KlassikWoche 6/2021

Fragen an Putin und Zoff an der MET

von Axel Brüggemann

8. Februar 2021

Angela Gheorghiu und ihre Solidarität mit dem Orchester der Met, der Einsatz von Anne-Sophie Mitter für Künstler, die Salzburger Osterfestspiele

Will­kommen in der neuen Klas­sik­Woche,

heute mit einer nicht ganz unge­fähr­li­chen Reise nach Russ­land, mit einer Sopran-Battle und aller­hand Neuig­keiten zur Corona-Lage.

CLASH OF SOPRANOS

Angela Gheorghiu gibt am 21. Februar 2021 ein Konzert für die Orchestermusiker der Metropolitan Opera.

Es wäre lustig, wenn es nicht so traurig wäre. Nachdem gestern im Namen von MET-Inten­dant Peter Gelb aus der Wiener Hofreit­schule ein Pay-Per-View-Konzert für die MET in gegeben hat, haben die Musiker des Opern­or­chersters kurzer­hand ein Gegen­kon­zert mit am 21. Februar ins Leben gerufen. Damit protes­tieren sie gegen den Inten­danten und machen klar: Wir haben eine eigene Stimme und sammeln für uns selber, nicht für die Insti­tu­tion der MET.

Zuvor lehnte das Orchester bereits eine Annä­he­rung Gelbs ab, der als Gegen­leis­tung für ein Über­brü­ckungs­geld mehr Entge­gen­kommen von der Gewerk­schaft verlangte: „Für mich ist der Satz der ‚MET-Familie‘ nicht nur ein leeres Wort“, erklärte Gheor­ghiu. „Eine große Opern­auf­füh­rung besteht nicht nur aus großen Sängern, sondern auch aus einem groß­ar­tigen Orchester, einem tollen Chor und vielen anderen wich­tigen Menschen, die jeden Tag für diese Produk­tionen arbeiten.

RUSS­LANDS BLUTIGER SOUND­TRACK 

Wladimir Putin und Valery Gergiev

Es ist der Alptraum jeder Mutter: die Kinder, auf der Straße verhaftet und inhaf­tiert. Sie beteuern ihre Unschuld und sitzen dennoch im Knast. So ergeht es derzeit dem Pianisten Boris Bere­sowski und seiner Frau, der Geigerin Ellina Pak: Ihre Tochter wurde im Rahmen der Nawalny-Proteste von der Straße gefischt. Der Vorwurf: Teil­nahme an einer uner­laubten Demons­tra­tion gegen Vladimir Putin. Die Tochter beteuert, dass Sie nur zufällig draußen war. Ellina Pak postet einen Hilferuf bei Face­book: „Ich fühle mich wie zu Stalins Zeiten. Die Recht­lo­sig­keit ist voll­kommen! Sie nehmen die unschul­digsten Menschen und bezich­tigen sie der Schuld!“ 

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Gleich­zeitig teilte die Moskauer Stadt­ver­wal­tung mit, sie werde den Vertrag mit Regis­seur Kirill Serebren­nikow als künst­le­ri­scher Leiter des „Gogol Centers“ nicht verlän­gern. Wir erin­nern uns: Serebren­nikow (im Westen ein gefei­erter Regis­seur) wurde vor fast einem Jahr zu drei Jahren Gefängnis verur­teilt, angeb­lich wegen Steu­er­be­trugs, immer wieder beteu­erte er seine Unschuld. Seither ist es still um ihn geworden. „Kirill hat diese Gerichte so satt“, sagte sein Anwalt Dmitri Chari­tonow, „nachdem er zu Unrecht verur­teilt worden ist, verfiel er in Depres­sionen.“ Eine perfide Art, den poli­ti­schen Gegner zu zermürben.

Und sonst so? Ach ja: diri­giert munter weiter – unter anderem als Chef­di­ri­gent der . Genau, der Gergiev, der Homo­se­xu­elle gefähr­lich, die Anne­xion der Krim voll­kommen okay, den Russ­land-Kurs in Syrien in Ordnung und Vladimir Putin einen super Typen findet. Und der Inten­dant der Münchner Phil­har­mo­niker, Paul Müller, fährt seit Jahren die gleiche Abtauch-Tour: Klar, er tausche sich regel­mäßig mit Gergiev über viele Themen aus, es gehöre aber nicht zu seinen Aufgaben, „Posi­tionen unseres Chef­di­ri­genten zu poli­ti­schen Themen zu kommu­ni­zieren“. Ja, genau, man meint, nicht richtig zu hören: Die euro­päi­schen Regie­rungen planen Embargos, schauen mit Argus­augen auf die aktu­ellen Entwick­lungen in Russ­land nach dem Urteil gegen Alexei Navalny – und ausge­rechnet die Kultur, die sich so gern das Huma­nis­ti­sche und Hehre auf die Fahnen schreibt, die in diesen Tagen immer wieder ihre Rele­vanz beteuert, schließt Augen und Ohren. Es gibt Momente, da reicht es einfach nicht, Beet­hoven zu spielen.

