KlassikWoche 17/2020

Der Salz­burger Sonderweg und die Frage: Üben oder faulenzen?

von Axel Brüggemann

20. April 2020

Die Forderungen an Monika Grütters, die virtuelle Gala der Metropolitan Opera mit Anna Netrebko und Jonas Kaufmann, der Quarantäne-Talk von Chen Reiss.

Will­kommen zur neuen Klas­sik­Woche,

dieses Mal mit einem internen Brief der , den allge­meinen Schwä­chen der Kultur­po­li­tiker und der Frage: Sind wir in diesen Tagen beson­ders moti­viert – oder gerade nicht? Aufgrund der zahl­rei­chen Rück­mel­dungen fällt der News­letter dieses Mal ein wenig länger aus – nächstes Mal wieder in gewohnter Kürze.

KRISE DER KULTUR­PO­LITIK

Selten gab es absur­dere Pres­se­kon­fe­renzen, als diese von Öster­reichs Vize­kanzler und Kultur­mi­nister Werner Kogler und Kultur­staats­se­kre­tärin Ulrike Lunacek.

Inzwi­schen ist es unüber­sehbar: Die Kultur scheint aus poli­ti­scher Perspek­tive irrele­vant für das System zu sein – und die klas­si­sche Musik schon über­haupt. Weder in der Ansprache von Angela Merkel, noch von fiel das Wort Kultur – was Bern­hard Neuhoff beim Baye­ri­schen Rund­funk zu Recht auf die Palme gebracht hat. Das Versagen von Kultur­staats­mi­nis­terin haben wir bereits in den letzten News­let­tern hinrei­chend bespro­chen (und tun das in den News weiter unten erneut). Öster­reich hat die Chance, es besser zu machen, leider auch vertan. Der grüne Vize­kanzler und Kultur­mi­nister Werner Kogler und die grüne Kultur­staats­se­kre­tärin Ulrike Lunacek haben eine eigene Pres­se­kon­fe­renz zu den weiteren Maßnahmen abge­halten. Die war an Pein­lich­keit leider nicht zu über­bieten. Am Ende haben beide nur eines unter Beweis gestellt, dass sie von der prak­ti­schen Arbeit an Thea­tern, in Konzert­sälen und in Fern­seh­pro­duk­tionen einfach keine Ahnung haben. Groß­ver­an­stal­tungen, bei denen „viele Menschen stehen“, seien bis mindes­tens 31. August verboten, alles Weitere würde bis Mitte Mai entschieden: auch die Möglich­keit von Sommer­fes­ti­vals. Es hätte gereicht, wenn Kanzler Sebas­tian Kurz zuvor einfach ange­kün­digt hätte, dass weitere Maßnahmen für die Kultur Mitte Mai bekannt­ge­geben würden. Im Netz sorgte die Pres­se­kon­fe­renz indes für Unver­ständnis und Hohn. Tenor verkün­dete live auf Face­book: dass er nun wohl Sommer­fe­rien habe, auch die Sopra­nistin Daniela Fally stimmte in den Hohn ein und scherzte über Liebes­szenen mit Mund­schutz – am Lustigsten der Diri­gent Michael Güttler, der ankün­digte, einen Tauch­kurs zu belegen, um von Mitte Mai an diri­gieren zu können, ohne zu atmen. Ach ja, meinen Kommentar zu diesem PR-Desaster für den Sender Puls24 gibt es hier. Das wirk­lich Tragi­sche ist, dass ausge­rechnet die Kultur­na­tionen und Öster­reich, wo sich Poli­tiker ansonsten gern im Licht von Künst­lern und Musi­kern sonnen, ihre Künstler nun finan­ziell weit­ge­hend allein lassen und nicht einmal mit warmen Worten würdigen.

DER SALZ­BURGER SONDERWEG

Will die 100. Salz­burger Fest­spiele unbe­dingt irgendwie statt­finden lassen:

