KlassikWoche 40/2019

Wenn Stimmen uns wieder berühren – und nicht die Hände!

von Axel Brüggemann

30. September 2019

Dieses Mal leider schon wieder mit fehl­ge­lei­teten Künstler-Händen, aber auch mit vokalen Berüh­rungen! Dazu einige groß­ar­tige Premieren und span­nende Debatten.

Will­kommen in der neuen Klassik-Woche,

dieses Mal leider schon wieder mit fehl­ge­lei­teten Künstler-Händen, aber auch mit vokalen Berüh­rungen! Dazu einige groß­ar­tige Premieren und span­nende Debatten.

WAS IST

WANN HÖRT DAS ENDLICH AUF? 

Anfang letzter Woche verkün­dete MET-Inten­­dant Peter Gelb noch: „Warum ich an der Seite von Domingo stehe.“ Doch die Woche wurde turbu­lent: Plácido Domingo erschien zwar zu den Macbeth-Proben mit Anna Netrebko, und die drückte ihm ihre Soli­da­rität aus (ebenso wie Olga Boro­dina: „Lieber Plácido! Die Welt wird verrückt!“). Aber Protest kam dieses Mal (wir haben berichtet) aus dem Opern­chor. Schließ­lich fand man in New York eine Lösung, die Beob­achter nun auch für Los Angeles erwarten: Domingo selber hat seinen Auftritt und alle weiteren Vorstel­lungen an der MET abge­sagt, die Vorwürfe aber erneut zurück­ge­wiesen. Aus der MET hat derweil jemand den inof­fi­zi­ellen Abschied Domingos auf YouTube gestellt: einen Mitschnitt seiner Macbeth-Probe. 

Wer dachte, dass es das nun war, hat sich aller­dings geirrt. Mitten im Domingo-Hick-Hack berich­tete das briti­sche Boule­vard­blatt Sun, dass der italie­ni­sche Tenor Vittorio Grigòlo von einem Japan-Gast­spiel des Opern­hauses Covent Garden suspen­diert wurde. Grigòlo soll eine Chor­sän­gerin auf offener Bühne unsitt­lich berührt haben. Absurd, dass Grigòlo sich vor einiger Zeit in einem Inter­view noch spaßes­halber als sexsüchtig beschrieb, und aus den aktu­ellen Debatten offen­sicht­lich nichts gelernt hat. Auf seinem Insta­­gram-Account dankte er noch einige Tage lang dem Publikum in . Erst viel später erklärte er, dass er ledig­lich den als Kostüm umge­bun­denen, schwan­geren Bauch einer Chor­sän­gerin berührt habe. Dieses Mal reagierte aber Peter Gelb im fernen sofort und gab bekannt, dass Grigòlo nicht länger an der MET auftreten werde – bis die Unter­su­chungen in London abge­schlossen seien. Kein Wunder, dass Gelb mit diesem Hin und Her, das bereits mit der still­schwei­genden Eini­gung mit  begonnen hatte, nun selber unter Beschuss steht. Aber was ist eigent­lich mit Daniel Baren­boim und den Neuig­keiten der letzten Woche, mit der Aussage einer Mitar­bei­terin, die erklärte, wie der Diri­gent sie geschüt­telt und beschimpft habe? – Ach ja: Baren­boim wurde mit dem Konrad-Adenauer-Preis der Stadt ausge­zeichnet. Das alles verstehe, wer wolle!

ECHTE STIMM-EROTIK

Wie schön ist bei all diesen Nach­richten die Erkenntnis, dass man als Sänger die Hände eigent­lich voll­kommen bei sich lassen kann, da die Stimme mindes­tens so berüh­rend sein kann! So jeden­falls steht es im sehr lesens­werten Text über die Macht der Stimme von Andrea Köhler in der NZZ: „Denn die Erotik der Stimme ist immer auch an ihre Mate­ria­lität gebunden. Selbst wenn sie wie etwa beim Tele­fo­nieren vom Körper abge­löst scheint, haftet ihr etwas Physi­sches an: Wir hören den Atem des andern direkt am Ohr. Die geliebte Stimme im Tele­fon­hörer – das war vor der Karriere des Sexting noch der Inbe­griff von eroti­scher Inti­mität.

MEHR FRAUEN, BITTE!

Kommu­nale Opern­häuser sind in ihrer jetzigen Form nicht zukunfts­fähig – und benach­tei­ligen weib­liche Kompo­nis­tinnen. Das war das Ergebnis einer WDR 3-Diskus­sion in der Oper Wuppertal. Nun ist die Veran­stal­tung mit Anna Cher­nomordikMuchtar Al GhusainNele Freu­den­bergerElena MendozaMoritz Eggert und Bert­hold Schneider nach­zu­hören. Eggert glaubt, dass die Frau­en­frage bereits offener wäre, wenn mehr Neue Musik gespielt werde, und auch seine Kollegin Elena Mendoza plädiert für eine Quote für Urauf­füh­rungen.

