Willkommen in der neuen KlassikWoche,

ich weiß, es ist nicht so cool, sich auf die eigene Schulter zu klopfen, aber, hey: Letzte Woche hatten wir mal wieder sechs Richtige mit unserem Newsletter: Mallwitz, Viotti und und und. Aber es geht schon weiter: Bangen um Eva Wagner, die Angst der Kultur vor vollen Häusern und viel zu viele Tote.

NACHKLAPP MALLWITZ & VIOTTI & NETREBKO

Okay, der letzte Newsletter war selbst für uns ein bisschen besonders: Nachdem wir letzten Montag berichtet hatten, dass Joana Mallwitz wohl zum Konzerthausorchester Berlin wechseln wird, gab es dort allerhand Nachfragen, und am Dienstag gab das Ensemble dann offiziell bekannt, dass die derzeitige Generalmusikdirektorin in Nürnberg das Amt von Christoph Eschenbach übernehmen wird. Das hatte am Dienstag auch die dpa gemeldet, allerdings mit dem Nebensatz, dass Mallwitz die „Wunschkandidatin des Orchesters“ sei. Keine Ahnung, woher die Presseagentur diese Information nimmt (dieses Zitat wurde im Text auch nicht zugeordnet, gesprochen hat die dpa wohl lediglich mit Mallwitz). Nach unserem Informationsstand (aus zwei Quellen) sieht die Situation nämlich etwas anders aus. Die Entscheidung für die Dirigentin war offensichtlich eher ein Alleingang des auf Medien-Aufmerksamkeit bedachten Konzerthaus-Intendanten Sebastian Nordmann. Im Orchester selber soll es dagegen allerhand Widerstand gegen den Alleingang und die Personalie gegeben haben. 

Aber im letzten Newsletter hat es ja noch ein anderes Thema gegeben, das international aufgenommen wurde, und zwar von der New York Times. Nachdem wir uns an dieser Stelle Gedanken über die Sixpack-Bilder von Dirigent Lorenzo Viotti gemacht haben (ja, Amsterdam liegt nicht in Dänemark, danke für die Korrektur!), argumentierte er nun, dass sein Insta-Auftritt ein neues Klassik-Publikum erreichen würde. Was soll ich dazu sagen, nachdem ich mir mitten in der Midlife-Crisis ein Longboard gekauft, mir die Bänder gerissen habe und nun mit Rückenschmerzen durch die Welt humple? „Lorenzo, I will come back, und wir laufen gemeinsam die Alte-Donau-Runde, okay?!“ Ach ja, und dann habe ich für den SWR noch die im Newsletter geformten Gedanken über Mega-Stars und Mega-Enttäuschungen anhand der Salzburger Festspiele und Anna Netrebko extemporiert (sie hat ihre aktuelle Tournee aus familiären Gründen abgesagt) – was für allerhand  anregende Diskussionen sorgte.    

ANGST VOR VOLLEN HÄUSERN?

Mit allerhand Unverständnis habe ich den Text von Christiane Lutz in der Süddeutschen darüber gelesen, dass viele Theater in Deutschland ihre Säle gar nicht ganz öffnen wollen, obwohl sie es längst könnten: „Die meisten städtisch und staatlich subventionierten Theater entscheiden sich derzeit nicht für Vollbesetzung und Maskenfreiheit, sondern tüfteln eigene Regelwerke aus. Berlin beispielsweise. Dort dürften laut Corona-Verordnungen bei entsprechenden Lüftungssystemen, 100 Prozent Zuschauer eingelassen werden, ohne Maske. Dennoch entschied man sich etwa am Berliner Ensemble, die Maskenpflicht beizubehalten, um in dem recht engen Theater den Zuschauern ein größtmögliches Gefühl der Sicherheit zu geben, wie die Pressesprecherin erklärt.“

Eine Maßnahme, die ich durchaus verstehe, anders die Situation, über die Lutz in Köln berichtet. Obwohl auch dort eine volle Auslastung erlaubt sei, „plant man für die Saisoneröffnung am 10. September mit nur 60 Prozent, konkret für das große ‚Depot 1‘ heißt das 296 statt 480 Zuschauer. Dafür dürfen die ihre Maske am Platz abnehmen. Die Menschen sollen sich wieder etwas entspannen dürfen, aber trotzdem sicher fühlen, lautet die Idee, lieber verzichtet man daher auf die Vollbesetzung.“ Ich finde, wir müssen darüber reden. Es scheint, dass das Publikum eben nicht in dem Maße zurückkommt, wie wir es erhofft haben. Und, ja, jeder fühlt sich besser, wenn er spürt, dass es ein Sicherheitskonzept (etwa die sorgfältige Kontrolle der 3G-Regel) gibt. Sich freiwillig klein zu schrumpfen, kann aber keine Lösung mit Perspektive sein.