Dass die Pres­se­kon­fe­renz von Vize­kanzler und Kultur­mi­nister Werner Kogler und Kultur­staats­se­kre­tärin Ulrike Lunacek in Wien so beschä­mend war, könnte auch am Druck der Salz­burger Fest­spiele gelegen haben, nament­lich an Präsi­dentin Helga Rabl-Stadler und Landes­haupt­mann Wilfried Haslauer. Sie scheinen die 100. Jubi­lä­ums­fest­spiele unbe­dingt begehen zu wollen – wie auch immer. In einem internen Schreiben an die Mitar­beiter hieß es trotzig: „Wir bleiben bei unserem Stufen­plan und fällen die Entschei­dung (…) im Mai.“ Explizit wird der Salz­burger Landes­haupt­mann zitiert, der natür­lich auf die Tourismus-Indus­trie schielt: „Inter­es­sant ist in diesem Zusam­men­hang auch eine Zahl, die uns Landes­haupt­mann Haslauer heute genannt hat. Noch am 20. März, also nicht einmal vor einem Monat, hat sich die Zahl der Infi­zierten inner­halb von 12,5 Tagen verdop­pelt. Jetzt ist diese Zahl auf sensa­tio­nelle 192 Tage gestiegen.“ Und dann ist sich die Fest­spiel­lei­tung nicht zu schade, das Ausbremsen dieses Opti­mismus nach Deutsch­land zu verschieben: „Grund zu Pessi­mismus aller­dings gibt die Ansage von Bundes­kanz­lerin Angela Merkel, dass in Deutsch­land Groß­ver­an­stal­tungen bis 31. August verboten sind.“ Dieser von Helga Rabl-Stadler, und Lukas Crepaz unter­zeich­nete, interne Brief, lässt uns mit aller­hand Fragen zurück: Wie stellt Salz­burg sich das alles vor? Über 2000 Menschen in der Felsen­reit­schule, auf der Bühne der Elektra-Wahn­sinn, die Don Giovanni-Liebe und Rache-Szenen der Tosca? Woher sollen die Sänger, woher das Publikum kommen? Ich will nicht in die Suppe spucken und bin für Opti­mismus: Aber machen wir uns nichts vor: Die Wiener Pres­se­kon­fe­renz und die Hoff­nung in Salz­burg sind nichts anderes, als Verzö­ge­rungs­tak­tiken. Viel­leicht wäre die Energie besser genutzt, sich jetzt große und span­nende digi­tale Alter­na­tiven auszu­denken. Ich persön­lich habe von verschie­denen Salz­burg-Künst­lern gehört, dass sie schon lange nicht mehr an den Fest­spiel­sommer glauben, und auch Elisa­beth Sobotka von den Bregenzer Fest­spielen soll bei Künst­lern bereits eruiert haben, wie man mit einer Absage umgehen könnte. Künstler brau­chen keine Heraus­zö­ge­rungs­tak­tiken, sondern Klar­heit und Ehrlich­keit – das ist das Einzige, was Perspek­tiven eröffnet. 

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Eine Auswahl der über 900 Klassiklabels aus der Naxos Music Library

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CORONA-NEWS

Ein Opern­spaß in unlus­tigen Zeiten: die Quar­an­flöte mit

, , , René Pape und melden auf Initia­tive von Zweifel an Kultur­staats­mi­nis­terin Monika Grüt­ters an und fordern sie in einem offenen Brief auf „dass Sie (Grüt­ters) sich zumin­dest für adäquate Ausfall­ho­no­rare durch die staat­lich subven­tio­nierten Insti­tu­tionen, Theater, Opern­häuser, Orchester, Konzert­hallen, und die öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk­an­stalten einsetzen und ein akzep­ta­bles Resultat erzielen (soll).“ Das Erschre­ckende sind die Leser­kom­men­tare, u.a. auf der Seite der WELT. In der Mehr­zahl mit der Tendenz, dass Klassik-Künst­lern staat­liche Hilfe verwehrt bleiben sollte – einige Leser regen sogar an, dass Musiker in diesen Tagen Spargel stechen sollten. Ein ernüch­ternder Einblick in die Welt jenseits unserer Klassik-Echo­kammer. Und viel­leicht auch ein Ansatz für Nach-Corona-Zeiten, die eigene Igno­ranz gegen­über dem nicht klas­sik­af­finen Publikum, das unsere Kunst immerhin mitsub­ven­tio­niert, selbst­kri­tisch zu über­prüfen. Es ist ehren­wert, wichtig und gut, dass „große Künstler“ sich für die Belange der „kleinen Künstler“ einsetzen. Fakt ist aber auch, dass in guten Zeiten nicht jeder der „großen Künstler“ auch glaub­haft danach gehan­delt hat. Und noch etwas wird nun offenbar: Klassik ist aus den popu­lären Medien, etwa den Haupt­pro­grammen des Fern­se­hens, verschwunden – was ihr einen Groß­teil der breiten Basis raubt. +++ Nachdem der ORF die Aktion „Wir spielen für Öster­reich“ ins Leben gerufen hat, plant die MET in am 25. April die große Opern-Sause: Mit Stars wie und will die renom­mierte New Yorker Metro­po­litan Oper in der Corona-Krise eine virtu­elle Gala orga­ni­sieren, die um 19.00 Uhr MESZ kostenlos im Internet zu sehen sein wird. +++ Es sind nicht nur die großen Opern­häuser, die digital aufrüsten – auch in wird ein Spiel­plan für das Netz präsen­tiert. +++ Was der desi­gnierte Direktor der , Bogdan Roščić, für die nächste Saison plant, wird am 26. April in einer Sendung auf ORF III präsen­tiert. +++ Hörens­wert: der Podcast von Irene Kurka, die dieses Mal mit Luise Enzian darüber redet, wie die Musi­kerin einen Antrag beim Arbeitsamt gestellt hat. +++ Unbe­dingt anschauen: die „Quar­an­flöte“ mit René Pape, und vor dem Bade­zim­mer­spiegel. +++ Die sind inzwi­schen eben­falls abge­sagt

