KlassikWoche 15/2021

Klas­si­sche Rassisten und die Piano-Mili­tanz

von Axel Brüggemann

12. April 2021

Maryja Kalesnikawa und Kirill Serebrennikow, die Öffnungsstrategien der Salzburger Festspiele und Bayreuth, die Militanz von Igor Levit

Will­kommen in der neuen Klas­sik­Woche,

heute geht es um die Frage des poli­tisch Korrekten, um die kultu­relle Schief­lage in Russ­land, um im Kuschel-TV und auf Krawall. 

DEBATTEN-NACH­KLAPP: RASSIST MOZART? 

Es gab aller­hand Reak­tionen auf die Klas­sik­Woche vom letzten Montag, auf die Nach­richt, dass ein Professor in die Debatte ange­zet­telt hatte, dass man Mozart und Beet­hoven unter dem Aspekt des Rassismus neu bewerten und even­tuell vom Lehr­plan nehmen müsse. Auf jeden Fall sei es wichtig, so hieß es, „weniger weiße, euro­päi­sche Musik“ und mehr „Musik mit anderen kultu­rellen Hinter­gründen“ auf den Lehr­plan zu setzen. Tenor Peter Seif­fert schickte mir liebe Grüße per Mail aus : „Lieber Herr Brüg­ge­mann, in Reclams Universal-Biblio­thek Nr. 2620, ‚W.A.Mozart – Die Zauber­flöte‘, lese ich im 1. Aufzug gleich zu Beginn des Vier­zehnten Auftritts: Papa­geno: ‚Bin ich nicht ein Narr, daß ich mich schre­cken ließ? – Es gibt ja schwarze Vögel in der Welt, warum denn nicht auch schwarze Menschen?‘ Mir ist wohl bewusst, dass Mozart nicht der Verfasser des Librettos ist, dennoch finde ich diese Text­pas­sage (nach dem Erst­druck des Text­bu­ches von 1791) höchst respek­tabel.“ Und ja, dem schließe ich mich an! 

Für mehr Diver­sität auch an deut­schen Unis setzte sich der Kompo­nist Alex­ander Strauch auf meiner Face­book-Seite ein: „Das mit nicht-west­li­cher Musik: erst gegen Ende der Studien in (91–98) und FFM (98–01) spielte nicht-west­liche Musik jenseits von Grund­lagen des Jazz im Unter­richt eine Rolle. Allein deshalb, weil im Unter­richt bei Zender & Mundry ein korea­ni­scher Student sowie ein irani­scher anfingen, die Musik ihrer Länder zu erklären – der korea­ni­sche Student brachte sogar ein tradi­tio­nelles Instru­ment mit, der Iraner unter­teilte die Oktave in noch mehr Töne als der damals versier­teste Mikro­t­öner. Es war wirk­lich schade, dass diese Eindrücke nicht früher zugäng­lich waren. Aller­dings in der Nähe und Praxis konnten es auch wiederum nur diese Mitstu­die­renden vermit­teln.“ Persön­lich glaube ich, dass es sich nicht ausschließt, die Klas­siker immer wieder neu einzu­ordnen und die Augen und Ohren gleich­zeitig in die Welt zu öffnen.

„KLAS­SISMUS“: EINE VOKABEL GEHT NOCH

Und wir müssen uns wohl oder übel noch einen neuen Terminus für poli­tisch korrektes Theater merken: „Klas­sismus“ bedeutet das stereo­type Ausstellen von bestimmten Gesell­schafts­schichten durch Klischees und Vorur­teile. Ist es okay, dass die Armen auf unseren Opern­bühnen stets Fein­ripp tragen und die Reichen meist Klunker? Das hat Chris­toph Twickel die Perfor­merin Verena Brako­nier und die/​den Anthro­po­logIn Francis Seeck für die Zeit gefragt. Wem all das zu viel ist, der sollte viel­leicht lesen, wie Drama­turg und Thea­ter­wis­sen­schaftler Bernd Stege­mann im Cicero davor warnt, dass die Kunst sich selber zensiert. Ein lesens­werter Auszug aus Stege­manns neuem Buch „Die Öffent­lich­keit und ihre Feinde“, in dem es unter anderem heißt: „Die Poli­tical Correct­ness ist ein Kind der neoli­be­ralen Post­mo­derne. Sie verei­nigt alle Kenn­zei­chen dieser Denk­weise und liefert den atomi­sierten Indi­vi­duen eine neue Orien­tie­rung in Form von Moral.“ Außerdem geht es auch um „N‑Worte“ und Sprach­po­lizei. Unbe­dingte Lese­emp­feh­lung! 

