Klassikwoche 18/2020

Niko­laus allein zu Haus und andere Absur­di­täten

von Axel Brüggemann

27. April 2020

Die Verlängerung von BTHVN2020, die Große Wohnzimmer Gala der Metropolitan Opera in New York, Monika Grütters, die Kulturstaatsministerin der Ankündigungen und leeren Versprechen.

Will­kommen in der neuen Klas­sik­Woche,

Diese Tagen und Wochen sind auf vielen Ebenen ein Reali­tätscheck für die Klassik. Spielen oder nicht spielen? Streamen oder nicht streamen? Protes­tieren oder faszi­nieren? Da wird so manchem Inten­danten allein zu Haus schon ganz schwin­delig. Also los: Ein Blick auf die aktu­ellen Themen der Woche.

SPIELEN ODER NICHT SPIELEN?

Wenigs­tens der „Jeder­mann“ – wie geht es weiter mit den Sommer­fest­spielen?

Wie geht es weiter – das fragen sich beson­ders die großen Festi­vals, die noch nicht abge­sagt sind. Die Beet­hoven Jubi­läums GmbH hat nun eine Entschei­dung gefällt: BTHVN2020 wird mit einem Groß­teil seiner geplanten Veran­stal­tungen bis September 2021 verlän­gert. Die und Inten­dant wieder­holen derweil gebets­müh­len­artig, dass die Salz­burger Jubi­läums-Fest­spiele „in irgend­einer Form“ statt­finden werden (hier ein ausführ­li­ches Inter­view mit der Wiener Zeitung). Dahinter steht frei­lich auch der Druck der Tourismus-Indus­trie von Landes­haupt­mann Wilfried Haslauer. Die , die und das Festival scheinen ähnlich zu denken und wollen irgendwie weiter­ma­chen. Unter­stüt­zung bekommen sie vom Öster­rei­chi­schen Musikrat, der eben­falls Forde­rungen und Möglich­keiten aufge­stellt hat. Derweil fragt Der Tages­spiegel, ob es über­haupt möglich ist, die alten Insze­nie­rungen neu nach Corona-Regeln in Szene zu setzen. Kritiker halten das unbe­dingte Fest­halten an „irgend­wel­chen Auffüh­rungen“ für Quatsch. Sie befürchten, dass exklu­sive Veran­stal­tungen von wenigen Musi­kern vor wenig Publikum die Exklu­si­vität der Klassik nur unter­strei­chen würden und dass die Kosten nicht im Verhältnis zum Erfolg stehen – abge­sehen von der Frage, wer eigent­lich wirk­lich bereit wäre, eine Auffüh­rung unter diesen Umständen zu besu­chen (Manuel Brug hat in der Welt tref­fend beschrieben, warum Inten­danten sich selbst und ihr Publikum mit dem Hinaus­zö­gern von Absagen betrügen). Fakt ist: Auf der Seite der Salz­burger Nach­richten haben sich beson­ders die Nicht-Klassik-Fans in den Leser­brief­spalten über die Pläne der Fest­spiel­lei­tung echauf­fiert (Tonlage: „Gehts in Oasch mit Eure drecks Fest­spiele! Aber keine Partys und Festi­vals????“) . Die Peti­tion deut­scher Sommer­fest­spiele, „Verspielt nicht die Musik“, findet indes nur wenig Reso­nanz. Den Aufruf, hinter dem alle großen Festi­vals des Landes stehen, haben bislang ledig­lich 156 Menschen unter­schrieben. Allmäh­lich stellt sich die Frage, ob die Musik-Szene die Corona-Pause nicht nutzen sollte, um ihren tatsäch­li­chen Stel­len­wert inner­halb der Gesell­schaft zu hinter­fragen, um eine ehrliche Analyse über die neue Distanz zu breiten Publi­kums­schichten anzu­stellen und um sich grund­le­gend zu erneuern. Derzeit sieht es so aus, als müsste sich die Klassik-Szene nach Corona voll­kommen neu aufstellen: in ihren Struk­turen, in ihren Finan­zie­rungs­me­thoden, in ihrem Selbst­ver­ständnis und mit neuem Personal. 

STREAMEN ODER NICHT STREAMEN? 

Die Wahr­heit ist: Nur wenige schauen zu. Stills aus Live-Über­tra­gungen auf Face­book

Das Bild zeigt es: Das Netz hat sich weit­ge­hend satt gestreamt. Selbst große Namen errei­chen live oft nur noch wenige hundert Zuschauer. Eine Ausnahme war die Große Wohn­zimmer Gala der MET in am Wochen­ende: so viele Zuschauer welt­weit, dass man vor Beginn des Streams in ein virtu­elles „Warte­zimmer“ geschickt wurde. Das, was zu sehen war, hat Spaß gemacht: Sehr bekannte, eini­ger­maßen bekannte und weniger bekannte Sänge­rinnen und Sänger haben sich den Staf­fel­stab von Wohn­zimmer zu Wohn­zimmer in die Hand gegeben (beson­ders sehens­wert, die Einlage von ). Kleine Plau­de­reien, große Musik, lustige Ideen und unprä­ten­tiöse Mode­ra­tion von Inten­dant und seinem Chef­di­ri­genten . Die MET hat verstanden, dass auch im digi­talen Zeit­alter der Live-Effekt zählt. Das Konzert stand nur für begrenzte Zeit online und ist heute schon nicht mehr zu sehen. Damit hat die Oper einen der größten Zauber ihrer Kunst ins Netz gerettet: das kollek­tive Erlebnis im Hier und Jetzt. Mal sehen, was sich für heute Abend (27. April) um 20.15 Uhr für sein Live-Konzert auf der Seite der Baye­ri­schen Staats­oper einfallen lässt. 

