„100 Jahre Salzburger Festspiele“ (58 CDs und ein 164-seitiges Booklet, Deutsche Grammophon) Ilse Fischer, Helga Rabl-Stadler (Hrsg): „Festspiel-Dialoge“ (Verlag Anton Pustet) „Großes Welttheater – 100 Jahre Salzburger Festspiele“, Landesausstellung im Salzburg Museum, Neue Residenz, Salzburg, bis 31. Oktober 2020 Weitere Informationen dazu: www.salzburgmuseum.at Katalog zur Ausstellung: Martin Hochleitner, Margarethe Lasinger (Hrsg.): „Großes Welttheater. 100 Jahre Salzburger Festspiele“ (Residenz Verlag)

100 Jahre Salzburger Festspiele

Happy Birthday, Salz­burg!

von Barbara Schulz

3. Juli 2020

Die Salzburger Festspiele feiern 100-jähriges Jubiläum mit einer 58-CDs-Box, einer Dokumentation der Festspiel-Dialoge und einer Landesausstellung.

100 Jahre sind schon eine Ansage. Und der schönste Grund, sich den Kopf zu zerbre­chen, worüber sich der Jubilar wohl freuen würde. Hier ein paar der schönsten Ideen.

Wie viele runde Geburts­tage und Jubi­läen wohl ausfallen mussten in diesem eigen­ar­tigen Früh­ling 2020? Zu viele, das lässt sich zwei­fels­ohne beklagen. Aber was ist nun eigent­lich mit Salz­burg? Natür­lich, die Fest­spiele feiern sich Jahr für Jahr, und genauso oft werden sie gefeiert. Sie brau­chen weder Geburtstag noch Jubi­läum, um die Korken knallen zu lassen, und das nicht nur buch­stäb­lich. Beset­zung, Werke, Publikum – alles fühlt sich an wie perlender Cham­pa­gner, ein sommer­leichter Weißer oder ein schwerer Rotwein mit viel Substanz und langem Abgang. Salz­burg ist einfach Glamour – program­ma­tisch, perso­nell, atmo­sphä­risch! Und jetzt? Stand bis Anfang Juni noch nicht einmal fest, ob es „100 Jahre “ über­haupt geben würde.

Ausnahme-Fest­spiele

Zunächst die schlechte Nach­richt: Die Fest­spiele werden nur in abge­speckter Form statt­finden. Die gute ist, dass sie über­haupt statt­finden. Und vermut­lich wird die Trophäe in diesem Jahr relativ ungla­mourös eine Salz­burger-Fest­spiele-Schutz­maske sein – so, wie im heißen Sommer 2018 der Fächer als Reli­quie und sendungs­be­wusstes Kultur-Acces­soire reißenden Absatz fand. Vor allem aber wird man Geschichten mit nach Hause nehmen, was war und wo und wie – und vor allem: mit wem … Denn es werden Ausnahme-Fest­spiele werden – leider nicht in dem Sinn, wie alles geplant war.

Am 22. August 1920 erschollen von der Festung Hohen­salz­burg erst­mals die Jeder­mann-Rufe herab, und vor der Kulisse des Doms war Hugo von Hofmannsthals Spiel vom Sterben des reichen Mannes zu sehen.

Für all jene aber, deren Vorstel­lungen nun einfach nicht statt­finden, nicht weniger aber auch für dieje­nigen, die ohnehin keine Veran­stal­tung gebucht oder keine Karten mehr bekommen hatten – für sie gibt es nicht nur ein Trost­pflaster, sondern einen ganzen schön­geis­tigen Erste-Hilfe-Kasten. Den auch die nehmen, die da sein werden. Denn was anläss­lich des 100. Geburts­tags veröf­fent­licht und veran­staltet wird, rettet weit über die Dauer dieser Fest­spiele und vermut­lich auch über die nächsten hinaus.

Schon beim Über­fliegen dieser Retro­spek­tive, die in einer signal­roten quadra­ti­schen Box „100 Jahre Salz­burger Fest­spiele“ auf immerhin 58 CDs zusam­men­ge­packt wurde, kommt man begriff­lich kaum am Klischee vorbei: Juwelen sind es, Stern­stunden, und alle­samt legen sie Zeugnis ab von Momenten, die legendär waren, einzig­artig und voll­endet. Manche von ihnen fast schon unwirk­lich und entrückt.

Der Rosenkavalier bei den Salzburger Festspielen1960
Mit Rosen­ka­va­lier eröff­nete am 26. Juli 1960 das neu erbaute Große Fest­spiel­haus.

