Mariss Jansons

Meister der Atmo­sphäre

von Axel Brüggemann

12. Oktober 2019

Der OPUS KLASSIK 2019 geht an Mariss Jansons. Eine Auszeichnung für einen Ausnahmekünstler – und einen Ausnahmemenschen, der immer die Seele der Musik finden wollte. Und sie auch fand.

ist kein Mensch, der gern pathe­tisch wird – nicht einmal dann, wenn er auf sein 76-jähriges Leben zurück­blickt. Er glaubt nicht daran, dass ein Mensch sich im Laufe seines Lebens maßgeb­lich wandelt. „Natür­lich hat die Zeit einen Einfluss auf unsere Empfind­sam­keit und unsere Art, die Dinge zu sehen“, sagt er, „aber ich bin davon über­zeugt, dass ein Mensch seine Meinungen inner­halb eines Lebens nicht grund­le­gend ändert: Er entwi­ckelt sich, er lernt, er mildert einiges ab, verschärft anderes – aber die äußeren Einflüsse sind nicht so groß, dass sie die innere Welt grund­le­gend verän­dern.“

Tatsäch­lich ist Mariss Jansons sich ein Leben lang treu geblieben: Als Musiker ist er in erster Linie Mensch, und auch seine Suche inner­halb der Musik scheint stets dem glei­chen Ziel zu dienen: vorzu­dringen zum Kern einer Kompo­si­tion, die Zeit­lo­sig­keit inner­halb der Kunst aufzustö, oder wie er es sagt, „hinab­zu­tau­chen, immer tiefer in eine Welt, in der unsere reale Welt immer kleiner wird – und das, was uns inner­lich ausmacht, größer“.

Mariss Jansons

»Hinab­zu­tau­chen in eine Welt, in der unsere reale Welt immer kleiner wird – und das, was uns inner­lich ausmacht, größer.«

In keiner seiner Inter­pre­ta­tionen, egal ob in seinen Mahler-Sinfo­nien, bei Beet­hoven oder bei Schosta­ko­witsch, egal mit welchem Orchester, den Osloer Phil­har­mo­ni­kern, mit Pitts­burgh oder seinem – Jansons sucht nie nach musi­ka­li­schen Moden, sondern stets nach dem wahr­haf­tigen Sinn, nach dem, was er „die Seele“ nennt. „Diese musi­ka­li­sche Seele funk­tio­niert wie eine Blume oder ein Baum“, erklärt er. „Wenn die Pflanzen jung sind, sind sie betö­rend schön, strotzen vor Kraft, sind grün und wild – aber span­nend werden sie beson­ders im Herbst oder im Alter, wenn sie knor­riger werden, wenn sie eine Geschichte zu erzählen haben.“ Und diese Geschichte erzählt Mariss Jansons jedes Mal neu, wenn er musi­ziert. Wenn er Klang aus Weis­heit und Erfah­rung produ­ziert.

Das Musi­zieren ist für ihn in erster Linie der „Instinkt, eine Partitur zu ordnen und im rich­tigen Moment richtig zu reagieren. Ein Zeichen zu geben, eine Energie frei­zu­setzen, die das Orchester versteht. Dieser Instinkt ist viel­leicht im Alter besser ausge­prägt“, gibt der Diri­gent zu, „und er ist nötig, um am Ende eine Atmo­sphäre aus Musik zu schaffen.“

Mariss Jansons

»Die musi­ka­li­sche Seele funk­tio­niert wie eine Blume.«

Tatsäch­lich beschreibt das Wort „Atmo­sphäre“ den Klang, den ein Diri­gent wie Jansons kreiert, viel­leicht am besten. Klang scheint für ihn eines der geeig­netsten Mittel des Ausdrucks zu sein, die höchste Form der Kommu­ni­ka­tion – ein Dialog, der in der Ernst­haf­tig­keit mit sich selber beginnt und erst aus dieser Tiefe heraus zum Gegen­über spricht. Oder wie er selbst formu­liert: „Ich glaube, dass die Musik uns oft gar nicht auffor­dert, konkrete Antworten zu finden. Musik funk­tio­niert nicht nach dem Prinzip der Sprache oder einer Mathe­auf­gabe, an deren Ende ein unum­stöß­li­ches Ergebnis steht. Wir kennen doch alle diese Gefühle, in denen wir meinen, die Welt oder die Liebe zu verstehen, oder in denen wir an beidem zwei­feln. Aber wir können diesem Gefühl in dem Moment, in dem wir es spüren, oft keine konkreten Worte geben – was bleibt, ist eine unaus­sprech­liche Atmo­sphäre.“

