Der Verlag Quaternio in Luzern hat sich auf Faksimile-Editionen kostbarer Bilderhandschriften aus dem Mittelalter und der Renaissance spezialisiert. Sein zehnjähriges Bestehen feiert er mit einer Jubiläumsausstellung in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe.

Vom Codex Gisle, einer gotischen Musikhandschrift, die um 1300 von der Chorleiterin,
der Zisterziensernonne Gisela von Kerssenbrock, verfasst wurde und 500 Jahre lang
in Gebrauch war, fertigte der Verlag 2014 eine Faksimile-Edition.

(Foto: © Quaternio Verlag)

Gezeigt werden alle 23 Faksimile-Editionen, die der Verlag seit seinem Bestehen angefertigt hat, wie etwa Schätze aus der bedeutenden Malschule, die im 10. Jahrhundert in der Reichsabtei der Insel Reichenau eingerichtet wurde, oder der Codex Gisle, ein gotisches Gesangsbuch für den gregorianischen Kirchenchor des Zisterzienserordens Marienbrunn bei Osnabrück oder das Briçonnet-Stundenbuch, das 1485 in Tours entstand und sich durch besondere Farbenpracht auszeichnet.

ANZEIGE

2017 erschien die Faksimile-Edition des Sobieski-Stundenbuches, das im 17. Jahrhundert
an den Hof des polnischen Königs Johann III. Sobieski gelangte.

(Foto: © Quaternio Verlag)

Ein herausragendes Werk abendländischer Buchmalerei ist das farbenprächtige Sobieski-Stundenbuch. Dieses Gebets- und Andachtsbuch zeichnet sich durch besonders farbenprächtige Miniaturen aus. Es wird dem so genannten Bedford-Meister zugeschrieben, einem spätgotischen französischen Buchmaler unbekannten Namens, der in Paris wirkte und ein Stundenbuch für den Duke of Bedford schuf. Vermutlich jedoch waren mehrere Künstler an seiner Vollendung beteiligt.

Auftraggeberin des Sobieski-Stundenbuches war Margarete von Burgund.
Für das Stifterbild ließ sie sich betend mit burgundischer Haube abbilden.

(Foto: © Quaternio Verlag)

Seine Bezeichnung trägt das Stundenbuch, weil es im 17. Jahrhundert an den Hof des polnischen Königs Johann III. Sobieski gelangte, wo es seinen goldverzierten Samteinband erhielt. Die ursprüngliche Auftraggeberin des Buches war Margarete von Burgund, die sich in einer Miniatur, betend in kostbarem Gewand und mit burgundischer Haube, abbilden ließ.

Blick in das Faksimile des spätromanischen Speyerer Evangelistars, das der Verlag 2012 anfertigte
und dessen Original in der Badischen Landesbibliothek aufbewahrt wird

(Foto: © Quaternio Verlag)

Als Veranstaltungsort der Ausstellung wurde die Badische Landesbibliothek Karlsruhe gewählt, weil in ihr das Speyerer Evangelistar aufbewahrt wird. Dieses prachtvolle Zeugnis spätromanischer Buchkunst darf aus konservatorischen Gründen nicht mehr offen gezeigt werden. Das Faksimile schafft Abhilfe. Denn es vermag von solchen einzigartigen alten Handschriften einen Eindruck zu vermitteln, der dem Original ganz nahekommt.

Die Arbeit des Buchbinders hat sich seit dem Mittelalter nicht verändert.
(Foto: © Quaternio Verlag)

Der Quaternio-Verlag brachte 2012 eine Faksimile-Edition des Speyerer Evangelistars heraus. Die Handschrift wurde vermutlich 1220 vom Kustos des Cyriakusstiftes nördlich von Worms Conrad von Danne beziehungsweise Konrad von Tann in Auftrag gegeben, der es mitnahm, als er in Speyer Bischof wurde. Das Buch enthält 48 Miniaturen, darunter auch eine Darstellung des Heiligen Cyriakus. Der Einband allerdings besteht aus getriebenem vergoldeten Silber und ist mit Halbedelsteinen besetzt.

Die originalgetreue Wiedergabe des aus vergoldetem Silber und Halbedelsteinen bestehenden
Einbandes des Speyerer Evangelistars stellte eine besondere Herausforderung dar.

(Foto: © Quaternio Verlag)

Der Begriff „Faksimile“ kommt aus dem Lateinischen und heißt wörtlich übersetzt: „Mach es ähnlich“. Genau darum geht es beim Faksimile. Es soll eine möglichst originalgetreue Nachbildung erstellt werden, die die Aura des Originals einfängt.

Original und Faksimile: der Einband des Speyerer Evangelistars in einer digitalen Aufnahme
des Originals, das die Badische Landesbibliothek erstellt hat, und eine Abbildung
der Faksimile-Edition des Quaternio Verlages

Die Replik des Einbandes des Speyerer Evangelistars stellte eine Herausforderung dar. Um diesen Einband möglichst originalgetreu nachbilden zu können, kam ein für die Industrie entwickeltes Verfahren zur Digitalisierung dreidimensionaler Objekte zur Anwendung. Mittels einer Spezialkamera wurden Dutzende von Detailaufnahmen erstellt und mittels Computersoftware zu einem Gesamtbild zusammengesetzt. Der von einem 3‑D-Drucker aus Kunstharz erstellte Buchdeckel wurde sodann von einem Graveur nachgestochen. Die Wiedergabe der Schmucksteine aus Kristall, Achat, Glas, Amethyst, Chalzedon, Karneol und Chrysopras erfolgte durch synthetische Steine, während ein Silberschmied ihre Fassungen fertigte.

