Willkommen in der neuen KlassikWoche,

heute geht es um die Frage des politisch Korrekten, um die kulturelle Schieflage in Russland, um Jonas Kaufmann im Kuschel-TV und Igor Levit auf Krawall. 

DEBATTEN-NACHKLAPP: RASSIST MOZART? 

Es gab allerhand Reaktionen auf die KlassikWoche vom letzten Montag, auf die Nachricht, dass ein Professor in Oxford die Debatte angezettelt hatte, dass man Mozart und Beethoven unter dem Aspekt des Rassismus neu bewerten und eventuell vom Lehrplan nehmen müsse. Auf jeden Fall sei es wichtig, so hieß es, „weniger weiße, europäische Musik“ und mehr „Musik mit anderen kulturellen Hintergründen“ auf den Lehrplan zu setzen. Tenor Peter Seiffert schickte mir liebe Grüße per Mail aus Griechenland: „Lieber Herr Brüggemann, in Reclams Universal-Bibliothek Nr. 2620, ‚W.A.Mozart – Die Zauberflöte‘, lese ich im 1. Aufzug gleich zu Beginn des Vierzehnten Auftritts: Papageno: ‚Bin ich nicht ein Narr, daß ich mich schrecken ließ? – Es gibt ja schwarze Vögel in der Welt, warum denn nicht auch schwarze Menschen?‘ Mir ist wohl bewusst, dass Mozart nicht der Verfasser des Librettos ist, dennoch finde ich diese Textpassage (nach dem Erstdruck des Textbuches von 1791) höchst respektabel.“ Und ja, dem schließe ich mich an! 

Für mehr Diversität auch an deutschen Unis setzte sich der Komponist Alexander Strauch auf meiner Facebook-Seite ein: „Das mit nicht-westlicher Musik: erst gegen Ende der Studien in München (91–98) und FFM (98–01) spielte nicht-westliche Musik jenseits von Grundlagen des Jazz im Unterricht eine Rolle. Allein deshalb, weil im Unterricht bei Zender & Mundry ein koreanischer Student sowie ein iranischer anfingen, die Musik ihrer Länder zu erklären – der koreanische Student brachte sogar ein traditionelles Instrument mit, der Iraner unterteilte die Oktave in noch mehr Töne als der damals versierteste Mikrotöner. Es war wirklich schade, dass diese Eindrücke nicht früher zugänglich waren. Allerdings in der Nähe und Praxis konnten es auch wiederum nur diese Mitstudierenden vermitteln.“ Persönlich glaube ich, dass es sich nicht ausschließt, die Klassiker immer wieder neu einzuordnen und die Augen und Ohren gleichzeitig in die Welt zu öffnen.

KLASSISMUS“: EINE VOKABEL GEHT NOCH

Und wir müssen uns wohl oder übel noch einen neuen Terminus für politisch korrektes Theater merken: „Klassismus“ bedeutet das stereotype Ausstellen von bestimmten Gesellschaftsschichten durch Klischees und Vorurteile. Ist es okay, dass die Armen auf unseren Opernbühnen stets Feinripp tragen und die Reichen meist Klunker? Das hat Christoph Twickel die Performerin Verena Brakonier und die/den AnthropologIn Francis Seeck für die Zeit gefragt. Wem all das zu viel ist, der sollte vielleicht lesen, wie Dramaturg und Theaterwissenschaftler Bernd Stegemann im Cicero davor warnt, dass die Kunst sich selber zensiert. Ein lesenswerter Auszug aus Stegemanns neuem Buch „Die Öffentlichkeit und ihre Feinde“, in dem es unter anderem heißt: „Die Political Correctness ist ein Kind der neoliberalen Postmoderne. Sie vereinigt alle Kennzeichen dieser Denkweise und liefert den atomisierten Individuen eine neue Orientierung in Form von Moral.“ Außerdem geht es auch um „N‑Worte“ und Sprachpolizei. Unbedingte Leseempfehlung! 

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Wie schafft man es, sich von Corona nicht unterkriegen zu lassen?
Arnt Cobbers fragt nach. Bei Michael Barenboim und Christoph Schickedanz.

