Out of the Box

Raum fürs Origi­nelle

von Christina M. Bauer

28. Oktober 2021

Das dritte Out of the Box Festival schafft mit drei Uraufführungen von Ralf Schmid, Django Bates und Christian Muthspiel Bühnen für originelle Musikproduktionen.

„Wir wollen das Spek­ta­ku­läre zum Prinzip erheben.“ Damit fasst die künst­le­ri­sche Leiterin Martina Tauben­berger zu Anfang der Pres­se­kon­fe­renz zum Out of the Box Festival am 22. Oktober 2021 das Konzept der Veran­stal­tung in wenige Worte. Spek­ta­kulär kann man das nennen, wenn Künstler unter Wasser musi­zieren, auf Musik­in­stru­menten aus Eis spielen, sich in Folie einschweißen lassen oder am Konzert­flügel 80 Meter über dem Bauge­lände zum neuen Konzert­saal in schweben. Das und mehr war alles schon da, bei Out of the Box. Das Außer­ge­wöhn­liche, vor allem, aber nicht nur in der Musik, soll hier eine Bühne erhalten.

Drei Urauf­füh­rungen

Nach der unver­meid­li­chen Covid-Zwangs­pause soll es 2022 wieder statt­finden. Es ist die dritte Ausgabe des Veran­stal­tungs­for­mats, und die Verant­wort­li­chen haben die Zeit genutzt. Erst­mals soll es gleich drei Urauf­füh­rungen geben, es wurden entspre­chende Werke bei etablierten Kompo­nisten in Auftrag gegeben. Die dürfen agieren mit Kammer­or­chester, Jazz­big­band, Chor und Solisten, und es wird der inter­dis­zi­pli­näre Aspekt in der Kunst nicht zu kurz kommen. So werden Tanz, Licht­kunst, digi­tales Sound­de­sign und vieles mehr inte­griert.

Bewe­gung und Starre

Wieder soll es ein zeit­ge­mäßes und gesell­schafts­re­le­vantes Rahmen­thema geben. Bei der ersten Festi­val­aus­gabe war das Digi­ta­li­sie­rung, ein Jahr darauf ökolo­gi­sche Nach­hal­tig­keit. 2022 stehen, passend zur unge­wöhn­li­chen Covid-Situa­tion, Mobi­lität und Bewe­gung im Mittel­punkt. Gleich­zeitig soll das in den letzten Jahren oft unfrei­willig gefor­derte Gegen­teil, Starre und Bewe­gungs­lo­sig­keit, thema­ti­siert werden. Dabei gibt es auch ein Augen­merk auf mögliche indi­vi­du­elle Einschrän­kungen der Bewe­gungs­frei­heit, etwa wegen Gehör­lo­sig­keit, Blind­heit oder einer Lähmung.

Der Komponist und Pianist Ralf Schmid
Der Kompo­nist und Pianist Ralf Schmid mit Weara­bles an seinen Flügeln
(Foto: © Lia Sáile)

Ein span­nendes Spek­trum also, mit dem sich die Kompo­nisten ausein­an­der­setzen, die alle Bewe­gung unter verschie­denen Gesichts­punkten in ihre Musik inte­grieren. Ralf Schmid wählt dabei erneut einen teils digi­talen Ansatz, und so heißt seine Kompo­si­tion Digi­tale Poesie: The Human Touch. Schmid agiert an zwei Konzert­flü­geln und zusätz­lich mit Weara­bles an den Händen, über deren Sensoren er eben­falls die Flügel ansteuern, Töne spielen und Sounds verän­dern kann. So entsteht durch Bewe­gung von Händen und Armen ein Teil der Musik. „Ich habe raus­ge­funden, dass das sehr orga­nisch ist“, stellt Schmid fest, der das digi­tale Musi­zieren gern ohne die sonst erfor­der­li­chen Schalter, Pedale, Tasten oder Note­book­bild­schirme bewerk­stel­ligt. Er hat sowohl für sein Solo­pro­jekt Pyanook als auch bereits für Orchester und Chor kompo­niert. Für das Festival verfasst er nun erst­mals ein Klavier­kon­zert, das er als Solist mit dem schwe­di­schen o/​modernt Kammeror­ke­star, Diri­gent Hugo Ticciati und dem Vokal­ensemble Voices am 14. Januar 2022 (s. aktua­li­sierte Daten) urauf­führt. Dabei sind die anderen Musi­zie­renden eben­falls im Raum in Bewe­gung.