WAS WAR

CLEVE­LAND ORCHESTRA RECHNET AB

Das Cleve­land Orchestra von Franz Welser-Möst hat nach­rechnen lassen – viel­leicht auch, weil die Kultur im Trump-Land nicht mehr als gesell­schaft­liche Größe geläufig ist. Doch eine Wirt­­schafts-Firma hat vorge­rechnet, dass allein wegen des Orches­ters 135,4 Millionen Dollar im Nord­osten von Ohio umge­setzt werden – ganz abge­sehen davon, dass 1.292 Jobs um das Orchester herum entstanden sind, Einkommen von über 60,8 Millionen Dollar jähr­lich, die beson­ders in der Hotel‑, Restau­rant- und Reise-Branche erwirt­schaftet werden. Ich finde, wir brau­chen viel mehr dieser Rech­nungen! 

GUNDULA JANO­WITZ ERHÄLT HUGO-WOLF-MEDAILLE

Die achte Preis­trä­gerin der Hugo-Wolf-Medaille steht fest. Es ist die öster­rei­chi­sche Stimm-Legende Gundula Jano­witz. Die Verlei­hung findet am Sonntag, den 6. Oktober, um 11:00 Uhr in der Stutt­garter Oper statt. Dabei treten Juliane Banse (Sopran), Benjamin Appl (Bariton) sowie der Träger der Hugo-Wolf-Medaille 2017, Wolfram Rieger, am Klavier auf.

AUF UNSEREN BÜHNEN

Das  hat Philip Glass« Oper In der Straf­ko­lonie aufge­führt – und die nmz ist begeis­tert: „Verstö­rungs­po­ten­zial enthält diese Arbeit des Regis­seurs Lothar Krause und des Diri­genten Clemens Mohr reich­lich: Die Posi­tionen des seine zum affek­tiven Eingreifen unter­drü­ckenden Besu­cher aus Europa, des sich selbst den Torturen der Tötungs­ma­schine auslie­fernden Offi­ziers und des hier nicht stummen über­le­benden Verur­teilten werden in schlichter Konkret­heit sinn­fällig.“ +++ Minden spielt den kompletten Ring des Nibe­lungen – und Josef Oehr­lein fragt in der FAZ, was auch wir schon beim gran­diosen Olden­burger Ring gefragt haben: „Geht das?“ Seine Antwort fällt klar aus: „Der Regis­seur Gerd Heinz hat die schwie­rigen räum­li­chen Verhält­nisse als Chance begriffen, beson­ders tief in das Innere der einzelnen Werke der Tetra­logie vorzu­dringen.“ +++ Wagner gab es auch in Köln: Patrick Kinmonth zeige Tristan und Isolde „als Paral­lel­ak­tion. Der treue Gesandte König Markes und die dem König gewaltsam bestimmte Braut kreuzen gemeinsam die Irische See, aber ihre Lebens­schick­sals­li­nien werden sich erst im Unend­li­chen schneiden“, schreibt Patrick Bahners und ist eher faszi­niert von Fran­­çois-Xavier Roths Dirigat. +++ An dieser Stelle haben wir schon öfter auf die Debatte hinge­wiesen, was klas­si­sche Musik gegen den Klima­wandel tun kann – nun stellt auch der Euro­pean Music Council diese Frage

PERSO­NA­LIEN DER WOCHE

Der Jazz-Klari­­ne­t­­tist Rolf Kühn ist 90 Jahre alt geworden – im Tages­spiegel gratu­liert ihm Gregor Dotz­auer. +++ Der „Hüter der Wiener Musi­zier­tra­di­tion“, Paul Badura-Skoda, ist im Alter von 91 Jahren in gestorben – die Presse ruft ihm nach. +++ Inter­views gibt Martha Arge­rich eigent­lich nie – und auch das, was Hans Jörg Jans zu Papier gebracht hat, ist kein Inter­view im klas­si­schen Sinne – aber der lesens­werte Bericht seines Austau­sches mit dieser Ausnah­me­pia­nistin. 

WAS LOHNT

Am 17. Oktober in der CRESCENDO-Redak­­tion: Vernis­sage mit Rafael Schö­ler­mann

Was lohnt, findet dieses Mal am 17. Oktober um 19:00 in den Räumen von CRESCENDO statt – wir laden zum After-Work-Apéro mit den Bildern von Rafael Schö­ler­mann. Schö­ler­mann stammt aus der kana­di­schen Künst­ler­fa­milie de Grand­maison, sein Groß­vater Nicholas war ein bekannter Porträt­maler. Schö­ler­mann studierte zunächst Musik und arbei­tete als frei­schaf­fender Musiker und Kompo­nist. In seiner Serie „Water­works“ zeigt er Foto­gra­fien, bei denen die Realität der Auslöser für die Bild­fin­dung ist. Indem er mit der tradi­tio­nellen Erwar­tung an Foto­grafie, der Abbild­treue, bricht, öffnen sich Frei­räume für eine male­ri­sche Auffas­sung.

In diesem Sinne, halten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüg­ge­mann

brueggemann@​crescendo.​de

Fotos: Wiki Commons