Und diese Atmo­sphäre entsteht selbst ohne Musik – in jeder Begeg­nung mit Mariss Jansons. Seine Orchester verehren seine stille Auto­rität – ein Maestro, der auch andere neben sich zulässt, ja, dessen Lebens­werk auch darin besteht, Nach­folger aufzu­bauen wie etwa seinen Schüler . Dabei braucht sein Wesen nicht viele Worte, er ist ein Mensch der Musik. „Meine Buch­staben sind die Noten“, sagt er selbst, „sie wachsen zu einem Motiv – und aus den Motiven entsteht ein Satz. Aber anders als der Satz in der Sprache ist der Satz in der Musik nicht unbe­dingt sofort zu verstehen. Er braucht eine Über­set­zung. Und das ist, wofür wir Inter­preten die Energie und die Intui­tion brau­chen. Unsere Aufgabe ist es, bei unserer Inter­pre­ta­tion des musi­ka­li­schen Satzes so nahe am Kompo­nisten wie möglich zu sein und gleich­zeitig müssen wir vom Orchester und vom Publikum verstanden werden. Es geht also immer darum, durch Energie eine Brücke vom Kompo­nisten zum Publikum zu schlagen“.

Mariss Jansons

»Was bleibt, ist eine unaus­sprech­liche Atmo­sphäre.«

Die Stille, die Ausge­wo­gen­heit und die Ruhe, mit der Mariss Jansons für gewöhn­lich kommu­ni­ziert, ist eben­falls eine Konstante seines Lebens, ein Teil seiner unver­än­der­li­chen DNA. Jansons’ Mutter, eine erfolg­reiche Mezzo­so­pra­nistin, floh, nachdem ihr Vater und ihr Bruder im Ghetto von umge­kommen waren, in ein Versteck, um im Januar 1943 ihren Sohn Mariss zur Welt zu bringen. „Ich war als Jugend­li­cher sehr schüch­tern, sehr still und fand einfach nicht die Worte, um meiner inneren Welt Ausdruck zu verleihen“, sagt der Diri­gent, „ich war voller Komplexe, habe mich für alles geschämt, und es fiel mir sehr schwer, mein Herz zu öffnen.“ Mit der Musik fand sein stilles Ich dann eine Möglich­keit des anderen Ausdrucks, der Expres­sion, die für ihn einen wesent­li­chen Bestand­teil des Musi­zie­rens darstellt. „Es geht immer darum, dem Orchester und dem Publikum die nötige Energie bereit­zu­stellen. Dafür ist ein gewisses Maß an Selbst­be­wusst­sein einfach nötig.“ Und das hätte er sich ange­lernt, verrät der Diri­gent – um Musik machen zu können.

Mariss Jansons

»Es geht immer darum, dem Orchester und dem Publikum die nötige Energie bereit­zu­stellen.«

Als Mariss Jansons 2003 die Nach­folge von als Chef des BR-Sympho­nie­or­ches­ters antrat, ahnte niemand, was für eine Epoche da mit jenem Diri­genten anbre­chen sollte, der einst am Lenin­grader Konser­va­to­rium studiert hatte, 1969 nach Öster­reich ging, um bei und in die Lehre zu gehen. Jansons und das Sympho­nie­or­chester des BR sind inzwi­schen Seelen­ver­wandte, egal, ob durch den genia­li­schen Beet­hoven- oder Mahler-Zyklus, durch die Sinfo­nien von Schosta­ko­witsch, die groß­ar­tige Aufnahme von Strauss’ Vier letzten Liedern mit oder die letzte Rach­ma­ninow-Aufnahme. Jansons entwi­ckelte dieses Orchester zu einem der wich­tigsten und span­nendsten Klang­körper der Welt. Das Concert­ge­bouw in verließ er 2015 nach elf Jahren wieder – den Münch­nern aber blieb er treu.

Eigent­lich braucht jemand wie Jansons keine Preise mehr. Er hat den Baye­ri­schen Verdienst­orden, das Öster­rei­chi­sche Ehren­kreuz für Wissen­schaft und Kunst, den , den Verdienst­orden der Bundes­re­pu­blik, ist Ehren­mit­glied der Berliner und der . Vor zwei Jahren kriti­sierte der Sohn einer jüdi­schen Mutter den scharf, zeigte sich erschro­cken über die anti­se­mi­ti­schen Ausfälle. Dass Mariss Jansons nun den für sein Lebens­werk annimmt, ehrt den Preis mehr als den Preis­träger.

Fotos: Peter Meisel