Willkommen in der neuen KlassikWoche,

heute mit zwei skypenden Dirigenten in einem Hotel, mit 50 Euro für Brüggemann und, wie immer, politisch vollkommen korrekt!

POLITISCH KORREKTE KLASSIK?

Als Journalist erlebt man immer öfter, dass LeserInnen einen auf „politische Fehler“ aufmerksam machen. Ich hatte bereits über die Korrespondenz berichtet, die ich mit einer Leserin über den „Rosenkavalier“-„Mohren“ geführt habe. Als ich diese Woche von Wien nach Lübeck zum Schleswig-Holstein Musik Festival geflogen bin, erntete ich Kritik auf Facebook, ob das nicht auch mit dem Zug möglich sei. 

Wenn ich schon unter andauernder Beobachtung stehe, wie geht es dann erst den wirklich wichtigen Menschen und staatlich subventionierten Kultureinrichtungen? Tatsächlich haben viele IntendantInnen diese Fragen längst auf dem Schirm. Hier drei Dinge, über die wir in Zukunft – ob wir wollen oder nicht – wohl öfter sprechen werden: 

I. KANN KARAJAN WEG, ODER IST ER KUNST?

Der Dirigent Herbert von Karajan
Foto: Warner Classics

In Salzburg hat eine Historikerkommission die Debatte begonnen, ob man denn Herbert von Karajan noch als Straßennamen führen sollte: Auf 1.100 Seiten wurden die Biografien von 66 Namenspaten aufgearbeitet, die unterschiedlich stark mit dem NS-Regime verstrickt waren. Bei 13 waren die Verbindungen so gravierend, dass geklärt werden soll, ob das Anbringen einer Erläuterungstafel reicht oder die Straße umbenannt werden soll davon sind unter anderem Porsche und Karajan betroffen. 

II. KANN ES EINEN ZIGEUNERBARON OHNE GÄNSEFÜßE GEBEN? 

Tobias Kratzers Inszenierung des „‚Zigeuner‘baron“ an der Komischen Oper Berlin
Foto: Monika Rittershaus – Komische Oper Berlin

Nachdem wir bereits debattieren, wie wir mit den kolonialistischen Teilen der Opern Mozarts umgehen, verlegt sich die Diskussion nun auch auf die Bühne. Regisseur Tobias Kratzer hat an der Komischen Oper in Berlin den „Zigeunerbaron“ in Szene gesetzt. Julia Spinola berichtet in der Süddeutschen: „Was macht man, wenn man etwas sagen will, von dem man vorher schon weiß, dass man es hinterher nicht gesagt haben möchte? Man legt es jemand anderem in den Mund und setzt es in Anführungszeichen. Ein bisschen so geht die Komische Oper Berlin jetzt mit der berühmten Strauss-Operette um, deren Name allein schon ausreicht, um Diskussionen über Antiziganismus hochkochen zu lassen. Premiere feierte daher der ‚Zigeuner’baron, um, so Regisseur Tobias Kratzer, zu signalisieren, dass der mit rassistischen Zuschreibungen belastete Titel ‚nicht hirnlos reproduziert‘ werde.

III. KANN EIN ORCHESTER NOCH DURCH DIE WELT FLIEGEN?

In dieser Woche hat ein Intendant, mit dem ich mich unterhalten habe, folgende Debatte begonnen. „Ich bin nicht sicher, wie lange es in der Öffentlichkeit noch opportun ist“, sagte er, „dass wir jedes Orchester quer durch die Welt fliegen lassen.“ Besonders für die Radio Symphonie Orchester mit eindeutigem Vor-Ort-Auftrag sei dies eine Gretchenfrage für die Zukunft. Bei der Sommernachtsgala in Grafenegg hat man dieses Jahr aus ökologischen Gründen bereits auf das traditionelle Feuerwerk verzichtet. Und tatsächlich wird diese Debatte wohl auf uns zukommen. Hanno Rauterberg hat sie diese Woche schon für Museen in der „Zeit“ vorausgedacht: „Auf dem Weg zum grünen Museum wird es daher mit veganem Kuchen und ein paar Solarzellen auf dem Dach nicht getan sein, solange die unbedingte Freiheit – Inbegriff moderner Subjektivität – zwingend zur Geschäftsgrundlage der Kunst dazugehört. Ihr Wachstumsdrang ist vor allem ein Ausdruck des Autonomiedenkens, das stets über sich selbst hinausweisen und vorbildhaft werden möchte. Gerade dieser Vorbildcharakter, der den Museen ebenso wie Theatern oder Konzerthäusern zugesprochen wird – es seien Orte des geistigen Gemeinwohls –, verdüstert sich, je drängender die Klimanot wird und das Gemeinwohl ganz andere Probleme bekommt.“   