WHAT’S UP GREAT BRITAN?

Das Empire in Trauer: Prinz Philip ist kurz vor seinem 100. Geburtstag gestorben. Und der zum Ritter geschlagene Sir Simon Rattle hatte schon zuvor bekannt gegeben, dass er seinen ganz persönlichen Brexit plant: Mit Frau im Gepäck geht es ab nach München! Angeblich soll Rattle dem London Symphony Orchestra zuvor noch die (für ihn lukrative) Variante angeboten haben, drei Jahre lang beide Orchester parallel zu leiten. Aber die Londoner lehnten mit einem ziemlich klaren „no thanks!“ ab, fühlten sich ein wenig verraten und verpflichteten mit Antonio Pappano schnell einen würdigen Nachfolger. Der hat nun in Le Figaro allerdings kurzerhand das aktuelle Orchester-System in Frage gestellt: Können wir uns die großen, reisenden Apparate noch leisten? 

WHAT’S UP RUSSIA?

Alexei Nawalny protestiert im Hungerstreik gegen seine Haftbedingungen, und was hören wir eigentlich von der einst in Deutschland lebenden Musikerin Maryja Aljaksandrauna Kalesnikawa, die in Belarus verhaftet wurde? Leider nur sehr wenig. Und auch der russische Regisseur Kirill Serebrennikow darf noch nicht nach Wien reisen, um hier den „Parsifal“ zu inszenieren. Das tut er nun online. Die Wiener Zeitung weiß, in welche Richtung es geht: „Der Parsifal wird in zwei Lebensaltern auf der Bühnen stehen; Tenor Jonas Kaufmann wird den erfahrenen Gralsritter verkörpern, der Schauspieler Nikolay Sidorenko sein junges Pendant. Die ersten beiden Aufzüge werden als Rückblende erzählt, sagt Chefdramaturg Sergio Morabito und spricht von einem ‚poetischen Erinnerungsraum‘.“ 

DER CORONA-KLASSIK-TICKER

Debatte um das Vorgehen am Teatro Real: Dort wurde die Premiere der Oper „Peter Grimes“ immer wieder verschoben. Das Haus verzichtete darauf, Gründe bekannt zu geben. Es verschwieg, dass bereits 24 Mitarbeiter unabhängig voneinander positiv auf Covid-19 getestet wurden. Nun stellt sich die Frage: Muss ein Haus Gründe angeben oder nicht – der operawire findet, das sei nicht nötig. Ich persönlich finde, es ist nichts dabei, offen zu sein. Wir müssen mit dem Virus leben, und Häuser wie die Staatsoper in Wien machen vor, wie man souverän, transparent und offen mit Fällen umgehen kann. +++ Bei einer Online-Debatte des Musicals-Veranstalters Stage Entertainment klagen Experten darüber, mit Argumenten für Lockerungen nicht mehr durchzudringen. Lüftungs- und Aerosol-Experte Christian Kähler und Philosoph Julian Nida-Rümelin sprachen sich für mehr Mut aus und entwickelten Öffnungsstrategien. Derweil listet der BR auf, wie die Öffnungsstrategien in anderen Ländern sind. +++ Die Salzburger Festspiele planen, 2021 erneut der Corona-Pandemie zu trotzen. Nach der Sitzung des Kuratoriums gab die Festspielleitung grünes Licht für die kommende Festspielsaison und präsentierte die Zahlen für das Geschäftsjahr 2020. Und auch bei den Bayreuther Festspielen wird gespielt werden, unter anderem mit dem „Fliegenden Holländer“, „Meistersinger von Nürnberg“, „Tannhäuser“ und drei Aufführungen der „Walküre“. 

