Willkommen in der neuen KlassikWoche,

dieses Mal – leider – mit etwas mehr Corona, aber auch mit Denkanstößen zur Frage, was sich verändert – und zum Thema: Politik und Musik.

FROM RUSSIA WITH COUGH

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Corona auch die Theater erreicht.  Das war absehbar, das ist auch nicht schlimm. Wir müssen nur damit umgehen! Prominentester Fall war diese Woche natürlich Anna Netrebko. Sie erklärte aus einem Hospital in St. Petersburg, dass sie an COVID erkrankt sei und Lungen-Probleme hätte, schaute aber gleichzeitig mit Optimismus in die Zukunft (zum Glück habe sie es nun hinter sich, ihr Mann Jusif Eyvazov habe Antikörper gebildet), und dann schob sie noch ein bisschen Corona-Populismus hinterher (endlich hätten die Gängelung und das Spiel mit der Angst ein Ende).
Und auch an die Wiener Staatsoper ist das Virus vorgedrungen: Nachdem Dutzende Coronavirus-Fälle auf einer Studierendenvorstellung von „Die lustige Witwe“ am Theater an der Gumpendorfer Straße (TAG) entdeckt wurden, waren auch Künstler an der Staatsoper betroffen. Die Strategie von Intendant Bogdan Roščić: Ruhe, Testungen, Transparenz – und die Aufrechterhaltung des Spielbetriebes. In einer Umfrage auf meiner Instagram-Seite erklärten 90 Prozent, dass sie das Handeln der Staatsoper für richtig und verantwortungsvoll hielten. 

PLANUNGEN IN MÜNCHEN UND BERLIN

In München wird juristisch um die Corona-Regeln an Theatern gerungen. Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof wies einen Eilantrag von MünchenMusik gegen die Corona-Regeln ab, aber das Gericht äußerte auch eine „sanfte juristische Skepsis“ gegenüber dem „Sonderbetrieb“ für Gasteig und Staatsoper. Einen erschreckenden Lagebericht von der Veranstalter-Front hat Thilo Eggerbauer in der Süddeutschen aufgeschrieben. In Berlin erklärt Kultursenator Klaus Lederer im Deutschlandfunk, man rechne mit 47 Millionen Euro Verlust, denn öffentliche Betriebe wie Theater, Orchester und Oper können nur zur Hälfte ausgelastet werden. Außerdem startete er das Schwarze-Peter-Spiel: Berlin und Bremen haben eine Bundesratsinitiative initiiert, um auf die schwierige Situation der Künstlerinnen und Künstler, der Freiberufler und Soloselbstständigen im Kultursektor hinzuweisen – eine Situation, die sie aber selber auch nicht in den Griff bekommen haben. Die Lähmung der Kulturpolitik ist ein Trauerspiel! 

Derweil haben die Häuser in der Hauptstadt die Wahl zwischen „Schachbrett“ oder 1,5 Meter Abstand. Frederik Hanssen schreibt im Tagesspiegel: „Die Deutsche Oper wird zum 27. September auf das Schachbrett-Prinzip umstellen. Das ist der Tag, an dem Stefan Herheims „Walküre“-Neuinszenierung Premiere feiert. Die Zahl der nutzbaren Plätze erhöht sich von 450 auf 770. An der Staatsoper ist Intendant Matthias Schulz noch in Besprechungen mit den Abteilungen des Hauses, geplant wird aber auch dort mit dem Schachbrett-Muster. Die Komische Oper dagegen hat sich entschieden, vorerst beim Sitzplan mit 1,5 Meter Abstand und ohne Mund-Nasen-Bedeckung während der Vorstellung zu bleiben. Was sicher auch daran liegt, dass Hausherr Barrie Kosky die gesamte Planung bis Ende des Jahres verworfen und durch ein coronakompatibles Programm ersetzt hat, das jetzt bereits vollständig im Vorverkauf ist.“ 

MUSIK MIT ABSTRICHEN

Die Norddeutsche Philharmonie Rostock spielte schon am 13. September mit Chefdirigent Marcus Bosch und vollem Orchester. Zu verdanken ist dies einem besonderen Projekt: Regelmäßige Rachenabstriche zum Nachweis einer COVID-19-Infektion der MusikerInnen wurden vom Rostocker Biotech-Unternehmen Centogene GmbH mit dem Volkstheater-Intendanten Ralph Reichel und dem Chefdirigenten Marcus Bosch auf den Weg gebracht. Ich war neugierig und habe bei einem Intendanten in Österreich, wo derartige Testungen seit Wochen durchgeführt werden, gefragt, was sie eigentlich kosten. Das Ergebnis ist überschaubar: Mit einer so genannten „Pooltestung“ belaufen sich die Kosten für ein Orchesters auf rund 1.500 Euro pro Testreihe.

