KlassikWoche 32/2021

Klassik, mach Dich locker!

von Axel Brüggemann

9. August 2021

Die Salzburger Festspiele als Glamour, Anna Netrebko und die Swarovski-Kristalle, die Buhlschaft Verena Altenberger, die Impfpflicht in der Kultur

Will­kommen in der neuen Klas­sik­Woche,

irgendwie scheinen die Sommer-Fest­spiel-Nerven allmäh­lich blank zu liegen – höchste Zeit, Urlaub zu machen! Da werden kleine Klassik-Mücken zu Opern-Elefanten aufge­blasen, da drohen mir Leute in SMS, mir die noch gar nicht gewon­nenen OPUS-Klassik-Preise irgend­wann über den Kopf zu hauen, und über­haupt: Die aktu­elle Atmo­sphäre da draußen kommt mir gerade ziem­lich unent­spannt vor. Also gut, hier noch schnell der letzte Abwasch vor dem Urlaub…

SALZ­BURGER „KLUN­KERLN“

Unser Ranking letzte Woche hat für aller­hand Reak­tionen gesorgt, beson­ders die Kritik an „Don Giovanni“-Dirigent und am aktu­ellen Kurs der als ober­fläch­li­ches Glamour-Klassik-Event, das in diesem Jahr weniger von Touristen als von den einhei­mi­schen Claqueuren zu zehren scheint. Danke für all die Zuschriften (die posi­tiven wie die kriti­schen) und die rege Debatte auf Face­book (beim SWR ging es übri­gens noch weiter). Aber, hey – wenn es nun schon „krimi­nell“ sein soll, Curr­entzis in einer Kritik einen „Klassik-Schar­latan“ zu nennen, dann weiß ich auch nicht mehr (siehe dazu auch den nächsten Punkt über die „Brüste der Buhl­schaft“). Letzt­lich ist es wohl so: Curr­entzis hat genau das geschafft, was Exzen­trik so schaffen kann – Aufmerk­sam­keit! Schade, weil es auch in diesem Sommer so vieles anderes gäbe, über das man begeis­tert berichten könnte. 

Um Frieden zu schließen, sollten wir die Salz­burger Fest­spiele heuer viel­leicht lieber im Sinne ihrer Veran­stalter begleiten und die Wahn­sinns-News verbreiten, dass als Tosca auf der Bühne angeb­lich 50.000 Swarowski-Kris­talle tragen wird. DAS sind die Nach­richten, die im „Triangel“ ange­sagt sind! Wer will da schon disku­tieren, wie es kommen konnte, dass die Gewinner des letzten Sommers heuer so abschmieren. 

Übri­gens, Thomas Schmoll hat unsere Curr­entzis-Debatte im Spiegel noch Mal aufge­griffen und resü­miert: “Es wurde Zeit, dass Musik­kri­tiker Curr­entzis diese Ego-Trips nicht mehr durch­gehen lassen. Seinen ‘Don Giovanni’ bei den dies­jäh­rigen Salz­burger Fest­spielen nannte die ‘FAZ’ einen ‘ästhe­ti­schen Terror­an­schlag’: Mozarts Werk werde ‘zum Mate­rial für den neuen Führer­kult um Teodor Curr­entzis’. Die ‘Welt’ beschei­nigte dem Diri­genten: ‘Was einmal kühn war, ist bereits Scha­blone.’ zeigte sich im Klassik-Magazin ‘Crescendo’ regel­recht erleich­tert. ‘Es hat lange gedauert, aber nun, langsam beginnt sie endlich, die öffent­liche Entzau­be­rung von Teodor Curr­entzis.« Sie ist über­fällig.

ÖFFENT­LICH-RECHT­LICHE HYSTERIE?

Verena Altenberger als Buhlschaft bei den Salzburger Festspielen

Liebe Freunde, machen wir uns mal wieder locker! Wer den Kollegen Manuel Brug liest, weiß in der Regel, was er bekommt: eine scho­nungs­lose (meist korrekt genor­dete) cham­pa­gner­pri­ckelnde Kritik, die oft einige Zenti­meter unter der Gürtel­linie ange­sie­delt ist. Dass jetzt ausge­rechnet ein Satz von Brug, der gut 15 Zenti­meter über dem Bauch­nabel liegt für Diskus­sionen sorgt, ist schon ein biss­chen lustig. Die Schau­spie­lerin der Salz­burger Buhl­schaft, Verena Alten­berger, hatte sich im Deutsch­land­funk Kultur darüber beschwert, dass Brug sich „über erstaun­lich wenig Buhl­schafts­busen“ ärgerte. Das sei sexis­tisch sagte Alten­berger, und der Sender ritt die Kampagne einige Tage weiter. Manuel Brug und ich duzen uns, aber wir waren, sind und werden wohl keine Freunde. Trotzdem: Ihm Sexismus vorzu­werfen – ich weiß nicht! Brug zu lesen, bedeutet eben immer auch Spaß am Opern-Groschen­roman zu haben, an Intrige, Hybris und Hysterie. Man kann das mögen oder nicht. Aber ist das wirk­lich ein Aufreger? Umso erstaun­li­cher, dass ausge­rechnet Patrick Bahners in der FAZ Brug nun mit alter weiser Ernst­haf­tig­keit zur Seite springt und noch einmal erklärt: „Wört­lich steht bei Manuel Brug in der Zeitung Welt vom 30. Juli: ‚Die Buhl­schaft, dieses Jahr mit kaum Buhl­schafts­busen und noch weniger Haar, hat diesmal im teuersten Laien­spiel der Welt ganz entschieden die Hosen an.‘ Zum Erstaunen hatte Brug keinen Anlass. Er resü­miert eine Typver­än­de­rung in der Ausstat­tung der Figur, die Jahr um Jahr im Zentrum der Bericht­erstat­tung (…) steht, obwohl sie nur wenige Verse hat. (…)“ Wie auch immer. Die Rolle des Deutsch­land­funks als mora­li­sche Instanz und Hüter der Kultur bekommt dieser Tage auf ganz anderer Seite lustige Risse: In der Doku­men­ta­tion des Gesprä­ches zwischen Kritiker Jürgen Liebing und Mode­ra­torin Mari­etta Schwarz über die „Walküre“ in heißt es: „Wirk­lich enttäu­schend sei jedoch die Musik gewesen. ‚Eine so lang­same Walküre habe ich selten gehört‘, sagt Liebing. Er habe befürchtet, einzu­schlafen. Manchmal habe der Diri­gent Enrico Nawrath das Tempo ange­zogen, aber die lang­samen Passagen hätten das Stück dann doch lange gedros­selt.“ Mehr­fach wird der eigent­liche „Walküren“-Diri­gent mit dem Fest­spiel-Foto­grafen Enrico Nawrath verwech­selt. Aber hey: Haupt­sache, wir reden nicht über ihren Body-Mass-Index! 