CORONA-TICKER

Die Jahres­pres­se­kon­fe­renz der Deut­schen Orches­ter­ver­ei­ni­gung war ernüch­ternd: 85 Prozent der fest ange­stellten Musi­ke­rinnen und Musiker befinden sich aktuell in coro­nabe­dingter Kurz­ar­beit. Ledig­lich die 11 Rund­funk-Ensem­bles arbeiten weiter und reali­sieren ihre Projekte nun ausschließ­lich für Radio­über­tra­gungen. +++ regt sich in der Stutt­garter Zeitung noch einmal über die aktu­elle Corona-Politik auf und kämpft für Künst­le­rinnen und Künstler: „Es wird ein großes Sterben von privaten Veran­stal­tern geben, Subven­tionen werden schmerz­haft gekürzt werden“, sagte sie. „Wenn ein Künstler Taxi fahren muss, um zu über­leben, dann kann er nicht mehr trai­nieren und hängt seinen Beruf an den Nagel.“ Der Politik warf Mutter vor: „Man hat nicht diffe­ren­ziert genug darüber nach­ge­dacht, ob man etwas nicht auf Spar­flamme hätte weiter­laufen lassen können.

Ange­sichts geschlos­sener Konzert­säle und geöff­neter Kirchen kriti­sierte die Violi­nistin: „Warum das Grund­recht der freien Reli­gi­ons­aus­übung über das Grund­recht der freien Berufs­aus­übung bei Musi­kern gestellt wurde, leuchtet mir immer noch nicht ein.“ +++ In ein ähnli­ches Horn stößt die Oboistin Birgit Schmieder, die in einem hörens­werten Feature des Deutsch­land­funks sagte: „Wenn wir noch lange im Lock­down bleiben müssen, dann wird es bald ein ernst­haftes Nach­wuchs­pro­blem im klas­si­schen Musik­be­trieb geben: Wie wird es weiter­gehen in der freien Szene? Selbst wenn es mal wieder zu Konzerten kommen wird. Gibt es dann noch Musiker, die auch spielen wollen? Ich merke diese Moti­va­ti­ons­de­fi­zite bei Studie­renden, die eben auch nicht mehr ganz so sehen: Warum mach‘ ich das? Gibt es für mich eine Perspek­tive? Ich merke es aber selbst bei Musik­schü­lern, die sehr leiden, dass es keine Orchester mehr gibt, dass sie sich nicht treffen können und dass Vorspiele nur online statt­finden.“ +++ Der BR hat die neue Welle der Wut zusam­men­ge­fasst und berichtet auch über die geplanten Maßnahmen für den Kultur­be­trieb.

UNSERE RING­KÄMPFER

Kai-Uwe Laufenberg, Intendant des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden

Neues gibt es von Wies­ba­dens Inten­dant Kai-Uwe Laufen­berg (jahaaaa!!!) – der will SEINEN „Ring“ auf Biegen und Brechen durch­drü­cken. Und zwar so schnell wie möglich. Die „Corona-Hand­rei­chung“ des Minis­te­riums, die Mindest­ab­stände und andere Regeln vorgibt, sei für ihn „absurd“, erklärte Laufen­berg im Hessi­schen Rund­funk. Nun wendet sich auch das Orchester gegen die Bedin­gungs­lo­sig­keit des Inten­danten. Während Angela Merkel um Home­of­fice bittet, sei es „absurd“, 80 Leute in einem kleinen Graben spielen zu lassen. Auch GMD geht öffent­lich auf auf Distanz zu Laufen­berg: „Unser Graben ist sehr klein“, wird er im „Wies­ba­dener Kurier“ (Print-Ausgabe) zitiert, man wolle spielen, derzeit aber gern auch etwas klei­nere Stücke mit „krea­tiven Alter­na­tiven“. Auf Anfrage erklärte er mir, dass er persön­lich und das Orchester sich sehr wohl über den „Ring“ freuen würden, die Zeit für dieses Werk aber eher „subop­timal“ sein könnte.

Wie schafft man es, sich von Corona nicht unter­kriegen zu lassen?
Arnt Cobbers fragt nach.

In hat man das längst begriffen und den „Ring“ verschoben. Aber die Franken-Metro­pole liegt ja auch nicht am Rhein(gold) wie . Apropos: Neulich lief mir der gut gelaunte Bayreu­ther Fest­spiel-Geschäfts­führer Holger von Berg vor dem Fest­spiel­haus in die Arme, nach einem beid­seitig etwas über­raschten „Hallo“ mit Anlauf­schwie­rig­keiten waren wir dann doch schnell auf Betriebs­tem­pe­ratur. Von Berg bekrit­telte dieses und jenes an meinem News­letter und bat mich, doch direkt bei ihm anzu­klin­geln, und ich fragte ihn, ob er denn nun nach Wies­baden wech­seln würde. „Kein Kommentar“, sagte von Berg, schmun­zelte und erklärte, dass ich doch wisse: Über Verträge rede man nur, wenn sie geschlossen seien.

