Willkommen in der neuen KlassikWoche,

irgendwie scheinen die Sommer-Festspiel-Nerven allmählich blank zu liegen – höchste Zeit, Urlaub zu machen! Da werden kleine Klassik-Mücken zu Opern-Elefanten aufgeblasen, da drohen mir Leute in SMS, mir die noch gar nicht gewonnenen OPUS-Klassik-Preise irgendwann über den Kopf zu hauen, und überhaupt: Die aktuelle Atmosphäre da draußen kommt mir gerade ziemlich unentspannt vor. Also gut, hier noch schnell der letzte Abwasch vor dem Urlaub…

SALZBURGER „KLUNKERLN“

Unser Ranking letzte Woche hat für allerhand Reaktionen gesorgt, besonders die Kritik an „Don Giovanni“-Dirigent Teodor Currentzis und am aktuellen Kurs der Salzburger Festspiele als oberflächliches Glamour-Klassik-Event, das in diesem Jahr weniger von Touristen als von den einheimischen Claqueuren zu zehren scheint. Danke für all die Zuschriften (die positiven wie die kritischen) und die rege Debatte auf Facebook (beim SWR ging es übrigens noch weiter). Aber, hey – wenn es nun schon „kriminell“ sein soll, Currentzis in einer Kritik einen „Klassik-Scharlatan“ zu nennen, dann weiß ich auch nicht mehr (siehe dazu auch den nächsten Punkt über die „Brüste der Buhlschaft“). Letztlich ist es wohl so: Currentzis hat genau das geschafft, was Exzentrik so schaffen kann – Aufmerksamkeit! Schade, weil es auch in diesem Sommer so vieles anderes gäbe, über das man begeistert berichten könnte. 

Um Frieden zu schließen, sollten wir die Salzburger Festspiele heuer vielleicht lieber im Sinne ihrer Veranstalter begleiten und die Wahnsinns-News verbreiten, dass Anna Netrebko als Tosca auf der Bühne angeblich 50.000 Swarowski-Kristalle tragen wird. DAS sind die Nachrichten, die im „Triangel“ angesagt sind! Wer will da schon diskutieren, wie es kommen konnte, dass die Gewinner des letzten Sommers heuer so abschmieren. 

Übrigens, Thomas Schmoll hat unsere Currentzis-Debatte im Spiegel noch Mal aufgegriffen und resümiert: “Es wurde Zeit, dass Musikkritiker Currentzis diese Ego-Trips nicht mehr durchgehen lassen. Seinen ‘Don Giovanni’ bei den diesjährigen Salzburger Festspielen nannte die ‘FAZ’ einen ‘ästhetischen Terroranschlag’: Mozarts Werk werde ‘zum Material für den neuen Führerkult um Teodor Currentzis’. Die ‘Welt’ bescheinigte dem Dirigenten: ‘Was einmal kühn war, ist bereits Schablone.’ Axel Brüggemann zeigte sich im Klassik-Magazin ‘Crescendo’ regelrecht erleichtert. ‘Es hat lange gedauert, aber nun, langsam beginnt sie endlich, die öffentliche Entzauberung von Teodor Currentzis.« Sie ist überfällig.

ÖFFENTLICH-RECHTLICHE HYSTERIE?

Verena Altenberger als Buhlschaft bei den Salzburger Festspielen

Liebe Freunde, machen wir uns mal wieder locker! Wer den Kollegen Manuel Brug liest, weiß in der Regel, was er bekommt: eine schonungslose (meist korrekt genordete) champagnerprickelnde Kritik, die oft einige Zentimeter unter der Gürtellinie angesiedelt ist. Dass jetzt ausgerechnet ein Satz von Brug, der gut 15 Zentimeter über dem Bauchnabel liegt für Diskussionen sorgt, ist schon ein bisschen lustig. Die Schauspielerin der Salzburger Buhlschaft, Verena Altenberger, hatte sich im Deutschlandfunk Kultur darüber beschwert, dass Brug sich „über erstaunlich wenig Buhlschaftsbusen“ ärgerte. Das sei sexistisch sagte Altenberger, und der Sender ritt die Kampagne einige Tage weiter. Manuel Brug und ich duzen uns, aber wir waren, sind und werden wohl keine Freunde. Trotzdem: Ihm Sexismus vorzuwerfen – ich weiß nicht! Brug zu lesen, bedeutet eben immer auch Spaß am Opern-Groschenroman zu haben, an Intrige, Hybris und Hysterie. Man kann das mögen oder nicht. Aber ist das wirklich ein Aufreger? Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet Patrick Bahners in der FAZ Brug nun mit alter weiser Ernsthaftigkeit zur Seite springt und noch einmal erklärt: „Wörtlich steht bei Manuel Brug in der Zeitung Welt vom 30. Juli: ‚Die Buhlschaft, dieses Jahr mit kaum Buhlschaftsbusen und noch weniger Haar, hat diesmal im teuersten Laienspiel der Welt ganz entschieden die Hosen an.‘ Zum Erstaunen hatte Brug keinen Anlass. Er resümiert eine Typveränderung in der Ausstattung der Figur, die Jahr um Jahr im Zentrum der Berichterstattung (…) steht, obwohl sie nur wenige Verse hat. (…)“ Wie auch immer. Die Rolle des Deutschlandfunks als moralische Instanz und Hüter der Kultur bekommt dieser Tage auf ganz anderer Seite lustige Risse: In der Dokumentation des Gespräches zwischen Kritiker Jürgen Liebing und Moderatorin Marietta Schwarz über die „Walküre“ in Bayreuth heißt es: „Wirklich enttäuschend sei jedoch die Musik gewesen. ‚Eine so langsame Walküre habe ich selten gehört‘, sagt Liebing. Er habe befürchtet, einzuschlafen. Manchmal habe der Dirigent Enrico Nawrath das Tempo angezogen, aber die langsamen Passagen hätten das Stück dann doch lange gedrosselt.“ Mehrfach wird der eigentliche „Walküren“-Dirigent Pietari Inkinen mit dem Festspiel-Fotografen Enrico Nawrath verwechselt. Aber hey: Hauptsache, wir reden nicht über ihren Body-Mass-Index! 