OHNE VISA IN LONDON GEIGEN

Finally! Mehr als ein halbes Jahr nach dem Brexit hat sich das von Boris Johnson nun endlich mit 18 EU-Staaten (unter ihnen auch ) auf visa­freie Reisen für Künst­le­rinnen und Künstler geei­nigt. Für kurz­fris­tige Konzerte sind Visum und Arbeits­er­laubnis nicht mehr nötig. Mit einer gewissen Hybris teilte das Minis­te­rium mit: „Wir möchten, dass die fantas­ti­schen briti­schen Künstler und anderen Krea­tiv­schaf­fenden problemlos auf Tournee ins Ausland fahren können.“ Es sei wichtig, dass Musiker und Künstler wieder auf Reisen gehen „und der Welt das Beste der briti­schen Krea­ti­vität zeigen“ könnten. Viele briti­sche Künstler, die konnten, haben schon vorher Reißaus genommen, etwa Simon Rattle, dessen neue Heimat in liegt. 

IMPFEN FÜR DIE KULTUR 

Ende September will die MET in wieder öffnen. Dann aller­dings als „voll­kommen geimpftes Haus“. Die Regeln sind streng, berichtet der Spiegel, Kinder unter zwölf Jahren – die derzeit nicht geimpft werden dürfen – dürfen das Haus nicht betreten, auch wenn die sie beglei­tenden Erwach­senen geimpft sind. Was für Europa rigide klingt, ist in den längst Alltag: Gerade hat der Fern­seh­sender CNN drei Mitar­beiter entlassen, die sich nicht haben impfen lassen. Fakt ist, dass der inter­na­tio­nale Klassik-Zirkus die heim­liche Impf­flicht still­schwei­gend einge­führt hat. Egal, wohin Musi­ke­rinnen und Musiker reisen, eine Impfung scheint neuer Grund­kon­sens zu sein. Aber dass Kinder unter 12 Jahren in den USA von der Kultur ausge­schlossen sind – ist das wirk­lich Sinn der Sache? 

UND WO BLEIBT DAS POSI­TIVE, HERR BRÜG­GE­MANN?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Viel­leicht hier: Nachdem ich die „Last Night“ der Opern­fest­spiele in mode­riert habe, stand ich noch mit ihrem Erfinder, dem Diri­genten , zusammen – und wir haben uns über die Zukunft des Diri­gie­rens und der Orchester unter­halten (das ganze Gespräch ist hier nach­zu­hören). Der Vorsit­zende der GMD-Konfe­renz redete ziem­lich offen über den aktu­ellen Struk­tur­wandel. Ich wollte von ihm wissen, wie viel Spaß es für Musi­ke­rinnen und Musiker noch macht, sich 100 Prozent den staat­lich subven­tio­nierten Orches­tern hinzu­geben (Anlass der Debatte die Nicht-Verlän­ge­rung von Joanna Mall­witz in )? „Heute ist es längst kein Tabu mehr, dass ein Musiker 50 Prozent Sicher­heit im großen Orchester sucht und 50 Prozent krea­tive Selbst­ver­wirk­li­chung in der feien Arbeit“, sagt Bosch. Er selber glaubt aber daran, dass die Zukunft der Musik auch im Enga­ge­ment des Lokalen liegt. Kein Wunder, dass er gerade mehr Musiker für sein Orchester in Rostock gefor­dert hat. Ein Thema, das wir nach der Sommer­pause mit ihm und anderen Diri­genten noch einmal vertiefen werden.

Aber jetzt packe ich erst einmal meine Lektüre, gehe ein wenig paddeln – und freue mich, wenn die Fest­spiel­luft wieder etwas abge­kühlt ist. Eine Frage nehme ich mit auf Reisen: Zunächst habe ich gedacht, viel­leicht geht ja wirk­lich alles weiter, wie es war. Kann es sein, dass wir gerade alle merken, wie viel sich in den kommenden Jahren verän­dern wird – und dass viele der einst selbst­ver­ständ­li­chen Struk­turen schon jetzt kaum noch greifen? Wie auch immer, der News­letter setzt zwei Wochen aus, dann geht es natür­lich weiter.

Ich wünsche Ihnen schöne Ferien, und halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

[email protected]​crescendo.​de

Fotos: Triangel, Salz­burger Fest­spiele, Twitter,