PERSO­NA­LIEN DER WOCHE

Nikolaus Bachler, damals noch Schauspieler, als Samiel während der Proben für den „Freischütz“ von 1990. Es war sein Münchner Staatsopern-Debüt. (Foto: © Anne Kirchbach)

hat erst­mals erklärt, wie er seine Aktion zur „Walküre“ in Bayreuth versteht: „Ich habe viel mit Rot gemalt. Aber gerade bei der ‚Walküre‘ möchte ich das ganze Farb­spek­trum einsetzen, alle Regen­bo­gen­farben“, sagte er im Inter­view des Nord­baye­ri­schen Kuriers. „Es ist nicht so, dass ich eine Insze­nie­rung aufbaue, die der ‚Walküre‘ entspricht, sondern eine Malak­tion durch­führe, die wohl indi­rekt mit der farben­präch­tigen, breit ausla­denden Musik von zu tun hat.“ +++ Niko­laus Bachler hat das geän­derte Programm der Salz­burger Oster­fest­spiele bekannt­ge­geben, die Dauer wurde von zehn auf vier Tage am Oster­wo­chen­ende redu­ziert. Zum vorletzten Mal stehen und die im künst­le­ri­schen Mittel­punkt. Bachler erklärte „Wir standen vor einigen Schwie­rig­keiten wie Proben­mög­lich­keiten oder Einrei­se­be­stim­mungen. Es freut mich ganz beson­ders, dass wir nun doch einen Weg gefunden haben, ein teil­weise neues Festi­val­pro­gramm zu erar­beiten, von dem wir zuver­sicht­lich sind, dass es zur Auffüh­rung kommen kann.“ (In diesem Zusam­men­hang lesens­wert: das Inter­view mit Bachler über den Skandal-Frei­schütz von 1990 kurz vor einer neuen Insze­nie­rung der Oper in ) +++ Letzte Woche hatten wir über das Hick­hack der Opern­re­no­vie­rung in gespro­chen. Nun schiebt die SPD der Stadt dem Projekt einen Riegel vor. Sie will die erneute Kosten­stei­ge­rung bei der Sanie­rung der Oper nicht mehr mittragen. Frak­ti­ons­chef Chris­tian Joisten zwei­felt die aktu­ellen Sanie­rungs­pla­nungen, die Bernd Streit­berger, der tech­ni­sche Betriebs­leiter der Bühnen, in der vergan­genen Woche vorge­stellt hatte, grund­le­gend an. „Wir brau­chen eine seriöse Aufstel­lung, ob eine Voll­endung der Sanie­rung möglich ist, was sie kostet und was alter­na­tive Szena­rien bedeuten“, sagte Joisten dem Kölner Stadt-Anzeiger. +++ Die legen­däre Universal Edition bringt mit „scodo“ ein Publi­shing-Tool für Komponist*innen auf den Markt, mit dem Noten publi­ziert und welt­weit zum Down­load ange­boten werden.

IN EIGENEN GEDANKEN

Gleich zwei Mal wurde ich diese Woche gebeten, mir Gedanken über die Zukunft des Musik­jour­na­lismus zu machen. Sehr am Herzen liegt mir dabei das Gespräch mit Chris­toph Vratz im Deutsch­land­funk, in dem ich versuche, eine Perspek­tive für die Zukunft zu entwi­ckeln. Meine These: Musik­jour­na­lismus hat erst einmal auch die Krite­rien des Jour­na­lismus zu befolgen – und tut das leider viel zu selten (sehr hörens­wert auch das Gespräch über das gleiche Thema mit dem Musik-Jour­na­listen Alex Ross). Außerdem habe ich das Thema mit Chris­tine Lemke-Matwey, Hans-Jürgen Mende und Holger Noltze eine Stunde lang bei SWR2 debat­tiert. Aber hören Sie selber. 

Ach ja, und dann war da noch das: Auf meinem Face­book-Profil hatte ich vor einigen Wochen gefragt: „Kann mir jemand erklären, warum der ORF-Zahler mit seinem Beitrag andau­ernd Produk­tionen mitfi­nan­ziert, für die er dann beim UNITEL-Streamer ‚Fidelio‘ noch Mal extra zahlen soll?“ Es gab aller­hand Reak­tionen und viele Nach­fragen. Diese Woche habe ich den ORF ange­schrieben, wollte mehr über die Betei­li­gung wissen und wurde erst einmal drei Tage lang im Kreis herum­ge­führt. Der ORF: „Für welches Medium fragen Sie an?“ Ich: „Macht das einen Unter­schied bei Ihrer Antwort?“ Der ORF: „Für welches Medium wollen Sie das wissen?“ … und so weiter … Inzwi­schen kamen Antworten. Mehr darüber ein anderes Mal – work in progress.

Und wo bleibt das Gute? Hier! Das Rund­funk hat einen wunder­vollen Karneval der Tiere mit Marie Jacqout heraus­ge­bracht, die gerade auch bei unseren Wohn­zim­mer­kon­zerten mit den Wiener Sympho­ni­kern zu Gast war. Unbe­dingt sehens­wert! 

Bis dahin: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr 

[email protected]​crescendo.​de