Willkommen in der neuen KlassikWoche,

es ist so viel passiert, bis nichts mehr passieren darf. Und das macht müde, frustriert und traurig. Aber: Hilft ja nix! Hier die KlassikWoche – kämpferisch, mit aufgekrempelten Ärmeln und dem Willen, die Zukunft schon heute in die Hand zu nehmen.

ZUM LETZTEN MAL

Okay, das war’s mal wieder. Mein letzter Opern-Besuch vor Schließung: Cavalleria / Bajazzo in der Wiener Staatsoper. Es war bereits durchgesickert, dass es die vorletzte Oper am Ring vor Lockdown sein würde (heute Abend noch einmal die gleiche Aufführung), und so war die Stimmung ein bisschen wie ein nostalgisches Klassentreffen: der alte Plácido Domingo mit Martha und Maske, der alte Ioan Holender (ohne Maske), Thomas Hampson (mit Platzwechsel), viele Kolleginnen und Kollegen und Opern-Freaks – alle wollten noch einmal Live-Musik tanken und beklatschten Roberto Alagna nach seiner großen Bajazzo-Arie, als wollten sie einfach alle bis Ende November durchapplaudieren. Auch das letzte Konzert der Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko muss bewegend gewesen sein, berichtet Frederik Hanssen vom Tagesspiegel: „Alles, scheint dieser Abend in der Philharmonie wider besseres Wissen zu sagen, wird gut.“ Aber nun gehen erst einmal die Lichter aus – von Berlin bis Wien.

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GRÜTTERS IST FEIGE“

Nikolaus Bachler, Intendant der Bayerischen Staatsoper

Monika Grütters ist feige“ – das hat Münchens Opernintendant Nikolaus Bachler am Tag der Lockdown-Entscheidung gesagt, als ich ihn angerufen habe (das ganze Gespräch mit vielen guten Punkten ist hier nachzuhören). Erst war natürlich eine Entschuldigung fällig! Ich habe Bachler erklärt, dass ich das Video von damals noch immer lustig finde, heute aber auch sehe, dass er mit seinem bedingungslosen Festhalten an der Öffnung des Hauses und dem Verweis auf das Sicherheitskonzept schon beim ersten Lockdown richtig lag. Und Bachler ist nicht müde geworden – er kämpft weiter. Monika Grütters hätte nicht den Mut gehabt, sagt er nun, sich gegenüber Merkel und den Ministerpräsidenten für Künstlerinnen und Künstler einzusetzen und habe damit einer demokratisch fragwürdigen „Fokussierung der Entscheidungen auf ‚die wenigen Führer‘ tatenlos zugestimmt“.

Die Bedeutungslosigkeit der CDU-Politikerin wurde dieser Tage auch anderenorts offenbar: Till Brönner nahm sie in seinem Facebook-Video als Ansprechpartnerin gar nicht mehr ernst („wir müssen uns an Peter Altmaier wenden“). Aber Grütters stört all das nicht, sie macht weiter wie immer. Nachdem sie wochenlang nichts getan hatte, erklärte sie nun wortreich, dass sie sich vehement einsetzen wolle. Dem Deutschlandfunk sagte ausgerechnet die Politikerin, die beim ersten Lockdown noch zynisch von Künstlern sprach, die auch ohne Hilfen nicht überlebensunfähig seien, plötzlich: „Ich meine, die Kultur darf eben nicht zum leichtfertigen Opfer der Krise werden.“ Genau das, Frau Grütters, hätten Sie vor einer, zwei und drei Wochen sagen sollen, als es noch nicht opportun war! Aber jetzt, nachdem es zu spät ist, ist es wieder nur billiger Populismus. Ja, Monika Grütters ist feige! Wie tragisch, wenn selbst der Rücktritt einer Politikerin egal wäre, weil sie ihr Amt längst selber durch unsolidarische Selbstdarstellung abgeschafft hat.