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Eine Auswahl der über 900 Klassiklabels aus der Naxos Music Library

Premi­um­Hören-Play­list der Woche: #staya­thome und hörKlassik Folge3

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PROTES­TIEREN ODER FASZI­NIEREN?

Das Verhältnis von Staat und Künst­lern scheint derzeit ein wenig zerrüttet. Musiker fühlen sich – oft zu Recht – im Stich gelassen. Zuletzt unter anderem der Sänger , der etwas absurd von einem „staat­lich aufer­legten Berufs­verbot“ spricht und sich über mangelnde Soli­da­rität von Staat und Publikum beklagt. Es scheint mir wichtig, sich jetzt nicht in die Opfer­rolle zu begeben – und vor allen Dingen nicht das Publikum in die Verant­wor­tung zu nehmen, das viel­leicht gerade selber um die nackte Exis­tenz kämpft. Es ist ange­sagt, kreativ zu bleiben und zu faszi­nieren, statt zu lamen­tieren. Denn Fakt ist auch: Der von vielen Künst­lern kriti­sierte „deut­sche Staat“ leistet sich in Nicht-Krisen­zeiten so viel Kultur, wie kaum ein anderes Land. Ein Groß­teil unserer Kultur ist – sowohl bei künst­le­ri­schen Groß­ver­die­nern als auch bei prekär arbei­tenden Künst­lern – nur durch Subven­tionen möglich. Ein Umstand, der schnell vergessen lässt, dass sich in Zeiten wie diesen nicht alles um die Kunst drehen kann: Frisöre und Einzel­händler, Restau­rants und, ja, auch Groß­un­ter­nehmen, stehen eben­falls vor exis­ten­zi­ellen Problemen. Auch sie gehen ihren Jobs zum großen Teil aus Beru­fung und mit Leiden­schaft nach. Ich finde, Künstler wären gut beraten, mit dem zu über­zeugen, was sie am besten können: faszi­nieren statt protes­tieren.

Zur Wahr­heit gehört natür­lich auch, dass Monika Grüt­ters in all dem eine eher schlechte Figur macht. Sie ist eine Kultur­staats­mi­nis­terin der Ankün­di­gungen und leeren Verspre­chen. Seit Ausbruch der Corona-Krise kündigt sie ganz unter­schied­liche Dinge an: Hilfs­pa­kete, Geld – und nun: Ausfall­ho­no­rare, zumin­dest an staat­lich geführten Bühnen. Im Deutsch­land­funk erklärte Grüt­ters jetzt, dass sie über einen an dieser Stelle bereits vor vier Wochen aufge­stellten und auch von in die Debatte einge­brachten Vorschlag nach­denken werde. Es geht darum, Gesetze für Theater zu lockern, damit Häuser auch nicht erbrachte Leis­tungen bezahlen dürfen. Es ginge jetzt darum, „recht­liche Hürden befristet zu besei­tigen“, sagte Grüt­ters. Sie wolle „mit den Bundes­län­dern spre­chen, ob und wie es möglich sei, auf schon beschlos­sene Gagen und Enga­ge­ments einen Abschlag mindes­tens in der Höhe des Kurz­ar­bei­ter­geldes zu zahlen“. Letzt­lich schiebt die Kultur­staats­mi­nis­terin damit die Verant­wor­tung wieder zurück an die Länder und Kommunen, denn die müssen am Ende zahlen. Nicht auszu­schließen, dass die gewiefte Ankün­di­gungs-Poli­ti­kerin auch diese Mal wieder nur ankün­digt, um ihre Hände anschlie­ßend in Unschuld zu waschen. 

INTEN­DANT ALLEIN ZU HAUS

https://​www​.face​book​.com/​a​x​e​l​.​b​r​u​g​g​e​m​a​n​n​/​v​i​d​e​o​s​/​1​0​2​1​7​1​5​8​4​6​6​7​7​5​7​83/

Niko­laus allein zu Haus – eine Steil­vor­lage von Staats­opern-Inten­dant Niko­laus Bachler, der ich nicht wider­stehen konnte.