WAS WAR DENN DAS, VLADIMIR BALZER? 

Ich mag den Deutsch­land­funk, auch wenn ich den Kritiker-Duktus manchmal allzu beleh­rend und allzu allwis­send, etwas zu kultur­zy­nisch empfinde. Ich weiß, dass Meinungs­viel­falt auch – und gerade – in Zeiten wie diesen wichtig ist. Auch deshalb ist es wichtig, über Meinungen zu streiten, weshalb ich hier nun – nach einigen Abwä­gungen – schreibe, dass der Mode­rator Vladimir Balzer für mich ein Beispiel dieser Kultur-Arro­ganz gelie­fert hat. In einem Kommentar erklärte er, dass die sofor­tige Öffnung von Thea­tern und Opern­häu­sern nötig und nur eine Frage der Orga­ni­sa­tion sei. So wie Auto­häuser, Baumärkte oder Züge seien Theater „Orte der Begeg­nung“, argu­men­tiert Balzer und wirbt dafür, das Live-Erlebnis Theater zuzu­lassen – weil es uns, im Gegen­satz zum Kultur-Erlebnis vor dem Fern­seher oder am Handy, zwingt zuzu­hören: „So einfach kommt man nicht aus seiner Sitz­reihe, gerade wenn man in der Mitte sitzt! Flucht schwer gemacht. Da ist da und live ist live, das gibt es kein Pardon.“ – Eben, Vladimir Balzer, auch dann nicht, wenn der eine neben dem anderen plötz­lich zu husten beginnt. Wie welt­ab­ge­wandt, zynisch und verblendet muss man eigent­lich sein, wenn man die sofor­tige Öffnung der Theater mit folgenden Worten propa­giert: „Ich möchte wieder nach der Auffüh­rung mit Freunden ein paar Gläser Ries­ling trinken. In einer Bar. Ganz nah beiein­ander stehend. Danach bei der Verab­schie­dung mit ihnen in den Armen liegen.“ Herr Balzer: Das wollen wir alle! Aber wer Beet­hoven hört, kann derzeit nicht mehr nur an seinen Ries­ling und die Theater denken. Er schaut auch nach Italien, Frank­reich, oder nach New York – freut sich über leichte Locke­rungen und ist gespannt, was das Ergebnis in zwei Wochen zeigt. Er spürt dann so etwas wie Mitmensch­lich­keit oder Verant­wor­tung. Viel­leicht haben Sie keine Eltern mehr, keine Groß­el­tern – viel­leicht ist die Live-Kultur der einzige Sinn Ihres Lebens. Aber, lieber Vladimir Balzer, die Kunst ist nicht für gelang­weilte Prenz­lauer-Berg Feuil­le­to­nisten erfunden worden, nicht für den gelang­weilten Feuil­leton-Jet-Set! Zu argu­men­tieren, dass Auffüh­rungen „keine nette Beigabe“ seien, sondern „Teil unserer huma­nis­ti­schen DNA. Wenn bis zum Ende dieser Saison nichts mehr läuft, dann ist das ein Desaster für die Bühnen und es ist ein Desaster für uns“, stimmt das natür­lich – aber lieber Herr Balzer, Sinn der Kultur ist auch das Erlernen von Mitmensch­lich­keit und von Gemein­sinn. Ich jeden­falls bin froh, dass Feuil­le­ton­leute wie Sie oder ich nicht verant­wort­lich für die Orga­ni­sa­tion einer Krise sind. Lieber Vladimir Balzer, trinken wir einfach einen Ries­ling, wenn all das endlich vorbei ist.