GUT UND / ODER TEUER: UNSERE OPERNHÄUSER

Das Kölner Opernhaus

Für kein Projekt in Köln werden so viele Steuern verwendet, wie für die Sanierung der Oper Köln und des Schauspielhauses. 841 Millionen Euro kostet die Sanierung bislang. Darauf weist der Bund der Steuerzahler in seinem aktuellen „Schwarzbuch“ hin, meldet der WDR. Zunächst war die Stadt von 253 Millionen Euro ausgegangen. 2012 begann die Sanierung am Offenbachplatz. Sie sollte ursprünglich im November 2015 abgeschlossen sein. Stattdessen rechnet die Stadt jetzt damit, dass Oper und Schauspielhaus erst 2023 fertig werden. Da kann man in Berlin bei der Renovierung der Komischen Oper viel besser machen. Nun wurde bekanntgegeben, dass das Aachener Büro kadawittfeldarchitektur die Ausschreibung gewonnen hat. Sein Entwurf ist oben zu sehen.

DER CORONA-TICKER

Ach ja, Leute, bitte, auch wenn’s schwer ist, verliert nicht so leicht die Nerven! Das ist eher kontraproduktiv! Wie soll man zusammenkriegen, wenn Günther Groissböck an einem Tag stolz wie Bolle postet, dass er auf ORF III zu sehen ist, um am nächsten Tag zu posten, dass beim ORF die „LÜGNER“ arbeiten, die aus Anti-Corona-Demonstranten „Holocaustleugner“ machen würden. Fatal, aber ich bin da wie der ORF und stehe (so oder so) zu Groissböcks Sangeskunst. +++ Während Intendanten wie Nikolaus Bachler sich vehement gegen einen Lockdown ausgesprochen haben, gibt es auch welche, die Einsicht haben – unter ihnen Christoph Lieben-Seutter, Intendant der Elbphilharmonie: „Es ist zwar schade um die vielen schönen Konzerte im November, aber ich halte die Entscheidung prinzipiell für den richtigen Weg, um die Pandemie in den Griff zu bekommen.“ – „Schade um die Konzerte?“ – Das ist alles? +++ Simon Rattle befürchtet, dass die Corona-Schließungen auch strukturelle Folgen für die Klassik haben. Er befürchtet, dass viele junge Musiker gezwungen sind, sich andere Jobs zu suchen: „Dieser Exodus findet gerade statt und wird erst bemerkt, wenn es zu spät ist.“ +++ Engagiert war Ulf Schirmer in Leipzig: Er zog die Premiere des Lohengrin kurzfristig vom 7. November auf den letzten möglichen Spieltag, den 1. November, vor. „Wann, wenn nicht jetzt?!“, sagte Schirmer. „Wir rollen am letzten Tag vor der erneut notwendigen Schließung noch einmal den roten Teppich aus.

PERSONALIEN DER WOCHE

Der an COVID-19 verstorbene Dirigent Alexander Wedernikow

Komponist Moritz Eggert ist nun offiziell zum Präsidenten des Komponistenverbandes ernannt worden. Glückwunsch! Gleichzeitig zeigt er, wie modernes Aufnehmen heute geht: Via Crowdfunding soll sein „Fußballoratorium“ auf CD kommen. +++ Wie nahe Covid der Klassik leider auch ist, hat der Tod von Dirigent Alexander Wedernikow gezeigt: Der auch in Berlin sehr präsente Musiker ist mit 56 Jahren auf der Intensivstation verstorben. The Strad ruft ihm nach. +++ Sebastian Ritschel wird künstlerischer Leiter des Theaters Regensburg, neuer Finanzdirektor wird Matthias Schloderer. +++ Wir hatten ihn schon lange im Auge für den Job des neuen Concertgebouworkest-Chefs. Nun wird Iván Fischer erst einmal Ehrendirigent des Orchesters. +++ Till Brönner: Die Wiener Philharmoniker sind das erste europäische Orchester, das wieder auf Asien-Tour geht. Im November sind die Musiker mit Valery Gergiev in Japan. Dafür gehen sie einen Tag vor Abflug in Hotel-Quarantäne in Wien und sind auf Tour kaum in Kontakt mit Einheimischen. 

UND NUN?