Nebenbei sei erwähnt, dass das beilie­gende Booklet nicht nur inter­es­sant, sondern auch amüsant zu lesen ist. Tosca­nini, so heißt es da, sei ein beson­derer Publi­kums­ma­gnet gewesen, hätten seine Konzert- und Opern­auf­tritte in den Jahren 1934 – 1937 mit ihrer über­bor­denden Hitzig­keit gar den berühmten Sommer­stürmen des Salz­kam­mer­guts Konkur­renz gemacht. Von einem „hageren Karajan, der wie in Trance Glucks Musik zum Leben erweckt“ ist da die Rede im Zusam­men­hang mit einem Beitrag für die Wochen­schau aus dem Jahr 1948.

Fritz Wunderlich und Hans Hotter in Richard Strauss’ "Schweigsame Frau" 1959
Fritz Wunder­lich als Henry Morosus und Hans Hotter als Sir Morosus 1959 in Richard Strauss’ Schweig­same Frau

Was den Würfel aber nun so magisch macht, das sind Preziosen wie ein Don Giovanni unter aus dem Jahr 1977, Mahlers Achte unter Bern­stein, Kara­jans Tristan und Isolde, Baren­boims Onegin … Nicht weniger hoch­ka­rätig die Sänger und Musiker: La Traviata unter Rizzi mit Netrebko, Villazon und Hampson, im Rosen­ka­va­lier, in Così fan tutte … Sprich­wört­lich die große Oper außerdem mit , Hermann Prey, , Fritz Wunder­lich, Sena Jurinac, … Konzerte unter Solti, Bern­stein, Boulez, Abbado, Muti, Levine, am Flügel Brendel, Arge­rich, Sokolov – und immer und überall natür­lich die .

Ach, man möchte die Sprache gern neu erfinden, um frische Wörter zu haben für dieses Feuer­werk. Dem selbst­ver­ständ­lich auch das große Krawumm am Ende nicht fehlt – und ja, bei diesem Aufgebot dürfen es in öster­rei­chi­scher Manier auch schon mal zwei sein: Als Bonus gibt es den Jeder­mann mit Will Quad­flieg, und schließ­lich liest der Grand­sei­gneur und die prägende Figur vor Karajan, Bern­hard Paum­gartner, auf einer CD- Erst­ver­öf­fent­li­chung „Erzähltes Leben“.

Geist und Gespräche

Die Fest­spiel-Dialoge setzen sich mit den jewei­ligen Neuin­sze­nie­rungen der Salz­burger Fest­spiele ausein­ander. Ein Doku­men­ta­ti­ons­band versam­melt Beiträge aus 21 Jahren Fest­spiel-Dialogen.

Der 1945 gebo­rene und 2014 verstor­bene Salz­burger Univer­si­täts­pro­fessor Michael Fischer verstand Kunst immer als Auffor­de­rung zum Dialog. Dabei war er mehr als ein Intel­lek­tu­eller, „ein Huma­nist im wahrsten Sinn des Wortes, ein Mensch reich an pietas, an Liebe und Achtung vor dem Leben und skep­tisch gegen­über allen ideo­lo­gi­schen oder kultu­rellen Kate­go­rien, die sich anmaßen, das Leben und die Geschichte in einen Käfig zu sperren und zu klas­si­fi­zieren“, beschreibt ihn der italie­ni­sche Schrift­steller Claudio Magris fast zärt­lich.

Natür­lich war da ein kultu­relles Spek­takel wie die Salz­burger Fest­spiele eine span­nende Auffor­de­rung zur geis­tigen Ausein­an­der­set­zung, vor allem in deren Reibung von modernen Visionen und tradi­tio­nellen Werten. Und so warf sich Fischer gera­dezu lust­voll in die Heraus­for­de­rung, die jewei­ligen Neuin­sze­nie­rungen unter werk­be­zo­genen und ‑über­grei­fenden Gesichts­punkten zu analy­sieren und sich ihnen mit der ihm eigenen Dialektik anzu­nä­hern. Daraus geboren wurde 1993 – zusammen mit dem dama­ligen Fest­spiel-Inten­danten – die Idee der Fest­spiel-Dialoge.

Seit 1994 waren diese Beiträge zahl­rei­cher Persön­lich­keiten aus Kunst, Philo­so­phie, Lite­ratur, Sozio­logie, von Diplo­maten, Histo­ri­kern und Wissen­schaft­lern aus der Genetik und der Hirn­for­schung nicht nur vom Publikum begeis­tert geschätzte Diskus­si­ons­grund­lagen, sondern wurden „auf bestimmte Weise das Gewissen der Fest­spiele“ (Gerard Mortier), und sind damit der schönste Beweis, dass die Fest­spiel­be­su­cher mehr wollen als Glamour, große Namen und span­nende Auffüh­rungen.

Fischer, der die Fest­spiele „als Spiegel von Denk­strö­mungen, Kunst­ent­wick­lungen, Gesell­schafts­trends und durchaus auch Moden“ sah, glaubte an „die Rolle der Kunst als spiri­tu­elle Erleb­nis­ver­mitt­lerin“. 39 Autorinnen und Autoren, darunter Aleida und Jan Assmann, Massimo Cacciari, Nike Wagner, , und Eric Hobs­bawm lösen dieses Vertrauen auf hohem Niveau ein.

