Willkommen in der neuen KlassikWoche,

heute mit Angst vor dem Ende der Klassik im Radio, einer Farce an der MET und ein bisschen Rechthaberei.

HABEN WIR DOCH GESAGT 

Blick ins Staatstheater Wiesbaden

Klopfen wir uns am Anfang schnell auf die Schulter: Letzte Woche haben wir bereits berichtet, dass Bayreuths frisch verabschiedeter Geschäftsführer Holger von Berg ziemlich sicher an das Wiesbadener Opernhaus seines Kumpels Kai-Uwe Laufenberg (!!!) wechseln wird. Allerdings stand der juristische Einspruch einer Mitbewerberin der Vertragsunterschrift im Wege. Nun hat man im Hessischen Kulturministerium einen kreativen workaround gefunden und sich Holger von Berg pünktlich zum 1. April ins Opern-Osternest gelegt – kein Scherz! 

Bei den Bayreuther Festspielen wird derweil weiter an der Umsetzung im Sommer getüftelt. Kunstminister Bernd Sibler erwartet, dass die Bayreuther Festspiele stattfinden. Dabei sollen jetzt auch Corona-Schnelltests eine Rolle spielen. Ein Großteil der Einnahmen wird wohl dennoch fehlen, berichtet der BR.        

DER KLASSIK-CORONA-TICKER

Die Philharmonie in Berlin

Das erste Konzert der Berliner Philharmoniker vor Publikum nach dem Shutdown hat am Samstag tatsächlich stattgefunden und war ein großer Erfolg. +++ Münchens OB Dieter Reiter teilte derweil mit, dass Gastronomen und Kulturschaffende in seiner Stadt noch nicht mit Öffnungen rechnen könnten. +++ Anders sieht es in Tübingen aus: Das Stuttgarter Kabinett genehmigte den von Boris Palmer gewünschten Modellversuch, der vorsieht, Außengastronomie und Theaterbesuche zu erlauben. Dabei gilt eine strenge Testpflicht. Besucher müssen eine der sechs Stationen in der Innenstadt aufsuchen und sich zum kostenlosen Schnelltest anstellen. Nach einem negativen Ergebnis gibt es ein Tages-Ticket mit Stempel. Mit ihm als „Passierschein“ darf man ins Kino oder ins Theater. +++ Während die Initiative Aufstehen für die Kultur um den Bariton Christian Gerhaher Klage in Deutschland eingereicht hat, reichte in Österreich auch die Florestan-Initiative rund um den Pianisten Florian Krumpöck und die Künstler Alfred Dorfer und Angelika Kirchschlager Klage ein. +++ Für Aufsehen sorgte diese Woche der Cellist Yo Yo Ma, als er ein spontanes Konzert in einer Impfstraße gab. 

DIE RADIO-GAGA-DEBATTE

Blick auf den WDR in Köln

Die Radio-Debatte, die wir an dieser Stelle seit zwei Monaten verfolgen, hat in dieser Woche erneut Fahrt aufgenommen. Unter anderem meldete sich FAZ-Mann Jan Brachmann zu Wort. Er interpretiert die „Verflachung“ der Kulturprogramme, besonders bei RBB und WDR, als „Mobbing gegen Bildungsbürger“. Brachmann reagiert in seinem Text auf die Vorlage von Gabriele Riedle in der taz und verfasste eine Kampfansage an den „Ton der schnoddrigen Inkompetenz“.

Vielleicht ist es hilfreich, sich an dieser Stelle noch einmal bewusst zu machen, dass der Abbau des seriösen Klassik-Feuilletons nicht jetzt im Radio beginnt, sondern vor sechs oder sieben Jahren in Zeitungen begonnen hat. Egal, ob Welt, Süddeutsche oder eben FAZ: Die Zeiten, in denen ihre Feuilletons fast täglich Opern, Konzerte und CDs rezensiert haben, sind schon lange vorbei. In den meisten Blättern wurden die Klassik-Redaktionen auf ein Minimum geschrumpft, feste Mitarbeiter weggespart und Honorare bis zur Lächerlichkeit gekürzt (ein Radio-Beitrag wird mindestens doppelt so gut bezahlt wie ein Zeitungs-Text). Die Relevanz der Musikberichterstattung in Tageszeitungen ist marginal geworden. Es wird da also gerade ziemlich aus dem Glashaus geworfen. 