NORA SCHMIDT FÜR DRESDEN 

Die neue Intendantin der Dresdner Semperoper Nora Schmid
Foto: Oper Graz/Oliver Wolf

Wir hatten schon vor Wochen ziemlich viel auf Nora Schmid als Nachfolgerin von Peter Theiler als Intendantin der Semperoper in Dresden gesetzt (die Signale verdichteten sich spätestens nach unserem Text über die Alpha-Männchen in der Klassik). Nun ist es so weit: Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch hat die derzeitige Chefin der Grazer Oper, die Schweizerin Schmid, auch offiziell ernannt. All das ist diese Woche bereits von oben bis unten kommentiert worden. Nun geht es darum, weiter zu denken. Denn eine der wichtigsten Entscheidungen, die auch über Schmids Zukunft entscheiden wird, muss sehr bald gefällt werden: Wer wird Christian Thielemann beerben? Die Staatskapelle soll in dieser Sache Vorschlagsrecht haben (eine Findungskommission ist hier ebenso wenig wie bei der Wahl der Intendantin vorgesehen. Im Orchester gibt es verschiedene Strömungen: Während einige über eine schnelle NachfolgerIn von Thielemann spekulieren (keine Angst, Nürnberg, Joana Mallwitz scheint nicht in der engeren Wahl), können sich andere auch eine Interimszeit ohne Chef vorstellen. Besonders brisant ist die Lage in Dresden, weil die Kapelle hier ja auch das Opernorchester stellt. Wäre eventuell auch ein „Wiener Modell“ möglich? Ein Generalmusikdirektor für die Oper und eine Kapelle ohne Chefdirigenten? Es wird auf jeden Fall spannend. Und, nein, liebe KolegInnen, ich gehe jede Wette ein, dass das Gerede davon, dass Thielemann schon bald Philippe Jordan an der Wiener Staatsoper ersetzen wird, nur der feuchte Traum einiger Klassik-Freaks ist. Außer … außer … außer: Es kracht doch bald auch öffentlich zwischen den Wiener Philharmonikern und Staatsopern-Intendant Bogdan Roščić. Nicht ausgeschlossen… 

Wie schafft man es, sich von Corona nicht unterkriegen zu lassen?
Arnt Cobbers fragt nach. Bei Jan Vogler und Francesco Piemontesi.

50 EURO FÜR BRÜGGEMANN

Uhps…. so war das ja auch nicht gemeint! Heftig, wie vehement die Debatte über die Machenschaften des OPUS KLASSIK aus der letzten Woche (besonders auf meiner FB-Seite) geführt wurde. Ich hatte berichtet, dass für eine Nominierung lediglich eine Zahlung von 50 Euro an den Preis (und natürlich eine CD und zwei Rezensionen) nötig seien und dass es absurd sei, diese „Nominierung“ bereits als Erfolg zu posten. (Ich habe diese Kritik noch einmal ausführlicher an dieser Stelle formuliert.) Anderer Meinung waren erschreckend viele junge MusikerInnen, für die derartige Methoden offensichtlich längst „normal“ sind. Eine von ihnen schrieb mir: „Tja das Problem ist leider, dass genügend Veranstalter Wert auf solche Preise legen. Ich wurde schon explizit am Telefon gefragt, ob wir den Opus Klassik gewonnen hätten, denn wenn nicht, bräuchte ich mich nicht bewerben. (…) Ein Preis ist zwar nicht entscheidend für die Karriere, kann aber absolut hilfreich und beschleunigend sein, da kann soviel gelästert werden, wie will!“ Aber ich bleibe dabei: „Ja, es ist nervig, wenn Veranstalter einen Preis voraussetzen sollten, aber es ist auch falsch, diese Veranstalter zu bedienen und den Preis zu legitimieren, indem man seine Nominierung einfach kauft und so tut, als hätte irgendjemand einen ausgezeichnet. All das ist ein System, in dem sich Veranstalter und KünstlerInnen gegenseitig bescheißen. All das ist nicht mehr zeitgemäß und viele KünstlerInnen werden in die Röhre schauen.