Ilse Fischer, Kultur­jour­na­listin, Marke­ting-Expertin und Witwe des Initia­tors der Fest­spiel-Dialoge, legt nun zusammen mit , seit 1995 Präsi­dentin der Salz­burger Fest­spiele, den knapp 550 Seiten schweren Doku­men­ta­ti­ons­band „Fest­spiel-Dialoge“ im Gedenken an einen wahr­haft großen Kunst- und Menschen­freund vor.

Was für ein Theater!

Das Salz­burg Museum in der Neuen Resi­denz in Salz­burg zeigt vom 26. Juli bis 31. Oktober 2021 die Landes­aus­stel­lung „Großes Welt­theater – 100 Jahre Salz­burger Fest­spiele“.

Salzburger Festspiele: Modell zum Großen Festspielhaus
Das Modell zum Neuen Fest­spiel­haus, das 1960 als Großes Fest­spiel­haus eröffnet wurde
(Foto: Salz­burg Museum / Bianca Würger)

Martin Hoch­leitner, Leiter des Salz­burg Museum, und Marga­rethe Lasinger von den Salz­burger Fest­spielen, beide Kura­toren dieser Retro­spek­tive auf 100 Jahre Salz­burger Fest­spiele, haben anläss­lich des Jubi­läums eine so infor­ma­tive wie leben­dige und unter­halt­same Ausstel­lung auf die Beine gestellt. In der Neuen Resi­denz am Mozart­platz sind neben Kostümen, Requi­siten, und Bühnen­bil­dern auch künst­le­ri­sche Projekte zu sehen. Ganz im Sinne des Grün­ders wurde auch dieses Mammut­pro­jekt einer Ausstel­lung im Hinblick auf den Austausch mit dem Publikum konzi­piert.

Kleid von Anna Netrebko in Verdis La traviata
Das Kleid von für ihre Rolle der Violetta Valéry in Verdis La Traviata (Foto: Salz­burg Museum / Bianca Würger)

Als Hommage an den großen Regis­seur und an die Geburts­stunde der Salz­burger Fest­spiele selbst, die erste Auffüh­rung Hugo von Hofmannsthals Jeder­mann am 22. August 1920, hat der ORF eine Doku­men­ta­tion produ­ziert, die 100 Jahre Fest­spiel­ge­schichte wieder­geben. Daneben haben auch weitere Kultur­in­sti­tu­tionen mitge­wirkt: das Jüdi­sche Museum, das Thea­ter­mu­seum, das Lite­ra­tur­ar­chiv Salz­burg, die Wiener Phil­har­mo­niker und zahl­reiche Künstler, die elf Räume in der Resi­denz bespielen, immer in der Absicht, sich in einen Dialog mit den Ausstel­lungs­be­su­chern zu begeben.

Schließ­lich wird auch die Kunst­halle zur Bühne: Neben einem abwechs­lungs­rei­chen Live-Programm werden spek­ta­ku­läre Fest­spiel­pro­duk­tionen in einer filmi­schen Instal­la­tion vorge­führt, und über die Thematik des Jeder­mann wird über Leben und der Tod philo­so­phiert und disku­tiert.

Und noch ein beson­deres Gusto­stü­ckerl, wie der Öster­rei­cher sagt: In der präch­tigen Max-Gandolph-Biblio­thek werden bedeu­tende Schrift­stücke und Doku­mente, Klänge, Bilder, Geschichten gezeigt und gelesen, sodass sich auch hier wie ein Puzzle zusam­men­fügt, was die Salz­burger Fest­spiele zum bedeu­tendsten Festival für klas­si­sche Musik und darstel­lende Kunst gemacht hat. Was ihr Wesen ist und ihre Bedeu­tung. Wie sie sich verän­dert haben, welche Krisen sie durch­lebt haben, welche Tradi­tionen sie geschaffen hat. Und wie sehr sie mit all dem auch die Entwick­lung der Stadt Salz­burg beein­flusst haben – und umge­kehrt natür­lich. Es dürfte also eine einma­lige Ausstel­lung sein, die einen so diffe­ren­zierten wie viel­fäl­tigen Blick auf das jähr­liche Spek­takel wirft, wie man ihn viel­leicht noch nie gehabt hat. Was für ein Glück, dass es über­haupt möglich ist, nach vielen Wochen bangen Wartens.

Ilse Fischer, Helga Rabl-Stadler (Hrsg): Fest­spiel-Dialoge (Verlag Anton Pustet)
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Martin Hoch­leitner, Marga­rethe Lasinger (Hrsg.): Großes Welt­theater. 100 Jahre Salz­burger Fest­spiele (Resi­denz Verlag)
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Fotos: Salzburger Festspiele