Das kann man Hartmut Welscher vom VAN-Magazin nicht vorwerfen. Aber bei ihm kam diese Woche der Moderator des „Klassik Forum“ bei WDR 3, Michael Stegemann, zu Wort. Er kritisierte die Neuausrichtung des Senders und in persona die Hörfunkdirektorin Valerie Weber: „Das ›Klassik Forum‹ ist eine sogenannte Autorensendung, das heißt wir Moderatorinnen und Moderatoren sind für die Musikauswahl zuständig. Jetzt hat allerdings ein Prozess der Einflussnahme begonnen. Im Coaching wurde mir deutlich gesagt: ‚Sie haben ja gesehen, dass bei der Hörerbefragung alle Arten von Gesang ganz unten angesiedelt sind, das sollten Sie ja doch mal bedenken.‘ Dann habe ich gesagt: ‚Wie, keine Arie mehr?‘ ‚Na ja, wenn’s denn unbedingt sein muss.‘“ 

Wie schafft man es, sich von Corona nicht unterkriegen zu lassen?
Arnt Cobbers fragt nach. Bei Schaghajegh Nosrati, Frank Strobel und Severin von Eckardstein 

Kann es sein, dass auch hier die Debatte mit ihrem Entweder-Oder in eine falsche Richtung läuft und dass die Kategorien von Hard-Core-Klassik und Seicht-Klassik an sich schon von Gestern sind? Ich arbeite seit Jahren sowohl für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als auch für Klassik Radio. Es ist doch klar, dass der Privatsender aus Augsburg ein Profi in der kommerziell-unterhaltenden Definition von Musik ist. Ebenso wie der Fakt klar ist, dass die Uralt-Radio-Formate und der betuliche Ton zahlreicher öffentlich-rechtlicher Moderatoren (die in Wahrheit Klassik-Experten sind) für einen Großteil der HörerInnen einen ähnlichen Charme entwickeln als würde im Radio täglich eine Sendung mit mathematischen Kurvenbesprechungen laufen. Wäre es nicht an der Zeit, endlich einmal wirklich neu zu denken, statt die eigenen, alten Pfründen zu verteidigen? Wäre es nicht eine gute Maßnahme, die einst niveauvolle Musik-Unterhaltung der öffentlich-rechtlichen Sender neu zu beleben, statt (wie beim Opus Klassik) sowohl die jahrelangen Klassik-Fans zu vergraulen, als auch die angeblich „neue Generation“ zu langweilen? (Die Geigerin Julia Fischer hat zu diesem Thema sehr kluge Ansätze im unten verlinkten Podcast.) 

OFFENE BRIEFE AN DER MET 

Peter Gelb, Intendant der Metropolitan Opera in New York

Für ein Film-Projekt hatte ich in den letzten Wochen ziemlich viel mit der Wagner-Gesellschaft in den USA zu tun. Dort tummeln sich allerhand – sagen wir es mal so – nicht unarme Klassik-Mäzene, die derzeit ziemlich wütend sind, vor allen Dingen auf MET-Intendanten Peter Gelb und darüber, dass er die Musiker seines Orchesters entlassen hat und sich seither herzlich wenig um sie kümmert (zehn der 97 Musiker des Orchesters haben das Ensemble bereits verlassen, seit sie nicht mehr bezahlt wurden, letzte Woche wurde erstmals eine 1.543-Dollar-Zahlung vereinbart). Bei all dem macht auch der MET-Chefdirigent Yannick Nézet-Séguin keine gute Figur. Ein Jahr lang hat er beharrlich geschwiegen, während er auf Instagram lustige Fotos von sich und seinem Freund postete. Nun endlich schrieb er einen öffentlichen Brief an Peter Gelb (die New York Times hat ihn gedruckt), in dem er seine Hoffnung auf eine Einigung mit den Musikern formulierte. Chor und Orchester seien „die Kronjuwelen“ der MET, schrieb Nézet-Séguin. Abgesehen davon, dass es erstaunlich ist, sich ein Jahr lang nicht um seine Kronjuwelen zu kümmern, scheint spätestens die (ebenfalls öffentliche) Antwort von Peter Gelb zu zeigen, dass der Briefwechsel der beiden eher eine Selbstinszenierung der MET-Führungsspitze ist, denn Gelb erklärte dass er „Yannicks Frust über den Lockdown und die Auswirkung für unsere Angestellten“ sehr wohl verstehe und teile. Mehr kam dann nicht.

PERSONALIEN DER WOCHE

Annette Weber wird ab der Spielzeit 2021/22 Operndirektorin in Zürich.

Die Vorgänge um Volksbühnen-Intendanten Klaus Dörr haben nun auch die Intendantin des Schauspiels Hannover, Sonja Anders, auf den Plan gerufen. In einem lesenswerten Text in der Zeit beschreibt sie die Strukturprobleme unserer Stadttheater: „Vielleicht hängt das deutsche Theater überhaupt schon allzu lange einem abgehalfterten Geniebegriff nach, der längst überholt ist. Vielleicht ist die paternalistische Distinktion mancher Theaterschaffenden sowieso kurz vor der Abschaffung.“ +++ In einem ausführlichen Text im Opernmagazin ordnet Bariton Christian Miedl seine Gedanken zur aktuellen Situation von Sängerinnen und Sängern. Welche Rolle spielt das Publikum? Was ärgert viele seiner Kolleginnen und Kollegen? Miedl zeigt sich unter anderem enttäuscht, dass das Publikum, das seine Stars bislang intensiv verfolgt hat, jetzt nicht lauter demonstriert. Ein Spaziergang durch die Seele eines Sängers in schwierigen Zeiten. +++ Jonas Kaufmann und das Parsifal-Star-Ensemble um Elīna Garanča, Ludovic Tézier, Georg Zeppenfeld und Wolfgang Koch muss mit der für den 1. April geplanten Premiere an der Wiener Staatsoper noch warten. Ein Codlid-Fall sorgte für Probenunterbrechungen und eine Verschiebung des Termins. Gute Besserung! +++ Annette Weber, derzeit Casting-Direktorin der Hamburgischen Staatsoper, wechselt zur Spielzeit 2021/22 als neue Operndirektorin nach Zürich. +++ Das Klassikfestival Kissinger Sommer bekommt einen neuen Intendanten. Ab 2022 übernimmt Alexander Steinbeis das Ruder. 