Ganz schön schwer, für unsere Inten­danten, allein das Haus zu hüten! Oft sind es ja Alpha­männer, die nicht verstehen, dass plötz­lich jemand anderes die Gesetze macht – ja, dass sie weder Reibung, noch Applaus bekommen. Kurz gesagt: dass sie gerade nicht im Rampen­licht stehen. Einige von ihnen wirken ein wenig wie kastrierte Gockel, wie Kaiser ohne Hofstaat oder: wie der letzte Atem einer alten Epoche. Und so sitzt der Inten­dant der Baye­ri­schen Staats­oper, Niko­laus Bachler, verloren in seinem Büro und lamen­tiert über … – tja, man weiß es nicht genau (siehe Video). Sein Kollege  vom Theater in entdeckt „mein Ich als Künstler“ wieder, stellt fest, dass er eigent­lich gar kein Ensemble braucht und erklärt noch schnell, dass seine „Solo Diskurse“ nichts mit seiner poli­ti­schen Verant­wor­tung als Inten­dant zu tun hätten, um dann in Endlos-Mono­logen drauf­los­zu­plap­pern. Dagegen wirkt Ex-Wien-Inten­dant fast schon zurück­hal­tend, wenn er das wirk­lich sehr hübsche Fami­lien-Video seines Sohnes Liviu Holender für die Oper in am Ende doch noch fast über­nimmt und es ihm offen­sicht­lich schwer fällt, nicht das letzte Wort (die letzten Finger auf dem Klavier!) zu haben – immerhin: zum Schmun­zeln. Echt lässig dagegen , der auf der Bühne seiner Komi­schen Oper jiddi­sche Lieder mit Alma Sadé singt. 

UND SONST SO?

Olga Neuwirth

Wird mit dem -Preis geehrt: die Kompo­nistin

Schluss. Ende. Aus! hat ihr endgül­tiges Karrie­re­ende als Sängerin bis Ende 2021 bekannt gegeben. „Ich habe mich entschieden, mein Sänger­da­sein mit Ende 2021 zu beenden, sofern wir bis dahin über­haupt auftreten dürfen“ – mit diesen Worten wird die Mezzo­so­pra­nistin Elisa­beth Kulmann im aktu­ellen „profil“ in einem Inter­view zu ihren Plänen für die Zukunft zitiert. +++ Olga Neuwirth bekommt den Robert Schu­mann-Preis für Dich­tung und Musik: „Eine neue poeti­sche Zeit“ strebte einst Robert Schu­mann an: Damit wandte er sich vor allem gegen ober­fläch­liche Betrieb­sam­keit, inneren Leer­lauf und ästhe­ti­sche Belie­big­keit im Musik­leben seiner Gegen­wart. „Mit Olga Neuwirth trifft Schu­mann bald 200 Jahre später auf eine Geis­tes­ver­wandte“, so die Jury, und: „Mit ihrem offenen, jeder Redun­danz wider­stre­bendem Schaffen tritt die Kompo­nistin für eine erfüllte poeti­sche Zeit des 21. Jahr­hun­derts ein.“ +++ Wie so viele Häuser hat nun auch die ihr Jahres­pro­gramm heraus­ge­geben, von dem niemand weiß, was davon am Ende gespielt wird. Hinreißt es aber nicht so schlimm, weil ein Groß­teil der Produk­tionen eh auf Abruf stehen – Inten­dant Bogdan Roščić setzt auf Zweit­ver­wer­tung aus inter­na­tio­nalen Opern­häu­sern, auf Stars und Regis­seure, die sich schon vorges­tern als sichere Soft-Skandal-Publi­kums­bänke heraus­ge­stellt haben. Ach ja, und darf auch wieder singen. Das ganze Programm: hier. +++ Coro­nabe­dingt muss auch die Eröff­nung der alten Tonhalle in verschoben werden – Konzert soll nun nicht im März, sondern erst im September 2021 statt­finden. +++ Die -Badener Oster­fest­spiele sollen über das Jahr 2022 hinaus in künst­le­ri­scher Koope­ra­tion mit den Berliner Phil­har­mo­ni­kern statt­finden. Der Fest­spiel­haus-Inten­dant Bene­dikt Stampa und Andrea Zietz­sch­mann, Inten­dantin der Stif­tung , unter­zeich­neten einen entspre­chenden Letter of Intent. +++ Die -Inten­dantin Stefanie Carp wird nicht verlän­gert. Sie war zuletzt in die Kritik geraten, weil sie mit Achille Mbembe einen Redner für die Eröff­nung der Ruhr­tri­en­nale 2020 einge­laden hatte, der wegen israel­feind­li­cher und den Holo­caust rela­ti­vie­render Ansichten in der Kritik steht.

BESIN­NUNG UND UNTER­HAL­TUNG

Ans Herz möchte ich Ihnen noch die Gedanken von Erika Pluhar über die Einsam­keit legen, die CRESCENDO veröf­fent­licht hat, und viel­leicht haben Sie ja Lust, gemeinsam mit dem Geiger und Diri­genten in seine Kind­heit in Arme­nien abzu­tau­chen und ihm zuzu­hören, wie er sein erstes Konzert gespielt hat und warum er über­zeugt ist, dass Diri­gieren und Geige­spielen durchaus zusam­men­passen.

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif.

Ihr

[email protected]​crescendo.​de

Fotos: APA