamer, schaute auf arte „Wilde Maus“ mit Josef Hader. Wir waren einig über die dürftige Darstellung der Klassik im deutschen Fernsehen. Hier nun haben wir es mit einem Klassik-Kritiker zu tun, für den es keinen Halt mehr in der kulturlosen Welt gibt. Abgesehen davon, dass Hader die gleiche elektrische Zahnbürste wie ich hat, ist er ein „sehr schrulliger alter Mann“. Ich kannte den Film nicht, und finde: Er hat was. Außerdem ist er noch einige Tage in der Mediathek zu sehen – also los!

In diesen Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüggemann 

[email protected]

Titelfoto: Oksana Lyniv/Evgeny Kraws, weitere Fotos: Bettina Stöss / Staatstheater Nürnberg

1 COMMENT

  1. Der Kommentar von Herrn Brüggemann, den ich ansonsten so schätze, schockiert mich fast mehr als der Rauswurf von Herrn Konwitschny.
    Dass der Zeitgeist dafür gesorgt hat, dass diese Nürnberger Choristin sich nicht als Mensch sondern als Schwarze angesprochen fühlt, dafür ist Konwitschny nicht verantwortlich zu machen. Ihn deswegen zum Erwachsenwerden zu ermahnen ist fragwürdig.

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