OHNE VISA IN LONDON GEIGEN

Finally! Mehr als ein halbes Jahr nach dem Brexit hat sich das Großbritannien von Boris Johnson nun endlich mit 18 EU-Staaten (unter ihnen auch Deutschland) auf visafreie Reisen für Künstlerinnen und Künstler geeinigt. Für kurzfristige Konzerte sind Visum und Arbeitserlaubnis nicht mehr nötig. Mit einer gewissen Hybris teilte das Ministerium mit: „Wir möchten, dass die fantastischen britischen Künstler und anderen Kreativschaffenden problemlos auf Tournee ins Ausland fahren können.“ Es sei wichtig, dass Musiker und Künstler wieder auf Reisen gehen „und der Welt das Beste der britischen Kreativität zeigen“ könnten. Viele britische Künstler, die konnten, haben schon vorher Reißaus genommen, etwa Simon Rattle, dessen neue Heimat in München liegt. 

IMPFEN FÜR DIE KULTUR 

Ende September will die MET in New York wieder öffnen. Dann allerdings als „vollkommen geimpftes Haus“. Die Regeln sind streng, berichtet der Spiegel, Kinder unter zwölf Jahren – die derzeit nicht geimpft werden dürfen – dürfen das Haus nicht betreten, auch wenn die sie begleitenden Erwachsenen geimpft sind. Was für Europa rigide klingt, ist in den USA längst Alltag: Gerade hat der Fernsehsender CNN drei Mitarbeiter entlassen, die sich nicht haben impfen lassen. Fakt ist, dass der internationale Klassik-Zirkus die heimliche Impfflicht stillschweigend eingeführt hat. Egal, wohin Musikerinnen und Musiker reisen, eine Impfung scheint neuer Grundkonsens zu sein. Aber dass Kinder unter 12 Jahren in den USA von der Kultur ausgeschlossen sind – ist das wirklich Sinn der Sache? 

UND WO BLEIBT DAS POSITIVE, HERR BRÜGGEMANN?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Vielleicht hier: Nachdem ich die „Last Night“ der Opernfestspiele in Heidenheim moderiert habe, stand ich noch mit ihrem Erfinder, dem Dirigenten Marcus Bosch, zusammen – und wir haben uns über die Zukunft des Dirigierens und der Orchester unterhalten (das ganze Gespräch ist hier nachzuhören). Der Vorsitzende der GMD-Konferenz redete ziemlich offen über den aktuellen Strukturwandel. Ich wollte von ihm wissen, wie viel Spaß es für Musikerinnen und Musiker noch macht, sich 100 Prozent den staatlich subventionierten Orchestern hinzugeben (Anlass der Debatte die Nicht-Verlängerung von Joanna Mallwitz in Nürnberg)? „Heute ist es längst kein Tabu mehr, dass ein Musiker 50 Prozent Sicherheit im großen Orchester sucht und 50 Prozent kreative Selbstverwirklichung in der feien Arbeit“, sagt Bosch. Er selber glaubt aber daran, dass die Zukunft der Musik auch im Engagement des Lokalen liegt. Kein Wunder, dass er gerade mehr Musiker für sein Orchester in Rostock gefordert hat. Ein Thema, das wir nach der Sommerpause mit ihm und anderen Dirigenten noch einmal vertiefen werden.

Aber jetzt packe ich erst einmal meine Lektüre, gehe ein wenig paddeln – und freue mich, wenn die Festspielluft wieder etwas abgekühlt ist. Eine Frage nehme ich mit auf Reisen: Zunächst habe ich gedacht, vielleicht geht ja wirklich alles weiter, wie es war. Kann es sein, dass wir gerade alle merken, wie viel sich in den kommenden Jahren verändern wird – und dass viele der einst selbstverständlichen Strukturen schon jetzt kaum noch greifen? Wie auch immer, der Newsletter setzt zwei Wochen aus, dann geht es natürlich weiter.

Ich wünsche Ihnen schöne Ferien, und halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüggemann

[email protected]

Fotos: Triangel, Salzburger Festspiele, Twitter, 

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