SCHWEIGEN ÜBER JAMES LEVINE 

James Levine

Gestorben ist der Dirigent James Levine schon am 9. März in Palm Springs. Dass sein Tod erst diese Woche bekannt wurde, sagt vieles über die öffentliche Sprachlosigkeit gegenüber dem Phänomen Levine aus. Kaum ein anderer Musiker hat das Musikleben der 80er-Jahre geprägt wie er: perfekte Hochglanz-Klassik und legendäre Aufnahmen! Levine, der sich gern mit weißem Frottee-Handtuch auf der Schulter zeigte, galt als unangefochtener Klassik-Gott – an der MET ebenso wie bei den Münchner Philharmonikern. Diese Woche haben sich viele Klassik-Stars in den sozialen Medien von James Levine verabschiedet. Einige (Plácido Domingo, Anna Netrebko u.a.), vollkommen ohne auf die dunkle Seite des Dirigenten aufmerksam zu machen: Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs, besonders jüngerer, männlicher Musiker. Ja, von einem Netzwerk war sogar die Rede, das von der MET, von Levines Agenten, von jedem, der darüber wusste, gedeckt wurde. Mir persönlich gefiel besonders der Nachruf von Bernhard Neuhoff beim BR.

Berührend fand ich auch die persönlichen Rückblicke, etwa von Dirigent Matthias Fletzberger, der auf Facebook schrieb: „Ich hatte als 18-jähriger eine spezielle Begegnung mit James Levine in Salzburg, die von einem seiner Assistenten ‚herbeigeführt‘ wurde. Ich habe die Suite, in der ich dann unerwarteter Weise mehr von James Levin sah, als ich tatsächlich wollte, ohne weiteres verlassen können (und habe dies auch getan) – wurde allerdings ganz klar darauf hingewiesen, welche Möglichkeiten und Chancen als aufstrebender Musiker ich mir damit verschließen würde. Allerdings möchte ich betonen, dass das damals (1983) nicht weiter auffällig war – ich habe von ebenfalls sehr berühmten Künstlern, Professoren und Agenten, die bis heute nicht in entsprechenden ‚Verruf‘ geraten sind, wesentlich direktere Avancen erhalten und wurde oft auch noch viel unmittelbarer unter Druck gesetzt im Hinblick auf bessere Karrierechance (…). Zugleich würdigt Fletzberger aber Levines musikalisches Genie.

Ich finde es wichtig, dass Übergriffe, Mobbing und Fehlverhalten in der Klassik thematisiert werden, nicht erst, wenn ein vielleicht genialer aber eben unmenschlicher Maestro gestorben ist – sondern ganz besonders dann, solange er noch sein Unwesen treibt. 

UND WO BLEIBT DAS GUTE … 

UND WO BLEIBT DAS POSITIVE, HERR BRÜGGEMANN?

Die Geigerin Julia Fischer

… mein lieber Freund Klemens hatte die Faxen dicke, als wir das letzte Mal gesprochen haben! Er sei ja ein Fan dieses Newsletters, erklärte er mir, aber warum ich den Kästner immer falsch zitiere … Ja, weiß der Teufel, warum! Also von nun an: „Wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?“ 

Hier! Wenn Sie drei Stunden Zeit haben, schauen Sie doch Mal rein in Barrie Koskys Münchner Rosenkavalier mit Marlis Petersen als Feldmarschallin, der gestern Premiere hatte. Mir geht es  nach der „Netrebkoisierung“ der Klassik so, dass jedes kluge, technisch perfekte und vor allen Dingen aussagestarke Singen immer wieder eine Offenbarung ist (hier übrigens mehr zu Marlis Petersen)! Hübsch auch, wie Barrie Kosky statt des Mohren einen alten weißen Mann – oder sollten wir sagen: ein Frank Castorf-Double? – als Vanitas über die Bühne schlurfen lässt. Ach, wie gern wäre ich live dabei gewesen. 

Wenn Sie nur eine Stunde Zeit haben, ja, dann hören Sie doch mal rein, was die Geigerin Julia Fischer in unserem Gespräch zu sagen hat. An dieser Stelle sei nur so viel verraten: Es geht um viele spannende Visionen. Wir fragen uns zum Beispiel, wozu man heute noch Klassik-Labels braucht, wie man Jugendliche für die Klassik begeistern kann und warum, verdammt, nicht jeder dritte Fernsehsender einen wöchentlichen Fix-Termin hat, um sein Orchester zu präsentieren! 

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In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüggemann

[email protected]

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Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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