NEUE VERWER­TUNGS­KETTEN FÜR STREA­MING

Die Reak­tionen auf unseren letzten News­letter waren groß – beson­ders, was das Thema Streams betrifft. Kostenlos streamen in Zeiten von Corona? Ich habe diese Frage noch einmal mit Holger Noltze, Professor für Musik­jour­na­lismus und Erfinder der Platt­form takt1, bespro­chen.

UND WIE GEHT ES EUCH SO?

„Üben ja, aber nicht täglich“, antwor­tete die Sängerin Eleo­nore Marguerre auf unsere Frage, „dafür aber einfach mal wieder Partien just for fun durch­singen. Meine Moti­va­tion ist vor allem das sport­liche »Dran­bleiben« und Fitbleiben. Statt­dessen dann eben Grafiken basteln…“ – und das hier ist das Ergebnis.

Eigent­lich ging es mir nur darum, den Finger in die Luft zu halten und ein biss­chen die Stim­mung zu schnup­pern. Weil ich an mir selber merke: Nach der Schock­starre kam die Phase der Ideen – und nun beginnt der mühsame Weg, das Erdachte in die Welt zu bringen. Deshalb habe ich auf meiner Face­book-Seite gefragt: „WIE IST DAS BEI EUCH MUSI­KERN? Übt Ihr gerade mehr (weil mehr Zeit) oder weniger (weil kein Ziel und keine Moti­va­tion)? – Wie moti­viert Ihr Euch? Was hat sich beim Üben verän­dert?“ In weniger als einem Tag kamen 70 Kommen­tare – und ich habe beschlossen, alle Stimmen (pfeifen wir auf die Länge!) am Ende zu Wort kommen zu lassen. Denn alle Antworten zusammen spie­geln die Situa­tion der Kultur: Unsi­cher­heit, Neugier, Lähmung, Taten­drang – die Indi­vi­dua­lität des Einzelnen. Viel­leicht fasst Tenor Michael Schade es am besten zusammen: „Bleibt BITTE moti­viert Freunde und JA studiert.“ Und hier nun die Antworten der Künstler (wer mehr über sie wissen will – ich habe die Namen mit den Websites verlinkt):

Check the Gate auf Insta­gram – hier talkt die Sopra­nistin .

Die Sängerin Chen Reiss (hat einen eigenen Quaran­täne-Talk): Ziele und Moti­va­tion hab ich genug, aber die Zeit fehlt!!! Und vor allem die Geduld. Fragst du dich wieso? Naja, ich arbeite 12 Stunden pro Tag, 7 Tage die Woche und kriege dafür keine Gage. Habe aber einen Titel – Mummy!!! Schaffe es trotzdem eine Stunde jeden zweiten Tag zu üben, damit ich nicht vergesse, wie es geht.

Die Sängerin Nadine Weiss­mann: Wie viele meiner Sänger­kol­legen übe ich vor allem gerne mit einem Repe­titor, was jetzt natür­lich wegfällt. Die Moti­va­tion hole ich mir gerade ein wenig durch ein geplantes span­nendes Rollen­debut (…) Mir fällt es gerade schwer, z.B. viele der Streams mit Opern­vor­stel­lungen zu schauen, was ich sonst gerne mache, jetzt ist es einfach zu depri­mie­rend, zu sehen, was einen sonst oft beflü­gelt hat, weil man keine Perspek­tive hat, wann man selber wieder auf einer Bühne stehen darf/​kann. 

Der Cellist Claudio Bohór­quez: Aus der Sicht als konzer­tie­render Künstler sind mir zu der Flut an gutge­meinten Wohn­zim­mer­kon­zerten, die (…) kostenlos ange­boten werden, seit einiger Zeit viele Fragen durch den Kopf gegangen. (…) Es ist kein Geheimnis, dass die o.g. Auftritte auch ein nach­hal­tiges markt­wirt­schaft­li­ches Poten­zial für die Kultur­land­schaft beinhalten, zumal viele dieser Auftritte in nied­riger Aufnahme- und Bild­qua­lität gestreamt werden. Sind das nicht die glei­chen Künstler, die Klau­seln mit Veto-Recht in den übli­chen Verträgen veran­kern und dafür extra vom Veran­stalter bezahlt werden? Heute liest man quer in allen seriösen Medien, dass der Wert der klas­si­schen Musik infla­tionär am Versinken ist. Es bleibt nur die Hoff­nung, dass doch ein gesell­schaft­li­ches Wunder geschieht. Jetzt gehe ich moti­viert zurück an mein Cello und lasse mich von den Idealen der großen Kompo­nisten der Vergan­gen­heit weiter inspi­rieren.