BANGEN UM EVA WAGNER

Es gibt Nachrichten, bei denen man als Journalist nicht weiß, wie man damit umgehen soll. So ging es mir mit der Nachricht aus dem Nordbayerischen Kurier, der vermeldet hat, dass die Tochter von Wolfgang Wagner und einstige Co-Intendantin der Bayreuther Festspiele, Eva Wagner-Pasquier (76, oben mit Vater Wolfgang) um ihr Leben ringt. Ein Kampf zwischen Leben und Tod, der – so finde ich – von außen nicht wie ein Autounfall beobachtet werden sollte. Ich kenne Eva Wagner-Pasquier als lebensfrohe, anpackende Frau, als stolze Mutter und leidenschaftliche Musikmanagerin. Vielleicht an dieser Stelle nur so viel: Wer mag, halte einen Moment inne und sende ihr (auf welchem Weg auch immer) Kraft in diesem Augenblick. 

APPLES NEUER KLASSIK-DIENST

Bedeutet das das endgültige Aus für den Klassik-Stream-Anbieter Idagio? Apple hat die Übernahme des Streaming-Dienstes Primephonic bekanntgegeben, der sich auf Klassik spezialisiert. Apple kündigte an, diverse Funktionen von Primephonic in den nächsten Wochen und Monaten für Apple-Music-Abonnenten verfügbar zu machen. Zusätzlich zu den Primephonic-Features in Apple Music erscheint im nächsten Jahr wohl auch eine neue Apple-App für klassische Musik, die weitere Funktionen von Primephonic enthält – inklusive der Benutzeroberfläche des Services. Diese Übernahme könnte ein Gamechanger der Klassik-Welt werden und auch viele Labels, die an eigenen Streaming-Diensten tüfteln, vor neue Herausforderungen stellen. Zeit für eine intensive Auseinandersetzung mit diesem Thema an anderer Stelle. 

PERSONALIEN DER WOCHE

Der 26-jährige Dirigent Patrick Hahn, der gerade als GMD mit der wunderbaren Marlis Petersen die Saison in Wuppertal eröffnet hat (sie hat sich danach ein ziemlich cooles, neues Mega-„Moped“ Namens „Salome“ zugelegt), übernimmt nun auch noch den Posten des Ersten Gastdirigenten beim Münchner Rundfunkorchester. +++ Als Patrick Hahn geboren wurde, ernannte man Helga Rabl-Stadler zur Salzburger Festspielpräsidentin. BR-Mann Bernhard Neuhoff hatte lange ein gespaltenes Verhältnis zu ihr und band ihr nun einen verbalen Blumenstrauß. Ich weiß ja nicht. In den letzten Jahren war das da schon alles ein wenig Waldorf und Stadler – es ist schon auch gut, jetzt mal wieder neu zu denken. Salzburg braucht mehr Weltoffenheit und weniger selbstzufriedene und satirische Kuschel-Provinz. Während die derzeitige Präsidentin überall für einen Nachfolger wirbt, „der dem Markus (Hinterhäuser) beisteht“, sollen sich im Hintergrund zahlreiche Kandidaten in Stellung bringen. Gerede gibt es noch immer über den scheidenden ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz (der es als Nicht-Salzburger schwer haben dürfte), und auch dem amtierenden Landeshauptmann Wilfried Haslauer werden Ambitionen nachgesagt. +++ Das Essener Aalto-Musiktheater bekommt eine neue Intendantin. Die Musikwissenschaftlerin Merle Fahrholz soll zur Spielzeit 2022/23 die Leitung des Opernhauses und der Essener Philharmoniker übernehmen. Fahrholz ist derzeit stellvertretende Intendantin und Chefdramaturgin an der Oper Dortmund. In Essen tritt sie die Nachfolge von Hein Mulders an, der in gleicher Funktion an die Kölner Oper wechselt. 