Auch, wenn die Politik offenbar nicht vom letzten Shutdown lernen wollte, da sie nicht zur Kenntnis nahm, dass Opern- und Konzerthäuser sicher sind und dass es unlogisch ist, sie zu schließen, während der MediaMarkt offen bleibt (hier mein SWR-Kommentar dazu, einen Tag vor dem Shutdown-Beschluss), so sollte doch wenigstens die Klassik-Welt lernen. Es ist erstaunlich, dass sofort wieder die alten Reflexe zuschlagen: „Warum kämpft das Publikum nicht für uns, warum steht es nicht auf?“, war irgendwo, fast beleidigt, zu lesen. „Ich finde, das sollten wir einklagen!“ Zugegeben, die Frage nach dem passiven Publikum ist gut, und eine ehrliche Antwort wäre wichtig. Aber ein Publikum hilft eben nur dann, wenn es helfen will. Und wenn nicht, dann müssen wir um das Publikum kämpfen, statt es zu beschimpfen oder ihm gar eine Mitschuld zu geben! Ähnlich verhält es sich mit der andauernd zur Schau gestellten Künstler-Individualität. Während viele auf Facebook gerade den Banner „Ohne kUNSt&Kultur wird’s still“ unter ihre Fotos heften, fangen andere sofort an, diesen kollektiven Solidaritätsakt klugscheißerisch zu kritisieren: „Lächerlich, es wird nicht nur still, sondern unsere kulturelle Identität ist in Gefahr“, oder „ich finde, Musik lässt sich nicht in Laut und Leise einteilen“, oder „der Satz ist falsch, die Stille ist Teil der Musik“. Ja, liebe Leute, und Ihr wundert Euch, warum keiner für Euch aufsteht? So wird das nix mit einer großen Bewegung! Dabei ist genau das das Fatale: Es gibt leider keine KünstlerInnen-Lobby, sondern nur sehr viele, persönlich gekränkte und meinungsstarke Diven und Divos! 

Ach so, na klar – auch Kritik an der eigenen Positionierung sollte legitim sein. Ich finde auch, dass Till Brönner das Statement der Woche abgegeben hat! Klug. Gut in der Tonalität. Und klar für alle! Aber es ist eben auch legitim, wie Tobi Müller in der Zeit zu fragen, wen genau Brönner mit den 1,5 Millionen Betroffenen eigentlich meint: „Er redet mal von der Veranstaltungsbranche, mal von Soloselbstständigen. Selbstständige gibt es in Deutschland rund 1,45 Millionen, in dieser Zahl stecken aber auch 116.000 Ärzte, 50.000 Zahnärzte, 124.000 Rechtsanwälte (…). Aber was, wenn Lieberberg und Brönner nur die Musikwirtschaft meinen? Dann wären es 127.000 Selbstständige, davon rund 50.000 Musikerinnen und Musiker laut einem Bericht des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft.“ Dass Müller für diesen Text einen Shitstorm geerntet hat, finde ich jedenfalls: blöde. 

Künstlern, Theatern und Orchestern bleibt dieser Tage die Möglichkeit, sich noch besser aufzustellen als zuvor. Es ist absehbar, dass am Ende dieser Krise viel Gewohntes über Bord gehen wird (manches, weil es schon lange nicht mehr zeitgemäß war). Vielleicht haben wir diesen Sommer tatsächlich noch einmal gedacht, dass alles weitergehen könnte wie immer. DAS WIRD ES NICHT! Es macht Sinn, diese Veränderungen jetzt vorauszudenken, sie mitzugestalten, um am Ende vielleicht eine andere, aber nicht unbedingt schlechtere Welt von Kunst und Kultur zu haben. Der schönste Spruch im ersten Lockdown kam von Jörg Widmann, der sagte, er habe immer Angst gehabt an Herzinfarkt zu sterben und wisse, nun sei die Leberzirrhose wahrscheinlicher. Es ist wieder Lockdown-Zeit: Ein Weinchen auf den Schock ist gut, aber nie war es so wichtig, nüchtern und besonnen zu bleiben wie jetzt, da wir die Zukunft planen. 

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüggemann

brueggemann@crescendo.de

P.S.: #SangUndKlanglos Ach so, heute, am Montag, den 2.11.2020 um 20 Uhr, ruft das Bündnis #AlarmstufeRot und #SangUndKlanglos, unter anderem mit Unterstützung der Münchner Philharmoniker, dazu auf, Videos, Livestreams und Beiträge zu veröffentlichen, die individuell dargestellt Stille zeigen und einen Moment „ohne klingende Kultur“ zu schaffen. Schweigen, um aufzuhorchen!

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Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

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