Der Diri­gent Gerrit Prieß­nitz: Ich stelle fest, dass intrin­si­sche Motive nicht verschüttet sind, die Liebe zu der Musik, die mich zutiefst bewegt (…) Aber die Arbeit daran ganz ohne externes Ziel, ohne einen Hori­zont, auf den man hinlernt, hinübt, sich geistig in eine Partitur hinein­be­wegt, die fällt mir zuneh­mend schwer. Vom Arbeit­geber mit einem Tele­fonat von 100 auf 0 gesetzt zu werden und zugleich komplett durch alle staat­li­chen Hilfs­raster zu fallen, tut ein Übriges dazu, dass mir die Natur und Lite­ratur momentan näher stehen, als die Parti­turen auf meinem Schreib­tisch.

Die Sängerin Nancy Weiß­bach: Gestern wurden nun auch unsere drei Ring-Zyklen bis Ende Oktober abge­sagt. Einfach nur so zu üben ohne Ziel und mit all der Unsi­cher­heit, ob es über­haupt etwas mit den Vorstel­lungen 2021 wird, ist sehr schwer. Neben dem Home­schoo­ling muss man ja ständig neue Formu­lare ausfüllen und sich von Fach­leuten gut beraten lassen. (…) Viel­leicht werde ich wieder in der Charité oder in einem anderen Kran­ken­haus arbeiten gehen, um in der Zwischen­zeit etwas Sinn­volles zu tun.

Nancy Weiß­bach als Brünn­hilde bei den Tiroler Fest­spielen in Erl

Die Sängerin Eva Summerer: Bei mir war es anfangs tatsäch­lich so, dass ich mich die ersten zwei Wochen des Corona-Wahn­sinns gar nicht moti­vieren konnte. Zu gar nichts. Nach diesem Tief habe ich mich hinge­setzt und mir über­legt, welche Partien ich „schon lange mal“ erar­beiten wollte (…) Nach wie vor herrscht aller­dings diese Unge­wiss­heit, wann und wie es weiter­geht und was nächste Spiel­zeit passieren wird; das macht es nicht leicht, moti­viert zu bleiben…

Die Pianistin Katha­rina Nohl: Dadurch dass ich mein erstes Festival „Swiss Female Compo­sers Festival“ auch vertagen durfte, kann ich mich direkt auf mein parallel laufendes Kompo­si­ti­ons­pro­jekt stützen. Exci­ting! Wir als Familie haben die fried­lichste Zeit, seit die Kinder schul­pflichtig sind. Wir genießen Home­schoo­ling!

Der Orga­nist Heinz-Josef Fröschen: Ich übe mehr, aller­dings ist es wirk­lich mühsam, sozu­sagen „ziellos“ drauflos zu musi­zieren. Aber so ganz ohne Chor­proben, Gottes­dienste ist’s schon fad.

Der Kompo­nist und Pianist : Moti­viert und sehr produktiv. Bereite die Aufnahmen und Programme für die nächsten Jahre schon vor und habe dabei sogar noch viel Zeit zum Lesen und zur tiefer­ge­henden Inspi­ra­ti­ons­suche. Internet und Telefon bleiben 70% der Zeit ausge­schaltet, den Infor­ma­ti­ons­o­ver­kill kann ich gar nicht gebrau­chen.

Der Kompo­nist Alex­ander Strauch: Kompo­si­to­risch bekomme ich nicht viel hin, da Konzerte & Urauf­füh­rungen erst einmal abge­sagt oder verschoben sind. Daher arran­giere ich für Orchester aus Semi-Profis & Laien (…) Tages­ak­tu­elles und Kultur­po­litik regen mich da eher auf und lassen mich für den Bad Blog of Musick etwas hervor­bringen. Ansonsten hoff­nungs­voll Termine im Oktober und November, wo einiges doch noch die Jahres­bi­lanz retten könnte.