DIE KLASSIK NACH CORONA

Foto: dpa

Es ist so schön, das große Durchatmen in der Klassik zu spüren: KünstlerInnen und VeranstalterInnen legen endlich wieder los. Und freuen sich. Zu Recht! Allein das Publikum macht noch nicht so richtig mit. Obwohl Konzert- und Opernhäuser noch längst nicht alle Plätze verkaufen dürfen, bleiben auch bei reduziertem Angebot Sitze leer. Das Publikum scheint noch mit großen Menschenmassen zu fremdeln – klar im Vorteil sind derzeit Open-Air-Veranstaltungen. Doch die Sicherheitskonzepte der Häuser sind ausgeklügelt, und ich kann es aus eigener Erfahrung sagen: Wenn man einmal da ist, spürt man erst, was man im letzten Jahr vermisst hat!

Hidden Secrets of Classical Music: Die neue Folge
Die Clementi Connection – Wie Mozart, Beethoven und der Pop von einem frühen Influencer profitieren.

Und jetzt, da es bergauf zu gehen scheint, zeichnen sich bereits die Kollateralschäden ab. Ein Gutachten der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages beziffert den Umsatzrückgang in der Kultur- und Kreativwirtschaft für das vergangene Jahr auf insgesamt 22,4 Milliarden Euro. Am stärksten waren die Bereiche Filmwirtschaft, Darstellende Kunst und Kunstmarkt betroffen. Sie seien auf das Umsatzniveau von 2003 zurückgefallen. Insgesamt sind laut Gutachten rund 260.000 Unternehmen und mehr als 1,8 Millionen Menschen im Kultursektor tätig. Der Deutsche Kulturrat warnt vor Einsparungen in den nächsten Jahren. „Wir versuchen, den Parteien vor der Bundestagswahl das Versprechen abzuringen, dass sie nicht an der Kultur sparen“, sagte Geschäftsführer Olaf Zimmermann. „Ich mache mir besondere Sorgen um die vielen Kommunen, die überschuldet sind. Die Kommunen nehmen deutlich weniger Geld ein, weil Gewerbesteuer fehlt. Das wird sich auf die kulturelle Infrastruktur auswirken.“ Ich persönlich glaube, auch die Kultur ist in der Bringschuld – nach der Öffnung geht der Klassik-Zirkus mit zuweilen perversen Gagenforderungen und Eitelkeiten ungebremst weiter. Das kann nicht gut gehen! 

UND WO BLEIBT DAS POSITIVE, HERR BRÜGGEMANN?

Foto: Paavo Järvi auf Instagram

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Derzeit versteckt es sich vielleicht in Tokio. Dort will man zwar die Olympischen Spiele stattfinden lassen, aber die Klassik-Musiker sitzen im zweiwöchigen „Hausarrest“ (äh, Quarantäne) … am lässigsten überbrückt diese Zeit der Dirigent Paavo Järvi, der täglich lukullische Schweinereien (hauptsächlich Sushi) postet. Neulich stellte er einen Screenshot online, in dem er mit Daniel Barenboim skyped – weil der (kein Scherz!) einige Zimmer neben Järvi im gleichen Hotel auf sein „Rauskommen“ wartet. Ob die beiden sich zu Sushi in Freiheit verabredet haben, ist nicht überliefert.

Ansonsten: Ich bin bei den Brixen Classics und springe jetzt in den Pool!

Halten Sie die Ohren steif!

Ihr 

Axel Brüggemann

[email protected]

Fotos: Warner Classics, Monika Rittershaus – Komische Oper Berlin, Oper Graz/Oliver Wolf, dpa, Paavo Järvi auf Instagram

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