PERSONALIEN DER WOCHE

Jonas Kaufmann mit Ein Weltstar ganz privat auf Romance TV

Jonas Kaufmanns Grill-Doku „Ein Weltstar ganz privat“ ist nun auf einen neuen Sender verschoben und läuft – das ist kein Witz! – bei „romance.tv“, was immer das ist! Liebe SängerInnen, Obacht, wenn Ihr Euch von Judith Williams porträtieren lasst, am Ende landet ihr auf dem Grabbeltisch zwischen Barbara Wussow und Tierärztin Dr. Mertens. +++ Neue Vorwürfe in der Macht-Missbrauchs-Affäre gegen Zürichs Operndirektor Micheal Fichtenholz (wir haben berichtet). Im SRF-Fernsehen erklären Betroffene nun, wie Fichtenholz angeblich vorgegangen sei: Bemerkungen über Körper von Sängerinnen, Po-Tätscheln und anzügliche SMS. Elisabeth Kulmans „What’s Opera Doc“ hat den Beitrag online gestellt. +++ Hilary Hahn braucht keine Werbung mehr: Ihre neue Aufnahme zählt 1,5 Millionen Streams, und auf ihrem Insta-Profil hat sie gerade 100 Übungsstunden absolviert – so sieht Klassik in unserer Zeit aus! +++ Hans Zimmer, Hollywoods Allzweck-Komponist sattelt nun ein bisschen um und schreibt Klingeltöne für einen chinesischen Handyhersteller. 

UND WO BLEIBT DAS POSITIVE, HERR BRÜGGEMANN?

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… weiß der Teufel, wo! Vielleicht in der Tatsache, dass auch ich mal politisch korrekt sein will. Also stelle ich hier einmal die Frage, was eigentlich so unglaublich großartig daran sein soll, wenn ein Klassik-Pianist gemeinsam mit einem Rapper (siehe oben) zunächst einige durchaus schöne Gedanken zur Kunstfreiheit formuliert, um sie dann wieder einzureißen, indem sie offen zur Gewalt aufrufen: „Weil der Verfassungsschutz den NSU mit aufgebaut hat / Weil die Polizei doch selbst immer durchsetzt von Nazis war / Weil sie Oury Jalloh gefesselt und angezündet hat / Und wenn du friedlich gegen die Gewalt nicht ankommen kannst / Ist das letzte Mittel, das uns allen bleibt, Militanz.“ Hey, Igor Levit, muss es denn immer entweder diese „Mimimi-Mentalität“ sein oder gleich besonders hart und auf die Fresse? Und warum klingt das alles so, als wenn Plácido Domingo ein Pop-Crossover macht? Lästig geht, glaube ich, anders. Ich persönlich ziehe die Toleranz der Militanz auf jeden Fall vor.

In diesem Sinne, bleiben Sie entmilitarisiert, demokratisch, emphatisch, gewaltlos und vor allen Dingen: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüggemann 

[email protected]

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2 COMMENTS

  1. Wie sehr der „Komponist“ Alexander Strauch doch von der Kenntnisnahme der „Mikrotöne“ nicht-europäischer Musiktraditionen während seines Studiums profitiert hat! Was für herrliche Werke er geschaffen hat, welche die Menschen süchtig gemacht haben, und ihm zu unsterblichen Ruhm und Ehre gereicht haben!

    Ach, das ist ja alles gar nicht wahr? Ist er in Wirklichkeit nur ein typischer ewiger „Avangardist“ (wie lange lassen sich Menschen mit diesem Begriff noch täuschen?), der Werke „komponiert“, die absolut niemand hören will, weil sie so vergnüglich anzuhören sind, als wenn im Schlachthof gefrorene Schweine mit der Kreissäge halbiert werden?

    Aber immerhin schein Strauch zu ahnen, dass die Tonkunst nicht so ganz sein Ding ist. Und er verlegt sich mehr und mehr zusammen mit seinem Spezi Moritz Eggert auf die politischen Scharfmacherei im Kampf gegen das europäische Kulturerbe und neuerdings auch auf das Wiederkäuen der „Weisheiten“ des Coronaoberpriesters Karl Lauterbach. Der „Bad-Blog“ ist wirklich das traurige Zeugnis geworden, dass die „Avangarde“ künstlerisch nichts zu bieten hat, und ihr Heil in der „politisch korrekten“ Zerstörung des kulturellen Europas suchen muss, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden.

    • Ok, ich geb es zu, ich hätte nicht so früh auf den Sendeknopf drücken sollen: „Avantgarde“ ist die korrekte Schreibweise.

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