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Wie schafft man es, sich von Corona nicht unter­kriegen zu lassen?
Arnt Cobbers fragt nach. Bei und Chris­toph Schi­cke­danz.

WHAT’S UP GREAT BRITAN?

Das Empire in Trauer: Prinz Philip ist kurz vor seinem 100. Geburtstag gestorben. Und der zum Ritter geschla­gene Sir Simon Rattle hatte schon zuvor bekannt gegeben, dass er seinen ganz persön­li­chen Brexit plant: Mit Frau im Gepäck geht es ab nach München! Angeb­lich soll Rattle dem zuvor noch die (für ihn lukra­tive) Vari­ante ange­boten haben, drei Jahre lang beide Orchester parallel zu leiten. Aber die Londoner lehnten mit einem ziem­lich klaren „no thanks!“ ab, fühlten sich ein wenig verraten und verpflich­teten mit schnell einen würdigen Nach­folger. Der hat nun in Le Figaro aller­dings kurzer­hand das aktu­elle Orchester-System in Frage gestellt: Können wir uns die großen, reisenden Appa­rate noch leisten? 

WHAT’S UP RUSSIA?

Alexei Nawalny protes­tiert im Hunger­streik gegen seine Haft­be­din­gungen, und was hören wir eigent­lich von der einst in lebenden Musi­kerin Maryja Aljak­san­d­rauna Kales­ni­kawa, die in Belarus verhaftet wurde? Leider nur sehr wenig. Und auch der russi­sche Regis­seur Kirill Serebren­nikow darf noch nicht nach reisen, um hier den „Parsifal“ zu insze­nieren. Das tut er nun online. Die Wiener Zeitung weiß, in welche Rich­tung es geht: „Der Parsifal wird in zwei Lebens­al­tern auf der Bühnen stehen; Tenor Jonas Kauf­mann wird den erfah­renen Grals­ritter verkör­pern, der Schau­spieler Nikolay Sido­renko sein junges Pendant. Die ersten beiden Aufzüge werden als Rück­blende erzählt, sagt Chef­dra­ma­turg Sergio Morabito und spricht von einem ‚poeti­schen Erin­ne­rungs­raum‘.“ 

DER CORONA-KLASSIK-TICKER

Debatte um das Vorgehen am Teatro Real: Dort wurde die Première der Oper „Peter Grimes“ immer wieder verschoben. Das Haus verzich­tete darauf, Gründe bekannt zu geben. Es verschwieg, dass bereits 24 Mitar­beiter unab­hängig vonein­ander positiv auf Covid-19 getestet wurden. Nun stellt sich die Frage: Muss ein Haus Gründe angeben oder nicht – der opera­wire findet, das sei nicht nötig. Ich persön­lich finde, es ist nichts dabei, offen zu sein. Wir müssen mit dem Virus leben, und Häuser wie die Staats­oper in Wien machen vor, wie man souverän, trans­pa­rent und offen mit Fällen umgehen kann. +++ Bei einer Online-Debatte des Musi­cals-Veran­stal­ters Stage Enter­tain­ment klagen Experten darüber, mit Argu­menten für Locke­rungen nicht mehr durch­zu­dringen. Lüftungs- und Aerosol-Experte Chris­tian Kähler und Philo­soph Julian Nida-Rümelin spra­chen sich für mehr Mut aus und entwi­ckelten Öffnungs­stra­te­gien. Derweil listet der BR auf, wie die Öffnungs­stra­te­gien in anderen Ländern sind. +++ Die planen, 2021 erneut der Corona-Pandemie zu trotzen. Nach der Sitzung des Kura­to­riums gab die Fest­spiel­lei­tung grünes Licht für die kommende Fest­spiel­saison und präsen­tierte die Zahlen für das Geschäfts­jahr 2020. Und auch bei den Bayreu­ther Fest­spielen wird gespielt werden, unter anderem mit dem „Flie­genden Holländer“, „Meis­ter­singer von “, „Tann­häuser“ und drei Auffüh­rungen der „Walküre“. 