Der Sänger Wolfram Lattke: … nun gab und gibt es mal ein paar Aufgaben, die über Stream ins Publikum finden. Das ersetzt aber nicht viel, nur, dass man Musik machen kann und darf und einen kleinen Obulus verdient. Ein essen­zi­eller Teil des Berufes ist dabei (…) einfach nicht anwe­send: das Publikum, welches (…) den Zauber, eines Live-Auftritts ausmacht.

Die Harfe­nistin Silke Aich­horn bei der Arbeit

Die Harfe­nistin Silke Aich­horn: Mein Tag ist wie immer ziem­lich zu kurz, ich bin mehr als sonst und super­glück­lich an der Harfe. Bereite gerade 2 neue CDs vor und habe noch so viele andere Ideen. Dazwi­schen Radeln, gut kochen, Family, Haus und dieser tolle Früh­ling.… 

Der Kompo­nist und Pianist Franck A. Holz­kamp: Ich übe weniger… Aber das Kompo­nieren kommt voran: nach einer anfäng­li­chen Blockade ist nun eine ausge­spro­chen krea­tive Phase ange­bro­chen (…) Und es gibt mir Halt (auch wenn es unglaub­lich viel Kraft kostet!), mit meinen Klavier- und auch Theorie- und Kompo­si­ti­ons­schü­lern über Skype oder Face­Time verbunden zu sein und arbeiten zu können. Mein Takt­stock aller­dings fristet momentan ein unbe­frie­di­gendes Schat­ten­da­sein und liegt in seiner Scha­tulle wie in einem Sarg… Traurig, traurig!

Der Pianist Thomas Uhlmann: Ich übe etwas mehr – und lauter Lieb­lings­stücke, für die ich sonst keine Zeit hatte…

Der Pianist Kai Adomeit: Ich kann endlich mal all die Werke auspro­bieren, zu denen ich sonst nie komme, kann z.B. endlich mal den ganzen Joseph Holbrooke und die Scar­latti-Gesamt­aus­gabe durch­fin­gern. (…) Moti­va­tion? Die Musik hat mich schon zweimal durch lange Phasen körper­li­cher Zerbrech­lich­keit am Leben gehalten – ohne Musik sterbe ich…

Die Sängerin : Die Situa­tion drückt auf die Nerven, und da wir mit dem Körper arbeiten, merken das die meisten mal mehr mal weniger. Moti­va­tion ist schwierig, wenn man nicht weiß, ob und wann es weiter­geht. 

Der Sänger Bern­hard Hansky: Tatsäch­lich habe ich mein Pensum auf ein Minimum herun­ter­ge­schraubt. Die aktu­elle Spiel­zeit scheint ja komplett im A**** zu sein und selbst die Moti­va­tion, die Kommende vorzu­be­reiten, hält sich bei den aktu­ellen Aussichten in Grenzen. (…) Bin daher gerade in einer Art „Schock­starre“ und warte hände­rin­gend auf ein realis­ti­sches Datum der Regie­rung. Mit dem Ziel im Auge wird es dann auch wieder Spaß machen, die Stimme zu gebrau­chen. Momentan jeden­falls iden­ti­fi­ziere ich mich nicht als „Sänger“.

Die Pianistin Martina Filjak: Ich finde endlich die Zeit, um entspannt zu üben, das Reper­toire in Ruhe und mit Genuss zu lesen ohne den Druck, dass man es bald vor einem Publikum liefern muss. (…) Man findet, dass es Liebe für Musik und für die Kunst gibt, auch ohne konstante „Bewun­de­rung“ oder Feed­back der anderen.

Der Sänger Michael Heim: Man muss sich jetzt quasi selbst in den Hintern treten, was aber nicht schwer fällt, wenn man den Beruf wirk­lich liebt. (…) Hoff­nung macht auch, dass ein spür­barer Ruck durch die Welt der Solo­kämpfer geht: Verschie­dene Initia­tiven gilt es zu bündeln, die sich um die Grün­dung von Inter­es­sens­ver­tre­tungen und Schutz­schirmen bemühen, um die bestehende Ungleich­be­hand­lung abzu­schaffen.

Die Sängerin Giorgia Cappello: Da der Unter­richt online weiter­geht, übe ich recht viel oder sogar mehr, aber das Warum hat sich verschoben. Der Spaß, der durch die Gewiss­heit der Auffüh­rung kommt, fehlt.