Zwei Seiten aus der Wiener Genesis, einem Purpurcodex, der in der Österreichischen
Nationalbibliothek in Wien verwahrt wird, in einer digitalen Aufnahme der Bibliothek

Ein Codex, der trotz umfassender Restauration ebenfalls unter Verschluss bleiben muss, ist die Wiener Genesis. Der fragmentarische in Gold- und Silberlettern geschriebene Purpurcodex erhielt seine Bezeichnung von seinem Aufbewahrungsort, der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien. Entstanden ist er vermutlich zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert, womit er als die frühest erhaltene Bibelillustration gilt. Kunsthistorisch ist er auch deshalb bedeutsam, weil seine Illustrationen den Übergang von der Rolle zum Buch dokumentieren. So finden sich in íhm zwei Darstellungsprinzipien nebeneinander: abgeschlossene, rechteckige Bildflächen und Bildstreifen mit einzelnen Szenen, von denen man vermutet, dass sie ursprünglich für eine Rolle konzipiert waren und nachträglich für das Buch zusammengefasst wurden. Auch finden sich neben jenen Illustrationen, die auf Raumwirkung verzichten, naturalistische Tierdarstellungen, die noch auf antike Orientierung hinweisen. Darum ist anzunehmen, dass die Handschrift in Kleinasien, also auf syrischem Gebiet, möglicherweise sogar in Antiochia entstand.

Originaltreue bedeutet auch die Wiedergabe der Fehlstellen, die in der Wiener Genesis
durch die Zersetzung der Silbertinte entstanden sind.

(Foto: © Quaternio Verlag)

An der Edition der Wiener Genesis lässt sich ablesen, was Faksimile anstrebt. Bereits 1664, als die Handschrift über Kaiser Leopold I. in die Wiener Hofbibliothek kam, hatte die Korrosion der Silbertinte Risse und Löcher in die Seiten gefressen. Das Faksimile bildet dies originalgetreu nach. Dasselbe gilt für die altersbedingte Patina. Auch die verwendeten Papiere sollen nicht nur optisch, sondern auch haptisch die Eigenschaften des Originals wiedergeben.

Gunter Tampe, der Leiter des Quaternio Verlages, Bettina Wagner die Direktorin
der Staatsbibliothek Bamberg, und der Gold- und Silberschmied Rolf Wopper stellen die
am 1. April 2019 erschienene Faksimile-Edition des Bamberger Psalters vor.

(Foto: © Andreas Kuschbert)

Ausführliches über die Kunst der Faksimile-Herstellung erzählt Verlagsleiter Gunter Tampe am 18. Januar 2020 in einem der Vorträge, die die Ausstellung in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe begleiten. Am 16. Januar 2020 spricht der Kunsthistoriker Professor Harald Wolter-von dem Knesebeck von der Universität Bonn über „Traditionsbildung und neue Bildformen im Stammheimer Missale“. Von diesem Messbuch edierte der Quaternio Verlag am 1. Dezember 2019 ein Faksimile.

Die größte bewohnte Initiale aus dem Stammheimer Missale, einem Messbuch des 12. Jahrhunderts 
(Foto: © Quaternio Verlag)

Das Stammheimer Missale, das seinen Namen von seinem Aufbewahrungsort auf Schloss Stammheim hat, wurde um 1170 im Benediktinerkloster St. Michael in Hildesheim geschaffen und stellt ein beeindruckendes Zeugnis romanischer Buchmalerei dar. Es zeigt Szenen aus dem Alten und Neuen Testament sowie liturgisch verehrter Heiliger.

Erschien am 1. Dezember 2019: die Faksimile-Edition des Stammheimer Missale
(Foto: © Quaternio Verlag)

Außerdem enthält es sämtliche Gesänge, Gebete und Schriftlesungen, die bei der klösterlichen Messfeier im Laufe des Kirchenjahres Verwendung fanden. Doch war es vermutlich nicht für den liturgischen Gebrauch bestimmt, sondern es sollte an den Gründer des Klosters, den 1022 verstorbenen Bischof Bernward von Hildesheim, erinnern und dessen Heiligsprechung befördern.

Weitere Informationen über die Ausstellung und die sie begleitenden Veranstaltungen:
www.blb-karlsruhe.de

Weitere Informationen über den Quaternio Verlag und seine Editionen und Veranstaltungen:
www.quaternio.ch

Vorheriger ArtikelPilgern mit Prozenten
Nächster ArtikelBayreuths Gedächtnis ist tot
Ruth Renée Reif
Das „flüchtige Ereignis“ in crescendo anzukündigen, ist die Aufgabe von Ruth Renée Reif: Als Erleben-Redakteurin spürt sie mit detektivischem Eifer packende, hören- und sehenswerte Veranstaltungen für uns auf. Ruth Renée Reif studierte in Wien Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und ist seit ihrer Promotion 1987 in München als freie Journalistin und Publizistin tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen eine Biografie über die Sängerin Karan Armstrong, ein historisches Porträt der Stuttgarter Philharmoniker sowie zahlreiche Gespräche mit Musikern, Schriftstellern und Philosophen.

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here