PERSO­NA­LIEN DER WOCHE

Jonas Kaufmann mit Ein Weltstar ganz privat auf Romance TV

Jonas Kauf­manns Grill-Doku „Ein Welt­star ganz privat“ ist nun auf einen neuen Sender verschoben und läuft – das ist kein Witz! – bei „romance​.tv“, was immer das ist! Liebe Sänge­rInnen, Obacht, wenn Ihr Euch von Judith Williams porträ­tieren lasst, am Ende landet ihr auf dem Grab­bel­tisch zwischen Barbara Wussow und Tier­ärztin Dr. Mertens. +++ Neue Vorwürfe in der Macht-Miss­brauchs-Affäre gegen Zürichs Opern­di­rektor Micheal Fich­ten­holz (wir haben berichtet). Im -Fern­sehen erklären Betrof­fene nun, wie Fich­ten­holz angeb­lich vorge­gangen sei: Bemer­kungen über Körper von Sänge­rinnen, Po-Tätscheln und anzüg­liche SMS. Elisa­beth Kulmans „What’s Opera Doc“ hat den Beitrag online gestellt. +++ braucht keine Werbung mehr: Ihre neue Aufnahme zählt 1,5 Millionen Streams, und auf ihrem Insta-Profil hat sie gerade 100 Übungs­stunden absol­viert – so sieht Klassik in unserer Zeit aus! +++ Hans Zimmer, Holly­woods Allzweck-Kompo­nist sattelt nun ein biss­chen um und schreibt Klin­gel­töne für einen chine­si­schen Handy­her­steller. 

UND WO BLEIBT DAS POSI­TIVE, HERR BRÜG­GE­MANN?

… weiß der Teufel, wo! Viel­leicht in der Tatsache, dass auch ich mal poli­tisch korrekt sein will. Also stelle ich hier einmal die Frage, was eigent­lich so unglaub­lich groß­artig daran sein soll, wenn ein Klassik-Pianist gemeinsam mit einem Rapper (siehe oben) zunächst einige durchaus schöne Gedanken zur Kunst­frei­heit formu­liert, um sie dann wieder einzu­reißen, indem sie offen zur Gewalt aufrufen: „Weil der Verfas­sungs­schutz den NSU mit aufge­baut hat / Weil die Polizei doch selbst immer durch­setzt von Nazis war / Weil sie Oury Jalloh gefes­selt und ange­zündet hat / Und wenn du fried­lich gegen die Gewalt nicht ankommen kannst / Ist das letzte Mittel, das uns allen bleibt, Mili­tanz.“ Hey, Igor Levit, muss es denn immer entweder diese „Mimimi-Menta­lität“ sein oder gleich beson­ders hart und auf die Fresse? Und warum klingt das alles so, als wenn ein Pop-Cross­over macht? Lästig geht, glaube ich, anders. Ich persön­lich ziehe die Tole­ranz der Mili­tanz auf jeden Fall vor.

In diesem Sinne, bleiben Sie entmi­li­ta­ri­siert, demo­kra­tisch, empha­tisch, gewaltlos und vor allen Dingen: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

 

[email protected]​portmedia.​de

P.S.: In der letzten Woche gab es leider Zustel­lungs­pro­bleme bei T‑On­line-Kunden, diese sind inzwi­schen behoben.Empfehlen Sie uns gern weiter: Brüg­ge­manns Klassik-Woche jeden Montag kostenlos in Ihrem Post­fach. Einfach regis­trieren unter crescendo​.de