Der Diri­gent Matthias Fletz­berger: Ich persön­lich kann dieser Ruhe durchaus auch Posi­tives abge­winnen – man gewinnt Zeit, Altge­wohntes und viel­leicht Fest­ge­fah­renes zu hinter­fragen und auch mal neue Gedanken und Konzepte durch­zu­spielen. Diri­gieren (samt Mitsingen) ist halt auf die Dusche beschränkt. 

Klassik-Fan Matthias Bündinger: Ich frage mich auch, wie ist das mit den höher und hoch­be­tagten Diri­genten und Solisten wie Blom­stedt, Mehta, Baren­boim, Arge­rich, Pollini, für die, drama­tisch über­trieben formu­liert viel­leicht, jeder Tag zählt, wo sie nicht auftreten.

Stefanie Kunschke, als sie noch auf der Bühne stehen durfte

Die Sängerin Stefanie Kunschke: Ich beschäf­tige mich neben dem Singen viel mit (Computer-) Technik (…) Genauso gibt es Meinungen, die gegen „unpro­fes­sio­nelle“ Live­auf­nahmen spre­chen. Ich verstehe das. Aber das ist für mich Druck. „Schön“ ist jedoch, dass man durch so eine Entwick­lung viele neue Ideen und persön­liche Einstel­lungen bekommt (…). Eine Stimme live zu hören und den Sänger zu sehen, ist einfach was Beson­deres, was mangelnde Aufnah­me­technik nur schwer einfangen kann.

Die Pianistin Anna Sutya­gina: Ich bemerke bei mir selbst viele Verän­de­rungen. Man hat zwar den ganzen Tag Zeit, aber man wird lang­samer. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft, und das hindert mich daran, mit voller Konzen­tra­tion zu üben. Ich würde auch zwischen richtig üben, üben und einfach zum Spaß spielen unter­scheiden.

Die Musi­kerin Iris Licht­inger: Genieße es offen gestanden sehr, uner­wartet völlig abtau­chen zu können, ohne jeden Termin­druck. Zeit zu haben und einfach den Früh­ling zu erleben – über­ra­schende und unschätz­bare Erfah­rung. Üben ja, täglich, aber ausschließ­lich mit dem Sohn.

Der Sänger und Barock­tage-Inten­dant Michael Schade: Mein Plan ist täglich fast der gleiche (…). Aber ein Plan muss her. Ob das mehr als vorher ist?? Nein, denke ich, eigent­lich ist es eh wie immer aber mit mehr Unge­wiss­heit und mehr mentalem Trai­ning, so dass ich nicht verzweifle oder versage. Ich wache gene­rell etwas in Panik auf um 400, lese was in der Welt alles passiert, mach mir Gedanken, und denke mir dass ich eh nichts machen kann, außer bereit zu sein, für dann, wenn‘s wieder losgeht. Mit dem Gedanken schlafe ich dann wieder ein. 1) Ich studiere von 7–9 täglich, und das ist MEINE Zeit (…) Derzeit bereite ich unsere Fern­seh­auf­nahme für das Konzert im leeren Stift für unsere Sendung im ORF3und zu Pfingsten mit Luca Pianca vor. 2) Ich unter­richte von 10–13 meine Schüler online. (…) 3) Dann übe ich „Die Tote Stadt“ für den August in Adelaide mit …, und vor allem momentan Schu­bert Lieder für einen Live­stream im Konzert­haus nächste Woche.…fit bleiben fit bleiben… 4) ich kümmere mich um die Inter­na­tio­nalen Barock­tage Stift Melk, um Künstler persön­lich anzu­rufen, so dass ZUKUNFTS­PER­SPEK­TIVEN da sind (…) Und dann wird’s höchste Zeit, die Familie anzu­rufen , vor allem die Kinder die weit weg sind in und nicht hier sein können! Es ist das Aller­wich­tigste für sie da zu sein und sie zu trösten über gecan­celte Matu­ra­feiern und Schule und und und… 

Michael Schade lässt sich auch durch Corona nicht die Laune verderben und grillt.

Es ist die Unter­schied­lich­keit der Wahr­neh­mung, die Kultur ausmacht! Es geht nicht um Nationen, Egos oder Unter­schiede – es geht um uns alle, die Kultur … und zusammen erheben wir die Kunst zur Stimme…

In diesem Sinne, halten Sie die Ohren steif.

Ihr

brueggemann@​crescendo.​de