Wäre doch schade um die schöne Melodie“ – Der große Arien-Klau

Episode neun von Hidden Secrets of Classical Music folgt den Fährten der Arien durch Opern von Georg Friedrich Händel, Christoph Willibald Gluck, Giovanni Bononcini, Francesco Cavalli, Gaetano Donizetti, Gioachino Rossini. Hören Sie die Episode auf CRESCENDO.DE!

+++ Mikis Theodorakis, der große Poet und Komponist der Griechen, der 1964 mit seiner Musik zu dem Film „Alexis Sorbas“ – mit Anthony Quinn in der Titelrolle – weltbekannt wurde, ist mit 96 Jahren gestorben. Viele habe ihm wunderbar nachgerufen, unter anderem auch BR-Klassik. +++ Gestorben ist auch der Komponist Siegfried Matthus, Meisterschüler von Hanns Eisler. Er war einer der wichtigsten Komponisten der DDR, dessen Opern an der Dresdener Semperoper, der Berliner Staatsoper „Unter den Linden“, der Deutschen Oper und an der Komischen Oper Berlin uraufgeführt wurden. Siegfried Matthus ist im Alter von 87 Jahren gestorben. +++ Der ehemalige Wall-Street-Investor und Opern-Mäzen Alberto Vilar ist in der Nacht auf Samstag in New York verstorben. Er war 80 Jahre alt. Vilar war Sponsor unter anderem der Bayreuther und der Salzburger Festspiele, des Festspielhauses Baden-Baden, der Metropolitan Opera in New York und des Royal Opera House in London. Seine Spenden sollen sich weltweit auf rund 225 Millionen Dollar belaufen haben. 2005 wurde er wegen Finanzbetrugs verhaftet und nach einem achtwöchigen Prozess zu neun Jahren Haft verurteilt. 2018 wurde er entlassen. +++ Und noch einen Tod gibt es bekannt zu geben. Ich erinnere mich an eine etwas absurde Begegnung, damals war ich Student, und er trat beim Musikfest in Freiburg auf: Ich wollte mit ihm über Russland, die Russische Schule und das Geigenspiel sprechen, er wollte mit mir feiern. Es war ein absurder und langer Abend. Erst einen halben Monat nach dem Tod des Geigers Igor Oistrach wurde sein Ableben bekannt – auch das ist: absurd. 

UND WO BLEIBT DAS POSITIVE, HERR BRÜGGEMANN?

Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt. Vielleicht hier: Ich weiß nicht, wie es Ihnen ging: Aber ich bin in den letzten Wochen immer wieder bei den Paralympischen Spielen in Japan hängengeblieben. Das war spannend, faszinierend – und: einfach großartig. Spitzenleistungen auf allen Ebenen und (endlich mal!) angemessener Raum im Fernseh-Hauptprogramm. Bei der Eröffnung der Spiele sahen wir die Schwimmerin Manami Ito, die einen Arm verloren hat, mit der Geige. Und, ja – das ist das Positive … wo Sport oder Musik uns inspirieren, sind wir Menschen einfach am schönsten! Hier ein kleiner Einblick in das Leben der sportlichen Künstlerin. 

Ach ja, und dann war da der Thüringische Literaturpreis für den Intendanten des Theaters Rudolstadt, Steffen Mensching. Keine Ahnung, warum der noch immer in Rudolstadt ist – wahrscheinlich, weil er es will, obwohl er sich einst in Paris, New York oder in einer anderen Metropole gesehen hat. Ich kann nur sagen, dass sein Roman „Schermanns Augen“ auch für mich das Beste gewesen ist, das ich in den letzten beiden Jahren gelesen habe. Der mdr feiert Mensching, und ich sage, wenn Sie seinen Roman nicht kennen: kaufen

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüggemann

[email protected]

P.S.: Ach ja – all die Fragen, warum ich nicht über die Gewinner des OPUS KLASSIK berichtet habe … Leute, seit Thomas Gottschalk weg ist, macht es doch keinen Spaß mehr :-))) – ich verfolge ihn jetzt lieber bei seinem neuen Arbeitgeber, der ungarischen Klassik-Seite Virtuózok. Bitte, kein Mitleid! 

Fotos: Debut, Konzerthaus Berlin, apple, Titel: Elbphilharmonie

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Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.