WIE ES WEITERGEHEN KÖNNTE

Nichts wird sein, wie es einmal war. Diesen Satz haben wir oft gehört in den letzten Wochen und Monaten. Sicher ist: Corona verändert die Welt und damit auch die Kultur. Das Prinzip ist dabei das Gleiche: Vieles, was bereits krank war, wird jetzt als solches sichtbar. Wir sammeln Erfahrungen, die uns helfen könnten, wenn die öffentlichen Haushalte noch enger geschnürt werden müssen als heute schon.“ Ich habe mir grundlegende Überlegungen zu grundlegenden Veränderungen gemacht und würde mich sehr freuen, wenn wir über das „Wie kann es weitergehen?“ debattieren – hier und an anderen Stellen!

PERSONALIEN DER WOCHE

Letzte Woche haben wir über das Verschwinden der belarusischen Oppositionspolitikerin und Flötenspielerin Maria Kalesnikava berichtet – und über den humanistischen Sinn der Musik geschrieben. Viele Mails haben mich erreicht, die mich auf eine Petition aufmerksam gemacht haben. Sie zu unterschreiben, ist mehr als das Bekenntnis zur Solidarität, es schafft internationale Aufmerksamkeit. Ich hab’s gemacht. – Sie auch? +++ Der Komponist Enjott Schneider hat das Amt als Präsident des Deutschen Komponistenverbandes aus gesundheitlichen Gründen zurückgegeben. Dafür rückte Moritz Eggert in den Bundesvorstand nach – die präsidialen Aufgaben übernimmt interimsmäßig Vizepräsident Ralf Weigand. +++ Christian Thielemann wird Honorarprofessor an der Dresdner Hochschule für Musik. Die Meisterkurse sollen allerdings nicht nur auf das Dirigieren beschränkt werden, teilte die Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden mit. „Die Studierenden werden auch in den Fachbereichen Kammermusik, Oper und Lied von seiner exzellenten Kompetenz profitieren und ihn darüber hinaus bei Proben mit der Sächsischen Staatskapelle in Aktion erleben können“, erklärte Rektor Axel Köhler. +++ Die Sängerin, Regisseurin und Lehrerin Annette Jahns ist nach schwerer Krankheit im Alter von 62 Jahren verstorben. Die warme und sinnliche, dabei aber immer auch charaktervolle, stets die Grenzen gesanglicher Möglichkeiten ausreizende Tiefe des Klangs war ihre Spezialität als Altistin, heißt es in einem Nachruf von Boris Gruhl. +++ Etwas Großes und Kluges habe ich auf den Seiten des John Kennedy Centers for the Performing Arts gesehen: Die in dieser Woche verstorbene US-Richterin Ruth Bader Ginsburg über die Rolle der Musik in ihrem Leben.

MUSIK UND POLITIK

Instagram

Mit dem Laden des Beitrags akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von Instagram.
Mehr erfahren

Beitrag laden

Und dann habe ich mich per Instagram-Live noch mit dem Pianisten Alexander Krichel unterhalten. Der sitzt gerade 14 Tage lang in einem Hotelzimmer in Hongkong in Quarantäne und reflektiert in täglichen Posts das Leben und die Musik. Was mich aufmerksam gemacht hat: Sein Nachsinnen über die politische Rolle des Künstlers. Muss man zu jeder Weltsituation eine Meinung öffentlich formulieren – oder untergräbt das die Entfaltungsmöglichkeiten der Musik. Spannende Gedanken, und – wie ich finde – ein dringend neuer Blick auf eine Musikkultur, die seit einiger Zeit Meinung mit Haltung verwechselt.

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr 

Axel Brüggemann

brueggemann@crescendo.de

Vorheriger ArtikelMit klingendem Geschirr
Nächster ArtikelSchwedische Sopranistin gewinnt Wettbewerb „Debut“
Axel Brüggemann
Axel Brüggemann glaubt, dass Musik das Leben verändern kann. Darüber hat er zunächst bei der WELT am SONNTAG geschrieben, bei der er auch Textchef war. Später schrieb er für die FAS und die Jüdische Allgemeine. Heute ist der ehemalige crescendo-Chefredakteur hauptsächlich fürs Fernsehen tätig: für arte, ZDF und SKY. Für seine Bayreuth-Moderationen wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Brüggemanns Dokumentarfilme suchen stets nach dem Zusammenhang von Musik und Mensch.

Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here