Projekt von Django Bates
Tanz und Gebär­den­sprache im Projekt von Django Bates
(Foto: © Ceren Oran)

Babel – A Ballet of Signs nennt sich das Werk des briti­schen Kompo­nisten und Jazz­künst­lers Django Bates, der in der lebt und bei der Pres­se­kon­fe­renz nicht vor Ort sein konnte. Einen Schwer­punkt soll seine Kompo­si­tion auf Perkus­si­vität, Rhythmik und Dynamik haben. So entsteht Musik, die den Zuhö­renden und Zuschau­enden gut im Wech­sel­spiel mit Tanz und Gebär­den­sprache präsen­tiert werden kann. Für Gehör­lose und alle anderen, die Gebär­den­sprache verstehen, erschließt sich eine zusätz­liche Bedeu­tungs­eben des Stücks. Bei dieser Produk­tion sind erneut das o/​modernt Kammeror­ke­star und die Trond­heim Voice dabei, außerdem das eigens dafür formierte Art Ensemble. Jin Lee, Jihun Choi und Uwe Brauns über­nehmen die Tanz­parts. Am 28. Januar 2022 (s. aktua­li­sierte Daten) wird das Werk urauf­ge­führt.

Der Musiker Christian Muthspiel und sein OrJazztra
Chris­tian Muth­spiel und sein OrJazztra
(Foto: © Lukas Beck)

Eine andere Art von Bewe­gung kommt bei Chris­tian Muth­spiel zum Einsatz, und zwar die des Riesen­rades im Münchner Werks­viertel. Das dreht sich noch einige Zeit dort, wo in vielen Jahren der neue Konzert­saal erstrahlen soll. Muth­spiel, der als Kompo­nist, Diri­gent und Posau­nist sowohl im Jazz als auch der klas­si­schen Musik tätig ist, hat seine Riesen­rad­oper auf das beson­dere Setting abge­stimmt. „Es musste ein Konzept sein, das nur mit Riesenrad Sinn ergibt“, erklärt er im Gespräch. Am 4. Februar 2022 (s. aktua­li­sierte Daten) findet die Urauf­füh­rung statt. Unter den Mitwir­kenden sind Muth­spiels OrJazztra Vienna und die Sänge­rinnen Eva Klampfer, Lucia Karnig und Anna Anderluh. Die 27 Musi­zie­renden nehmen in ebenso vielen Gondeln Platz. Statt einem Dirigat nach Takt sollen synchro­ni­sierte Stopp­uhren ihnen das Zusam­men­spiel ermög­li­chen. Die Musik inte­griert Impro­vi­sa­tion, freie Passagen und Solo­parts. Wer mag, kann selbst in einer Gondel eine Künst­lerin oder einen Künstler begleiten und per Kopf­hörer die Musik des ganzen Ensem­bles hören. Der abge­mischte Gesamt­sound wird außerdem parallel auf den Platz über­tragen, wo die Musi­zie­renden auf einem Split-Screen zu sehen sind.

Es sind also einer­seits unter­schied­liche Stücke, die ande­rer­seits wesent­liche Gemein­sam­keiten haben. „Es sind drei Teile eines Gesamt­kunst­werks. Das verbin­dende Element ist die Poesie“, formu­lierte es der Regis­seur Axel Tanger­ding. Der Leiter des Münchner Meta Thea­ters vergleicht die Kompo­si­tionen sogar den drei Sätzen eines musi­ka­li­schen Werks. Er über­nimmt bei allen Produk­tionen die Regie und drama­tur­gi­sche Bera­tung und hat mit der Festi­val­lei­terin Tauben­berger die Libretti verfasst. Eben­falls an allen Stücken betei­ligt sind die Choreo­grafin Ceren Oran und der Licht­de­si­gner Rainer Ludwig. Das Sound­de­sign für Schmids Digi­tale Poesie gestaltet Asle Karstad aus mit.

Selbst­ge­wählte Ticket­preise

Für die Haupt­werke gibt es jeweils mehrere Auftritts­daten. Außerdem wollen die Verant­wort­li­chen wieder ein abwechs­lungs­rei­ches Rahmen­pro­gramm orga­ni­sieren, mit Konzerten, Gesprächs­for­maten und Work­shops für alle Alters­gruppen. Für den Eintritt möchten sie einen neuen Ansatz auspro­bieren, den selbst gewählten Ticket­preis. Das sieht Tauben­berger als Einla­dung für alle, die Veran­stal­tungen zu besu­chen, unbe­sehen des Konto­standes, und gleich­zeitig als Denk­an­stoß mit Blick auf den Wert von Kultur.

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Wegen Covid geänderte Termine ab Mai und weitere Informationen zum Musikfestival Out of the Box 2022 in München unter: werksviertel-kunst.de